Vom 30. April bis 2. Mai 2026 fand an der Universität Witten/Herdecke der Kongress zu den Zeitordnungen des Lebens in Medizin, Pädagogik und Biografie statt.
Die Veranstaltung wurde von Georg Soldner als ehemaligem Co-Leiter der Medizinischen Sektion gemeinsam mit dem Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs, Universität Heidelberg, und dem Neurologen Friedrich Edelhäuser (Universität Witten/Herdecke und Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke) geplant und moderiert und vom Integrierten Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM) organisatorisch umgesetzt. Im voll besetzten großen Hörsaal der Universität beteiligten sich an der Tagung rund 200 Menschen in der Altersspanne zwischen Erstsemester und zeitlebens engagierten Teilnehmenden, die das 90. Lebensjahr bereits überschritten hatten. Die Präsenz der Referierenden aus Philosophie, Medizinethik, Anthroposophischer Medizin, Pädagogik, Theologie und Spiritual Care während der gesamten Tagung förderte einen intensiven Austausch in Arbeitsgruppen, Aussprachen zu den Vorträgen und Pausengespräche bei den gemeinsamen Mahlzeiten.
Im Gedenken an Peter Matthiessen (1944–2019)
Die Tagung war Peter Matthiessen gewidmet, dessen Todestag sich am 30.4.2019 mit dem Tagungsbeginn zum siebten Mal jährte. Matthiessen hatte den Aufbau der Universität Witten/Herdecke als eine prägende Persönlichkeit mitgestaltet. Eine seiner letzten Publikationen war der Band ‹Zur zeitlichen Kultivierung der Arzt-Patienten-Beziehung›, herausgegeben vom Dialogforum Pluralismus in der Medizin. Darin setzte er sich für eine Erweiterung des Zeitbegriffs im Rahmen einer spirituellen Anthropologie und biografieorientierten Medizin ein und stellte dabei sein aus der Anthroposophie schöpfendes Konzept einer trinitarischen Zeit dar. Matthiessen stand für einen geistoffenen, vorurteilsfreien akademischen Dialog, der unterschiedliche Perspektiven beinhaltet, mit dem gemeinsamen Fokus auf zentrale Fragestellungen der Gegenwart, insbesondere in Medizin, Anthropologie und Erkenntnistheorie. Diesem Duktus sollte auch die aktuelle Tagung folgen.
Lineare und zyklische Zeit – Alltagszeit, biografische Zeit, Weltzeit
Im Fokus stand zunächst die Frage nach einem zunehmenden Widerspruch zwischen der neuzeitlich-naturwissenschaftlich geprägten linearen Auffassung der Zeit, einhergehend mit der ökonomisch wie technisch getriebenen Beschleunigung des modernen Lebens und den zyklischen, rhythmischen Zeitordnungen, die lebendige Organismen kennzeichnen. Der einleitende Vortrag des Heidelberger Philosophen und Psychiaters Thomas Fuchs beleuchtete die Frage, wie diese Polarität in Momenten erlebter Gegenwart, ‹präsentischer Zeit›, überbrückt und integriert werden kann. Fuchs wies auch bereits auf Abwege aus dieser zeitlichen Krise der Gegenwart hin, sei es in hedonistisch getöntem Leben für den Augenblick, populistischer Nostalgie in eine entschwundene Vergangenheit oder in düster-apokalyptischen Szenarien von einem nahenden Endkampf zwischen Gut und Böse. Damit erweiterte sich der Fragehorizont auf das Erleben der gegenwärtigen ‹Weltzeit› und die zunehmenden Schwierigkeiten, den eigenen Alltag, den biografischen Lebensbogen und die geschichtlich erlebten Transformationsprozesse miteinander in Einklang zu bringen – zentrales Thema im Vortrag von Hartmut Rosa am letzten Tag des Kongresses.
