Anthroposophie will nicht von Sonntag zu Sonntag

Ein Werkstattgespräch mit Gottfried Stockmar über Sinn, Möglichkeit und Grenzen einer ‹Methode der Anthroposophie› und den Ort ihres Lebens.


Man hat zu wenig geistiges Rückgrat, deshalb schafft man sich in der Methode einen Stab, an dem man sich halten kann. Es ist dies nichts weiter als ein Entäußern, ein Aufgeben des Subjektiven und Persönlichen. Die Methode ist die Krücke für lahme Denker. Starke Geister von vornehmer Denkart kennen keine Methode, sondern nur sich und das Objekt. Nichts tritt für sie zwischen beide.

Rudolf Steiner, Abhandlungen und Fragmente aus dem Nachlass 1882–1924, GA 46, S. 970

Mit diesem frühen Zitat von Rudolf Steiner begann das sich über zwei Tage erstreckende Gespräch, dessentwegen ich nach Hugoldsdorf gereist war. Als Reaktion auf die Anfrage, an unserer ‹Methodenreihe› teilzunehmen, kam von Gottfried Stockmar die Einladung, diese Thematik im Gespräch zu bewegen. Zwischen Kaffeepausen, Holzhacken und fließenden Übergängen zu Gesprächen mit den anderen im alten Gutshaus lebenden Menschen entstanden Umkreisungen um die Frage, mal weiter, mal enger werdend. Das hier abgedruckte ‹Interview› ist der Versuch einer Extraktion des Ganzen. Gilda Bartel

Ist es sinnvoll, nach einer Methode der Anthroposophie zu fragen?

Methode hat für mich etwas Mechanisches. Deswegen sperrt sich etwas in mir. Stell dir vor, du würdest eine Methode verabsolutieren. Ich habe häufig erfahren, dass Menschen glauben, mit einem Schlüssel die Anthroposophie knacken zu können. Diese Schlüssel waren die verschiedenen Methoden. Es war mir immer suspekt, dass man meint, man könnte irgendwas aufschließen und hätte dann die Anthroposophie.

Es gibt ein Extrem, wie Menschen mit Anthroposophie umgehen, die in Richtung Dogmatik geht. Dann gibt es eine Gegenposition, die Verwissenschaftlichung, wo man Distanz von der Anthroposophie schaffen, nicht in ihr sich verlieren oder sie nur glauben will. Dazwischen muss es etwas geben, aber das habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht fragen wir besser: Woran wendet sich die Anthroposophie?

Meinst du, die Anthroposophie hat keine Methode?

Ich würde sagen, sie hat ganz viele Methoden. Symptomatologie ist für Steiner die Methode, wie man mit Geschichte umgeht. In der Einleitung der ‹Grundlinien› wird Goethes Schaffen und Leben mit der Methode von Schiller untersucht. In der ‹Allgemeinen Menschenkunde› ist die Methode folgendermaßen benannt: Man muss den Menschen erst seelisch anschauen (also über Sympathie, Antipathie und Lebenszustände), dann geistig (also über Bewusstseinszustände) und dann den Leib des Menschen über Formzustände. Ich würde sagen, man muss jedes Buch von Steiner mit einer anderen Methode lesen. Und dann muss die Methode von der Sache kommen und nicht von außen angelegt werden. Goethe sagte: «Ich habe eine einheitliche Weltanschauung und nicht eine einförmige.» Er sagte, man muss jedem Gebiet seine angemessene Erkenntnis zuteil werden lassen. Also das Tote kann ich gern zählen, messen und wiegen, aber damit komme ich nicht der Pflanze, dem Leben oder der Seele bei. Da muss ich eine angemessene Form finden, ohne falsche Loyalitäten. Auch Steiner gegenüber muss man sagen können, dass er sich hier oder da geirrt hat oder überfordert war. Es gibt eine Übersetzung von Steiner zu ‹Anthroposophie› als «das Bewusstsein meines vollen Menschentums». Die Dimensionen des Menschseins werden dann von Steiner erschlossen. Es gibt die Werke und Vorträge auf der einen Seite und mich als Resonanzpol auf der anderen Seite. Und dann passiert was oder eben nicht.

