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Das Mysterium des Willens

Um den menschlichen Willen und seine Möglichkeit zur Freiheit zu verstehen, lohnt es sich, Rudolf Steiners zweite Nebenübung, die Willensübung, zu studieren.


Die Frage nach der Willensfreiheit zieht sich wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte. Man kann sie als die menschliche Frage par excellence bezeichnen. Sie bewegt nicht nur Philosophen, Psychologen und Neurologen, sondern jeden, «bei dem nicht das Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters ist». (1) Die von Rudolf Steiner meistens als «zweite Nebenübung» angegebene Aufgabe gibt einen überaus praktischen Einstieg in diese Frage nach dem Willen: Indem wir in dieser Übung die Kontrolle über unser Handeln steigern, überzeugen wir uns, dass wir selbst es sind, die hier handeln. Wir werden uns gewiss, dass das Ich den Willen zu beherrschen vermag – oder wie es die Philosophie formuliert, dass tatsächlich eine Freiheit des Willens vorhanden ist. Bliebe sie im Theoretischen, würde die Frage in eine uferlose Debatte münden, doch über den Weg der Erfahrung erhalten wir Aufschluss über diese Wesensfrage des Menschseins.

Magisch, nicht bewusst

Wie frei man im Willen ist, das ist ein Rätsel, denn im Handeln sind wir ‹magisch›. So stellen wir uns unmittelbar der Schwerkraft entgegen, wenn wir aufrecht stehen und gehen. Wir gehen, allgemeiner gesprochen, mit den tellurischen Kräften um, wenn wir unseren Leib mit der Ichorganisation durchdringen. (2) Die Kraft der Glieder fügt sich so in unseren Willen ein. In diesem Sinne heißt es im Grundsteinspruch: «Menschenseele, du lebest in den Gliedern, die dich durch die Raumeswelt in das Geistesmeereswesen tragen.» Die Glieder tragen nicht nur den oberen physischen Menschen, sondern sie bewegen uns auch als Seele durch den Raum. Sie kommen uns gleichsam im Tun entgegen. In den Gliedern – sie stehen hier für alles, was sich im Menschen muskulär bewegen lässt – bewegen wir uns ja im Hinblick auf ein Ziel. Der Mensch «vergisst seinen Organismus, indem er will. In seinem Willen gehört er seiner Natur nicht an. Er gehört da dem Geist-Reich der ersten Hierarchie an.» (Leitsatz 61) (3) Im Wollen müssen wir uns ja so verhalten, dass wir aus uns herauskommen und in der Welt wirken. Wenn wir nun nicht selbst einsehen, wie das bewusste Menschenwesen dies tut, so muss da unmittelbar mit unserem Streben nach außen ein Höheres mit seiner Kraft in uns wirken, um dieses zu gestalten: «Die Wesenheiten der ersten Hierarchie offenbaren sich in einem außermenschlichen Geistschaffen, das dem menschlichen Wollen als kosmisch-geistige Wesenswelt innewohnt. Dieses Kosmisch-Geistige […] gestaltet den Zusammenhang des Menschlich-Wesenhaften mit der außermenschlichen Welt.» (Leitsatz 68) (4) Gerade dadurch tragen uns die Glieder «ins Geistesmeereswesen», wie es der Grundsteinspruch besagt. Durch dieses Doppelwesen im Wollen fließt in unser Handeln unser Karma ein. Im Nachsinnen über mein Handeln wird mir dies nach und nach erst sichtbar und ich erlebe, wie die Welt an mir mitgestaltet. (5)

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Um sich als Persönlichkeit, als Ich zu verwirklichen, muss dieses Ich aus eigener Tätigkeit handeln.

Was üben wir in der Willensübung?

