Die Große Konjunktion: Ein Ruf des kosmischen Ich

Es gibt nichts, was ich mit größerer Genauigkeit zu erforschen und so sehr zu wissen verlangte als dies: Kann ich wohl Gott, den ich bei der Betrachtung des Weltalls geradezu mit Händen greife, auch in mir selbst finden? Johannes Kepler1


Welch ein Gegensatz: Mit Pandemie, Klimawandel und Erosion demokratischer Kultur lässt sich kaum sagen, wie die nächsten Monate sein werden. Und oben am Himmel vollzieht sich das Schauspiel von Jupiter und Saturn, wie vor zehn, ja hundert Jahren vorausgerechnet. Als vor 20 Jahren, im Mai 2000, Jupiter und Saturn zuletzt in Konjunktion standen, war dies wegen der nahen Sonne nicht beobachtbar. Dann wusste ich: In 20 Jahren, da kannst du am westlichen Abendhimmel die Konjunktion verfolgen. Doch nur auf den ersten Blick steht die himmlische Ordnung im Gegensatz zum irdischen Treiben, denn beide Ereignisse beleuchten sich, erklären sich gegenseitig. 30 Jahre beschäftige ich mich mit dem Lauf der Planeten und der Frage, wo und wie diese Lichtwelt, diese «Aktion des Kosmos», wie Novalis es in seinen Fragmenten nennt, sich über das Auge hinaus in der irdischen Welt spiegelt. Die Antwort liegt im Lauf der Planeten selbst, wenn man das Näher und Weiter, Heller und Dunkler beobachtet, dem Lichtklang von Planet und Tierkreisbild folgt. Und sie liegt in dem, was auf der Erde geschieht. Gespräche mit Sterninteressierten – zuletzt mit Dorian Schmidt – haben mich in der Einschätzung bestärkt, dass man den Gehalt einer Konstellation nicht weit voraussagen kann. So wie manches auf Erden, um es zu beurteilen, räumliche Nähe braucht, so gilt dem Himmel gegenüber zeitliche Nähe. Erst wenn sich herausstellt, in welche soziale Wirklichkeit eine Himmelskonstellation fällt, auf welche Fragen und Bewegungen sie trifft, beginnt die besondere Stellung der Planeten zu sprechen.

Illustration: Adrien Jutard

Wer viel über diese Frage des Unten und Oben nachgedacht hat, wer neu versucht hat, das ägyptische «Wie unten, so oben» zu buchstabieren, ist der Astronom und Astrologe Johannes Kepler. Er war beides, Sterndenker und Sterndeuter und konnte mit kühlem und warmem Blick zugleich auf den Lauf der Planeten schauen, konnte die Gesetze der Umlaufzeiten entdecken und zugleich treffsicher Horoskope erstellen, wie dasjenige für den späteren Feldherrn Wallenstein, als dieser noch ein unbekannter Diener am Hof in Wien war. Kepler lehnte dennoch das meiste des damaligen astrologischen Wissens und Glaubens ab, allerdings nicht die Stellung der Planeten, ihre Winkel, «wie sich die Planeten untereinander anblicken». Kepler glaubte an die Wirkung auf die «sublunarische Natur, auf die Gesamtheit aller Wesen unterhalb des Mondes, «wan die liechtstralen zwyer Planten hier auf Erden einen gefüegen Winkel machen.» Die gefügen Winkel sind die harmonischen Proportionen, Konjunktion, Quadratur, Opposition. Dabei werde die Wirkung nicht von den Planeten und deren Lichtstrahlen verursacht, sondern dadurch, dass die beseelte sublunarische Natur durch ihren ihr eingeborenen geometrischen Instinkt dieser harmonischen Verhältnisse innewird und dadurch eine Erregung erfährt, sodass die Wesen das, wozu sie geschaffen sind, so Kepler, mit größerem Eifer und Tätigkeitsdrang verrichten würden.2 Es gebe also eine innere Musikalität, die durch die Planetenstellungen angeregt werde.

