Rudolf Steiner unter Freunden, Freundinnen und Kindern

Es geht um die Zeit von Rudolf Steiners Stelle als Hauslehrer in der Familie Specht in Wien ab Sommer 1884 bis zu seinem Umzug nach Weimar im Herbst 1889. Das Studium an der Technischen Hochschule Wien ist beendet, er ist zwischen 23 und 29 Jahre alt.


Wien heißt für Rudolf Steiner unter vielem anderen: Karl Julius Schröer, Goethes ‹Naturwissenschaftliche Schriften›, ‹Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung›, Begegnungen mit ersten Theosophen, Hermann Bahr, Friedrich Eckstein und weiteren interessanten Persönlichkeiten aus verschiedenen Kreisen im Café Griensteidl, in Salons unterschiedlicher Mentalitäten und nicht zuletzt die Beziehungen zu Frauen, die gerade in dieser biografischen Zeit zum besonderen Aufbruch in Rudolf Steiners Leben gehören.

Rudolf Steiner stand in seiner Wiener Zeit mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Geselligkeit «in lebendiger Gesellschaft mit lieb gewonnenen Menschen», aber auch als «einsamer Wanderer» inmitten von (heute meist vergessenen) Künstlerinnen, Schriftstellern und Suchenden. Wer sich, vielleicht angeregt durch Rudolf Steiners eigene Schilderungen in ‹Mein Lebensgang›, für die Menschen, Beziehungen und Freundschaften in Steiners voranthroposophischer Zeit interessiert, wird in Martina Sams Darstellung reich bedient. Wie aufschlussreich, in diese frühen Jahre Rudolf Steiners in und um Wien hineinzusehen und hineinzuhorchen! Sie sind voller Perlen und Diamanten, die unter dem Staub der Archive ruhten oder unter all dem Müll begraben wurden, der in den letzten Jahren in der Presse und anderen Publikationen über Rudolf Steiner immer wieder ausgeschüttet wird!

Als Steiner im Haus Specht als Hauslehrer anfing, warteten da sechs Kinder aus zwei Familien zwischen sechs und dreizehn Jahren und gleich kam noch ein Neugeborenes dazu. Diese Kinder beobachtete und begleitete er in den nächsten sechs Jahren aus nächster Nähe als Erzieher, Privatlehrer und war auch in seinem heilpädagogischen Geschick gefordert. Einiges davon ist in seiner Autobiografie nachzulesen: wie Rudolf Steiner «in einer ungewöhnlich liebevollen Art» in diese Lebensgemeinschaft aufgenommen wurde und wo er auch lernen musste, wie man mit Kindern spielt. Wenn man sich vor allem in das Leben und in die Arbeiten des später berühmten Rudolf Steiner vertieft hat, ist gerade diese Lebenszeit in der Darstellung von Martina Sam ganz besonders berührend. Der Lebensweg von Steiners Zöglingen wird in Archiven und Briefen bis zu deren jeweiligem Lebensende weiterverfolgt.

Die Biografin geizt nicht mit lebensvollen Details, zum Glück, darf man sagen, für die interessierten Leserinnen und Leser. Eine Addition von einzelnen spannenden Lebensabschnitten und zusammengetragenem, gut dokumentiertem Material ergibt natürlich noch keine Gestalt des biografischen Lebens. Sie schafft hier den Spagat zwischen aufwendig recherchierter Materialfülle, den Nachweisen ihrer Funde und einer zusammenhangschaffenden Erzählung! Das geht nicht ohne Empathie und klares, biografisches Konzept. In der ebenfalls lesenswerten ‹Einleitung› bekommt man einen Einblick und eine sympathische Einführung in die Absichten und Herangehensweise der Biografin. Neben den üblichen anthroposophisch-biografischen Werkzeugen sind für Martina Sam die ersten Stufen des Mithrasweges, ‹Rabe› und ‹Okkulter›, als Richtschnur hilfreich, und damit folgt sie einer Spur, die Rudolf Steiner selbst in letzten Notizen anlegte.

In Martina Sams Darstellung wird man sehr sorgfältig in Lebensbeziehungen und in Gedankengänge eingeführt und begleitet, die über das durch Zitate Belegte hinausgehen, ohne dass man sich im Spekulativen bewegt. Rudolf Steiners autobiografische Darstellungen und Andeutungen erhalten Hintergrund und ein farbiges Umfeld mit weiteren Namen und Geschichten.

Rudolf Steiners Leben und seine vielfältigen Beziehungen in jenen Jahren machen es der Biografin nicht einfach. Und so ist es auch nicht einfach, in so einem dicken Buch mit seinen Fußnoten, Quellenangaben und so vielen Namen und illustren Persönlichkeiten sich durchzufinden und danach noch deutlich zu wissen, wo man überall war. Ein Personenregister und ein differenziertes Inhaltsverzeichnis mit über 70 Unterkapiteln helfen. Nach ihren Recherchen zu seiner ‹Kindheit und Jugend 1861–1884› ist nun ein weiteres außerordentliches Buch mit außerordentlichen Durchblicken auf Rudolf Steiners Wiener Jahre geglückt! Ein krönender Abschluss der verdienstvollen Arbeiten einer Reihe von Autoren, die bisher auf gegen 1000 Buchseiten (eingeschlossen der Memoirenliteratur, beispielsweise von Fritz Lemmermayer) den Spuren durch diese Wiener Jahre gefolgt sind. Auch Rudolf Steiners eigene autobiografische Schilderungen auf über 100 Seiten und verstreut in Vorträgen und Gesprächen gehören hier dazu. Es ist ein Standardwerk über diese biografische Zeit geworden, das nicht so schnell überboten werden kann. In dieser wirklich lesenswerten Darstellungsart wird es von Martina Sam noch einen weiteren Band geben über Rudolf Steiners Weimarer und Berliner Zeit bis nach der Jahrhundertwende 1900.


Buch Martina Maria Sam Rudolf Steiner – Die Wiener Jahre, Verlag am Goetheanum, Dornach 2021

Grafik Fabian Roschka

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