Das Verhältnis der Generationen und die ‹Zeit des Anderen›
In einem Pre-Workshop vor Konferenzbeginn hatte die Göttinger Philosophin Anne Clausius bereits das Thema der ‹Generativität› angesprochen. Sie erforscht Fragen im Zusammenhang mit der Generationenfolge, das ge- und erlebte Verhältnis von junger und älterer Generation, die Frage, ob hier ein guter Übergang gelingt und welche Bedingungen die ältere Generation der jüngeren für deren Zukunft schafft beziehungsweise hinterlässt – eine sehr aktuelle Fragestellung, die nicht zuletzt auch die Frage nach der zurückgehenden Geburtenrate einschließt. Der Schweizer Philosoph Emil Angehrn konstatierte zunächst, dass seit Augustinus die Frage nach dem Zeiterleben des Menschen sehr vom Subjekt, vom menschlichen Ich aus gestellt wird, und erweiterte diese Perspektive um die ‹Zeit des Anderen›. Was bedeutet es, gemeinsam die Vergangenheit zu erinnern, bis hin zur Frage des gegenseitigen Verzeihens? Was charakterisiert Gegenwart, wenn man vom Wortsinn ausgeht und die Gegenwart des Du einschließt? Wie begegnet uns die Zukunft durch den Anderen?
Der Gegenstrom der Zeit
Fragen, an die am nächsten Morgen Georg Soldner in seiner Betrachtung zum ‹Gegenstrom der Zeit› anschloss. Ist es doch gerade die menschliche Begegnung, oft die Frage des Anderen, die uns als ‹Gegenstrom› im vergangenheitsbestimmten ‹Weiter so› eigener Vorstellungen und Handlungsweisen unterbricht und offene Momente schaffen kann, die eine Neuorientierung ermöglichen. Soldner ging dabei von der Anregung Rudolf Steiners aus, im seelischen Erleben die Dialektik einer aus der Vergangenheit und einer aus der Zukunft stammenden, gegenläufigen Dynamik zu studieren. Erst diese Polarität schaffe die Möglichkeit, in der Gegenwart den kausal gedachten Zwang der Vergangenheit aufzuheben und damit Entwicklung und letztlich Freiheit zu ermöglichen. Soldner zeigte dafür, basierend auf der Forschung von Wolfgang Schad (1935–2022), Beispiele aus der biologischen Evolution und Physiologie, auf geschichtlichem Feld bis hin zu modernen Methoden der Organisationsentwicklung (‹Theorie U› von Otto Scharmer). Besonders eindrucksvoll kommt der Gegenstrom der Zeit in den Evangelien zur Darstellung, etwa in der von Johannes geschilderten Szene der Ehebrecherin oder dem dreimal in der Apostelgeschichte dargestellten Christuserleben des Saulus vor Damaskus.
Die Tugend der Geduld, die Pflege zeitlicher Rhythmen als Grundlagen zwischenmenschlicher Resonanz
Den ersten Abend beschloss der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio mit einem Beitrag zur Geduld, der Tugend des zielbewussten Noch-nicht-Handelns, dem Respekt vor der Eigenzeit der Dinge, der Haltung der Nachsicht, die zwischenmenschlich ein ‹letztes Wort› vermeidet und eine gewaltfreie Nähe zum Anderen in seinem Anderssein stiften kann. Die Vorträge wurden jeweils musikalisch von der jungen Cellistin Lucia Martin wunderbar eingeleitet, was die Kultur des Zuhörens auf dieser Tagung ebenso förderte wie das begeisternde, ‹Jugend-musiziert›-prämierte Trio aus Oberstufenschülerinnen und -schülern am zweiten Abend. Die Pflegefachkraft Natalie Hurst (Universität Tübingen) schilderte am zweiten Tag einerseits den erlebten Zeitdruck in der Pflege und demgegenüber den sensiblen Umgang mit der Geburt als einem rhythmischen Geschehen und die nachfolgend notwendige Pflege der sich etablierenden Lebensrhythmen von Mutter, Vater und Kind. Deutlich wurde, wie sehr das Gefühl von Sicherheit und sicherer Bindung mit der Kultivierung der hier notwendigen ‹Zeit für den Anderen› einhergeht. Christian Tewes von der Alanus-Hochschule Mannheim zeigte anhand eines norwegischen Forschungsprojekts, wie die Etablierung einer guten Resonanz mit den Schülerinnen und Schülern von angehenden Lehrkräften als wesentliche Voraussetzung eines gelingenden Unterrichts erlebt wird.