In seiner Weltharmonik malt er es aus: «Was dem Ochsen der Stecken, dem Ross die Sporen oder die Dressur, dem Soldaten Trommel und Trompete, den Zuhörern eine zündende Rede, dem Bauernhaufen der Takt der Flöte, das ist allen, zumal wenn sie beieinander sind, die himmlische Konfiguration geeigneter Planeten. Der Einzelne wird in seinem Tun und Denken angetrieben, die Gesamtheit wird williger, zusammenzugehen und sich die Hand zu reichen.»3 Eine Konjunktion, wie jetzt von Jupiter und Saturn, wirkt nicht und zwingt noch weniger, sondern ist vielmehr ein Aufruf, eine, wie Georg Glöckler, der ehemalige Leiter der Mathematisch-Astronomischen Sektion es formulierte, Erwartung. So wie man persönlich zu den höchsten Leistungen fähig ist, wenn jemand es erwartet, einen Erwartungsraum öffnet, so scheinen diese Planetenstellungen ebenfalls zu impulsieren, indem sich geometrisch, himmlisch durch sie eine Erwartung manifestiert. Um diese stille und doch deutliche Erwartung zu verstehen, lohnt es sich, zu beobachten, wie aus Jupiter und Saturn zur Weihnachtszeit ein Doppelgestirn wird.

Was am Himmel geschieht

Enger und enger rücken die beiden Lichter am Abendhimmel aufeinander zu, das weiße helle Licht von Jupiter und der milde gelbliche Schein von Saturn. Die Konjunktion von Jupiter und Saturn gilt mit Recht als die ‹Große› Konjunktion. Keine andere Begegnung der sichtbaren Planeten bestimmt für mehrere Jahre den Nachthimmel. Es ist die mächtigste Begegnung im Sonnensystem. Durchschnittlich alle 19,86 Jahre vereinen sich diese Wandler zu einem Doppelgestirn, sodass sie alle zehn Jahre zusammen und dann sich gegenüber stehen – ein Zehnjahrespuls im Sonnensystem. Je enger die Planeten nun zusammenrücken, desto deutlicher zeigen sie ihre Eigenart. Da ist es nicht anders als bei menschlichen ‹Konjunktionen›. So erinnere ich mich, dass in meiner Schulzeit einmal der Klassenlehrer und meine Mutter gemeinsam auf mich zukamen. Da erlebte ich die Strenge des Lehrers und die Güte meiner Mutter stärker denn je. In der Konjunktion ist mit gutem Grund die wichtigste Stellung der Planeten, weil sie hierbei zusammenklingen und dabei umso mehr ihre Identität ausspielen. Da wirkt das milde gelbliche Licht von Saturn jetzt noch innerlicher, noch schemenhafter und Jupiters majestätischer Glanz gewinnt noch mehr Dominanz. Welch ein Gegensatz oder auch welch ein Zusammenspiel:

Drei aufeinanderfolgende Konjunktionen erzeugen im Tierkreis ein regelmäßiges Trigon, wobei die vierte Konjunktion durschschnittlich acht Grad voranschreitet. Dadurch ergibt sich ein dritter großer Atem, denn nach etwa 900 Jahren hat sich das Trigon um 120 Grad gedreht, sodass die Trigonspitzen wieder aufeinanderfallen. Jetzt treffen sich Jupiter und Saturn im Übergang von Steinbock und Schütze. Das war das letzte Mal im Jahr 1107 der Fall. Wie auf einem Musikinstrument, wo es neben dem gespielten Ton Obertöne gibt, so gehören die 60 Jahre und die 900 bzw. 800 Jahre, wenn man die Verschiebung des Frühlingspunktes einbezieht, als Oberton zum 20-jährigen Rhythmus von Jupiter und Saturn hinzu.

