Wertvolle Perlen

Wertvolle Perlen

Über den letzten Band der neu herausgegebenen ‹Werke und Briefe› von Christian Morgenstern.


Der Verlag Urachhaus hat mit diesem Band das Projekt der Herausgabe der ‹Werke und Briefe› des weltbekannten und für die Anthroposophie wichtigen Dichters Christian Morgenstern (1871–1914) abgeschlossen. Morgenstern verdankt seinen Weltruhm insbesondere dem 1905 erschienenen Gedichtband ‹Galgenlieder›. Aber auch seine humoristische Figur ‹Palmström›, erschienen 1910, fand großen Anklang. Weniger bekannt ist unter anderem, dass er von 1898 bis 1904 entscheidend an der Übersetzung der Werke von Henrik Ibsen (1823–1906) vom Norwegischen ins Deutsche mitgearbeitet hat.

Die auf neun Bände angelegte Ausgabe der ‹Werke und Briefe› findet mit dem nun vorliegenden Band IX ihren Abschluss. Dieser versammelt insbesondere Briefe sowie diverse Entwürfe aus den Tagebüchern. Eine reiche Fundgrube bildet auch der ausführliche Kommentarteil, der rund ein Drittel der annähernd 1500 Seiten ausmacht. Die Werkausgabe war bis zu seinem Tod am 31. März 2014 durch den bekannten Morgenstern-Forscher Reinhardt Habel besorgt und maßgeblich gestaltet worden. Den letzten Band hat seine Nachfolgerin Agnes Harder herausgegeben. Sie wurde noch durch Reinhardt Habel ausführlich in das Projekt eingearbeitet.

Morgenstern wurde durch seine besondere Sprachkunst auch für Programme der Rezitation und Deklamation (Sprachgestaltung) und die Lauteurythmie in der Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft wichtig. Die Nähe Morgensterns zu Rudolf Steiner hat das Interesse sicher befördert. Morgenstern traf Steiner 1909 bei Vorträgen in Berlin und es entstand spontan eine enge Zuneigung zwischen ihnen. Morgenstern trat 1910 der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft bei und folgte bei der Trennung Rudolf Steiners von dieser in die neu begründete Anthroposophische Gesellschaft.

Was wir zu erforschen trachten, dasjenige, in das wir uns zu vertiefen trachten in Bezug auf die geistigen Welten, es klang uns in so herrlichen Tönen entgegen aus den Dichtungen Christian Morgensterns. Dichterisch erschuf er unsere Forschungen wieder!
— Rudolf Steiner

Morgenstern litt während seiner letzten Lebensjahre an einer chronischen Lungenerkrankung, die ihn immer wieder zu Kuren und Behandlungen zwang. Neben einer aktiven Korrespondenz mit seinem Herausgeber Ernst Cassirer finden sich in dem nun vorliegenden Band viele Zeugnisse der erforderlichen Organisation der Gesundheitspflege. Einen nicht unwesentlichen Anteil nehmen auch die Briefe an seine Partnerin Margareta Gosebruch ein. Morgenstern und Gosebruch hatten sich 1908 kennengelernt und 1910 geheiratet. Seine letzten fünf bis sechs Lebensjahre brachten für Morgenstern große Veränderungen mit sich.

Dass Christian Morgenstern seine Beschäftigung mit den Anregungen von Rudolf Steiner ernst genommen und mit dem Herzen bewegt hat, zeigt der kurz vor seinem Tode praktisch fertiggestellte Gedichtband ‹Wir fanden einen Pfad›. Rudolf Steiner gedachte zu verschiedenen Gelegenheiten der besonderen Verbindung zwischen ihm und Morgenstern. So sprach er am 10. April 1914 die bewegenden Worte: «Was wir zu erforschen trachten, dasjenige, in das wir uns zu vertiefen trachten in Bezug auf die geistigen Welten, es klang uns in so herrlichen Tönen entgegen aus den Dichtungen Christian Morgensterns. Dichterisch erschuf er unsere Forschungen wieder!»

 
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So verdienstvoll eine sorgfältige Herausgabe der Briefe insgesamt sein mag, so ist es doch nicht immer leicht, aus der Vielfalt der Texte die für das jeweilige Interesse wertvollen Perlen herauszulesen. Bei der Umsetzung der Briefe in die Druckfassung werden alle Inhalte gleichgestellt. Der Band enthält nur Transkriptionen und keine Kopien oder Faksimile der Briefe selbst. Daher erfordert es vom Lesenden einiges Hineinleben und Eintauchen in die Inhalte, um sich auch eine Empfindung über die Inhalte zu bilden. Sehr hilfreich sind dazu jedoch die ausführlichen Kommentare. Die Werkausgabe bietet somit eine ausgezeichnete Grundlage für eine eingehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Dichter und seinem Werk.

Über das Anliegen der Textgestalt der Briefe schreibt die Herausgeberin: «Briefe als Alltagsprosa haben gegenüber den poetischen Gattungen und auch den durchgeformten Schriften einen anderen, persönlichen Charakter, der Aufschlüsse über die Lebensweise, die biografischen Ereignisse, über die Gedanken- und Empfindungswelt der Verfasser und nicht zuletzt auch über ihr gegenseitiges Verhältnis gibt. Somit gilt es bei der Edition einer Briefsammlung dieses Persönliche so weit wie möglich zu erhalten.» Mir scheint die Umsetzung dieses Anliegen durchaus gelungen. Und Menschen, die sich für diese mehr private Seite des Dichters Christian Morgenstern interessieren, werden hier Zeugnisse einer Zeit finden, die nicht nur für ihn wohl die bedeutendste Phase seines Lebens und Wirkens bedeutet.


Christian Morgenstern, Band IX: Briefwechsel 1909–1914, Urachhaus, 2018

Auf dem Titelbild: Christian Morgenstern, 1913

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