Gespräch vor den ‹Faust›-Sommerfestspielen mit Andrea Pfaehler (Inszenierung) und Rafael Tavares (Eurythmieregie) zur ‹Faust›-Inszenierung 2026. Die Fragen stellte Louis Defèche.
Das Werk heißt ‹Faust› und doch bestimmt Mephisto die Handlung. Was bedeutet das?
Andrea Pfaehler Mephisto ist überall und immer da, aber nicht immer findet er eine Möglichkeit, seine Wirksamkeit auszuspielen. Aber ich denke, dass wir Menschen kollektiv einen Pakt eingegangen sind. Das ist einerseits in meinen Augen notwendig, um frei zu werden, und andererseits eine ständige Herausforderung, einen bewussten Umgang mit diesem Diener, dem Verführer, dem Geist, der stets das Böse will und stets das Gute schafft, zu finden. Seine Omnipräsenz ist in Goethes ‹Faust› so groß, dass das Stück auch ‹Mephisto› heißen könnte. In unserer Inszenierung wollen wir auf die Vielgesichtigkeit und die Anpassungsfähigkeit von Mephisto hinweisen, indem es fünf Mephistos sind, die sich um Faust und alle anderen Figuren herumscharen. Man hat es nicht mit dem einen zu tun, an den man sich gewöhnen kann: Mal ist er viele, füllt den Umkreis, mal ist er ein Einziger, mal ein fast menschliches Gegenüber, vielleicht sogar in einsamen Stunden der einzige Gesprächspartner. Mal bestimmt er das Feld, mal ist er selbst nur Gast. Und dann gibt es einzelne Momente, da gibt es nichts von Mephisto. Es sind Augenblicke, in denen Faust erkennt, dass das, was physisch Wirklichkeit ist, nicht das Einzige ist, worauf er zugreifen kann; das sind auch die Momente, in denen er reflektiert, sich besinnt, bei sich ist. Ich könnte sagen, das sind die Momente, in denen er ihm entwischt. Mephisto kann nicht mit dem Finger schnippen, um den Menschen – und hat er auch den Pakt geschlossen – wieder für sich zu gewinnen. Er muss im Gegenteil arbeiten, er müht sich oftmals ab. Diese Momente sind ein Innehalten, eine kleine Ruhe im Treiben des Lebens. Mephisto kann er in diesen Augenblicken zwar nicht verbannen, aber er kann ihn auf Distanz halten, unabhängig werden. Alleinsein ist nicht gleich Einsamsein. Aber einsam ist Faust, wenn er umgeben ist von vielen Mephistos, und ist dann aufgehoben, wenn er ohne Mephisto allein ist.
Mephisto hat eigentlich alles, was uns anzieht. Er hat die eingängigeren Texte, tausend Pointen, hat Humor. Trotzdem geht es um diesen einen Menschen, geht es um uns, um das Menschsein. Der Faust auf der Bühne gibt dem ein Gesicht, eine Sprache, was im täglichen Leben durch die Geschwindigkeit und Mehrschichtigkeit ungreifbar wird.
Selbst im Tod ist Mephisto an seiner Seite.
Pfaehler Ja, Faust stirbt in seinen Armen. Mephisto hat ihm das Grab bestellen lassen von den Lemuren und wartet neben dem Leichnam darauf, die Seele zu bekommen. Der Himmel mischt sich ein; als die Seele sich aus dem Körper herauslöst, sind es die Engel, die sie nach oben tragen. In der himmlischen, geistigen Sphäre kann Mephisto nichts mehr, er ist wirkungslos. Er bleibt mit leeren Händen und einem irrsinnigen Aufwand zurück und verflucht sein eigenes Schicksal. Fast kann er einem leidtun in diesem Monolog, den Urs Bihler in eindrücklicher Weise spielt. Auf der Reise in die Höhe begegnet er allem, was sein Leben war. Wie eine Zwiebel legt er diese äußeren, verkrusteten Schalen jetzt ab und wird zu einem kleinen, frischen und alterslosen Kern.
