Begegnung mit sich selbst

Im Leben gibt es Ereignisse, die wir nicht sogleich verstehen. Sie weisen auf etwas hin, das nicht im Wachbewusstsein liegt. Wir begegnen einem Anteil in uns, der von größeren Zusammenhängen spricht und uns öffnet für die eigene Reichweite.


In meinen frühen Zwanzigern lebte ich mit der dreifachen Frage: Woher komme ich? – Wer bin ich? – Wohin gehe ich? Eine Antwort blieb aus. In meinem Umfeld gab es niemanden, mit dem ich über diese Fragen hätte sprechen können. Die Fragen wurden zur Not, und es zog mich weit weg. Über eine Zeitungsannonce kam ich auf Indien, wusste augenblicklich, dass ich dorthin reisen wollte und lieh mir 2000 Mark für den Flug und den geplanten zweimonatigen Aufenthalt. Mit ganz kurz geschnittenen Haaren trat ich an einem kalten Februartag die Reise an. Goa war, wie für viele Suchende damals, das Ziel.

Das Meer, der Strand, die Wärme und das Licht erwarteten mich – traumhaft schön. Ich wohnte in einer einfachen Strandhütte und traf auf andere aus Europa kommende Menschen. Einmal lief ich mit einem weltreisenden Österreicher stundenlang am Strand zu einem weit entfernten Ort. Wir hatten kein Wasser dabei, und mein Durst wurde bald unerträglich. Mein Begleiter motivierte mich zum Durchhalten und sagte, dass der Weg und das Ziel wichtiger seien als das Stillen des Durstes. Das leuchtete mir ein. Wir schafften es. Mit ihm konnte ich auch über meine existenziellen Fragen sprechen, die mich zum Aufbruch bewegt hatten. Sie wurden dadurch klarer – und zugleich größer und drängender.

Tag für Tag verging. Nach wie vor hatte ich das Gefühl, es müsse sich etwas zeigen, was ich noch nicht kannte, was sich aber dicht unter der Oberfläche befand und was ich erfahren wollte. Kurz vor der Rückreise geschah etwas völlig Unerwartetes. Am frühen Morgen eines Apriltages lief ich innerlich und äußerlich haltlos am endlosen Strand entlang. Da hörte ich eine lautlose und doch so deutliche Stimme. Sie rief mich zu sich: Komm zu mir, vertraue mir! Die Stimme war wie ein Sog. Ein Abgrund öffnete sich. Es war wie die Todesstimme, die mich rief. Angst kam auf, der Stimme zu folgen. Sie wurde unermesslich groß, auch die Sorge, mein klares Bewusstsein zu verlieren. Drei Dinge, die ich bei mir trug, gaben mir einen Rest physischer Sicherheit: Ausweis, Geld und Schlüssel. Aber ich erlebte mich ausgesetzt und hilflos. Der innere Kampf hielt an und steigerte sich. Ich fühlte meine Kräfte schließlich so weit schwinden, dass ich bereit war aufzugeben. Ich ließ mich auf den Erdboden sinken – und wollte sterben. In diesem Moment löste sich mein Inneres von meinem Leib. In einem mir unbekannten Schauen war ich weit in den Himmel hochgestiegen, so weit, dass ich die Erde als eine Kugel von oben sehen konnte. Ein Sterben, so wurde mir schlagartig bewusst, würde mich nicht von der Erde und nicht von mir selbst befreien können, nein, ich würde wiedergeboren werden, müsste also zu einem anderen Zeitpunkt mein Leben fortsetzen. Ich erkannte, ohne je vorher davon gehört zu haben: Mein Ich würde nie sterben, es ist unsterblich.

In dieser inneren Schau gewann ich neue Kraft. Ich konnte aufstehen und weiterlaufen. Ich versuchte, zu einer Siedlung zu gelangen, in der ich Menschen kannte, von denen ich Verständnis erhoffte. Aber inmitten der Häuser und undefinierten Wege verlor ich bald die Orientierung. Ein zweites Mal verließen mich aller Mut und alle Kraft. Ich konnte nicht mehr weitergehen, wollte erneut aufgeben, setzte mich auf den Boden, schloss die Augen, verzweifelt. Als ich sie wieder öffnete, fiel mein Blick direkt auf eine Palme, die ich Tage zuvor als außergewöhnlich schief gewachsen wahrgenommen hatte. Jetzt wies sie mir mit ihrem Wuchs die Richtung zu dem Haus, das ich suchte. Dort fand ich Trost und Verständnis bei dem weitgereisten Freund. Wir machten einen endlos scheinenden Gang über das Land. Einmal schaute ich in die Ferne. Da war es, als würde sich der Himmel öffnen, alles schien in Bewegung zu sein, ein Tanz – voller Schönheit, Leben und Harmonie. Die eigentliche Ordnung der Welt, deren Teil ich bin, sprach sich aus, ein über mich hinausgehendes Schicksal, das zugleich mein eigenes ist.

Nach Berlin zurückgekehrt, an das Leben vor Indien und mein Architekturstudium anknüpfend, suchte ich nach Büchern über den spanischen Architekten Antoni Gaudi, der mich in seiner Farben- und Formenvielfalt auf der Reise berührt hatte. Ich fand viel über ihn, und dabei ganz ungesucht einen Hinweis auf Rudolf Steiner, das Goetheanum und andere von ihm entworfene Bauten. Auf dem Umweg über Indien und über die Brücke der Architektur war ich auf Rudolf Steiner gestoßen und vertiefte mich jetzt in seine Schriften. Seine Schilderungen und Worte resonierten deutlich mit meinen eigenen Erlebnissen. Mir wurde klar: Ich war mir selbst begegnet und hatte in außergewöhnlichen Bewusstseinsmomenten die dreifache Dimension von Ich, Reinkarnation und Karma erfahren.

Meine dreifache Frage ‹Woher komme ich? – Wer bin ich? – Wohin gehe ich?› hatte begonnen, sich unerwartet zu einer Antwort zusammenzufügen. Ich hatte einen Perspektivwechsel erfahren. Das Leben wurde dadurch nicht einfacher, aber wirklicher. Wirklich wirklicher.


Foto Annie Spratt/unsplash

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