Dissoziation der Zeit und das Erleben transzendenter Zeitlichkeit
Das seit Augustinus zentrale Thema, wie der Mensch die Gegenwart des Vergangenen, die Gegenwart des Zukünftigen und darin eingebettet die Gegenwart erlebt, wurde von der Hämato-Onkologin und Co-Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum Marion Debus daraufhin befragt, wie sich dieses Erleben bei Menschen mit einer Krebserkrankung verändert. Sie zeigte anhand klinischer Studien, dass dabei der innere Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dissoziieren kann. – Es ist bemerkenswert, dass der Soziologe Hartmut Rosa am Folgetag eine ähnliche Tendenz als Zeitdiagnose modern-westlicher Gesellschaften stellte und dass andererseits die Krebserkrankung durch eine ungehemmt linear-exponentielle Vermehrung von Tumorzellen auf Kosten des Gesamtorganismus gekennzeichnet ist – eine Dynamik, die an das ökologisch desaströse, kapitalgetriebene Wachstum der modernen Ökonomie erinnern kann. Debus stellte in ihrem Vortrag dieser Tendenz polar das Erleben ‹transzendenter Zeitlichkeit› gegenüber, wenn Menschen in Extremsituationen wie während einer Reanimation oder in malariabedingten Fieberschüben eine zeitlich integrierte Gesamtschau ihres Lebens, bisweilen sogar einschließlich der Zukunft (‹flash forward›), erleben. Sie konnte zeigen, wie die Desintegration des Zeiterlebens durch Zerfallen der leiblichen Wärmerhythmen gefördert wird und umgekehrt die therapeutische Stärkung der Wärmerhythmik eine Reintegration des Zeiterlebens unterstützen kann.
Gedehnte und neu rhythmisierte Zeit – wie das Zeiterleben Heilung fördern kann
Am Nachmittag des 1. Mai zeigte die soeben habilitierte Neurologin und Psychotherapeutin Rosa Michaelis (Universitätsklinik Bochum und Universität Witten/Herdecke), wie Epilepsiepatienten und -patientinnen in der therapeutisch geführten Reflexion Zugang zu eigenen Ressourcen finden können, um die Schwere und Häufigkeit ihrer Krampfanfälle selbst zu verringern. Dabei spielen der Umgang mit Stress und die Resynchronisierung mit gesunden zeitlichen Rhythmen eine wesentliche Rolle. Der Neurologe und Leiter der Frührehabilitationsabteilung des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke Friedrich Edelhäuser sprach im Anschluss über das Zeiterleben im Schreck und von Menschen mit Hirnschädigung. Er eröffnete seinen Vortrag mit eindrucksvollen Beispielen von der Dehnung des subjektiven Zeiterlebens bei Unfällen und von extremen Formen des ‹transzendenten› (Debus) Zeiterlebens bei Abstürzen in den Bergen. Leiblich-zeitliches und vermutlich außerleiblich-außerzeitliches Erleben begegnen sich hier. Dass auch die beiden Hirnhälften des Menschen mit polaren Formen des Zeiterlebens assoziiert sind, beleuchtete er am Beispiel einer Patientin mit ausgedehntem Infarkt im Bereich der linken Hemisphäre des Gehirns. Ihr zuvor engmaschig getaktetes Zeiterleben, verbunden mit einer festen, von allen anderen getrennten räumlichen Leibwahrnehmung, wandelte sich in ein entgrenztes, fließendes, gegenwartsbetontes Zeit- und Leiberleben. Im Einklang mit aktuellen Forschungsergebnissen zeigte Edelhäuser, wie unser normales Zeiterleben eng verschränkt ist mit der eigenen, meist unbewussten Leibwahrnehmung, insbesondere von Herz- und Atemrhythmus, und wie es von einem überzeitlichen und geistig-wesenhaften Ich integrativ zusammengefasst wird. Er verwies am Ende darauf, wie Heilungsvorgänge entsprechend vom individuellen Zeiterleben beeinflusst werden.