Jupiter: Planet der Sphäre und der Erkenntnis

Er ist der größe Planet im Sonnensystem, doppelt so massig wie alle anderen Planeten zusammen. Zurecht trägt er mit ‹Marduk› bei den Babyloniern, dann ‹Zeus› in Griechenland und lateinisch ‹Jupiter› den Namen des Göttervaters. Jupiter ordnet das Planetensystem. Dringt ein Komet ein, bestimmt Jupiter dessen Bahn. Zwölfmal so groß wie die Erde, zwölfmal so langsam und zwölf Windsysteme fegen über den Planeten. Es ist diese Zahl, die von den zwölf Rippen und Monaten über die zwölf Töne, Stunden, Ritter und Stämme Israels immer das Ganze fasst. Tatsächlich geht Jupiter aufs Ganze. Er hat, so rechnen Planetologen, die maximale Größe eines Planeten. Würde noch mehr Masse auf ihn einstürzen, er würde schwerer, aber nicht größer. Als Planet des Erkennens und Urteilens gilt er in der Antike und tatsächlich ist es das Denken, das über die Idee das Ganze zu fassen vermag. Biografisch geschieht dies etwa mit zwölf Jahren, wenn die Abstraktionsfähigkeit im Denken erwacht. So wie man nach einem Sonnenumlauf, also einem Jahr, physisch stehen kann und sprichwörtlich selbständig ist, so können wir durch das freie Urteilsvermögen, das sich mit zwölf Lebensjahren befreit, mit einem Jupiterumlauf frei stehen. Jupiter ordnet nicht nur das Planetensystem und den Asteroidengürtel, sondern auch seinen Hofstaat von Monden. In vier mal vier Kreisbahnen ziehen die hellsten 16 Monde um Jupiter. Er ist der einzige Planet, der durch seine Gravitationskraft und -macht andere Himmelskörper auf seiner Bahn dulden kann. Es sind die sogenannten Trojaner, kleine Himmelskörper, die mit Jupiter den Orbit teilen, die ihm vorauseilen und hinterherjagen und damit den Orbit von Jupiter zu einer gesamten stofflichen Bahn steigern. Eine solche Sphäre bildet Jupiter auch mit dem Mond Io. Dieser Mond ist Jupiter so nahe, dass Jupiters Schwerkraft den Mond so durchwalkt und knetet, dass sich Vulkane auf dem Mond bilden und Gestein und Gase in den Kosmos schleudern. Mit Jupiters starkem Magnetfeld wandert diese Materie auf den Feldlinien auf den Planeten zu und bildet damit energiereiche Sphären um den Planeten. Hinzu kommt ein Hofstaat an Monden und Kleinmonden, insgesamt 69 Trabanten umkreisen den Planeten.

Ein menschliches Antlitz am Himmel

Die Annäherung von Jupiter auf Saturn gipfelt am 21. Dezember in der engen Konjunktion. Nur sechs Winkelminuten, das entspricht einem Fünftel des Vollmonddurchmessers, trennen die beiden Wandler voneinander. Es wird also fast ein Zusammenschmelzen der beiden Planeten sein. Das letzte Mal, dass Jupiter und Saturn so eng beisammenstanden, war im Jahr 1623 im Krebs. Johannes Kepler verfolgte diese Konjunktion. Als im Sommer 2000 die Sonne die beiden Planeten Jupiter und Saturn entließ, war es möglich, die beiden Wandler zusammen im Stier zu sehen. Es war ein Doppelgestirn, das mir sehr bekannt vorkam: vom menschlichen Antlitz! Links stand Jupiter mit seinem aktiven herausstrahlenden Glanz und neben ihm Saturn in seinem milden Glimmen.

