Geschlechtlichkeit für junge Menschen schützen

Was sollten Eltern aus medizinischer Sicht heute wissen, wenn ihre Tochter ihnen mitteilt, dass sie kein Mädchen mehr sein will? Ein Anhaltspunkt: Ruhe bewahren, ernst nehmen, nicht aktionistisch werden, sondern der Suche ihres Kindes Raum geben, ohne festzulegen.


Der Begriff ‹Genderidentität› beschreibt eine innerlich gefühlte Zugehörigkeit zum einen oder anderen Geschlecht, oder zu keinem von beiden, oder fluktuierend mal zum einen oder anderen. So gibt es cis, trans, nonbinär, genderneutral, fluid. Dieses Selbstempfinden kann sich vom biologischen Geschlecht unterscheiden. Dann ist von Genderdysphorie, neutraler ausgedrückt von Genderinkongruenz (GI) die Rede. Eine Lösung kann dann in einer sozialen Transition zum anderen Geschlecht gesucht werden: Man kann Namen, Pronomen und Geschlechtsregistrierung ändern. Man kann auch eine medizinische Transition vornehmen durch Hormone und Operationen. Moderne Eltern und Lehrende lernen dieses Phänomen kennen und wollen, dass Mädchen und Jungen sich mit Kleidung und Spiel frei ausleben und experimentieren können, ohne festgelegte Erwartungen oder Rollen. In Märchen, Geschichten und im Theater werden weibliche und männliche Qualitäten gleich gewürdigt. Wenn ein Junge ‹mädchenartiges› Verhalten zeigt und umgekehrt, soll daraus kein Problem gemacht werden. Gelegentlich aber kommt die Frage auf, ob so ein Kind vielleicht eine Transidentität habe? Sollte es nicht bald in der Genderklinik angemeldet werden, damit frühzeitig ein Transitionsprozess eingeleitet werden könne?

Wissenschaft und Ideologie

Bei der Suche nach Befreiung von allen Stereotypen möchten viele das persönlich Gefühlte an die erste Stelle setzen, nach außen kundgeben (soziale Transition) und eventuell den Körper anpassen an das Innere (medizinische Transition). Trotz der starken Verbreitung besteht kein wissenschaftlicher Konsens über Inhalt und Objektivierbarkeit des Begriffs Genderidentität. «Wenn die Genderidentität vom biologischen Geschlecht und von einer geschlechtsspezifischen Sozialisation abgekoppelt wird, entwickelt sie in den aktuellen Debatten eine nicht greifbare seelenähnliche Qualität oder ‹Essenz›. Als rein subjektive Erfahrung kann sie überwältigend und mächtig sein, ist aber zugleich nicht nachweisbar und nicht zu widerlegen.»1 Erklärungen einer gesonderten Genderidentität, sozial oder biologisch, etwa im Gehirn, gibt es bis heute nicht.2 Doch wird die ‹Genderbread Person› allgemein als Konsensmodell verbreitet (Abb. 1):

Die Genderidentität steht oben, im Gehirn. Sie hat Regenbogenfarben: Da soll Vielfalt herrschen. Zugleich wird die Vielfalt auch auf die untere Region angewendet. Die Binarität der Geschlechter wird infrage gestellt, auch davon möchte man sich befreien. Faktisch findet man undifferenzierte Zwischenformen zwischen männlich und weiblich bei etwa 1/5000 der Geburten (Intersexualität). Bezüglich Geschlechtszellen und Genitalien ist der Mensch binär-polar organisiert.3 Die sekundären Merkmale (Körperbau, Haare etc.) zeigen schon etwas von einem Kontinuum zwischen den Polen, was aber die prinzipielle Binarität der primären Merkmale nicht verneint.

