Großes Herz mit scharfer Zunge

Großes Herz mit scharfer Zunge

«Ich habe wohl nur in den Köpfen und Herzen der Ohnmächtigen etwas bewirkt, in den Köpfen und Herzen der Mächtigen so gut wie gar nichts.» So resümiert Horst Stern in einem Gespräch mit Thomas Hocke in der Serie ‹Zeugen des Jahrhunderts› seinen Einfluss, als er sich nach und nach aus seiner Rolle als «ökologische Klagemauer» in Deutschland verabschiedet und schließlich nach Irland zieht, um sich wieder der Literatur zuzuwenden.


Mit seiner sonoren Stimme und seinem sarkastischen Tonfall hat er, ein Jahrzehnt bevor die ökologische Bewegung in den 80er-Jahren zum grünen Aufbruch blies, erst im Radio, dann im Fernsehen sein Publikum wachgerüttelt. ‹Bemerkungen über den Rothirsch› hieß einer seiner ersten Tierfilme, der am Weihnachtsabend 1971 ausgestrahlt wurde und Deutschland aus seinem bürgerlichen Schlaf riss. «Der deutsche Wald ist krank bis auf den Tod, die Postkartenschönheit des Waldes täuscht. Ein Renditedenken hat aus dem Wald eine baumartenarme Holzfabrik gemacht», so Stern. Der Wald sei, wie der Schriftsteller Robert Musil sagt, eine Bretterwand, die man oben grün verputzt habe. Stern zeigt im Film, dass die Jagdleidenschaft des Adels und der Industriellen die Wildpopulation unverantwortlich in die Höhe getrieben hat. Statt die schwächsten Tiere aus dem Bestand zu nehmen, wie es Fuchs und Wolf tun, schießt man die stärksten Tiere, um das größte Geweih, die größte Trophäe zu erbeuten. Das Zuviel an Wild frisst die Jungtriebe der Bäume und der Vitaminhunger lässt sie die Tiere Rinde der Bäume abknabbern, sodass diese verfaulen und absterben. «Der Wald vergreist von unten», ist ein Kommentar von Stern, der die imaginative Sprachkraft zeigt, mit der er das deutschsprachige Publikum aus der Nachkriegsbürgerlichkeit rüttelte. «Man rettet den deutschen Wald nicht, indem man ‹O Tannenbaum› singt», schließt er die weihnachtliche Sendung ab und sorgt so für einen Skandal. Mit den Bildern zusammen trifft die Sendung das Gewissen einer Generation. Als er als Erster aus einer Hühnerlegebatterie filmt, lässt er an den Käfigen entlang eine Schiene legen, damit die Kamera ohne Schnitt dieses nicht enden wollende Elend fassen kann.

Er habe Sendungen über die Tiere gemacht, um seine Pflegetiere, die er aufgenommen hatte, ernähren zu können. Bald ist es diese intime Tiererfahrung, die ihn umgekehrt zum Tierkenner werden lässt. «Ich wusste zu viel von Tieren, um das, was die Medien über Tiere verbeiteten, goutieren zu können», beschreibt er seine Abneigung gegen die oberflächliche Tierreportage. «Mehr Wissenschaft und weniger Unterhaltung zu bieten, hat mich mein ganzes Leben begleitet.»

Im Naturwald ist für die bizarrsten Baumgestalten Platz. Baumsämlinge siedeln sich auf einem am Boden liegenden Stamm an, der sie als Amme ernährt. Später steht die Fichte wie auf Stelzen. In einem Wirtschaftswald hätte sie nie eine Lebenschance gehabt, weil ausgemerzt wird, was in der Förstervorstellung nicht einem ordentlichen Baum entspricht.

Als ein Vorläufer der späteren Ratgeberliteratur stand in allen Bücherregalen sein Reitbuch: ‹So verdient man sich die Sporen›. Doch welch eine Ironie. Als der Verlag ihn um ein solches Buch bittet, hat Horst Stern noch auf keinem Pferderücken gesessen. Doch sein Ruf, Anwalt der Tiere zu sein, führte zu diesem Auftrag. Also nimmt er ein halbes Jahr Einzelreitunterricht und schreibt seine Reitschule – eine Reitschule, die mit dem Kavallerieklischee aufräumt. Die Erfahrungen, die er auf dem Sattel gemacht hat, seien direkt ins Buch eingeflossen. «Das Buch habe ich mit dem Hintern geschrieben.» Bis heute ist es die weltweit meistverkaufte Reitschule.

‹Sterns Stunden›, so heißen die 26 Tierfilme, mit denen er in die bürgerlichen Wohnzimmer ein ökologisches Bewusstsein bringen wollte und deren mahnende Bilder die deutschen Landesparlamente beschäftigten. «Ich habe in diesen 26 Filmen alles gesagt, was ich habe sagen sollen, und alles gezeigt, was ich meine, zeigen zu sollen.» Er wäre sicher vom Fernsehen vertrieben worden, so Stern, wenn nicht einzelne Universitäten ihm zur Seite gesprungen wären, als er sich mit allen Jägern und Legebatteriebesitzern anlegte. «Ich habe in diesen Filmen den Menschen vorgeführt, wie er mit den Tieren umgeht. Als sich abzeichnete, dass das Fernsehen mehr der Unterhaltung diente, verließ Stern das Medium und gründete mit Albert Grzymek die Zeitschrift ‹natur›. Und doch scheint es, dass der bild- und wortstarke Journalist mit der Resignation zu kämpfen hatte. Das zeigt sein autobiografischer Roman ‹Klint›. Horst Stern gehört zu den Pionieren des Tier- und Pflanzenschutzes. Er stand am Anfang einer Entwicklung, die die Natur aus wissenschaftlicher Gesinnung als Partner erkennt. Am 17. Januar ist Horst Stern im Alter von 96 Jahren gestorben.

Journalismus, wenn er erfolgreich sein soll (und das kann zu allererst nur heißen: wenn er die Mehrzahl der Menschen erreichen soll), lässt sich nicht ohne Verkürzung und Vereinfachung, Polemik und Emotion betreiben, was immer unsere puristischen Sonntagsredner dazu sagen mögen.

Das Horst Stern Lesebuch

Einem vergifteten Fluss auch noch die seinen Lauf begleitenden ehrwürdigen alten Häuser zu rauben, das erst nähme ihm wirklich das Leben, weil selbst in seinem Spiegel sich dann nichts Menschliches mehr regte.

FAZ, Das Gebirge der Seele

Man rettet den deutschen Wald ja nicht, indem man ‹O Tannenbaum› singt.

Schlusswort in: ‹Bemerkungen über den Rothirsch› (1971)


Foto: Brigitte Friedrich/keystone

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