Rafael Tavares In diesen heiligen Momenten, in denen Faust zu sich selbst findet und sich der Himmel öffnet – sichtbar etwa in der Himmelfahrt –, haben wir entdeckt, wie wenig es an äußeren Mitteln braucht. Gerade dort geht es darum, das eigentlich Menschliche in die Mitte zu stellen. Auch die Zeit verändert sich: Sie wird langsamer, der Strom der Handlung hält inne. Die eurythmischen Gebärden treten zurück, Ausdruck verwandelt sich in Stimmung. Diese Schlichtheit zeigt sich bis in die Kostüme, die Schminke und die Gestaltung der Haare. Einfachheit und Klarheit prägen eine Atmosphäre, die wir auf der Erde vielleicht selten erleben, aber doch tief in uns erahnen.
Ja, das ist die Stärke der Eurythmie, dass ihr als Engel nicht mit künstlichen Flügeln auf die Bühne kommen müsst, sondern die Schlichtheit der menschlichen Gestalt überzeugt.
Tavares Für diese Wirkung ist die Zusammenarbeit mit Thomas Stott, Dominique Lorenz und Joeri Meijer von großer Bedeutung. Durch ihr Lichtdesign entstehen Räume, die von dieser besonderen Langsamkeit getragen werden. Licht, Bewegung und Musik beginnen miteinander zu verschmelzen. Vielleicht ist es gerade das, was wir mit dem Himmlischen verbinden: Die Gegensätze treten zurück, Unterschiede lösen sich auf und alles wird Teil eines gemeinsamen Ganzen.
Pfaehler Das in der Eurythmie so herauszukristallisieren und zu inszenieren, das ist deine Handschrift, dein künstlerischer Griff. Am Goetheanum haben wir es bei der ‹Faust›-Inszenierung mit ausgeprägten Sehgewohnheiten zu tun. Im Schauspiel sind sie schon früher aufgebrochen worden und jetzt geschieht das in der Eurythmie: Das bedeutet, einen Engel nicht zu spielen, sondern sich so auf sich selbst zu besinnen und in dieser Besinnung auf sich selbst nicht sich selbst zu zeigen, sondern so zu werden, dass das Publikum erkennen kann: Das sind Engel, ohne einen Engel darzustellen. Da sind wir, für mein Gefühl, in den ‹Bergschluchten› einen für mich unglaublich beglückenden Schritt weitergekommen. Im Prolog sind wir da noch auf dem Weg, weil wir es da noch mit Gewohnheiten zu tun haben, mit der Vorstellung des klassischen Himmels mit dem einen alten Gott. Da beschreibt Goethe die Erzengel und da steigen sogleich Bilder im Kopf auf. Engel in langem Kleid führt unser Auge in eine vertraute Bahn. «Ah, das habe ich verstanden.» Da lohnt es sich, den Kopf ein wenig zu verwirren, damit neue Gefühle entstehen!
Ja, wenn ein Kunstwerk mich auf dieser Ebene des Herzens anspricht, dann werde ich genährt.
Tavares Der Himmel zu Beginn des ‹Faust› ist auch in unserer Inszenierung nicht frei von Pathos – und das bewusst. Denn hier öffnet sich der Himmel des Vatergottes, jener Himmel, den viele als den ursprünglichen, archetypischen Himmel des Menschen empfinden. Diesem Bild wollten wir seinen Ernst und seine Größe nicht nehmen. Und dennoch versuchen wir auch hier, über das Pathos hinaus zu einer besonderen Klarheit zu gelangen. Mich interessiert die Frage, wie eine Begegnung mit einer Engelschar auf der Bühne erfahrbar werden kann, ohne dass sie bloß dargestellt wird. Deshalb suchen wir nach einer Einfachheit in Bewegung, Raum und Erscheinung, die etwas von jener Schönheit ahnen lässt, die wir mit dem Engelhaften verbinden. Es geht nicht darum, Engel zu spielen, sondern darum, einen Raum entstehen zu lassen, in dem das Publikum vielleicht etwas von jener Harmonie, Reinheit und Weite erleben kann, die wir mit der Gegenwart von Engelwesen verbinden. So bewegt sich die Szene zwischen der Größe des alten Himmelsbildes und einer stilleren, menschlicheren Erfahrung des Geistigen – einer Erfahrung, die weniger erklärt als vielmehr geahnt werden kann.
