Leib-Sein – Aufgabe einer Pädagogik der digitalen Lebenswelt

Auf der Word Teachers’ Conference widmeten sich ein Forum und eine Arbeitsgruppe einer Pädagogik der digitalen Lebenswelt. Denn Kinder und Jugendliche ahnen, dass sich heute grundlegende Veränderungen von Natur, Mensch und Gesellschaft vollziehen, die erst in den kommenden Jahrzehnten zum Tragen kommen.


Jungen Menschen wird zunehmend bewusst, dass Klimawandel, Migration und digitale Transformation ihre Biografien prägen werden, ohne zu wissen, wie. Sie sind sich oft auf ernste, irritierende und manchmal zynische Weise sicher, dass sie anders werden leben müssen als wir. Sie blicken in eine offene, schwierige Zukunft, für die das Leben der Erwachsenen und die Vergangenheit nur wenig Orientierung bieten. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass die technologischen Revolutionen nichts Technisches sind. Die Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert führte nicht zu einer eleganteren, technisierten Variante der alten Gesellschaft, sondern zu einer globalen Umwälzung. Der Einsatz der Dampfmaschine ging einher mit den Anfängen der Demokratie, brachte den Welthandel, aber auch extreme Formen der Sklaverei und Ausbeutung der Natur, ließ das Elend der Arbeitenden sichtbar werden, das heute ungeheure Ausmaße angenommen hat und dessen Folgen als Klimawandel, Krieg und globale Migrationsbewegungen erscheinen. Mit der Industrialisierung entstand ein neues Menschenbild: Der Mensch als autonomes Wesen und die Kindheit wurden entdeckt, die Schulpflicht eingeführt und Schule neu als Ort sozialen Ausgleichs begriffen. Gleichzeitig wurde die Schule industrialisiert, nach dem Vorbild der Maschinentechnik eingerichtet und wie eine Fabrik organisiert: von der Architektur über die Grundstrukturen der schrittweisen (klassen-, jahrgangsweisen) Bearbeitung bis hin zum standardisierten Outcome.

Die Pädagogik bildet die Ambivalenz der Industrialisierung seither in sich ab: Effizienz, Zielvorgaben und die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt einerseits. Andererseits versucht die Pädagogik seitdem genauso energisch, die Schule individueller, gerechter, inklusiver zu gestalten, das Industrielle abzuschwächen und humaner zu machen. Die technische Revolution der Industrialisierung ist also nur zum kleinen Teil technisch. Sie hat ein globales, menschheitliches Ausmaß in allen Aspekten des Lebens.

‹Unternatur› und ‹Übernatur›

So wie im 19. Jahrhundert Dampfmaschine und Eisenbahn zunächst als Fremdes und Neues in die bäuerlich geprägte Welt eindrangen, um dann als Technik Grundlage des städtischen Lebens zu sein, so sind Ende des 20. Jahrhunderts die digitalen Geräte als etwas Fremdes und Neues in die städtische Lebenswelt eingedrungen. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts fügt sich auch das Digitale zu einem Ganzen, von dem wir zunehmend abhängig sind. Von der Grundversorgung bis zur verantwortungsvollsten Arbeit basiert heute alles direkt oder indirekt auf digitalen Infrastrukturen. Seit den 2010er-Jahren bilden digitale Technologien im täglichen Gebrauch eine oft nahtlose Weltumgebung, in der wir Arbeit, Beziehungen zu unseren Mitmenschen, Unterhaltung und Freizeit verbringen. So wie die moderne Stadt durch Industrialisierung zur Lebenswelt wurde, so ist heute auf Grundlage der Digitalisierung das Digitale zur Lebenswelt geworden, in der wir leben.