Gerade wenn Jupiter und Saturn eng beisammenstehen, sieht man es umso deutlicher: Jupiter strahlt hinaus und Saturn strahlt hinein. Jupiters Licht ist extrovertiert und Saturns Licht introvertiert. Das Nebeneinander dieser Gegensätze so zu sehen, ist eine tägliche Erfahrung, nicht am Himmel, sondern im menschlichen Antlitz, im menschlichen Augenlicht. Anders als die Säugetiere, deren linke und rechte Gesichtshälfte sich nicht unterscheiden – die Tiere besitzen ein symmetrisches Antlitz –, gibt es beim Menschen große Unterschiede. Es sind Unterschiede, die sich erst mit der Pubertät zeigen, wenn die Persönlichkeit sich befreit, wenn sie sich dabei in die Physiognomie der Gesichtszüge einschreibt. Da gewinnt die rechte (vom Betrachtenden aus linke) Gesichtshälfte einen wachen und prüfenden Blick, während die linke (vom Betrachtenden aus rechte) Gesichtshälfte milde und empfänglich scheint. Es lohnt sich, hierzu Säugetier und Mensch zu vergleichen, denn es hilft, den Gegensatz von Jupiter und Saturn besser zu verstehen. Es gibt im tierischen Antlitz keine Lateralität, der seelische Ausdruck ist unberührt von der Links-rechts-Achse. Wie anders ist es beim menschlichen Antlitz! Da ist ein enormer Unterschied von linker und rechter Gesichtshälfte. Bis zur Pubertät herrscht Symmetrie, doch wenn sich die Persönlichkeit im Antlitz entfaltet, dann bildet sich eine im Naturreich einzigartige Lateralität. Der Ausdruck der linken Gesichtshälfte ist völlig anders als der der rechten. Interessanterweise findet sich diese Links-rechts-Asymmetrie tief im Innern der Materie. In Molekülen gibt es kein Oben und Unten, kein Vorne und Hinten, wohl aber eine Rechts-links-Unterscheidung. In dem Vermerk auf Joghurtbechern zu links- oder rechtsdrehender Milchsäure wird das deutlich.

Das Nebeneinander dieser Gegensätze von Jupiter und Saturn zu sehen, ist eine tägliche Erfahrung, nicht am Himmel, sondern im menschlichen Antlitz, im menschlichen Augenlicht.

Aufgrund dieser Lateralität im Antlitz finden sich die meisten auf Fotos schlecht ‹getroffen›, denn man kennt das eigene Antlitz nur vom Blick in den Spiegel und der liefert ein seitenverkehrtes Bild. Noch deutlicher wird dieser Unterschied von linker und rechter Gesichtshälfte, wenn man die Seiten verdoppelt. Hier am Selbstporträt von Rembrandt, der diese zwei Seelen im Antlitz künstlerisch steigerte. Was in der Musik Dur und Moll ist und am Sternenhimmel Jupiter und Saturn, das ist im menschlichen Antlitz die eigene rechte Gesichtsseite (Jupiter) und die eigene linke. So wie Jupiter herausstrahlt und das Planetensystem ordnet, so blickt das rechte Auge. So wie Saturn milde leuchtet und für innere Reife, Empathie und Transzendenz steht, so erscheint die linke (Herz-)Seite des Antlitzes. Vermutlich liegt hier begründet, warum man sich ein ganzes Leben lang nicht sattsehen kann am menschlichen Gesicht: Es trägt in sich das Gespräch von Außen und Innen, von Verstehen und Fühlen, von Jupiter und Saturn. Es sind auch die beiden Kraft- und Entwicklungsfelder des menschlichen Ich: Urteilskraft und Empfänglichkeit oder Empfindsamkeit. Wenn sie wachsen, wächst die Persönlichkeit. Jupiter steht dabei für die Urteilskraft, das Unterscheidungsvermögen, und Saturn für die Sensibilität, das Einfühlungsvermögen.

Dürfen die Kinder hier spielen?

