Der Maler Christian Goll

Licht fällt durch hohe Fenster und berührt die Bilder von Christian Goll. Wer eintritt, begegnet Motiven zwischen Erde, Schwelle und Geist.


Das Haus Pyle, in unmittelbarer Nähe des Goetheanum, noch im Park zwischen hohen Bäumen gelegen, war von 1979 bis zu seinem Tod im Jahr 2025 das Zuhause des Malers Christian Goll. Hier lebte und arbeitete er in einer Lebens- und Schaffensgemeinschaft mit seiner Frau Barbara Goll. Ein hohes Dachatelier mit großen Fenstern gibt den Blick über die Bäume nach Westen frei, über den Ort Dornach bis hin zu den Hügelketten Frankreichs und Deutschlands. Man kann sich hier etwas der Welt enthoben fühlen. Und in der Tat ist das malerische Lebenswerk in diesem Wohnatelier über fünf Jahrzehnte in großer Zurückgezogenheit still entstanden. Lediglich zwei Ausstellungen im Herbst 2025 und im Mai 2026, die von seiner Tochter Felina Goll, unterstützt durch die Trigon-Stiftung in Dornach, in seinem Atelier im Haus Pyle organisiert wurden, konnten Interessierten Einblicke in sein Schaffen gewähren. Sein Werk umfasst mehr als 500 meist großformatige Ölgemälde. Christian Erdmut Goll wurde am 5. September 1939 in Berlin geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Stuttgart. Sein Vater Felix Goll, selbst Maler, war dort an der Waldorfschule als Lehrer tätig. Ab 1960 studierte Christian Goll Malerei an der Akademie der Künste in Berlin.

Heilsame Bilder

Ein noch unbearbeiteter Stapel von Aufzeichnungen und Briefen, persönlich adressiert an vertraute Menschen, gibt mir Einblicke in seine künstlerischen Anliegen. Goll schreibt über Farben, die er mit dem Dargestellten auf stimmige Weise verbunden wissen will. Und über seine Motive, von denen ein zentrales die Christusgestalt ist. In einer der Niederschriften formuliert er den Gedanken, dass der Anblick eines von ihm gemalten Christus heilsam wirken solle auf die Betrachtenden. In den sprachlich ungewöhnlich formulierten Gedankengängen verknüpft er Inhalte der Anthroposophie und Aussagen Rudolf Steiners zum Zeitgeschehen mit seinem malerischen Anliegen und dies wiederum direkt mit den Farben. Man ahnt, dass er ganz in diesem ‹Kosmos› aufging und dass die meisten seiner Bilder nur so und fernab aller Betriebsamkeit der Außenwelt entstehen konnten. Neben Landschaftsthemen und einem Mysteriendramen-Zyklus von etwa 90 Bildern sind Madonnen- und Michaeldarstellungen zu sehen sowie Bilder zum Goetheanumbau.

Christian Goll, ‹Erstes Goetheanum›

Einen zentralen Platz nehmen Schwellenbegegnungen mit Luzifer und Ahriman und Stationen des Christuslebens ein. Großflächig und lichthaft in ihrer Wirkung ist die Ölfarbe je nach Motiv teils hell lasiert, teils verdichtet auf grundierten Holzplatten aufgetragen, deren größere bis zu zwei Meter hoch sind. So zeigt ein Bild der ganz späten Schaffenszeit ein ‹Gespräch› zwischen Christus und Ahriman. Die aufrechte Christusgestalt auf der rechten Bildseite ist in einem durchlichteten Inkarnat bis Braun gemalt. Mit gebeugtem linken Arm, weist die Hand auf den Herzbereich; die Finger der rechten Hand zeigen frei nach unten. Sie schaut zu Ahriman hin. Die Gestalt Ahrimans neigt sich ausweichend mit geschlossenen Augen nach hinten in ein verdichtetes Schwarz und zeigt gebieterisch und gleichzeitig kraftlos mit gestrecktem rechtem Zeigefinger nach unten. Ein lichtes, eher wolkig gemaltes Hell-Dunkel scheint sich von der Ahrimangestalt ausgehend in den oberen Bereich ausdehnen zu wollen in Richtung der Christusgestalt. Die Aura des Christus ist im Kopfbereich offen und dehnt sich in den Bereich Ahrimans hinein; dessen Schwarzumgebung wird dadurch etwas aufgehellt. Durch einen scharfen schwarzen Strich werden die beiden Sphären im mittleren und unteren Bereich jedoch getrennt. Subtil weist Goll so durch die Malmittel auf das innere Kräfteverhältnis zwischen beiden Gestalten hin.

Merkmale fast aller gezeigten Bilder sind die starke Expressivität der Linienführung und die Stilisierung der Gestalten bei gleichzeitig aufgetragenen durchlichteten Farbflächen, die sich bis ins Dunkel verdichten können. Hier ist ein früher Einfluss seines Lehrers Karl Schmidt-Rottluff zu spüren, dessen Meisterschüler er war. Allein die subtil unterschiedlich dargestellten Physiognomien Ahrimans in vielen thematisch verwandten Bildern verdienen Beachtung: Mal zeigen diese einen verzweifelt ängstlichen, mal einen spöttisch verachtenden, einen wider Willen hören müssenden, missmutigen, skeptischen, abweisenden, mal einen traurig schuldbeladenen Ausdruck. Eigene Unzulänglichkeiten werden wachgerufen beim Betrachten.

Christian Goll, ‹Gespräch mit Ahriman›

Während diese ‹Schwellenbilder› mich innerlich in ihrer ernsten Art herausfordern, wirkt die Betrachtung eines Landschaftsbildes beruhigend und entspannend. Ein weißer Mond in hellgelbem Himmel, dunkle Tannen, leicht verwischt gemalt, atmen so in den hellen Himmel wie in ihre eigenen Schatten, davor eine hellgrüne Wiese, die einzelnen Grashalme von weißem Licht umgeben. Eine ruhige, zauberhafte Stille scheint Sommer und Winter zu vereinen.

Christian Goll wünschte zu Lebzeiten, dass sein Werk zusammenbleiben sollte. Hier stellt sich die Frage nach der Weiterführung eines malerischen Werkes, das sich auf einzigartige Weise Schwellenerlebnissen widmet – jenen Erfahrungen also, wie Rudolf Steiner sie vor allem in seinen Mysteriendramen und Klassenstunden dargestellt hat. Einige Bilder zeigen Steiner auch im Konterfei, unter anderem im Gespräch mit Ahriman. Die Bilder sind zum einen interessant als eine künstlerische Annäherung an Themen der Anthroposophie. Andererseits zeigen sie in den unterschiedlichsten Ausgestaltungen eines Themas das Ringen eines an diese Themen hingegebenen Menschen. Dem Lebenswerk des Malers Christian Goll wäre eine Ausstellung in dafür geeigneten großzügigen Räumen zu wünschen.


Atelierausstellung
Eine letztmalige Atelierausstellung mit begrenzter Bilderauswahl findet vom 4. September (Vernissage um 16:30 Uhr) bis zum 13. September 2026 statt, geöffnet täglich von 15 bis 19 Uhr. (Haus Pyle, Rüttiweg 61, 4143 Dornach)

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