Rudolf Steiner bezeichnet die Willensübung einmal als «Herr werden im Willen», um «Folgerichtigkeit im Handeln zu erzielen», dann als «Kontrolle der Handlungen», «Initiative des Handels» oder einfach als «Übung des Willens». (6) Man nimmt sich vor, jeden Tag etwas zu verrichten, was man üblicherweise nicht tun würde, was nebensächlich ist. Wichtig ist vielmehr, dass die Handlung eigener Initiative entspringt und von dem Handelnden selbst bestimmt ist und täglich wiederholt wird. Die Handlung soll also allein aus eigner Initiative ergriffen werden. So freut sich Rudolf Steiner beispielsweise darüber, dass «ein Herr […] in seinem Büro täglich sieben Schritte nach vorne und sieben nach rückwärts» (7) ging. Das Problem des Wollens ist oft, dass keine klare Vorstellung darüber besteht, was man will.8 Bilde dir also eine klare, eigene Vorstellung und bleibe dabei. Handle ‹folgerichtig›, doch ohne mit den sonstigen Aufgaben in Konflikt zu geraten. Man «gehe seinen Pflichten nach wie vorher»9, so ein Grundsatz der inneren Schulung. Im Kleinen betätigen wir uns übend auf diese Weise schon im Erkennen auf den Stufen, die Rudolf Steiner in der ‹Philosophie der Freiheit› schildert: 1. Intuition: die Initiative, 2. moralische Fantasie: die möglichst konkrete Vorstellung von der Handlung und 3. moralische Technik: die Handlung geschickt in die bestehende Wirklichkeit mit ihren eigenen Gesetzen einfügen. (10)

Fichtes Einsicht

Um sich als Persönlichkeit, als Ich zu verwirklichen, muss dieses Ich aus eigener Tätigkeit handeln. Zugleich ist die Tätigkeit keine in sich selbst zurückzuführende. Das Ich erkennt und handelt. Fichtes Einsicht war, dass das Ich nie wesenhaft sein würde, wenn es nicht im Voraus in Wechselwirkung mit der Welt stehen würde. Wir sind dadurch ein waches Ich, dass wir in der Welt sind. Fichtes abstraktere Formulierungen machen es dabei nicht leicht, ihm zu folgen, aber die knappen Sätze sind eigentlich wunderschön und haben den jungen Rudolf Steiner inspiriert und ihm den Weg gewiesen zu seiner Philosophie. Das Ich ‹setzt› sich selbst (erster Grundsatz). Das Selbstbewusstsein muss zuletzt Eigenleistung des Ich sein, sonst wäre es tierisches Bewusstsein, ganz versenkt in anderes. Ob aus Gott geboren oder nicht, lässt Fichte zuerst offen. Nun ist das Selbstbewusstsein nur möglich, wenn die Tätigkeit an etwas anstößt, was dem Ich das Bewusstsein von seiner Tätigkeit vermitteln kann, das ihm gegenübersteht. Das Ich ‹setzt› also das Nicht-Ich (zweiter Grundsatz). Nun kann es nicht eine Tat der Welt sein, sich als Ich in Beziehung zur Welt, dem (Nicht-Ich), zu setzen. Sonst wäre die selbstbewusste Tätigkeit wieder verloren und es würde die Welt in uns denken und handeln. Das Ich muss sich also in dieser Wechselwirkung selbst ‹setzen›, dieses Verhältnis selbst bestimmen und zugleich darin bestimmt sein (dritter Grundsatz). Die Fichte-Forschung ist dabei zur Überzeugung gekommen, dass man Fichtes Philosophie nur von diesem dritten Grundsatz her verstehen kann. Wer glaubt, Fichte stelle ein selbstherrliches Ich an die Spitze der Persönlichkeit, das alles selbstsetzend hervorbringt, versteht ihn schlecht. (11) Erst im Handeln erfährt das Ich, dass es dem Nicht-Ich (Welt) wesensgleich sei, denn es bildet die Welt um und prägt ihr sein Innerstes auf. Das Ich soll die Welt in der Pflichtbetrachtung überwinden, um in ihr sich zu finden.

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Erst im Handeln erfährt das Ich, dass es dem Nicht-Ich (Welt) wesensgleich sei, denn es bildet die Welt um und prägt ihr sein Innerstes auf.