Du hast gesagt, dass man zu jeder Sache eine Methode finden muss, die der Sache gemäß ist. Könnte man sagen, dass die Anthroposophie dazu befähigt, das überhaupt zu können?

Man braucht nur zwei Dinge: gesunden Menschenverstand und Unbefangenheit. Gesunder Menschenverstand ist eine Verbindung zwischen Verstand und Leben. Ob man krank oder gesund ist, sind Lebenszustände. Gesunder Menschenverstand ist eine merkwürdige Sache. Haben wir den noch? Was ist der Unterschied zwischen Genauigkeit und wissenschaftlich-analytisch? Man braucht nicht mehr als Genauigkeit. Es ist bestimmt nicht schädlich, wenn man sich ein Erkenntnisrückgrat bildet. Es gibt einen ganzen Band, der ‹Methodische Grundlagen der Anthroposophie› heißt. Und es gibt seit der ‹Philosophie der Freiheit› die zwei Grundlagen: Beobachten und Denken. Ist das schon eine Methode? Anfangen kannst du überall und mit allem. Ich hatte im Lehrerseminar einen inneren Ansatz. Ich wollte den Menschen einen freien Zugang zur Anthroposophie gewähren, weil ich den Eindruck hatte, dass der nicht mehr frei ist. Sie erleben, es wird doziert, belehrt, drin herumgestochert. Das ist kein freier Zugang. Dann haben die Lernenden Anthroposophen vor Augen und glauben, das würde in den Büchern stehen, und keiner liest sie. Aber das steht gar nicht in den Büchern. Es muss in eine Ebene der Wirksamkeit hinein, in der der ganze Mensch angesprochen ist.

Gibt es etwas wie eine Steigerung von ‹Methode›?

In dem Buch ‹Die Mystik im Aufgange …› (GA 7, 1960, S. 99) gibt es ein Kapitel über Nikolaus von Kues, wo Steiner sagt, was die Wissenschaft aus dem Menschen macht: Sie entfernt von der Natur, bereichert den Menschen, kommt an eine Grenze, weil er die Sinneswelt verliert, aber nichts Neues sich auftut. An dieser Klippe lauern alle möglichen Dämonen. Dann gibt es nur noch drei mögliche Wege: dass man zurückfällt in ein naives Verhältnis zur Sinneswelt; dann der Weg der Verzweiflung, dass man weder vorwärts- noch rückwärtskommt. Der dritte Weg ist «die Entwicklung der tiefsten eigenen Kräfte. Für diesen Weg braucht man Vertrauen in die Welt und Mut, diesem Vertrauen zu folgen, gleichviel, wohin es führt.» Dann kommt die Fußnote: Da liegt der Keimpunkt für das Buch ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?›. Die Entwicklung der tiefsten eigenen Kräfte wäre für mich eine angemessene Beschreibung, unabhängig von einer irgendwie gearteten Methode. ‹Wie erlangt man …› ist ein systematischer Weg, wie man zu diesen Fähigkeiten kommt. Aber den wird so niemand gehen. Es ist ein Weg für alle und niemanden. Dann kommen die Mysteriendramen und da sind es schon vier Menschen, die auf ganz verschiedenen Wegen zu dieser Schwelle kommen.

Was ist für dich dann Anthroposophie beziehungsweise gibt es sie überhaupt als eine allgemeine?

