Warnpfiff des Gewissens

Ein junger Mann, der mit und im Internet aufgewachsen ist, wird zum Whistleblower und schließlich zum Gewissen des Internets. Edward Snowden bringt den wichtigsten Konflikt unserer Zeit auf den Punkt: Was wird akzeptiert – und wo ist der Punkt, gegenzusteuern?


Mit 29 Jahren schockiert Edward Snowden (1983) die Welt: Als Datenspezialist und Geheimnisträger für NSA und CIA deckt er auf, dass die US-Regierung heimlich das Ziel verfolgt, jeden Anruf, jede SMS und jede E-Mail zu überwachen. Das Ergebnis wäre ein nie dagewesenes System der Massenüberwachung, mit dem das Privatleben jeder einzelnen Person auf der Welt durchleuchtet werden kann. Snowden trifft eine folgenschwere Entscheidung: Er macht die geheimen Pläne öffentlich. Damit gibt er sein ganzes bisheriges Leben auf. Für seinen Dienst an der Öffentlichkeit hat er mehrere Preise erhalten, darunter den Alternativen Nobelpreis, den Whistleblower-Preis der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, den Ridenhour Prize for Truth-Telling und die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte. In den USA wird Snowden per Haftbefehl gesucht.

Das Recht, sich den Mächten zu widersetzen

Dieser junge Mann beruft sich auf die Seeleute seiner Familie und auf die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, auf die ‹natürlichen Rechte›, wie sie die Gründerväter nannten: Eines davon war das Recht, sich den Mächten zu widersetzen und sich aus prinzipiellen Gründen entsprechend den Vorschriften des eigenen Gewissens aufzulehnen. Die ersten Whistleblower in der amerikanischen Geschichte waren Männer wie jene aus seiner eigenen Familie: Seeleute, Offiziere der Kontinentalmarine, die zur Verteidigung ihres neuen Landes zur See fuhren. «Als Mitglied einer Küstenwache-Familie war ich immer davon fasziniert gewesen, dass ein großer Teil des Wortschatzes, der in der englischen Sprache mit Enthüllungen zu tun hat, einen nautischen Hintergrund hat. Schon vor der Zeit der U.S.S. Warren konnten Organisationen ebenso wie Schiffe ein Leck (engl. Leak) haben. Nachdem der Dampf den Wind als Triebkraft abgelöst hatte, wurden Absichten und Notfälle auf See signalisiert, indem man in eine Pfeife blies (whistleblowing): ein Pfiff für das Passieren auf Backbord, zwei Pfiffe für das Passieren auf Steuerbord, fünf als Warnung […].»1

Bei den heutigen internetbasierten Enthüllungen hat man das Substantiv ‹Whistleblower› und das Verb ‹leaken› übernommen. In Ländern wie Russland oder China werden dagegen Begriffe benutzt, die einen abwertenden Beiklang im Sinne von ‹petzen› oder ‹verraten› haben. In solchen Gesellschaften müsste es eine starke freie Presse geben, damit derartige Wörter mit einer positiveren Färbung versehen oder neu geprägt würden, die Enthüllungen nicht als Verrat, sondern als ehrenwerte Pflicht darstellen. Wörter wie ‹leaken› und ‹Whistleblowing› werden heute häufig in der gleichen Bedeutung verwendet.

Snowden war das damalige Internet Vater- und Mutterersatz – wie er meint, seiner ganzen Generation. Er ist damit aufgewachsen. Er hat in seinen jungen Jahren eine steile Karriere vollzogen. Mit anderen Computerfreaks wurde er engagiert ohne Hochschulabschluss, um bei der digitalen Neuaufstellung des amerikanischen Geheimdienstes zu helfen. Das ist ihm gelungen und er war wesentlich beteiligt an den notwendigen Programmen zur Überwachung der Bürger und Bürgerinnen. Zu Beginn seiner Laufbahn empfand er das als legitim.

Edward Snowden Graffiti, Quelle: Jessica BKK/ Flickr

In alle Ewigkeit speichern

Seine offizielle Berufsbezeichnung war Systemanalytiker, verantwortlich für die Betreuung der lokalen NSA-Systeme, obwohl er in der Anfangszeit überwiegend als Systemadministrator arbeitete und half, die Systemarchitektur der National Security Agency (NSA, Sicherheitsbehörde) mit der der Central Intelligence Agency (CIA) zu verbinden. Ihm wurde klar, wie viel Macht man besitzt, wenn man als einzige Person in einem Raum nicht nur versteht, wie ein System intern arbeitet, sondern auch, wie es in Verbindung mit verschiedenen anderen Systemen funktioniert. Zwei Eigenschaften der NSA verblüfften Snowden auf Anhieb: Wie sehr sie der CIA an technischer Finesse überlegen war und wie wenig Gedanken sie sich um die Sicherheit all ihrer Abläufe machte, von der Verwahrung der Informationen bis zur Verschlüsselung von Daten.