Beschleunigung und Entfremdung – auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Den abschließenden Vormittag eröffnete Hartmut Rosa, Soziologe an der Universität Jena, mit seiner Betrachtung zu Alltagszeit, Lebenszeit und Weltzeit. Unter der leitenden Frage, wann wir unser Leben als ein gelingendes Leben wahrnehmen, assoziierte er die Antwort darauf mit einer gelingenden Synchronisierung und Passung dieser drei Zeitebenen in der eigenen Biografie. Am Beispiel des Romans ‹Ein ganzes Leben› von Robert Seethaler illustrierte er seine These, wie in ein und demselben Leben beide Extreme erlebt werden können: ein Sich-eins-Fühlen mit dem Arbeitsalltag, dem eigenen Leben und dem geschichtlichen Moment und ein Aus-all-dem-Herausfallen. Die Moderne, so diagnostizierte Rosa, könne ihr zentrales Versprechen, harte eigene Arbeit führe zu einer Welt ohne Knappheit, in der es die Kinder immer besser haben werden, zunehmend nicht mehr einhalten. Dem biblischen Satz «Alles hat seine Zeit» stellte Rosa den Satz von Günther Anders entgegen: «Alles, was dauert, dauert zu lange», um damit die für den Kapitalismus systemnotwendige Tendenz zur Beschleunigung und ihre abgründigen Folgen zu charakterisieren.
Spiritualität und Medizin
Der letzte Beitrag kam von dem Münchner Philosophen, Psychiater, Psychotherapeuten und Professor für Spiritual Care Eckhard Frick. Er thematisierte das Verhältnis von Spiritualität und Medizin in der immer mehr von einem rational-kausalen Denken beherrschten und andererseits zunehmend multikulturellen Welt. In dieser zerfalle, so Frick, eine einheitliche, religiös fundierte Zielvorstellung menschlicher Existenz in religiöse, mystische, nichttheistisch-spirituelle, religionsfern-rationale oder humanistisch geprägte Einstellungen. An der Polarität des kausal denkenden Sigmund Freud und des stärker in synchronen Bezügen und final orientierten C. G. Jung erläuterte er dabei auch die unterschiedlichen Entwicklungslinien in der Psychoanalyse und der Psychotherapie. Im Rahmen einer Begleitung im Sinne von Spiritual Care könne sich ein anfangs erklärungsbetontes Erleben zunehmend in eine innere Evidenz und Intuition, in ein ‹So ist es›, wandeln.
Auf der Suche nach der erfüllten Zeit
Dem Streben von Peter Matthiessen nach einem vorurteilsfreien Dialog folgend, gelang es in dieser ihm gewidmeten Tagung, nicht zuletzt durch die sehr aktiv Teilnehmenden, gemeinsam eine fragende, am Anderen interessierte Haltung und entsprechend lebendige Gesprächsatmosphäre zu kreieren. So wurde es immer wieder möglich, Momente erfüllter Gegenwart, präsentischer Zeit zu erleben.
Deutlich stand dabei im Hintergrund die aktuelle global-geschichtliche Krisen- und Umbruchsituation, die kein ‹Weiter so› zulässt, und in der andererseits die Frage nach tragfähigen Zukunftsvisionen für viele Menschen offen ist. Es war dieser ernste Horizont, der den Beiträgen und der sich darin aussprechenden, gemeinsamen Suche besonderes Gewicht verlieh. Die Veranstaltung endete in der abschließenden Aussprache mit einer sehr positiven Resonanz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Tagung. Dabei wurde auch die besondere Atmosphäre wiederholt erwähnt, die dem studentischen und dem Mitarbeitenden-Team des IBAM und der Universität im gesamten Organisations- und Verpflegungsbereich gelungen ist und die wesentlich zur warmen und herzlichen Stimmung der Tagung im Sinne eines ‹gemeinsam impulsierten Resonanzraums› beigetragen hat.
Bild Hartmut Rosa auf dem Kongress