Wenn du die Frage stellst, was Anthroposophie ist, befragst du etwas ganz Bestimmtes. Du fragst nach dem Was, willst Begriffe. Wenn du fragst, was sie will, zielt die Frage ganz woanders hin. Wenn du fragst, wie es ihr heute geht, kommst du wieder auf eine ganz andere Schicht. Auf jeden Fall näher an das Leben heran, als wenn ich immer nur nach dem Was frage. Die Frage nach dem Was zielt auf den Tod hin, da sie in einen Begriff gerinnt. Steiner sagte, die Entwicklung gehe so, dass die Menschen früher unbewusste Imaginationen hatten. Dann kam die bewusste Abstraktion, in der wir heute leben. Und jetzt müssen wir in eine bewusste Imagination zu kommen versuchen; es ist also der dauernde Versuch, von einem Begriff ins Bild zu kommen. Das könnte auch als die Beschreibung eines Entwicklungsvorganges verstanden werden. Ich kriege eine Richtung, wo es weitergehen könnte. In Zyklus 23 sagt Steiner öfter: Sehen Sie die Anthroposophie einfach als ein Wesen an, das neben ihnen herläuft, mit dem Sie sich unterhalten können. Ich erinnere mich gern an einen Vortrag von Jörgen Smit, in dem er anfängt damit, dass die Anthroposophie ganz einfach sei und hoch kompliziert. Friedrich Benesch meinte, sie sei eine Strapaze. Mein Gefühl vor ein paar Jahren war, sie stürzt mich in die tiefsten Abgründe und holt mich gleichzeitig wieder raus. Das Grundcharakteristikum seiner Zeit sei, so Steiner, dass Menschen mit Gedanken umgehen müssen, die menschlich nicht zu bewältigen sind. Jetzt könnte ich das umkehren und sagen: Anthroposophie sind Gedanken, die menschlich zu bewältigen sind und die Menschen bilden, atmen lassen, verdauen lassen. Vielleicht ist das Tätigkeitswort zu Methode ‹gehen›. Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg! Das ist auch kein gerader Weg. Der Fluss will mäandern. Im griechischen Wörterbuch heißt ‹Methode›: «Weg, wie man zu einem angestrebten Ziel gelangt.» «Weg zu etwas hin.» Weg oder Gang. Arbeitsweise. Das gibt es auch bei Steiner: Anthroposophie ist die Stiftung einer neuen Arbeitsweise. Ich erinnere mich daran, wie er Rosa Mayreder seinen Weg mit dem Buch ‹Philosophie der Freiheit› beschreibt. Er wusste nicht, wo es hinführen würde, und dass er über Klippen und Abgründe ging, nicht links oder rechts gucken konnte. Bei Methode denkt man gleich an den effektivsten Weg. Aber das ist, glaube ich, nicht gemeint.

Wie ist das Verhältnis zwischen individueller Wirklichkeit und den anthroposophischen Inhalten?

Steiner hatte Tolstois Buch ‹Über das Leben› gründlich gelesen und einen Vortrag darüber gehalten. Sein Kommentar war sinngemäß: Wir leben in einer Zeit, wo die absolute Herrschaft der Form über das Leben ist. Uns ist nur noch gestattet, innerhalb der Form ein mickriges Leben zu führen, anstatt dass sich das Leben selbst eine Form gibt. Wenn sich das Leben ausgeformt hat, müsste man eigentlich wieder von vorne anfangen. Aber das kriegen wir nicht hin. Die Formen werden nicht losgelassen, sterben auch nicht, sondern leben als Gespenster weiter. Es gibt 1923 das Krisenjahr, wo Steiner gemerkt hat, dass die Menschen in der Anthroposophischen Gesellschaft nur noch Formen machten und kein Leben mehr da war. Er sagte: Anthroposophie muss sterben und in jedem einzelnen Menschen neu geboren werden. Das Verinnerlichen geht bis in die Verdauung, wo alles zerstört und neu aufgebaut wird. Das ist wieder dieses ‹Es muss ganz durch mich durchgehen›. In den gleichen Vorträgen sagt er, der schwerste Irrtum der Anthroposophen sei, dass sie die Ausdrucksformen der Anthroposophie für sie selbst genommen haben. Eine ‹Methode› wäre für mich demgemäß: Ich muss sofort durch die Terminologie durch, um an die Kraft zu kommen.

Wie kann man an die Kraft kommen, wenn man dazu zuerst durch eine kräftige Terminologie muss?