Tatsächlich war es für ihn sehr beunruhigend, dass die NSA die Nase in Sachen Cyberspionage so weit vorn hatte, aber was Cybersicherheit betraf, so weit hinterherhinkte, sogar beim Grundlegendsten wie der Notfallwiederherstellung oder beim Backup. Snowdens Chefs am Pacific Technical Center (PTC) der NSA sahen ein, dass sie ein hohes Risiko eingingen, wenn sie von vielen Dateien keine Kopien anfertigten, und beauftragten ihn, eine Lösung des Problems zu erarbeiten und sie den Entscheidungsträgern im Hauptquartier schmackhaft zu machen. Das Ergebnis war ein Backup- und Speichersystem, das als eine Art Schatten-NSA fungieren könnte: eine vollständige, automatisierte und permanent upgedatete Kopie des gesamten Materials, das für die Behörde am wichtigsten war. Das würde ihr einen Neustart und die Wiederaufnahme des Betriebs mit intakten Archiven ermöglichen, selbst wenn das Hauptquartier Fort Meade in Schutt und Asche liegen sollte.

Die Kombination aus Deduplikation und ständigen Verbesserungen der Speichertechnik ermöglichte der Behörde, Geheimdienstdaten zunehmend länger aufzubewahren. Während Snowdens Beschäftigung erhöhte die Behörde die angestrebte Speicherdauer von mehreren Tagen auf Wochen, Monate und schließlich auf mindestens fünf Jahre. Nach herkömmlicher Auffassung der NSA war das Sammeln von Informationen nur dann sinnvoll, wenn man sie so lange in der Hinterhand behalten konnte, bis sie nutzbringend zu verwerten waren, und es war absolut nicht vorherzusehen, wann genau das der Fall sein würde. Diese Argumentation befeuerte den größten Traum des Geheimdienstes: Dauerhaftigkeit – alle jemals gesammelten oder erzeugten Dateien in alle Ewigkeit zu speichern und auf diese Weise ein perfektes Gedächtnis, den ‹Permanent Record› zu schaffen.

Das Gespenst des Terrorismus

Snowden liebte sein Land und meldete sich als Computerfreak freiwillig bei der Armee, um seinem Land zu dienen. Dabei verletzte er sich so stark, dass er ausgemustert werden musste. Auf diese Weise kam er wieder zurück zur NSA. Der historische Auftrag an die NSA hatte sich aber grundlegend gewandelt: vom gezielten Sammeln von Kommunikationsdaten zur ‹Sammelerhebung›, der euphemistischen Umschreibung des Geheimdienstes für Massenüberwachung. Damit wurde es Snowden klar, dass er für eine Sache arbeitete und sich einsetzte, die dazu da war, jeden einzelnen Bürger und dessen Daten abzufangen und vor allem zu speichern, um sie später für irgendeine Tat aufzurufen und zu verknüpfen. So wurde er zu dem Menschen, der seine Verantwortung fühlte gegenüber dem Volk. Er überlegte lange, ob er den Weg des ‹Verräters› gehen sollte oder nicht. Die Konsequenzen waren ihm durchaus bewusst und auch, dass er niemanden einweihen konnte, auch nicht seine Frau und seine Familie. Er wurde zum Whistleblower.

Edward Snowden ist der junge Mensch, der ich gerne gewesen wäre, wenn ich zurückdenke an die Studentenunruhen in den 1960er-Jahren: den Protest gegen die Notstandsgesetze. Hier erleben wir einen Menschen, der eine Verantwortung nicht nur fühlt, sondern der sie lebt und die Konsequenzen seines Tuns übernimmt: Hochachtung und Respekt gegenüber dieser Haltung.

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Fußnoten

  1. Edward Snowden, Permanent Record – Meine Geschichte. S. Fischer Verlag, 3. Auflage, Oktober 2020.
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    Sylvia Braun
  • Danke Herr Soldner für diese ausgewogene Ausführung. Man würde ja...
    mgschwindgrieder
  • Danke Annette Bogatay für die Aufklärung diese beiden Begriffe. Genau...
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