Lernen, in der Fantasie zu leben

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Während die Proben zum ‹Faust› auf der Goetheanum-Bühne in vollem Gange sind, inszenieren die Studierenden am Campus das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Als ortsspezifische Promenadenaufführung wird es am 19. Juni in den Gärten des Goetheanum gezeigt.


Wir alle haben auf die eine oder andere Weise Märchen gehört oder erzählt bekommen. In Bezug auf Märchentraditionen sind wir alle gewissermaßen Gleichgesinnte. J. R. R. Tolkien brach in seinem kurzen, aber gehaltvollen ‹Essay on Fairy Stories› (J. R. R. Tolkien, ‹On Fairy Stories›. Harper Collins, New York 1947) mit dem üblichen Ansatz der Volkskunde, die sich auf die Analyse von Form und Inhalt konzentrierte. Er brachte eine erfrischende Perspektive ein über das Wesen von Märchen und erhob sie zu literarischen Erfahrungen. Sie finden in einer bestimmten Situation oder Instanz statt, die der menschlichen Seele zugänglich ist. Er nannte dieses Reich ‹Faërie›. «Im englischen Sprachgebrauch sind ‹Fairy Stories› also keine Geschichten über Feen oder Elfen, sondern Geschichten über Faërie, das Reich oder den Zustand, in dem Feen existieren. Faërie umfasst neben Elfen und Feen, neben Zwergen, Hexen, Trollen, Riesen oder Drachen noch vieles mehr. Es umfasst die Meere, die Sonne, den Mond, den Himmel und die Erde und alles, was sich darin befindet: Bäume und Vögel, Wasser und Steine, Wein und Brot, und uns selbst, die sterblichen Menschen, wenn wir verzaubert sind.» So schreibt Tolkien im besagten Essay. Es ist eine Art geistige Welt, ein Reich oder ein Zustand (gleichzeitig Ort und Seinsweise), in dem bestimmte Regeln gelten, so wie uns in der physischen Welt bestimmte Gesetze ermöglichen, diese zu erleben. In Faërie betreten wir eine ‹sekundäre› Welt, die durch die Fantasie eines Autors erschaffen wurde. Fantasie kann nicht leichtfertig als bloße Erfindungsgabe abgetan werden. Sie ist eine spezifische Fähigkeit des menschlichen Geistes und eng mit der Gabe der Sprache verbunden.

Eintauchen in eine andere Welt

Während sich die Studierenden mit ‹Die grüne Schlange und die schöne Lilie› auseinandersetzen, tauchen sie in Textstruktur, Theater, Musik, Maskenarbeit und Puppenspiel ein. Wir befassen uns mit Archetypen, die Wahrheit lehren, die Hoffnung wecken. Märchen berühren die ganze Seele und sprechen zu uns jenseits von Vernunft und Intellekt. Sie sind eine Brücke vom Sinnes- zum Bildbereich. Das wahre Tor zur Welt der Märchen ist die Imagination, die das Denken von den Grenzen der Sinneserfahrung befreit. Insofern birgt der Versuch, ein Märchen theatralisch in Szene zu setzen, einen gewissen Widerspruch. Das Theater macht das Unsichtbare sichtbar und unterdrückt in gewisser Weise die Imagination des Publikums. Im Rahmen des anthroposophischen Studiums geht es jedoch nicht darum, Goethes Märchen ‹aufzuführen›. Die Studierenden sind eingeladen, in seine Vorstellungswelten einzutauchen, indem sie diese verkörpern und von innen heraus erforschen. Durch das Spielen machen wir jedes Element des Textes auf neue Weise erlebbar. Das führt zu weiterer Kontemplation und Erforschung. Im Sinne von Schillers ‹Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen› wird das Spielen zu einem Mittel, die Fähigkeiten der Seele zu schulen. Damit stärken wir unsere Fähigkeit, Geist und Materie im Dialog wahrzunehmen. Die Inszenierung des ‹Märchens› durch die Studierenden wird zu einer Praxis, welche die Wahrnehmung durch die Schulung der Formbarkeit unserer Seele verfeinert. Gleichzeitig ist die soziale Dimension einbezogen. So entwickeln die Studierenden ein gemeinsames Engagement für den Inhalt, arbeiten unter Darstellenden, Regieführenden, Bühnenbildnerinnen, Musikern und sogar Gärtnern zusammen, um in der Fantasie zu leben.

In seiner Autobiografie berichtete Rudolf Steiner, dass ihn an Goethes Märchen nicht dessen Interpretation am meisten bereicherte, sondern die Art und Weise, wie die Auseinandersetzung mit diesen Fantasiewelten sein Innenleben nährte. Seit seinen frühen Zwanzigern lebte er mit dessen Inhalten. Aus dieser inneren Aktivität entstanden im Laufe der Zeit nicht nur seine Mysteriendramen, sondern auch meditative Substanz und Kraft für sein künftiges Schaffen. In seinen Werken und Vorträgen von 1899 bis 1924 nutzte Steiner ‹Das Märchen›, um zu veranschaulichen, was Anthroposophie ist und was sie kulturell in der Zukunft bewirken will. Für die Studierenden ist die Auseinandersetzung mit dem ‹Märchen› also vielleicht ein Samenkorn, das in die Seele gepflanzt wird und bereit ist, in der Zukunft als neue Begeisterung für die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie zu erblühen.


Bild Garten des Goetheanum, Foto: S. Lismont

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