Doch zögert Fichte durch seinen ‹Kantianismus› mit dem letzten Schritt, dass im Wissen der Welt nicht immer nur das Bild der Welt ist, sondern der Geist der Welt, der sich im Menschen selbst ausspricht. Hegel tat diesen Schritt in seiner Erstpublikation, der ‹Differenzschrift›12, und der junge Rudolf Steiner in ‹Wahrheit und Wissenschaft› in Auseinandersetzung mit Fichte. (13)

Inneres Spiegeln im Handeln

Für uns ist nun jedoch etwas anderes wichtig, nämlich dass das Ich in seinen Reflexionen und in seinem Handeln ein Bild von sich gibt. Fichte sah, dass das Ich für das Selbstbewusstsein diesen Spiegel braucht. Sonst bliebe das Ich untätig in sich und wäre dann auch kein (selbstbewusstes) Ich. Im Schlaf sind wir demnach auch nicht als Ich ‹da›. Wenn das Ich sich selbst zum Bild wird, ist dies die Stufe, dass das alltägliche Ich aus der Zuwendung zur Außenwelt, sich übend, also im Ätherleib, bewusst werden kann. So die Beschreibung der Nebenübung. Rudolf Steiner unterscheidet nun die vier Stufen des Selbstbewusstseins: 1. das Ich im gewöhnlichen Bewusstsein (Selbstgefühl und Identitätsbewusstsein); 2. das ‹Ich als tätige Wesenheit, erfasst im Ätherleibe als Bild›; 3. im Astralleib das Ich, erfasst als Offenbarung und Glied einer geistigen Welt, von der es seine Kräfte erhält; und 4. das Ich, erfasst als selbständige eigene Wesenheit in der geistigen Umwelt (13. Leitsatz). (14) Man kann auch sagen, wir unterscheiden das Ich auf den Stufen von: 1. Werk, 2. Wirksamkeit, 3. Offenbarung und 4. Wesen (vgl. Leitsatz 112). (15)

Finden wir das Ich in der inneren Selbstbeobachtung der Intuition im reinen Denken in der ersten Nebenübung, so versuchen wir in der dritten Nebenübung das Fühlen kosmisch zu erweitern. In der Kontrolle des Willens dagegen werden ‹wir› uns Bild – im tätigen Handeln. Dafür ist uns wichtig, dass wir den Umweg durch das Denken nehmen (die erste Nebenübung wird daher vorausgesetzt). Wir sollen uns eine ganz bestimmte Vorstellung einer selbst gewählten Handlung bilden. Es nützt hier nichts, eine gehorsame Tat zu verrichten, wenn sie auch noch so praktisch wäre. Wir müssen üben, zu erfahren, dass wir uns eine einfache Aufgabe stellen, die Rudolf Steiner eine ‹Schöpfung aus dem Nichts› nennt. Dann erfahren wir, dass sie nur da ist, weil wir sie tun wollen (nicht ‹müssen›). Wie kommt man zu einer solchen Tat, denn, könnte man entgegnen, aus nichts wird nichts? Auch dies macht Rudolf Steiner praktisch durchführbar, wenn auch ein Tiefes sich darin verbirgt: Die Welt ist aus Karma geboren und Karma wirkt in unseren Willen. Nun ist die Welt aber da. Die Gedanken fügen ihr und damit den Dingen Beziehungen zu, die eben nicht als Naturwirkung oder Karma in ihr bereits liegen. Zum Beispiel sagt Rudolf Steiner, man nehme eine Vorstellung von etwas, einem Menschen oder einem Vorgang, und bilde den Begriff der umgekehrten Version davon. Schwarz wird Weiß, groß wird klein, den Zeitverlauf rückwärts vorstellen usw. (16) Wie Bach aus einem Thema eine Fuge entwickelte, indem aus steigenden Intervallen absteigende werden, das Thema zusammengedrängt oder ausgedehnt wird, zuletzt in Krebsgang rückwärts vorkommt usw., so können wir etwas Gegebenes nehmen und wirklich Neues denkend hinzufügen. Man tue und ‹untue› eine Handlung, so wie der vorbildliche Herr sieben Schritte in seinem Büro tat und sie wieder zurückging. Man sollte nur selbst eine solche Vorstellung sich erschaffen.

