Ein Brückenbauer

Johannes Wirz hat 35 Jahre lang die Arbeit am Forschungsinstitut am Goetheanum mitgetragen und wesentlich geprägt. Mit seinen profunden Kenntnissen der modernen Biologie zeigt er, dass Goethes Entwurf einer Theorie der organischen Natur keine Kritik, sondern eine Erweiterung der biologischen Grundlagenforschung darstellt.1 Einer, der für die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie Brücken baut.


Die brennende Frage, was Leben ist, führte Johannes Wirz zunächst zum Studium der Molekularbiologie an die Uni Basel. Diese relativ junge Wissenschaftsdisziplin versprach, die Geheimnisse der organismischen Entwicklung zu lüften. In seiner Arbeitsgruppe unter Walter Gehring war er in den 1980er-Jahren an bahnbrechenden Entdeckungen beteiligt. Aus eigener experimenteller Arbeit wusste Johannes, dass diese Erkenntnisse nur zustande kommen können, indem man den lebenden Organismus bereits voraussetzt. Sie zeigen, wie Leben funktioniert. Aber seine brennende Frage wurde nicht adressiert.

An der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum dagegen fand er eine Erkenntnishaltung vor, die seine Suche nach einem größeren Sinnzusammenhang teilte. Jochen Bockemühl wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einen so vielversprechenden Wissenschaftler ans Forschungsinstitut zu holen, und bot Johannes eine Stelle als Postdoc an. Ein glücklicher Griff, denn Johannes erwies sich fortan als unermüdlicher Mitarbeiter, der die Sprache der modernen Biologie verständlich übersetzen und zeigen konnte, dass die molekulare Entwicklungsgenetik einen Punkt erreicht hat, wo die zentrale Frage, wie Gene Entwicklungsprozesse bestimmen, umgekehrt formuliert werden muss: Wie werden die für die Entwicklung notwendigen Gene rekrutiert und wer teilt ihnen ihre biologische Aufgabe zu? Das Verhältnis von Bedingung und Folge, von Ursache und Wirkung hat sich umgekehrt: Gene sind keine Ursachen, sie werden vielmehr vom Organismus als Bedingungen während der Gestaltbildung aufgerufen und integriert. Johannes konnte überzeugend vermitteln, dass Goethes Idee des Typus, der ‹inneren Natur›, die jedem Lebewesen als regulierende Instanz innewohnt, die Resultate der molekularen Biologie umfassender erklärt als die Standardtheorie, dass allein die Gene die Konstitution und Evolution von Organismen bestimmen.

Netzwerk und Brücke zur Wissenschaftswelt

Trotz seines Spagats zwischen ausgedehnter Institutsarbeit und großem Engagement in der Familie mit drei kleinen Kindern trug er in den 1990er-Jahren wesentlich zur Gründung eines Netzwerks von Wissenschaftlern, Ärztinnen und Philosophen bei, die sich zum internationalen Forum zur Entwicklung von Gesichtspunkten und öffentlichem Bewusstsein für Gentechnik (If gene) zusammenschlossen. Das Bestreben der Arbeitsgruppe gipfelte in drei internationalen Konferenzen, deren erste – ‹The Future of DNA› – 1996 zahlreiche namhafte Wissenschaftstreibende aus dem englischsprachigen Raum ans Goetheanum führte.

Foto: Gottfried Fjeldså

In der eigenen experimentellen Forschung richtete Johannes den Blick auf die Beziehung zwischen den Organismen und ihrer Umgebung. «Schritte zur Entwicklung eines neuen Ansatzes in der Entwicklungsbiologie»2 wurden am Beispiel des braunen Grasfroschs untersucht und die vielfältigen Interaktionen von Tieren mit ihren Lebensräumen hat er z. B. mit Daniel Kuster anhand von Schmetterlingspopulationen dargestellt.3 In Experimenten zur Weitergabe erworbener Eigenschaften mit Fruchtfliegen konnte er seine – heute breit anerkannte – These belegen, dass das Konzept der adaptiven Mutation eine notwendige Ergänzung zur Theorie der zufälligen Variation in der Evolution ist.4

Sein großes Geschick in der Konzeption von Projekten und Forschungsanträgen bewies Johannes ab 1999 in einem umfassenden Kooperationsprojekt zur Untersuchung von transgenen Pflanzen. Zusammen mit der Autorin konnten in morphologischen und entwicklungsdynamischen Vergleichen zahlreiche unbeabsichtigte Veränderungen an Pflanzen mit verschiedenen gentechnischen Konstrukten statistisch abgesichert werden.5 Es zeigte sich, dass Pflanzen auf die Einfügung eines Gens nicht mit einer bestimmten Eigenschaft reagieren, sondern den Eingriff in ihrer gesamten Gestaltbildung interpretieren. Als Projektleiter brachte Johannes seinen unverbrüchlichen Sinn für Transparenz und Gerechtigkeit zum Ausdruck, indem er dafür sorgte, dass die Arbeit aller Beteiligten mit dem gleichen Einkommen gewürdigt wurde.

Tragender Einsatz

Unzählige Artikel und Vorträge, die hoch aktuelle wie auch historische Arbeiten in die Sichtweise der goetheanistischen Biologie integrieren, bezeugen seine kreative Arbeitslust. Zusammen mit Johannes Kühl hatte er mit seinen innovativen Fähigkeiten in der Konzeption von Tagungen und Projekten zur Aquisition von Mitteln über Jahre eine tragende Rolle in der Institutsleitung. Nach Georg Maier übernahm er für fast 20 Jahre die Redaktion der ‹Elemente der Naturwissenschaft› und regte in den Editorials mit seinem originellen Denken die Leselust an. Ab 2020 übernahm er zusammen mit Matthias Rang die Sektionsleitung und hat in der Goetheanumleitung mit originellen Denkanstößen manches anthroposophische Konzept durch unerwartete Facetten bereichert. Die Verbindung der praktischen Hinwendung zum Forschungsgegenstand mit der meditativen inneren Anschauung setzte er in den letzten Jahren als Imker um. Von den Bienen hat er gelernt, dass die Zukunft von Menschheit und Erde wesentlich vom sozialen Miteinander abhängt. Solches Wissen fließt ein in seine Einführungskurse in die wesensgemäße Bienenhaltung, die er, wie auch die Forschung zur Bienengesundheit, weiterhin betreiben wird.

Für seinen unermüdlichen, oft aufopferungsvollen Einsatz möchten wir ihm von Herzen danken! Und wir hoffen, dass er auch weiterhin die Anliegen der Naturwissenschaftlichen Sektion mit seiner besonderen Fähigkeit begleiten wird: Naturwissenschaft im Lichte anthroposophischer Konzepte neu zu denken – und umgekehrt!


Titelbild Johannes Wirz, Foto: Xue Li

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Footnotes

  1. In Heusser, P. (Hrsg.) 2000, Typusidee und Genetik, S. 315.
  2. Siehe EdN 53, 1990, S. 3–21.
  3. EdN 77, 2002: Bewegte Bilder – Bedeutungswelt zweier Schmetterlingsarten, S. 55–78.
  4. Siehe EdN 64, 1996: Schritte zur Komplementarität in der Genetik, S. 37–52 und Fussnote 1.
  5. Siehe EdN 95, 2011: Unintended phenotypic effects of single gene insertions in potatoes, S. 9–24.

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