Darstellung angelehnt an ‹The Genderbread-Person› von Sam Killerman. Skizze: Fabian Roschka

Fragen an die Medizin

Das ‹Dutch Protocol›, seit den 1990er-Jahren weltweit verbreitet, gab an, wie man bei genderinkongruenten Kindern ab dem 12. Jahr Pubertätsblocker (PB) geben kann, ab dem 16. Jahr gegengeschlechtliche Hormone (GH), und ab dem 18. Jahr eventuell operieren kann. Im April 2024 erschien der ‹Cass Review› in England,4 bestellt vom Gesundheitsministerium. Er zeigt die Schwäche der wissenschaftlichen Ausgangspunkte und Vorgehensweisen und die Unsicherheiten der Langzeitergebnisse. Die WPATH (World Professional Association for Gender Health) mit ihren internationalen Richtlinien steht nun sehr unter Druck.5 Schon vorher war in den skandinavischen Ländern die medizinische Transition unter 18 Jahren fast ganz gestoppt worden. Die schweren Nebeneffekte von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen machten die Vorteile-Nachteile-Bilanz negativ: Unfruchtbarkeit, Osteoporose, Anorgasmie, verzögerte Gehirnreife, psychische Probleme, metabole Störungen, Herz- und Gefäßleiden. Klar war, dass ein gendervariantes Empfinden bei Kindern – das bei entsprechend tolerantem Verhalten der Erziehenden fast nie Probleme für das Kind selbst darstellt – zu 80 Prozent mit der Pubertät verschwindet. Wird aber eine Behandlung eingeleitet, gehen bis zu 99 Prozent der Kinder und Jugendlichen diesen Weg weiter. Eine Behandlung wirkt also selbstbestätigend und verhindert für die betroffenen Kinder die Identifizierung mit ihrem sexuellen Körper.6

Ein zweiter Grund für die Zurückhaltung bei der Verwendung von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlicher Hormontherapie ist die durchaus auftretende Verbindung von Genderinkongruenz mit psychischen Leiden: Anorexia, Automutilation, Depression, Autismus-Spektrum-Störungen, Traumata in der Vorgeschichte, Suizidgedanken.7 Die exponentielle Zunahme von Genderdysphorie seit etwa 2012, vor allem die plötzlich auftretende Form bei geborenen Mädchen (ROGD8), korreliert mit der Häufigkeit seelischen Leidens bei Jugendlichen – und mit der Verbreitung von Smartphones. Der deutsche Jugendpsychiater Alexander Korte beschreibt die trans- oder nonbinäre Identifikation als eine neue Schablone, die suchenden jungen Menschen neue Anhaltspunkte und Gruppenzugehörigkeit geben kann.9 Darüber hinaus kann Verwirrung auftreten durch eine homosexuelle Anlage. Viele ‹detransitioners›, die ihre Umwandlung bedauern, erzählen, dass sie erst später ihre homosexuelle Orientierung erkannt und akzeptiert haben, sich aber geirrt haben bzw. fehlgeleitet wurden.10 Zahlen von Bedauernden variieren von 1–2 Prozent bis zu 30 Prozent, je nach Quelle.11 Langjährige Untersuchungen gibt es aber nicht.

Menschen mit einem tiefen Erleben von Genderinkongruenz gab es immer und sie verlangen größten Respekt. Auch für sie ist keine Diskriminierung zu dulden. Es geht aber um eine sehr kleine Minderheit.12 Die heute zunehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Genderinkongruenz scheint noch andere Ursachen zu haben als das tiefe Empfinden, im falschen Körper zu sein und sich heute endlich frei outen zu können. Sonst würden jetzt auch viele Erwachsene in die Transition gehen wollen. Feministische13, Eltern-14, LGB-Gruppen15 und zunehmend Wissenschaftler16 weisen mittlerweile auf eine ‹Genderideologie› hin, die mit Transaktivismus einhergeht.

Ph. L.: Physischer Leib; Ae. L. Äetherischer Leib; S: Seele; I.: Ich
Wenn rötlich männlich vorstellt und bläulich weiblich, wäre diese Person eine Frau. Wenn rötlich weiblich ist und bläulich männlich, wäre es ein Mann. Das Ich (bunt) ist weder männlich noch weiblich. Skizze: Fabian Roschka