Wir waren neulich im Gespräch darüber, was eine Idee ist und was ein Ideal. Unter Ideen stellen wir uns ja etwas ganz Großes vor. Die muss man in die Wirklichkeit kriegen. Eine Idee wäre nur Form, wie eine blühende Pflanze. Aber ein Ideal ist ein Keim, der ins Leben will. Er weiß noch nicht, wie das nächste Blatt aussieht. Er hat Entfaltungskraft, aber noch keine Form. Er ist ein Kraft- und Lebensquell. Wenn er die richtigen Bedingungen hat, wächst er, wo er hin soll, sich gemäß. Ich weiß auch nicht, ob man die Anthroposophie als Kraftquell oder als Blüte auffassen will. Die ‹Allgemeine Menschenkunde› ist ein Keim, ganz fragmentarisch. Die wird man nicht zu einer endgültigen Form pressen können. Aber das versuchen viele. Steiner hat mit dem Keim angefangen und sich weiterentwickelt, ist dabei gereift, was zu bestimmten Formen geführt hat. Die Frage an sein Werk ist: Wie wird das in mir zum Keim? Wenn es beim Willen angekommen ist! Ich verstehe das Werk als Richtung, in die ich gehen kann, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Es wäre eine Frühvergreisung der Anthroposophie, wenn ich nur auf die Inhalte gehen würde. Vor allem junge Menschen lehnen das ab, sie wollen nicht früh vergreisen. Der Kopf generalisiert, der Wille individualisiert. Und der Wille ist Keim. In der ‹Philosophie der Freiheit› kommt es im ersten Teil zur Beobachtung des Denkens. Dann kommt der Satz: «Bei gutem Willen kann das jeder.» Das heißt, du kannst nicht davor stehen bleiben, sondern du musst es wollen. Dadurch, dass ich sie willentlich bearbeite, individualisieren sich Begriffe oder Gedanken. Sie bleiben generell, wenn sie nur gedacht werden. Das wäre für mich Studium: Ich muss rein, in die Gedanken, die an sich immer etwas Allgemeines haben. Der Wille als solcher? Was soll das sein? Auch der Wille muss umgekehrt, aus einem reinen Kraftquell, über das Denken ‹erhellt› werden. Also man muss beides machen: den Willen aus dem Egoismus rauskriegen und den Gedanken aus der Allgemeinheit rauskriegen; über den Willen den Gedanken individualisieren und über den Gedanken den Willen von seinem Selbstbezug befreien. Der Kapitalismus ist ein Versuch, im Willen den Egoismus zu seiner höchsten Blüte zu kriegen. Dagegen würde die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben sprechen. Da gebe ich dem Willen eine bestimmte Richtung.

Wie bist du damit in deinem Leben umgegangen?

Mein Erlebnis um das Jahr 2000 im Lehrerseminar war, dass ich in lauter Blüten gelebt habe. Da hat man ein Jahresprogramm, wo am Anfang des Jahres schon feststeht, in wie viel Zeit du was am 2. Dezember machen wirst. Die ganzen Rechtsformen waren alle schon da. Ich war gar nicht beteiligt am Aufbau. Mein Grunderlebnis war: ‹beredte Unwirksamkeit›. Da habe ich keine Luft mehr bekommen und bin dann in eine Situation gegangen, also hier nach Hugoldsdorf, wo gar nichts klar war, aber ich alles anfassen konnte. Die Beziehungen, das Leben gestalten sich selbst. Meine Erfahrung ist, dass Menschen diese Sattheit kennen und ich kenne niemanden, der glücklich damit ist. Es gibt eine Sehnsucht nach Freiheit, aber auch eine Angst, frei zu sein. Und es gibt sogar eine Scham vor der Freiheit. Steiner eröffnet mir was, aber ich habe unbewusst den Eindruck, dass ich dem nicht genügen kann. Da sagt Steiner, sei die Scham unverdeckt. Die Scham vor der Freiheit behütet mich, dass ich nicht einen Schritt mache, der noch nicht an der Reife angekommen ist. Das begegnet mir permanent. Man muss dieselbe Kraft aufwenden, wie die scheinbare Sicherheit im Leben zu erhalten. Da braucht es wieder Mut.