E-Mail, Social-Media-Umgebungen, Videokonferenzen, Lernplattformen oder Chats sind Orte, in denen Bewusstseinspräsenz gefordert ist, um Entscheidungsverläufe mitzuvollziehen, antwortfähig sein zu können, Freundschaften zu pflegen, Aufgaben zu erfüllen, um urteilsfähig zu sein und Verantwortung tragen zu können. In diesem Raum bilden Vorstellungen, Fantasien, Illusionen, Erinnerungen in Gestalt von Texten, Ikonen, Filmen, Fotos sowie die Reaktionen und Bezüge darauf das Material, in dem sich das Bewusstsein aufhält. Digitale Medien lassen sich so als ‹Vorstellungsmaschinen› verstehen, die einen Raum schaffen, in dem wir uns bequem mit unserem Bewusstsein in Produkten des Innenlebens bewegen und mit ihnen agieren können. Es sind Technologien, die uns erlauben, nicht nur dann in der Welt der Bilder, Vorstellungen, Erinnerungen zu sein, wenn wir sie mit dem Bewusstsein eigentätig hervorbringen, sondern wir können in diesen leben und mit ihnen interagieren, fast ohne eigene Tätigkeit.

Die Architektur der digitalen Räume ist in den letzten zehn Jahren so dicht geworden, dass der Aufenthalt dort für viele Menschen, insbesondere in den früheren Industrienationen, tagfüllende Normalität ist. Diese zur Lebenswelt verdichtete und mit dem Bewusstsein bewohnte digitale Umgebung lässt sich als eine technische Form der ‹Übernatur› charakterisieren. Sie bildet ein Gegenstück zur von Maschinen geprägten Lebenswelt des Industriezeitalters, die Rudolf Steiner ‹Unternatur› genannt hat. Das Leben in dieser ‹Unternatur›, so Rudolf Steiner, separiert und entfremdet von wesentlichen Bezügen zur Welt, insbesondere von der Natur, von den Mitmenschen und von der Sinndimension des Daseins, sodass dies sein eigenes Menschentum bedroht.

Entfremdungen vom Leib

So wie das moderne Leben der Industriearbeit und des Stadtlebens das Verhältnis zur Welt fundamental verändert hat, so verändert das Leben in der digitalen Lebenswelt das Verhältnis zum Eigensein, zum Leib auf fundamentale Weise, wenn sich das Bewusstsein nunmehr permanent in der Vorstellungswelt ohne Eigentätigkeit aufhalten kann. Von der ‹Übernatur›, der digitalen Lebenswelt aus erlebt, wird der eigene Körper zu einem Teil der Dingwelt: Ich bin dann nicht mehr derjenige, der sich die Welt anschaut und sich ein Bild von ihr macht, sondern ich selbst schaue mich in meiner Körperlichkeit von außen an. Es gilt nicht mehr, wie im Morgenspruch der Waldorfschule: «Ich schaue in die Welt», sondern ich schaue auf mich. Ich forme ein Bild davon, wie mein Körper in der Welt erscheint – gerade so, wie ein anderer auf mich schaut. Die Selfie- und TikTok-Kultur der Social-Media-Kanäle ist ein Symptom dieser Veränderung, durch die der eigene Körper zum Objekt wird. Die digitale Präsenz erzeugt einen Blick von außen auf den Körper: eine technisch induzierte, permanente Rückschau auf mich selbst, durch die der Körper zum Kontroll- und Optimierungsobjekt wird.

Die Identifikation mit der eigenen Leiblichkeit der Lebenszeit wird existenzielle Schwelle und Entscheidung.

Auch ist das Leben im digitalen Raum ein Leben in Möglichkeiten. Alles erscheint dort zu jedem Zeitpunkt möglich. Wenn ich aber immer alle Möglichkeiten zur Verfügung habe, entsteht keine Bindung und keine Konkretion. Es entsteht keine Biografie im wörtlichen Sinne: keine Einritzung, kein Sich-Einschreiben in den Text des Lebens. Dies lässt sich als platonischer Zustand beschreiben, denn Platon wollte im Denken zurück bis zu dem Ort des Vorgeburtlichen, an dem die Ideen noch nicht durch die Erfahrungen des Körpers verfälscht sind. Biografie aber vollzieht sich in der Konkretion, indem ein Lebenstext entsteht, indem ich etwas ins Leben unumkehrbar einschreibe. So lässt sich das Leben im Digitalen als ein Zustand verstehen, der in einen vorgeburtlichen Zustand versetzt und von Erfahrungen fernhält, die sich uns einschreiben. – Womöglich fällt es deshalb vielen Jugendlichen bis weit ins junge Erwachsenenalter schwer, zu erkennen, was sie ‹werden› wollen. Das Eintreten in das Werden des Eigenen im Zusammenhang mit dem in der Welt, das zum Ich gehört, ereignet sich in diesem ‹platonischen Zustand› nicht. Die Identifikation mit der eigenen Leiblichkeit der Lebenszeit wird existenzielle Schwelle und Entscheidung.