Befreiung

Die Medizin muss heute zugeben, dass sie den Körper nicht beliebig umbilden kann. Das alte Ideal des ‹primum non nocere› (zuerst nicht schaden) ruft zu Zurückhaltung, wenn aus einem gesund funktionierenden (kindlichen oder jugendlichen) Leib kein solcher werden soll, der lebenslang von der Medizin abhängig sein wird. Zudem ist bekanntlich erst um das 25. Jahr die frontale Gehirnrinde voll ausgereift, als Niederschlag der Entwicklung der höheren kognitiven Funktionen. Erst jetzt ist man fähig, die längerfristigen Folgen von Entschlüssen und Taten einzuschätzen. Es wird notwendig sein, den Fokus mehr auf eine psychische Unterstützung zu richten. Statt in einer Betonung neuer identitären und körperlichen Kategorien, die nur dem materiellen Körper Existenz zuschreiben, liegt eine Befreiung auch in der Erweiterung des Blickes auf den Menschen. Unsere ‹Essenz› liegt nicht in einer Genderidentität, sondern in der übergeschlechtlichen geistigen Individualität, in dem Ich-Wesen als wirkliche Identität. Das viergliedrige Menschenbild der Anthroposophie gibt folgende Anhaltspunkte: Der physische Leib zeige das biologische Geschlecht, der Äther- oder Lebensleib werde um das 14. Jahr gegengeschlechtlich,17 die Seele sei immer zweigeschlechtlich, und das Ich gar nicht geschlechtlich. Ich glaube, dass Jugendliche gerade Letzteres kennenlernen möchten, und selber gerne erkannt werden in der unendlichen Vielfalt oder Diversität ihrer werdenden einzigartigen ungeschlechtlichen Individualität. Diversität zurückzuverlegen auf Gender, Geschlecht und Anziehung und entsprechend schon früh in der Schule den kognitiven Boden dazu legen zu wollen,18 scheint mir damit im Widerspruch und freiheitsbeschränkend. Ich hoffe, dass die zu erwartende erneute Zurückhaltung der medizinischen Welt helfen wird, für ein solches erweitertes Bild des werdenden Menschen den notwendigen Freiraum zu schaffen.

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Footnotes

  1. Griffin et al., Sex, gender and gender identity: a re-evaluation of the evidence.
  2. Kreukels, Steensma, Theorievorming over genderidentiteit en genderincongruentie. Tijdschrift voor Seksuologie 2020, 44–4, S. 198–207.
  3. Epidemiology and Initial Management of Ambiguous Genitalia at Birth in Germany.
  4. The Final Cass Review and the NHS England Response.
  5. World Professional Association for Gender Health, Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People; Pseudoscientific Surgical and Hormonal Experiments on Children, Adolescents, and Vulnerable Adults.
  6. Martin Harlaar (red.), Finoulst & Vankrunkelsven, in: Het gender-experiment.
  7. Untersuchungen liegen vor, die zeigen, dass das Suizidrisiko dem begleitenden psychischen Leiden zuzuschreiben ist und nicht abnimmt mit einer Transition; siehe Ruuska et al., All-cause and suicide mortalities among adolescents and young adults who contacted specialised gender identity services in Finland in 1996–2019: a register study.
  8. Rapid Onset Gender Dysphoria; M. Grossman, Lost in Trans Nation. A Child Psychiatrist’s Guide Out of the Madness. Skyhorse 2023, ab S. 40.
  9. Korte und Tschuschke: Sturm und Drang im Würgegriff der Medien – Die Leiden der jungen Generation am eigenen Geschlecht.
  10. Z. B. Post Trans.
  11. Continuation of Gender-affirming Hormones Among Transgender Adolescents and Adults.
  12. Dörte Hilgard, Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung – Bekenntnis zur Vielfalt. Der Merkurstab 2023/2: «Eine Metaanalyse (2007) von zwölf Studien fand eine Gesamtprävalenz von 4,6 pro 100 000 (6,8 pro 100 000 für Trans-Frauen, 2,6 pro 100 000 für Trans-Männer).».
  13. Z. B. Emma.
  14. A. Josie and S. Dina, Parents with inconvenient thruths about trans.
  15. Z. B. Homosexuels et critiques de l’idéologie du genre.
  16. Kathleen Stock. Material Girls: Why Reality Matters for Feminism. London, Fleet, 2021; siehe auch: Kathleen Stock Questioned by Oxford University Students.
  17. R. Steiner, Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung. GA 307, Vortrag in Ilkley am 8.8.1923.
  18. Menschlichkeit, Identität und Sexualpädagogik in der Waldorfschule.

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