Moralische Intuition ist ein Keim, in der moralischen Fantasie beginnt er zu wachsen, in der moralischen Technik wird er ausgestaltet. Eine moralische Intuition ist nichts Großes. Es wird groß, aber es beginnt als Keim. Im Verinnerlichen komme ich zu der Quelle, im besten Fall. Die Quelle ist eben klein und dann entfaltet sie sich. Steiner nennt es Wurzelfragen, nicht Blütenfragen. Die Quelle will zur Mündung. In der ‹Menschenkunde› wird es noch schwieriger. Da sagt er: Der Wille ist Keim und muss im Keim gehalten werden. Denn in dem Moment, wo er ausgestaltet ist, ist kein Wille mehr da. Und dann heißt es neu beginnen.

Wie verstehst du das Verhältnis zwischen Idealismus und Anthroposophie?

Während einer Reise nach Thüringen, der Wiege des deutschen Idealismus, kam mir ein Wort von Steiner in den Sinn, das heißt: «Der deutsche Geist hat nicht vollendet.» Damit meinte er den deutschen Idealismus. Um diese Zeit bin ich auf eine Meditation für einen geisteskranken Russen gestoßen. Dieser Russe war ein Philosoph, ein Fichte-Kenner, den Steiner 1906 in Paris traf. Marie Steiner hatte vermittelt und übersetzt. Der Russe begann von Fichte zu erzählen, meinte aber, die Welt sei schlecht und böse. «Und da ich die Welt hervorgebracht habe, habe ich mich bewaffnet und fange an, auf die Welt zu schießen.» Steiner gab dem Russen recht, dass die Welt aus dem Ich entstanden sei, aber er müsse sich daran erinnern, wie er das gemacht habe, wie er die Bäume, die Flüsse, die Sonne, die Menschen, die Schuhe, die Kleider tatsächlich gemacht habe. Aber das könne er nicht. Dann kam Steiner bis zur Mutter des Russen, die dieser ja dann auch geschaffen habe. Und er habe auch sich selbst gemacht. Da jedoch liegt eine Chance, sich zu erinnern, wie er sich selbst gemacht habe. Aber er sei nur den halben Weg gelaufen, wie der ganze deutsche Idealismus nur den halben Weg gegangen sei. Er müsse die zweite Hälfte auch noch gehen. Dann gab er dem Russen diese Meditation: Morgens konzentrieren Sie sich auf Ihre Füße und denken dabei: ‹In euch will ich›. Dann mittags noch mal eine Viertelstunde mit Fokus auf das Sonnengeflecht und ‹In dir fühle ich mich›. Und am Abend Konzentration auf den Kopf und ‹Ich bin›. Wenn er das lange genug machen würde, würde er sich erinnern, wie er sich selbst geschaffen habe. Das war 1906. Da gab es die physische Dreigliederung noch nicht, aber der Keim war da. Das ist die zweite Hälfte des Weges: die Menschenkunde. Nicht die Wissenschaft vom Menschen, sondern die Wirklichkeit vom Menschen. Die erste Hälfte ist trotzdem richtig. Die zweite Hälfte ist die Fortsetzung, jenes, was den Idealismus vollendet oder über ihn hinausgeht. Von Schiller gibt es den Satz: «Glühend für die Idee der Menschheit. Gleichgültig gegenüber meinen Nachbarn.» Der einseitige Idealismus führt dazu, die wirkliche Welt für nicht gut zu befinden, sonst würde man nicht von Ideen oder Idealen sprechen. Insofern ist eine Gefährdung des Idealismus die Verachtung gegenüber der Wirklichkeit. Die andere Seite ist sehr schwer. «Jede Idee, die nicht zum Ideal wird», schwächt. Es gibt eine Gegenüberstellung von Steiner zwischen moralischen Idealen und theoretischen Ideen und was für ein großer Unterschied zwischen ihnen liegt: Das eine ist warm, beweglich, schafft Lebenskeime, das andere ist kalt, fest, tötet und so weiter. Dann muss man sich fragen, habe ich Ideen oder Ideale? Ein richtig erlebtes Ideal ist ein Lebenskeim. Man beugt sich schnell unter eine Idee. Ein methodisches Kriterium für mich ist: Nichts darf an der Freiheit vorbeigehen. Steiner gibt dafür auch bestimmte ‹Schutzvorkehrungen› an, wenn er sagt, man soll seine Sachen als Hypothese nehmen, damit sie einem nicht die Freiheit nehmen.