Ein Jahr der Annäherung und ein Jahr der Lösung, so lange kann man nun am Nachthimmel diese kosmische Seite des menschlichen Antlitzes beobachten. Oft wird gesagt, Authentizität, wenn also Innen und Außen übereinstimmen, das würde das Menschliche zeigen. Ich vermute, es ist anders und das Antlitz, das ja immer etwas von der möglichen Größe und Tiefe des Menschen zeigt, was noch gar nicht da ist, das Antlitz zeigt, dass zum Menschen das fortwährende Gespräch mit sich selbst gehört. Die so verschiedenen Augen bringen es ins Bild. Zu diesem Gespräch ist die Konstellation der Ruf, die Ermutigung und dieses Gespräch hat drei Ebenen: Es ist das Gespräch mit mir selbst, so offen, so liebevoll und streng zugleich, wie es möglich ist, es ist das Gespräch mit unserem Mitmenschen und es ist das Gespräch mit der ganzen Welt.

Saturn: Planet der Reife

Saturn ist zehnmal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde und zehnmal so groß. Während Jupiter angesichts der vier mal vier Galilei’schen Monde strukturiert ist und auch seine Wolkenbilder ein differenziertes Bild zeigen, ist Saturn viel freier. Die Gasoberfläche zeigt keine Formen und die bis heute 82 bekannten Monde umkreisen den Ringplaneten in vielfältigem Lauf. Diesem freien lunaren Spiel steht das gewaltige Ringsystem entgegen. Über eine Million Kilometer spannt sich der nur 10 bis 100 Meter dünne Ring. Mehr als 100 000 einzelne Ringe gliedern diese Scheibe, die es schwächer auch bei Jupiter, Uranus und Neptun gibt. Während bei den Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars das Feste ‹unten› ist und sich darüber eine mehr oder weniger dichte Atmosphäre erhebt, stülpt es sich hier um. Die Planeten bestehen aus Gas und darüber spannt sich ein Ring aus Eiskristallen und Gestein. Die Gasplaneten sind auch in ihrer Bewegung polar zu den festen Planeten. Während Erde und noch mehr Venus und Merkur schnell durch den Tierkreis wandern, aber langsam rotieren, ist es bei den Gasriesen umgekehrt. In zehn Stunden drehen sich die Riesen um die Achse, gleichzeitig wandern sie langsam durch den Tierkreis. 29,5 Jahre dauert das Saturnjahr. Das entspricht in Jahren, was der Mond für seinen Lichtzyklus braucht. Da sind es 29,5 Tage. So wie der Mond den irdischen Raum begrenzt, schließt Saturn den planetarischen Raum ab. Wie anders ist die Empfindung im Teleskop als bei Jupiter. Dieser zeigt sich majestätisch im Okular, während Saturn feierlich, ja sakral anmutet. Mit gutem Grund trägt er keinen Namen der olympischen Götter wie Venus, Mars oder Jupiter, sondern mit Kronos (= Saturn) einen Namen der Titanen, der Schöpfungsurgötter. Ein Menschenleben bedeutet drei Saturnläufe, drei Saturnjahre. 0 bis 30, 30 bis 60 und 60 bis 90. Dem entsprechen drei Wachstumsperioden, drei Spannen der Reife. Bis 30 Jahre spannt sich der körperliche Aufbau. Die Seele wächst, weil der Leib sie mitnimmt. Dieser Aufbau versiegt und an seine Stelle tritt das seelische Wachstum, das nun den Geist heranruft. Mit 60 folgt ein drittes Saturnjahr, in dem nun die geistige Dimension unseres Menschseins reift und dabei den Körper mitnimmt. Man sieht es, Haare und Antlitz werden licht.