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Im Bild wird das Licht ‹vernichtet›, stirbt es, denn im Bild ist es nicht mehr aus sich oder in sich geschlossen. Das Bild offenbart dennoch zugleich das Gesetz, durch welches es entstand und das uns zurückführt zum Licht.

So haben wir, wenn wir in einer solchen selbst hervorgebrachten Vorstellung sind, ein Bild der reinen Intuition (die sonst freilich mehr Wirklichkeit in sich enthält als eine solche bloße Vorstellung). Wenn wir diese Vorstellung eigenmächtig verwirklichen, ist unsere Handlung wieder ein Bild dieser Vorstellung und zugleich auch Musterbild einer freien Tat: «Freiheit muss dem menschlichen Wollen zugesprochen werden, insofern dieses rein ideelle Intuitionen verwirklicht. Denn diese sind nicht Ergebnisse einer von außen auf sie wirkenden Notwendigkeit, sondern ein auf sich selbst Stehendes. Findet der Mensch, dass eine Handlung das Abbild einer solchen ideellen Intuition ist, so empfindet er sie als eine freie.» (17) Wir sind im Tun uns selbst als Denkender also Bild. Weil wir in der Handlung ein Bild unserer freien Gedanken haben.

Natürlich können wir das unmittelbar im Denken erfahren, aber da ist es um einen Grad schwieriger, denn, so Rudolf Steiner in Kapitel III der ‹Philosophie der Freiheit›, wir vergessen fortwährend das Denken, während wir es tun. (18) Die Fähigkeit, uns im Denken selbst zu erfahren, hat «bei gutem Willen jeder normal organisierte Mensch». (19) Wir setzen diese Fähigkeit bei der zweiten Nebenübung ein. Wir wüssten aber sonst nicht, dass es unsere ureigene Erfindung war, die wir nun in die Tat umsetzen, um in der Welt ein Bild, ein Spiegelbild unseres eigenen Tuns zu haben.

Indessen erfahren wir uns dabei selbst als im Ätherleib tätig, erleben den Trieb, tätig zu sein: «Bei der zweiten Nebenübung, bei der man zu gewissen, bestimmten Zeiten den Willen anspannt zu irgendeiner Tätigkeit, da wird man mit der Zeit fühlen, nach der Übung, wie wenn man in seinem Ätherleib tätig gewesen wäre; man hat das Gefühl: Ich habe mich in meinem Ätherleib erfühlt.» (20) Man erlebt seine Wirkung im Äther, wo man sich dem Gegendruck der äußeren Elementarwesen widersetzen muss. Man hat darüber hinaus das Gefühl der Festigkeit und Freiheit (astralisch). Gleichsam durch diese Schichten hindurch schaut man zuletzt wissend auf seine selbst erfundene Tat und blickt damit, wie anfänglich auch, in das Mysterium des unabhängigen Ich (als Wesen unter Wesen) hinein.