Beginnt Anthroposophie also mit Idealen?

Für die Pädagogen hat Steiner es so gesagt: Anthroposophie beginnt mit der Überzeugung. Damit hat man das Was. Diese Überzeugung wird zu einer Gesinnung. Das ist das Wie. Aber das reicht auch noch nicht. Die Gesinnung wird zu einer Haltung. Und dann ist sie ganz da. Wenn ich aber nur die Überzeugung habe, habe ich sie mehr als amputiert. Dann habe ich nur ein Drittel. Wenn ich aber nur Handlungsanweisungen befolge, habe ich andere zwei Drittel amputiert. Steckt es in ihr, dass sie diesen Weg will? Anthroposophie beginnt mit Wissenschaft, aber endet dort nicht, sondern steigert sich zur Kunst und endet im sozialen Leben. Das ist ein organischer Zusammenhang, den Steiner auch biografisch gelebt hat. Die Anthroposophische Gesellschaft definiert sich als Erkenntnisgemeinschaft, was für mich nicht geht. Denn dann überlässt man die Praxis den Waldorflehrern und -lehrerinnen, den Biobauern, den Praktizierenden. Der Weg geht vom Was zum Wie zum Wer. Wer steht da jetzt vor mir? Den möchte ich erleben. Nicht ‹Kannst du mir einen Vortrag über Freiheit halten›, sondern: ‹Kannst du frei sein? Zeig mir das.›

Steiner sagte einmal: Die Leute suchen für Probleme Antworten im Denken. Aber das Denken gibt nur den Ansatz. Die Probleme entstehen im wirklichen Leben und wollen auch dort gelöst werden. Er hätte keine Gedanken gemeint, sondern die Wirklichkeit, aber ausdrücken müsse man sich in Gedanken. Aus meinem Umgang und Verständnis der Anthroposophie ist mein Eindruck, dass alles immer mehr zur Willensfrage wird. Dafür braucht man Mut. Meine Überzeugungen kann ich relativ schnell wechseln. Aber der Mut, die bürgerliche Existenz aufzugeben, ist eine ganz andere Sache. Irgendwann steht man vor dieser Frage. Im Denken haben wir alles drauf, aber hat es Folgen?

Handelt es sich also nur dann um Anthroposophie, wenn sie sich im Leben verwirklicht?

Steiner machte kurz nach der Weihnachtstagung die Bemerkung: Es seien schon sehr viele Menschen durch die Anthroposophie angeregt worden. Das Wort ‹anregen› hat für mich viel mit Leben zu tun. Er sagte eben nicht, dass viele Menschen durch die Anthroposophie eine Antwort für ihre Lebensfragen bekommen haben, sondern das Leben wird angeregt. Dass man geistige Spannkraft kriegt. Eine Anregung ist lebensfördernder als eine fertige Antwort. Es gibt ja den viel zitierten ersten Leitsatz: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte.» Das ist das Was. Der zweite Satz heißt aber: «Sie tritt im Menschenwesen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf.» Das ist das Wie, die Sehnsucht. Es geht aber noch weiter: dass Menschen gewisse Fragen haben, die so stark sind wie das Bedürfnis nach Essen und Trinken. Es geht also vom Was über die Sehnsucht und dann bis in die Lebensvorgänge. Das ist auch wieder das ‹einmal ganz durch›.

Ist das Fühlen ein Weg der Verinnerlichung, um die Trennung, die das Denken hervorrufen kann, zu überbrücken? Es heißt ja nicht, ‹sie tritt als Denkbedürfnis auf›.