Im roten Fenster des Goetheanum ist die Entwicklung der Persönlichkeit gezeigt. Links sieht man, wie ein Mensch sich der eigenen Seele zuwendet, in dieses Gespräch mit sich selbst eintritt und dabei aus der Tiefe drei Untiere aufsteigen: ein kleines eichhörnchenartiges Tier, ein Gockel und eine Fratze mit Stacheln statt Haaren, aufgerissenen Augen und anstelle eines Mundes sieht man ein fletschendes Maul. Es sind drei Bilder für drei Schatten der Seele: das Eichhörnchen für den Kleinmut, der Gockel für den Hochmut und der brutale Kerl für die Gleichgültigkeit oder Ignoranz. Es gehört zur Erfahrung eigener Seelenarbeit, dass man diese Doppelgänger nicht ‹besiegen›, nicht überwinden kann, sondern es darum geht, sie zu verwandeln. Ein Freund hatte in der Jugend schwere Albträume, die ihn sogar organisch plagten. Er träumte sich in einem Zimmer, in das ein Ungeheuer eindrang. Er musste die Türe verbarrikadieren. «Mach die Türe auf!», riet ihm der Arzt. Welche Überraschung, als er endlich dazu den Mut zusammennehmen konnte. Da verwandelte sich das Monstrum in einen alten Mann mit zwei Kindern an den Händen, die er mit der Frage hereinführte, ob sie hier spielen dürfen. Welch ein Bild! Der Doppelgänger verwandelt sich in das, was Kinder bieten: Inspiration und Entwicklung! Alle Wesen wachsen und gedeihen durch Beachtung, anders der Doppelgänger. Dieser Schatten ernährt sich von Missachtung. Doch wo das Gespräch beginnt, verwandelt er sich, befreit sich aus seinem So-Sein. Die drei Untiere fragen nach den drei Formen des Gesprächs: Der Hochmut des Gockels wandelt sich im Selbstgespräch, der Kleinmut des Eichhörnchens im Gespräch mit dem Freund, der Freundin und die Ignoranz im Gespräch mit Baum, Tier, Wind und allem, was die Welt bevölkert. So ist das Gespräch auf drei Ebenen der Schlüssel, um die Schatten der Seele zu belichten und zu beleuchten; und die Konjunktion ist der Weckruf zu diesem ‹Ins-Gespräch-Treten›.

Die geistige Sonne

Nun findet die Große Konjunktion am 21. Dezember statt, am Tag der Wintersonnenwende. Das Doppelgestirn Jupiter–Saturn verbindet sich damit mit der Achse Sonne–Erde bzw. mit der Sonne an ihrem Wendepunkt zu einer neuen Geburt. Im Altertum wurde diese Sonne als ‹sol invictus›, als die unbesiegte Sonne gefeiert und stiftete damit das Datum für das Weihnachtsfest. Sich ihr zu nähern, der geistigen Sonne, ist nicht leicht, und jedes Jahr zeigt Weihnachten, wie schwer es ist, mit seinem ganzen Menschsein in dieses Fest der geistigen Sonne einsteigen zu können. Gleichzeitig gibt es so viele persönliche Erfahrungen und Empfindungen, die die Wirklichkeit dieses Festes, die Wirklichkeit der geistigen Sonne, zur eigenen Gewissheit werden lässt. «Auch ist mir kein Weihnachten, wo es auch war, vergangen, ohne dass es hinter meinen geschlossenen Augen für eine Sekunde unbeschreiblich hell wurde», schreibt Rainer Maria Rilke an seine Mutter und weist damit auf diese Sonne des Winters, der Nacht. Es sind die großen Sonnengesänge vom Pharao Echnaton, dem römischen Kaiser und Philosophen Julian Apostata und dem Ordensgründer Franz von Assisi, die in ihrer Folge absteigend, so doch die geistige Sonne meinen. Zu Julians ‹Loblied an den Gott Helios›: «Es wäre besser, ich würde schweigen, aber ich werde dennoch reden», schreibt er darin und stellt sich so gegen die Tradition, wie sie von Eingeweihten wie Platon gepflegt wurde. Dort kann man immer wieder das Entgegengesetzte lesen: «Hier muss ich schweigen, ein Kundiger weiß warum» oder «Hier weiter zu sprechen verbietet sich». Julian spricht weiter über die Substanz des Helios, dass die eigentliche Sonne hinter den Planeten und Sternen liege. Von dort sende die Sonne die Viergliederung der Jahreszeiten. Es heißt dann: «Daher meine ich kommt von oben her aus dem Himmel die dreifache Gabe der Grazien aus den Kreisen zu uns.»4 Mit den Kreisen sind die Jahreszeiten gemeint, die im griechischen Sinne mit Winter, Frühling und Herbst sowie Sommer drei verschiedene Naturzustände schaffen. Im Sommer sendet die Sonne das Licht, es wird in Griechenland, in Südeuropa kaum mehr dunkel. Die Wärme ist vor allem im Frühling und im Herbst zu erleben, wenn es plötzlich warm und im Oktober noch einmal warm wird. Was sendet die Sonne im Winter? Die Nacht, als die Schwester des Winters zeigt es: Man geht abends erschöpft zu Bett und ist am Morgen erfrischt, ist ‹regeneriert›, also neu geboren. Die Nacht, wie auch der Winter, schenkt das Leben, das werdende, kommende Leben.

