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«Sabaheddin erzählte mir von Rudolf Steiner, der sein persönlicher Freund war»

Der britische Mathematiker und als spiritueller Lehrer tätige John G. Bennett (1897 – 1974) erzählt in seinen Lebenserinnerungen ‹Das Durchqueren des großen Wassers› (1), wie nach einer intensiven Nahtoderfahrung am Ende des Ersten Weltkriegs seine spirituelle Suche begann.


Als er nach seiner schweren Verwundung zur Genesung in England war, konnte er an einem vom Kriegsministerium angebotenen Türkischkurs teilnehmen. 1919 wurde er dann zur britischen Besatzungsarmee nach Konstantinopel entsendet. Vor allem wegen seiner brillanten Türkischkenntnisse hatte er dort bald eine führende Stellung im britischen Geheimdienst inne.

Bennett beschreibt anschaulich das alte Konstantinopel, von dem er deutlich wahrnahm, dass es vor einem großen Umbruch stand. Seine innere Suche führte ihn zunächst in die Derwisch-Orden, die ihn sehr beeindruckten. Wie stark das Derwischtum als Schulungsweg damals in der Türkei noch lebte, wurde ihm bei einem Besuch des türkischen Justizministers deutlich: Er erkannte in dem Minister einen der tanzenden Derwische wieder, die er wenige Tage zuvor gesehen hatte.

Zwei Menschen legten ihm ans Herz, er müsse Prinz Sabaheddin kennenlernen. Er nahm dies als Schicksalszeichen und besuchte den Prinzen, der der erste Mensch werden sollte, der in ihm «ein Gefühl von einer spirituellen Wirklichkeit» weckte.

Prinz und Demokrat

Sultanzade Mehmed Sabaheddin, geboren am 13. Februar 1879 in Konstantinopel und studierter Soziologe, war ein Enkel des Sultans Abdulmejid I. (1823–1861). Obwohl er Mitglied der osmanischen Herrscherdynastie war, setzte er sich für eine demokratische und sozialreformierte Türkei ein, in der die individuelle Initiative des Einzelnen ihren Platz finden sollte. Im Laufe seines Lebens musste er – je nach politischer Lage – wiederholt die Türkei verlassen. Zuletzt wurde er, wie alle Mitglieder des Hauses Osman, nach Atatürks Machtergreifung 1924 per Gesetz aus der Türkei verbannt. Er lebte bis zu seinem Tod (1948) in Neuchâtel in der Schweiz.

Es war im Jahr 1920, als Bennett den Prinzen erstmals in seiner Villa Kuru Chesme über dem Bosporus besuchte. Von da an kam er wöchentlich zum Diner, um lange Gespräche mit dem Prinzen zu führen: «Sabaheddin war einer der kleinsten und schlanksten Männer, die ich je gesehen habe, aber er strahlte so viel Würde aus […].» Dieser versuchte, die Bildungslücken des jungen Mannes mit Literaturempfehlungen zu füllen. Eines der ersten Bücher, die der Prinz Bennett zum Lesen mitgab, war Schurés ‹Die großen Eingeweihten›.

 


Prinz Sabbaheddin, jung

Prinz Sabbaheddin, jung

 

Tief beeindruckt war der junge Brite davon, wie Sabaheddin über Christus sprach, «auf eine Weise, wie ich noch nie jemanden hatte sprechen hören. Natürlich war er in der islamischen Tradition aufgewachsen. Er hatte östliche Religionen studiert, vor allem den Buddhismus, fand aber nirgendwo Friede außer in der Kontemplation Jesu Christi. Ein Strahlen kam in sein Gesicht, als er von dessen Liebe für die Menschheit sprach. Ich sah wohl, dass göttliche Liebe eine Realität für ihn war – ganz anders als für die Priester, die mir den Sinn des christlichen Glaubens zu vermitteln versucht hatten.»