Pfaehler Ja, zugleich frage ich mich, warum man von einem ‹alten› und einem ‹neuen› Himmel spricht. Im Prolog ist ein Himmel, in dem diese göttliche Stimme uns Menschen einen unglaublichen Vorschuss an Vertrauen in den eigenen Weg gibt. Sein Vertrauen in uns ist bedingungslos. Diese weibliche Kraft, die am Schluss Faust in die Höhe hebt, diese Kraft ist ein menschliches Wesen, das ist Gretchen, die in der geistigen Welt wirkt. Ein wunderbares Bild: Wir Menschen helfen und heben uns in den Himmel hinein. Vertrauen und Verbindung.
Zurück zum Anfang: Was ist denn das Problem von Faust?
Pfaehler Er hat das Problem, das nicht wenige Menschen kennen, denke ich: in seinen Bildern und Vorstellungen, in dem Wissen über die Welt gefangen zu sein. Er ist durch seinen Wissensdrang verkopft, der Bezug zum Leben und den Mitmenschen ist verkümmert. Die Natur gibt ihm Kraft, aber das Zusammenleben, die menschlichen Begegnungen, die Interaktionen und Beziehungen machen ihm mehr und mehr Angst. Er lebt – das malt uns ja Goethe in großen Bildern – in einer Bubble, einer Blase, und die gehört ihm. Sie ist nur so groß, wie er sie fassen kann, und sie ist nur mit Dingen gefüllt, die mit ihm zu tun haben. In seinem Zimmer gibt es nichts Fremdes, keine unbekannten Dinge oder Menschen. Deshalb lassen wir im Bühnenbild die Bücherwand bis ins Unendliche emporragen – eine Unendlichkeit, in der man nur sich selbst begegnet. Vor lauter Eigenwelt sieht er keinen Himmel mehr – und auch keine Erde. Er ist in einer Kopfwelt gefangen. Wagner ist sein engster Vertrauter, aber in den Dialogen zwischen den beiden lässt sich bald erleben, dass sie sich nicht wirklich begegnen können. Auf intellektueller Ebene ist Mephisto der erste wirkliche Gesprächspartner. Durch ihn findet er Zugang zur Sinnlichkeit des Lebens und verliebt sich in Gretchen. Die Liebe, die zwischen den beiden entsteht, durchkreuzt Mephistos Plan.
Tavares Er spürt die Langeweile in diesem Kosmos aus Wissen und Verstehen. Er ist gelähmt, gelähmt von der Leblosigkeit dieser Vorstellungswelt. Das ist ein uns heute vertrautes Lebensgefühl. All das Wissen entfremdet uns von dem eigentlichen Leben, seiner Tiefe, seinem Geheimnis, und wie Faust sehnen wir uns nach diesem so unfassbaren Leben.
Weshalb stößt er dabei auf den Teufel?
Tavares Faust entdeckt nichts Neues mehr. Er sieht keine Wunder mehr, freut sich an nichts mehr. Das ist alles grau. Durch all sein logisches Denken und Verstehen hat er das Leben verloren.
Pfaehler Gott im Prolog ist der Erste, der den Namen Faust erwähnt. «Kennst du den Faust?», fragt er Mephisto. Faust hat den Teufel nicht gesucht und auch Mephisto hat ihn nicht gesucht. Die Zusammenführung kommt von einer höheren Warte, das ist interessant und kann ein Trost sein. Natürlich muss der Zeitpunkt der rechte sein. Faust will sich umbringen, nicht um dem Leben ein Ende zu setzen, sondern weil er wissen will, wie es auf der anderen Seite ist.
«Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.» – So begründet Gott diese teuflische Gabe.
Pfaehler Warum Gott den Teufel auf den Menschen loslässt und genau weiß, wie schwer dieser Kampf wird und dennoch an den Menschen glaubt, das, finde ich, ist ein großes Thema.
Tavares Mensch zu werden, heißt, im Angesicht der Versuchung, des Schattens, die Freiheit in die Hand zu nehmen. Es ist immer Faust, der die Entscheidungen trifft, der den Verjüngungstrank zu sich nimmt, der Gretchen wiedersehen will. Mephisto schenkt ihm die Macht; wie er sie nutzt, welchen Weg er einschlägt, das entscheidet Faust.