Fichtes energisches Licht

Nun können wir verstehen, warum Fichte dieses Erlebnis des Sichbewusstwerdens des eigenen Tuns nicht von der Erfahrung des wirklichen Lebens unterscheiden wollte. Denn Fichte war auch im Denken ein Tatenmensch (21) Die höchste Realität ist ihm das ‹Seyn› als die notwendige, aber unbegreifliche Voraussetzung des Bewusstseins und der Welt. Das ‹Seyn› hat Realität aus sich, ist ungeteilt und ‹geschlossen›. Im Begriff fassen wir das Sein der Welt, wo das eine ‹durch› das andere existiert, nicht aber das ‹Seyn›, das Fichte auch Gott oder Licht und Leben nennt. Dies ist selbst grundlos, besteht aus sich selbst. Im Begriff dagegen haben wir alles abgrenzend und beziehend stets das Fixierte, totes Sondersein. Nun ist aber unsere freie Tätigkeit der Philosophie durch ‹energisches Denken› unser Erheben zum Wissen des Wissens oder zum Anschauen des Anschauens, zum Bilde von diesem Urlicht. Diese ‹Wissenschaftslehre› – oder auch Selbstgewissheit des Geistes – ist nämlich «reine Einsicht, reines Licht, von nichts, aus nichts, zu nichts» (22). Ebenso grundlos als eine freie Tat, ja ‹eine Schöpfung aus dem Nichts› (23). Wie das ‹Seyn› überfließend aus eigener Energie aus sich herausgeht und sich projiziert im Denken und Sein, projiziert sich das Wissen, das innere Licht, zum erscheinenden Bild, zu etwas Erkanntem. Im Bild wird das Licht ‹vernichtet›, stirbt es, denn im Bild ist es nicht mehr aus sich oder in sich geschlossen. Das Bild offenbart dennoch zugleich das Gesetz, durch welches es entstand und das uns zurückführt zum Licht. Das in sich selbst begründete Leben ist das wahre Absolute und ist zugleich das in sich selbst aufgehende absolute Einsehen in eins (24). So kann Fichte sagen: «Eben das Ich ist die Urerscheinung.» (25) Wir stehen nicht außerhalb dieses Urlichtes und dessen Scheinen im anderen zum Bild, sondern sind mit dem Licht eins: «Wir leben, eben unmittelbar im Lebensakte selber, wir sind daher das Eine ungetheilte Sein selber, in sich, von sich, durch sich, das schlechthin nicht herausgehen kann zur Zweiheit. […] wo das Seyn ist, ist Ich, und das Ich ist Seyn.» (26) In der sich gewissen Vernunft, im ‹Sehen des Sehens›, in dem im Ich dessen Sehen durchdringendem Sehen erfasst das Ich sich im Selbstbewusstsein und Seinsgehalt selbst. Wir sind die Urerscheinung des unzugänglichen Lichtes (‹Ich bin›) (27).

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Zunächst geht uns dieses geistige Bild unseres Ich im Tun auf, zuerst in der Spiegelung der Tat, die wir als die unsrige wissen, dann im ‹Sehen des Sehens›, also im selbstleuchtenden Ätherleib, wo die Wirkung vom Denken auf den Leib übergeht.

Zunächst geht uns dieses geistige Bild unseres Ich im Tun auf, zuerst in der Spiegelung der Tat, die wir als die unsrige wissen, dann im ‹Sehen des Sehens›, also im selbstleuchtenden Ätherleib, wo die Wirkung vom Denken auf den Leib übergeht. In der Rückschau auf dieses Tun sehen wir uns zu. Nehmen wir die Rede vom ‹Absoluten› bei Fichte als Hinweis auf das in sich gegründete geistige Leben, das nicht in festes Sein hineinstirbt, so haben wir bei ihm den geistgeschichtlichen Moment, wo das Ich sich durch die Tat zum Selbstbewusstsein hob, ausgesprochen: «In Fichtes Weltanschauung wird der Gedanke zum Ich-Erlebnis, wie in den griechischen Denkern das Bild zum Gedanken wurde. Mit Fichte will die Weltanschauung das Selbstbewusstsein erleben.» (28) Und im 59. Leitsatz heißt dieses Moment lapidar: «Die Gedanken leben nicht, er aber [der Mensch, js] lebt in den Gedanken.» (29) Dies bringt er sich durch den Umweg über die Tat in der zweiten Nebenübung zum Bewusstsein.