John Bennett lernte zwei Menschen bei Sabaheddin kennen, die für sein Leben von großer Bedeutung werden sollten: die 22 Jahre ältere, in Indien aufgewachsene Britin Winifred Beaumont (1875–1958), die seine zweite Frau werden sollte, und den griechisch-armenischen Okkultisten Georges I. Gurdjeff (1866?–1949), dessen Schüler er später wurde. Zu einem Wiedersehen mit dem Prinzen kam es, nachdem er und Beaumont 1922 Konstantinopel verlassen hatten, nicht mehr. Angeblich, so Bennett, begann der Prinz in seinem Schweizer Exil «zu trinken und starb in großer Armut».

Sabbaheddins «persönlicher Freund»

Erstaunlich ist nun, dass Bennett auch schreibt: «Sabaheddin erzählte mir von Rudolf Steiner, der sein persönlicher Freund war, und von den Lehren der Theosophie und Anthroposophie.» Rudolf Steiner also persönlicher Freund dieses türkischen Prinzen?

Tatsächlich geht aus einigen auf Französisch geschriebenen Briefen und Karten von Prinz Sabaheddin an Marie Steiner hervor, dass er Rudolf Steiner kennengelernt und persönliche Gespräche mit ihm geführt hat. Im Brief vom 12. September 1919 schreibt er: «In letzter Zeit, als ich bei unseren Freunden war, sprachen wir so oft über Sie und unseren lieben Meister. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ihm meine Gefühle der Verehrung und tiefen Dankbarkeit vermitteln würden. Wenn ich nicht noch drei oder vier Wochen hier bleiben müsste, wäre ich sofort zum Doktor und zu Ihnen gekommen […]. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, Sie wiederzusehen, vor meiner wahrscheinlichen Abreise in mein Land (2) […]. Ich werde unsere guten Erinnerungen sicherlich an Herrn Locking weitergeben, sobald ich das Vergnügen habe, ihn zu sehen.» (3)

Vermutlich war der Prinz Rudolf Steiner bei der Internationalen Völkerbundkonferenz in Bern im März 1919 begegnet und hatte seinen Vortrag dort gehört. Er war einerseits ein spiritueller Sucher, man kann sich aber auch vorstellen, dass er sich in der Suche nach einer sozialen Modernisierung seines Landes und der Hochschätzung der privaten Initiative von der Idee der sozialen Dreigliederung hätte anregen lassen, wenn er je die Möglichkeit gehabt hätte, in seinem Land politisch zu gestalten.

Dass Sabaheddin auch mindestens einmal in Dornach war, beweist ein undatiertes Kärtchen, das er in Haus Pyle geschrieben hat – vermutlich erst nach Rudolf Steiners Tod, wie der Inhalt der Karte nahelegt: «Prinz M. Sabaheddin, zur Zeit in Dornach, macht es sich zur sehr angenehmen Pflicht, Frau Marie Steiner seinen Respekt zu zollen und ihr gleichzeitig seine tiefe Dankbarkeit und Bewunderung für das wunderbare geistige Œuvre auszudrücken, dem sie sich dankenswerterweise gewidmet hat.»

Eine dritte Karte ist 1940 in Beatenberg geschrieben, acht Jahre vor Sabaheddins Tod – und zeigt, dass er sich auch weiterhin mit dem Werk Rudolf Steiners beschäftigt hat: «Zum Thema einer türkischen Übersetzung des Buches des verehrten Meisters ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› möchte ich Sie bitten, mir ein paar Gesprächsmomente zu reservieren … […]. Ich schlage daher vor, am Freitag, den 7. dieses Monats, um 17 Uhr in Ihr Haus zu kommen. Wenn Ihnen dieser Tag jedoch nicht passt, seien Sie so freundlich, mir einen anderen Tag zu sagen. Falls Sie nicht antworten, werde ich zu dem angegebenen Datum ins Chalet Heimat kommen.» (4)

 


Sultanzade Sabbaheddi

Sultanzade Sabbaheddi

 

«Mein junger Freund braucht Ihre Hilfe»

Bemerkenswerterweise liegen aber auch zwei (ebenfalls französisch geschriebene) Briefe von Winifred Beaumont im Rudolf-Steiner-Archiv vor, die beide um die Jahreswende 1922/23 entstanden sind. Sie schreibt aus Lausanne am 17. Dezember (5) zunächst an Marie Steiner: «Ich wende mich an Sie, da ich dachte, mich zu erinnern, dass Dr. Steiner eine Privat­sekretärin neben sich hatte. […] Wir kommen aus Konstantinopel, wo ich Prinz Shebaheddin oft sah. Er erzählte uns von Dr. Steiner und lieh uns ein paar Bücher.»

