Ein Porträt wie ein Siegel

Wenn wir an Dante denken, sehen wir sein unverkennbares Profil: seine Adlernase, den erzürnten Mund und die tief versunkenen Augen, das Haupt gekrönt mit dem Lorbeerkranz, dem Zeichen seines literarischen Ruhmes, und den roten Mantel um seine alten Schultern. Wie ein endgültiges Siegel prägt seine Persönlichkeit die Gesichtszüge.


Dante Alighieri, Sandro Botticelli 1495. Genf, Privatsammlung, Quelle: Wikipedia.

So wurde Dante ab dem 14. Jahrhundert in zahllosen Porträts dargestellt, unter anderen von Sandro Botticelli und Raffael. Welches ist aber das älteste und das naturgetreuste Bild Dantes, das uns überliefert worden ist? Es ist das Porträt, das Giotto am Ende seiner langen Karriere malte (vermutlich um 1335–1337), in dem wunderschönen Fresko der Kapelle des Palazzo del Podestà in Florenz – ein Meisterwerk, das Anfang 2021 zu Ehren des 700. Todesjahres Dantes restauriert worden ist.

Dieses Gemälde schenkt uns ein einzigartiges und unkonventionelles Bild des größten Dichters des Mittelalters. Dantes Gesicht erscheint hier jung und unbeschwert; das feine Profil ist nicht von Bitternis und Empörung gezeichnet, wie es in den späteren Porträts charakteristisch wird. Er blickt der Zukunft entgegen, in seinem roten Gewand glänzt der Adel seiner Seele und die Brillanz seines Genius. Auf Dantes heller Stirn fehlt der typische Lorbeerkranz; vor dem Herz hält er aber sein Buch, sein Werk, das ihn unsterblich gemacht hat. Der Dante von Giotto braucht nicht äußerliche Merkmale, die seine Größe zeigen: Er steht schon, verewigt, im Paradies, und in der Schar der Seligen besieht er das Göttliche. Dieses Porträt ist mehr geistig als irdisch und stellt einen Dante dar, der unbelastet vom Gewicht der Tradition ist.

Begegnung zwischen Giotto und Dante

Ob Dante und Giotto sich persönlich kennengelernt hatten, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall waren sie Zeitgenossen und beide waren in den mittelalterlichen Städten Italiens sehr berühmt, sodass jeder das Talent des anderen kannte. Sicher ist jedoch, dass die beiden sich gegenseitig sehr wertschätzten. Giotto malte das Porträt des Dichters in seinem Fresko; Dante verehrte Giotto als den besten Maler, als denjenigen, der den Meister Cimabue übertroffen hatte (und gleich danach stellte er sich selbst an den ersten Platz auf dem Feld der Poesie, als besten Vertreter des ‹dolce stil novo›, des neuen Stils, der seinen Ursprung in der provenzalischen Literatur Südfrankreichs hatte).1

Diese Ebenbürtigkeit zwischen den zwei großen Geistern entging Albert Steffen nicht, der eine imaginäre Begegnung zwischen Dante und Giotto sehr lebhaft darstellte, indem er mit feinen Worten von ihrer tiefen Freundschaft erzählte.2 In seinen Essays hat sich Albert Steffen mehrmals intensiv mit der Figur und der Dichtung Dantes beschäftigt: Auch dank dieser vertieften Arbeit liegt uns ein Bild von Dantes Leben und Werk vor – ein Bild, das gleichzeitig eine Einladung zum lebendigen Gespräch mit dem Gedankengut der ‹Göttlichen Komödie› ist.

Dante Alighieri, Raffaello Sanzio 1509. Rom, Vatikanische Museen. Detail von ‹Disput über das Sakrament›, Stanza della Segnatura. Quelle: Wikipedia.

Dantes gescheiterter Auftrag

Rudolf Steiner behauptete, Dante sei eine entscheidende politische Mission zugeschrieben gewesen: Er hätte einen solchen historischen Einfluss haben sollen, dass dessen Folgen noch heute, nach 700 Jahren, zu spüren gewesen wären. Doch Dante konnte seine Mission nicht erfüllen. Verbannt aus seiner Stadt Florenz, verlor er die Chance, politisch zu wirken, und starb im Exil. Dafür aber konnte er sein Meisterwerk der Nachwelt überliefern.3

Albert Steffen ergänzte diese Aussage Steiners jedoch, indem er in Dante den künstlerischen Genius überwiegen sah: «Seine [Dantes] höchste Liebe galt im Grunde mehr den großen Heiligen des Mittelalters als den heraufkommenden Renaissance-Persönlichkeiten. Und selbst wenn er als Machtbefugter wiederum zurückgekommen wäre, würde er sich, nach seiner Selbsterkenntnis und Katharsis, seinem Großen Werke weiterhin gewidmet haben.»4

Lastet die Tradition, die wir in Dantes Porträt erleben, genauso oder noch mehr auf seinem größten Werk? Wer sich heute mit der ‹Göttlichen Komödie› beschäftigt, trifft gleichzeitig auf 700 Jahre Kommentare und Interpretationen. Haftete Dante wirklich so fest an den Dogmen der katholischen Kirche, wie es auf den ersten Blick scheint? Oder verbarg er unter dem Mantel der Schönheit seiner Verse eine tiefere Mitteilung, die Stimme einer anderen Spiritualität?

Dass Dante ein Christ war, steht außer Zweifel. Er lebte aber am Anfang des 14. Jahrhunderts, zu einer äußerst komplexen Zeit, in der korrupte Päpste, Ketzerinnen, Heilige und verschiedene Orden das religiöse Leben sehr unterschiedlich gestalteten. Durch Dogmen wie auch durch Waffen befestigte die Kirche ihre Macht auf Erden; vieles ist rettungslos untergegangen, wie die Kultur der Katharer oder der Orden der Templer. Dantes Werk ist aber geblieben, als Baustein einer zukünftigen Entwicklung – wie Albert Steffen so tief einsah: «Es müsste für den Geist eines solchen Wortgestalters die größte Wohltat bedeuten, wenn sein Werk gegenwärtig weitergeführt würde, was aber durch eine neue, aus der Bewusstseinsseele heraus errungene Imagination, Inspiration und Intuition geschehen müsste (und nicht durch die damaligen, mittelalterlichen Seelen-Fähigkeiten), was also nur durch ein bisher nicht vorhandenes Geistes-Vermögen möglich wäre, das sich sowohl auf sein Werk als auf seine Individualität richtet.»5

Dante Alighieri (Mitte), Giotto, vermutlich 1335–1337. Florenz, Museum Bargello, Detail von ‹Das Jüngste Gericht›, Kapelle im Palazzo del Podestà, Quelle: Wikipedia.
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Fußnoten

  1. Dante, Purgatorio XI 94–99.
  2. Albert Steffen, Dante und die Gegenwart, Dornach 1965, S. 136. S. 142: Und Dante sprach zu Giotto: «Du bist nun selber mein Gedicht.» Und Giotto zu Dante: «Und du meine Malerei.»
  3. Rudolf Steiner, Vortrag vom 23.10.1915 in Dornach.
  4. Albert Steffen, Dante und die Gegenwart, S. 101.
  5. Ebd., S. 105

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