Man setzt erst mal bei der Atmung ein und nicht nur im Geistigen oder im Willen. Die Seele als die Mitte des Menschen ist das Nächstgelegene. Nietzsche sagte: «Ich rieche, was ich lese, ob es lebensfördernd oder lebenshinderlich ist.» Das geht ja noch über das Angenehme hinaus. Im Bezug auf das Bedürfnis nach Essen und Trinken spricht er von Fragen. «Gewisse Fragen treten auf.» Fragen sind ja auch Keime, keine Blüten. Und dann: Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, nicht ein Erkenntnisinhalt. Was treibt dich um?, wäre eine schöne Frage, die mehr in Richtung Keim geht.

Was war der Ausgangspunkt deiner Sehnsucht, Not, Suche?

Am Anfang auf jeden Fall zwei Sachen: Einmal einen nicht zu bezweifelnden Grund in mir selbst zu finden. Und dann die Freiheit selbst. Wie komme ich dahin und aus dem anderen raus? Aber die Freiheit hat noch so unendlich viele Aspekte, bis ins Physiologische hinein. Dann habe ich noch ganz viele andere Sachen gemacht, aber die Freiheit ist doch die ganze Zeit geblieben. Es gibt im Zusammenhang mit der Weihnachtstagung im Nachhinein eine Beschreibung von Steiner, wo er sinngemäß sagt: Wenn Sie diese Tagung als etwas ansehen, was in sich geschlossen ist, dann haben Sie nichts verstanden. In meinen Worten: diese Tagung will leben. Sie war ein Keim, der wirksam werden will. Eine Tagung ist kein Abschluss, sondern ein Ausgangspunkt. Die Anthroposophie will unter Menschen leben. Es gibt eine Frage und dann fängt man an, ins Gespräch zu kommen, inklusive Reibungen. Und irgendwann fängt es an zu leben, man lernt sich kennen. Das braucht Zeit und ist für mich ein Lebensvorgang. Mein Ausgangspunkt war die ‹Philosophie der Freiheit›. Irgendwann kam das Bedürfnis auch nach anderem. Zum Beispiel: Wie lebt die Freiheit im sozialen Leben oder kann ich das nur allein? Bis ich am Ende gefragt habe, wie hoch eine Tür sein muss, damit ein freier Mensch durchgehen kann. Das habe ich mir aber nicht ausgedacht, sondern es ist einfach so gegangen. Deswegen bleibt bei mir der Geschmack, dass eine Methode zu mechanisch ist. Das hat mit einem Lebensvorgang nicht viel zu tun. Das erste Mysteriendrama beginnt nach einem Vortrag, von dem man gar nichts hört, sondern es geht nach dem Vortrag los. So stelle ich mir das vor: Die Anthroposophie will ins Leben und nicht von einem Sonntag zum nächsten. Ich habe das ja selbst Jahrzehnte gemacht, diese ‹Veranstaltungsanthroposophie›. Ich konnte das irgendwann nicht mehr. Ich habe oft das Bedürfnis, dass die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie normal, alltäglich werden muss. Ich beginne, in der Anthroposophie zu leben, und sie lebt in mir. Das ist ganz normal, nichts Überhöhtes.


Zu den Bildern

Miriam Wahl studierte Malerei in Alfter (2012–16) und Marburg (2018–21). Dazwischen freie Studienzeit an der Forschungsstelle Kulturimpuls und der Malerwerkstatt am Goetheanum (2017/18). Künstlerische Arbeit, Unterrichts- und Seminartätigkeit in diversen Kontexten, interdisziplinäre künstlerische Zusammenarbeit im Kolloquium ‹Bühne heute›.

Die Aquarelle der Fenster-Bilder- Serie entstanden von März bis Juli 2021 an ihrem Tisch am Fenster in Marburg. Sie sind Teil eines Künstlerbuches, welches in Bild und Wort das Fenster als Ort der Schwelle umkreist. In der Analogie von Bild und Fenster geht es um eine Art des Schauens, das weder das sehnsuchtsvolle Heraus-in-die-Welt-Schauen noch ein Sich-im-eigenen-Innenraum-Spiegeln ist, sondern das sich aufhält und verweilt am Ort des Übergangs, Bewusstsein an dieser Schwelle zwischen Innen und Außen schafft. Im aktiven Mitvollzug der Bewegung der Farben in der Fläche kann dieser Ort erlebbar werden.

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