Und nun bringt Winifred Beaumont den Wunsch vor, «den Meister zu sehen, um mit ihm über ernste Dinge zu sprechen – vor allem über einen Plan – eine Idee –, dass wir bestimmte Schulen der Forschung und Beobachtung einrichten müssen – Prinz Sabaheddin hat viel über dieses Vorhaben nachgedacht.» Sie erzählt weiter, dass sie gern Rudolf Steiner in London getroffen hätten – er war vom 8. bis 21. November 1922 dort gewesen –, «aber wir erfuhren, dass er einige Tage nach unserer Abreise ankommen würde». Sie bittet darum, dass «Dr. Steiner uns einen Tag angibt», an dem sie zu Besuch nach Dornach kommen könnten. Und sie schließt den Brief mit der inständigen Bitte: «Wir haben so einen großen Wunsch, ihn zu sehen – ich und ein junger Freund des Prinzen – wir hoffen, dass sich unser Wunsch erfüllt.»

Der «junge Freund des Prinzen» war kein anderer als John Bennett. Er und Winifred Beaumont hielten sich in Lausanne auf, da dort auf Initiative des Völkerbundes seit 30. November 1922 über einen Friedensvertrag für die türkisch-griechischen Konflikte verhandelt wurde.

Damals hätte John Bennett also Rudolf Steiner begegnen können. Doch offensichtlich kam keine Antwort aus Dornach, sodass Winifred Beaumont am 1. Januar 1923 erneut schrieb, jetzt direkt an Rudolf Steiner: «Lieber Meister. Lassen Sie uns zu Ihnen kommen! Mein junger Freund reist nach Konstantinopel – und er braucht Ihre Hilfe. Ich habe bereits an Ihre Sekretärin geschrieben – verzeihen Sie mein Drängen und geben Sie uns bitte einen nächsten Termin. Die Abreise wird voraussichtlich in wenigen Tagen erfolgen. Hochachtungsvoll Ihre ergebene Winifred Beaumont».

Beaumont hatte also damals die Wahrnehmung, ihr «junger Freund» sei dringend der Hilfe Rudolf Steiners bedürftig. Doch war diese Karte am Tag nach dem Goetheanumbrand geschrieben – und man kann sich vorstellen, dass Rudolf Steiner in dieser Situation keine Antwort geben und auch keine Besucher empfangen konnte und wollte.

Stattdessen fuhr John Bennett, der in London schon verschiedene Vorträge des Gurdjeff-Schülers P. D. Ouspensky gehört hatte, Anfang Januar 1923 für ein Wochenende in das Institut Gurdjeffs in Fontainebleau, wo engere Beziehungen zwischen ihm und Gurdjeff geknüpft wurden.

Wie hätte sich sein Schicksal wohl entwickelt, wenn Bennett, der unzweifelhaft spirituell Begabte, stattdessen nach Dornach gefahren wäre und mit Rudolf Steiner hätte sprechen können?


(1) Oberbrunn 1984. Der englische Titel lautet ‹Witness. The story of a search› (London 1962, überarb. u. erw. 1974). Die folgenden Zitate beziehen sich auf die 2. Auflage. Den Hinweis auf Bennetts Begegnung mit Sabaheddin verdanke ich Wolfgang Tomaschitz.
(2) 1919 kehrte er wieder einmal voller Hoffnungen, seine Pläne für sein Land verwirklichen zu können, in die Türkei zurück.
(3) Die Briefe befinden sich im Rudolf-Steiner-Archiv, Dornach.
(4) Es ist nichts darüber bekannt, ob diese Übersetzung zustande gekommen ist.
(5) Sie schreibt aus dem Hotel Cecil in Lausanne, während Bennett in seinen Erinnerungen schreibt, sie hätten damals im Hotel Beau Rivage gewohnt. Bennett erwähnt nichts über einen beabsichtigten Besuch bei Rudolf Steiner.

Titelbild: Winifred Beaumont

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