Sechs Nebenübungen

Die erste Nebenübung fördert die Konzentration, aber eine gewisse Selbstbesinnung zeigt schon auch die zwölf Grundkategorien des Denkens als Grundgerüst der Weltanschauung (wie bei Hegel). Die zweite Nebenübung der Kontrolle des Handelns ist ebenso nicht nur Willenspflege, sondern auch die Veranlagung eines geistigen Selbstbewusstseins im Wollen. War schon die erste Übung eine Willensanstrengung, so bringt die zweite Übung das Bewusstsein dieser Selbstanstrengung im Bilde der Tat. Die dritte Nebenübung ist folglich dann die Gleichgewichtsübung, das Gefühl nicht sogleich in die Tat fließen zu lassen, sondern zu besinnen, ob das Gefühl der Lage entspricht, und so das Fühlen zum Wahrnehmungsorgan umzubilden: eine Orientierung auf den Weltenumkreis (fanden wir bei Schelling). Die vierte und fünfte Übung sind eine weitere Vertiefung des inneren Zusammenhangs von Denken, Fühlen und Wollen, nämlich in der Positivität als Verbindung von Denken und Fühlen (sich nicht verschließen durch gefühlsmäßiges Aburteilen oder Verurteilen) und in der Unbefangenheit eine Reifung des Denkens in Verbindung mit dem Willen, immer und von allem lernen zu wollen. Die sechste Nebenübung ist das Ineinanderwirken, nämlich die Harmonie der fünf vorigen Übungen. Die Nebenübungen geben so eine sichere Grundlage des Schulungsweges. Zugleich kann man sehen, wie in ihnen die Erfahrungen von Jahrhunderten praktisch zur Verfügung gestellt werden. Man kann übend und erfahrend erringen, wozu das Zeitalter die besten Geister brauchte.


Titelbild: Adrien Jutard, Illustrationsreihe 7, G3–4/2020

(1) Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Kap. I, Das bewusste menschliche Handeln, GA 4, S. 15.
(2) Rudolf Steiner, Vortrag 27.6.1924, Heilpädagogischer Kurs, GA 317, S. 44–47.
(3) Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, GA 26, S. 41.
(4) Ebd., S. 47.
(5) Ebd., Etwas vom Geist-Verstehen und Schicksals-Erleben, S. 42–45.
(6) Siehe die Sammlung Die Nebenübungen. Sechs Schritte zur Selbsterziehung, Texte R. Steiners, ausgewählt und herausgegeben von Ateş Baydur, Futurum, Basel 2012, S. 37–49.
(7) Ebd., S. 42.
(8) Ebd., S. 37.
(9) Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten, GA 10, S. 31.
(10) GA 4, Kap. XII, Die moralische Phantasie, S. 191–194.
(11) Siehe z. B. Karl Schuhmann, Die Grundlage der Wissenschaftslehre in ihrem Umrisse. Zu Fichtes ‹Wissenschaftslehren› von 1974 und 1810. M. Nijhoff, Den Haag 1968, S. 32–46.
(12) Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie, Jena 1801.
(13) Rudolf Steiner, Wahrheit und Wissenschaft, Kapitel VI, Die voraussetzungslose Erkenntnistheorie und Fichtes Wissenschaftslehre, GA 3, S. 67–82.
(14) GA 26, S. 20–22.
(15) Ebd., S. 94–99.
(16) Dazu Vortrag Berlin 30.10.1905, GA 93a, S. 214, Vortrag Berlin 13.11.1908, GA 108, S. 248–250, und Vortrag Berlin 17.7.1909, GA 107, S. 302–305.
(17) GA 4, Kap. XII, Die moralische Phantasie, S. 204.
(18) Ebd. S. 42 f.
(19) Ebd. S. 46.
(20) Rudolf Steiner, Hannover 7.2.1914, GA 266/3, S. 258.
(21) Rudolf Steiner, Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt, GA 18, S. 176 – 188.
(22) Die Wissenschaftslehre. Zweiter Vortrag im Jahre 1804 vom 16. April bis 8. Juni, hrsg. von R. Lauth und J. Widmann, Felix Meiner, Hamburg 1986, S. 64.
(23) Ebd. S. 168.
(24) Ebd. S. 110 f.
(25) Ebd. S. 145.
(26) Ebd. S. 152 f.
(27) Ebd. S. 198 f.
(28) GA 18, S. 188.
(29) GA 26, S. 41.

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