Dass Licht auf geistiger Ebene zur Erkenntnis und Weisheit wird, scheint trivial. Es lohnt sich deshalb, sich dieses Lichterlebnis tatsächlich zu vergegenwärtigen. Wohl am deutlichsten ist das Lichterlebnis, wenn man sich über sich selbst etwas vorgemacht hat, also im verlogenen Leben war und dann erkennt, wie es wirklich ist. Das ist ein Licht-Erlebnis! Nicht anders ist es mit der Wärme. Sie ist viel mehr als nur eine Metapher der Liebe. Alexander Solschenizyn beschreibt in seinem Buch ‹Der Archipel Gulag›, dass er in der furchtbaren Kälte des Lagers niemals darauf verfallen durfte, seine Wärter zu hassen, weil er sonst schnell erfroren wäre. Aus seelischer Kälte wird körperliche. So wie die Wärme durch nichts, nicht die beste Isolation, auf Dauer zu halten ist, weil sie sich immer und überall verteilen will, ist auch die Liebe universell und grenzenlos. Was der Natur das Leben ist, das ist im Geistigen die Freiheit. Mit Erkenntnis, Liebe und Freiheit haben wir wohl die von Julian genannten drei Grazien der Sonne, der geistigen Sonne im Auge. Doch wann erlebt man Erkenntnis, wann Liebe, wann Freiheit? Doch vor allem dann, wenn sie fehlen, wenn sich ein Irrtum über sich selbst oder noch stärker eine verlogene Vorstellung aufklärt und man so ins Licht tritt. Liebe erfährt man, wenn man aus der Enge und Angst sich zu befreien vermag und dann die Welt zur Mitwelt wird. Freiheit und Entwicklung erfährt man, wenn man Resignation und Verzweiflung hinter sich lässt wie einen bösen Traum und neues Leben in die Glieder strömt. Die Schattenwürfe der Sonne, Resignation, Angst und Lüge, sind die Bedingung, dass man ihr geistiges Licht, ihre drei Grazien von Liebe, Freiheit und Erkenntnis erfahren kann. Dieser Weg vom Schatten ins Licht ist dabei ein Weg des Gesprächs, zu dem jetzt die Große Konjunktion aufruft – dem Gespräch mit sich, mit dem Menschen gegenüber und mit der Welt.