Eine weitere Herausforderung der digitalen Lebenswelt ist die Beziehung zum anderen als einem einzigartigen anderen. Wenn wir uns nicht dagegenstemmen, befinden wir uns im Digitalen in einer ‹Filter Bubble›, in der wir aufgrund der Algorithmen immer das angezeigt bekommen, was uns gefällt, was unserem Innen jetzt schon entspricht. Jean Baudrillard bezeichnet das Digitale als eine «Hölle des Gleichen», weil wir dort eine Welt erfahren, die wir immer schon sind: das mir Gleiche – und nicht das andere. Damit ist die Persönlichkeitsbildung infrage gestellt, denn, mit Martin Buber oder Emmanuel Levinas gesprochen, das Eigene bildet sich erst dadurch, dass das andere des anderen erfahren wird.

Leib-Sein als Auftrag der Pädagogik

So aufgefasst, wird die digitale Lebenswelt zur Herausforderung für zentrale Entwicklungen der Kindheit und Jugend: die Sinneswelt durch den Leib als Um- und Mitwelt zu erleben, den Vollzug des Lebens als Biografie zu ergreifen und die Möglichkeit, dem anderen als solchem zu begegnen.

Im Licht der Menschenkunde der Waldorfpädagogik beruhen diese Möglichkeiten auf Verselbständigung (‹Geburt›) und eigentätigem Ergreifen von drei Aspekten des Leibs: des physischen Leibs, des Lebensleibs und des Seelenleibs. Insofern das Leben im Digitalen zum Primären wird, erscheint das Im-Leib-Sein in diesen drei Aspekten keine selbstverständliche, natürliche Entwicklung mehr, die pädagogisch begleitet werden möchte. Diese Geburten, die erlauben, Leib zu sein, in der Welt zu sein, werden vielmehr zu einer zu verantwortenden, kulturellen Aufgabe. Möglicherweise werden in den kommenden Jahrzehnten diese ‹Geburten› zum Gegenstand intensiver kultureller, ethischer, medizinischer und pädagogischer Auseinandersetzungen, wie es Zeugung, Schwangerschaft und Geburt im 20. Jahrhundert wurden. Die Pädagogik sollte diese ‹Geburten› künftig als Aufgabe verstehen, sie ermöglichen und ihnen eine kulturelle, menschliche Form geben.

Die Pädagogik am Beginn des 20. Jahrhunderts verstand sich als Beitrag zur menschlichen Freiheit und zur Bildungsgerechtigkeit in den prekären Verhältnissen industrieller Lebenswelten. Gerade darauf antwortete die erste Waldorfschule als Schule für die Kinder der Arbeitenden der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Eine entsprechende pädagogische Antwort für das 21. Jahrhundert, die die Folgen der digitalen Transformation aufnimmt und pädagogisch ergreift, steht noch aus. Auch wenn vieles unternommen wird, die Folgen der Digitalisierung in der Schule aufzufangen, über sie zu lernen und kompetenten Umgang mit digitalen Medien zu erwerben: eine Pädagogik, die die tiefgreifenden Folgen des Lebens in der digitalen Lebenswelt bejaht und umformt, sodass aus ihnen eine Richtung ins Menschliche entsteht, ist erst noch zu entwickeln.


Foto Sofia Lismont

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  1. Der Satz:
    Diese zur Lebenswelt verdichtete und mit dem Bewusstsein bewohnte digitale Umgebung lässt sich als eine technische Form der “Übernatur” charakterisieren.
    hat mich irritiert, da ich die digitale Umgebung als Unternatur betrachte. Wenn mit “technische Form der Übernatur” allerdings gemeint ist: “physischer Abklatsch von etwas Geistigem”, dann bin ich gleicher Meinung.

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