Illustration: Adrien Jutard

Die geheimen Reden der Nacht

Jede Konstellation ist wie ein Ton in einer Melodie. So lohnt es sich, den Lauf der Planeten vor und zurück zu betrachten. Der Blick zurück zeigt, dass die letzten vier Jupiter-Saturn-Konjunktionen eine Folge von herausragenden Versammlungen waren. So war die Konjunktion von 1940/41 und von 1980/81 eine dreifache Konjunktion. Durch die perspektivischen Verhältnisse trat der seltene Fall ein, dass sich Jupiter und Saturn dreimal begegneten, wie damals 7 v. Chr., was Johannes Kepler schon errechnete. Die Jupiter-Saturn-Konjunktionen von 1960/61 und von 2000 sind nicht dreifach, dafür vereinten sich jeweils alle übrigen Planeten mit den Planeten auf weniger als 15 Grad. Mit der ausgestreckten Hand konnte man alle Wandler bedecken. Das gab es von 1000 bis 2000 n. Chr. nur sechsmal, und zweimal davon geschah es im 20. Jahrhundert. Die vier vorangehenden Großen Konjunktionen waren also Feste der Begegnung! Mit der Großen Konjunktion zur Wintersonnenwende steigert es sich, weil so die geistige Sonne teilnimmt. Außerdem steht der ferne Kleinplanet Pluto dicht bei Jupiter und Saturn. Dessen um 17 Grad geneigte Bahn lässt ihn meistens weit ober- oder unterhalb der übrigen Planeten ziehen. Deutlich weiter als jetzt stand Pluto 1681 bei den beiden Planeten. Auch das ist also überaus selten. Als 1930 Pluto entdeckt wurde, war es erstaunlicherweise die 11-jährige Venetia Burney, die, ihrem Interesse für Griechenland entsprungen, den Namen Hades bzw. Pluto für den neuen Planeten empfahl. Zweifellos ist Pluto ein Himmelskörper der Schwelle. Dazu zwei abschließende Gedanken: Damit ein Gespräch zur Verwandlung führt, muss man bereit sein, sich selbst zu verwandeln, was spirituell bedeutet, bereit sein, durch den Tod zu gehen. Im ägyptischen Tal der Könige ist in den Pharaogräbern die Nachtfahrt der Sonne in Hunderten Bildern dargestellt. In dieser so komplexen Sonnentheologie heißt es, dass die Sonne am Tage scheint und in der Nacht spricht. Wer es hört, sind die Verstorbenen. So wie wir Lebenden erwachen, wenn die Sonne scheint, so erwachen die Toten, wenn sie spricht. Es sind die «geheimen Reden der Nacht».5

Zu den zwölf Heiligen Nächten gehört nun, dass in ihnen sich der Himmel ein wenig öffnet. Der Mond hat seinen Lauf vollendet, denn zwölf Mondzyklen ergeben nur 354 Tage und nun regiert für einige Tage die Sonne, die geistige Sonne alleine. So mag es gelingen, etwas von den «geheimen Reden der Nacht», den Reden der geistigen Sonne, zu vernehmen. Die Große Konjunktion gibt dazu den Impuls, jedes Gespräch – mit sich, mit anderen Menschen, mit der Welt – gibt die Fähigkeit.

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Fußnoten

  1. Brief Keplers über seine zweite Heirat an Baron von Strahlendorf, 23. Oktober 1613. Werke, XVII, Nr. 669, S. 19.
  2. Johannes Kepler, Gesammelte Werke, Band 11,2, S. 48.
  3. Johannes Kepler, Weltharmonik, S. 268.
  4. Kaiser Julianus Rede auf den König Helios an Sallustius, in: Kaiser Julians Philosophische Werke, Leipzig 1908, S. 133.
  5. Erich Hornung, Nachtfahrt der Sonne. Zürich 1998.

Letzte Kommentare

  • Hallo Celestine, ein sehr schöner,interessanter Bericht über dein Aufwachsen in...
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    Adelheid Lucas-Wijgmans, Leer Ostfr.
  • Ich finde den Inhalt des Artikels gut und kann ihm...
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    Niike
  • Es scheint, als ob Sie nicht dazu in der Lage...
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    Aurelien
  • (bezugnehmend auf Wagner in seiner Bestärkung Wellbrucks) …zu allen drei...
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    eufeniks
  • Ja, Superherzlichen Dank Ihnen ! Endlich mal was Konstruktives !...
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    Martina Heller-Krug
  • Vielen Dank für diesen horizonterweiternden Beitrag. Aus meiner Beschäftigung mit...
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  • Die Massnahmen zur Bewältigung der Corona-Pandemie werfen Fragen auf. Da...
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  • Vielen Dank für die „ungewöhnliche“ und öffnende Perspektive, die dieser...
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