Pfaehler Wir können nicht Mensch werden ohne den Teufel.
Und wie ist es mit der Hexe, die Faust den Verjüngungstrank braut? In der Walpurgisnacht erscheint sogar eine ganze Horde von Hexen.
Pfaehler Die Hexenwesen sind die andere Seite des Mephisto. Also die Hexen sind Mephisto und Mephisto ist die Hexen. Er selbst kann nicht einfach ‹hexen›. Könnte er hexen, hätte er wohl nicht diese Eloquenz und Intellektualität.
Tavares Die Hexenküche und die Walpurgisnacht zeigen eine Welt, in der Magie nicht auf Erkenntnis oder Entwicklung zielt, sondern auf Wirkung und Verführung. Es geht um Verjüngung, Rausch, Begierde und die Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten. Es geht um den Wunsch, etwas zu beschleunigen oder zu erzwingen. Deshalb sind diese Szenen für mich nicht nur dämonisch, sondern auch zutiefst menschlich. Sie zeigen eine Versuchung, den Wunsch nach Abkürzung. Die Sehnsucht nach Verwandlung ist berechtigt, aber hier wird sie auf einem Weg gesucht, der nicht wirklich freier macht. Man möchte Entwicklung durch Intensität ersetzen, Reifung durch Erlebnis, innere Arbeit durch äußere Wirkung. So erscheint die Walpurgisnacht wie ein Gegenbild zu den Himmels-Szenen des Faust. Dort erleben wir Klarheit, Orientierung und eine Verbindung zum Geistigen. Hier begegnen wir einer Welt der Verwirrung, der Entgrenzung und der Auflösung von festen Formen. Gerade diese Polarität macht die Größe des Dramas aus.
Vom Bösen zum Schönen: Was erlebt Faust an Gretchen?
Pfaehler Er ist verjüngt, und was ihn treibt, ist die Jugendkraft. Was ihm fehlt, um in die sinnliche Welt zu gehen, ist die Leidenschaft, ist die Offenheit für alles, was ihm entgegenkommt. Da begegnet ihm Gretchen – zufällig? Es gibt keine Zufälle. Mephisto ist nicht dabei. Gretchen ist gläubig und hat ein untrügliches Gespür. Mephisto ist enttäuscht, dass Faust sich gerade in Gretchen verliebt. Gretchen ist die Unbekannte in seiner Rechnung. Mephistos Plan wird ständig ausgebremst durch Gretchen. Sie ist seine größte Gegnerin. Bis zum Schluss im Kerker. Es ist spannend, die Geschichte von Gretchen zu untersuchen in ihrer Beziehung zu Mephisto, wie sie ihn über die Sinne wahrnimmt, über das, was sie fühlt. Sie fühlt es in der Atmosphäre. Sie riecht ihn. Wenn sie ihm in die Augen schaut, sieht sie die Kälte. Ich würde sagen, sie ist die Einzige, die ihn erkennt und nicht anerkennt. Deshalb ist sie ihm ein Graus, weil sie ihm auf die Schliche kommt, ohne dass sie mit ihm in Verbindung geht.
Tavares Faust erkennt in Gretchen jene Jugendkraft, nach der er sich so sehr sehnt. Durch ihre Augen erlebt er die Welt noch einmal neu. Doch ich glaube, es ist mehr als nur Jugend. Gretchen trägt eine natürliche Verbundenheit mit dem Leben in sich. Was bei Faust durch Wissen, Begriffe und Vorstellungen gegangen ist, lebt bei ihr noch unmittelbar. Sie hat etwas von jener ursprünglichen Offenheit, mit der ein Mensch der Welt begegnen kann. Deshalb erschüttert sie Faust so tief. Vielleicht liebt Faust Gretchen deshalb so sehr, weil er durch sie ahnt, was er eigentlich sucht: nicht nur Jugend, nicht nur Schönheit, sondern eine verlorene Verbindung zum Leben selbst.
Pfaehler Genau. Dabei ist es interessant, dass es keinen Gesprächsstoff gibt zwischen den beiden. In keiner Szene führen sie ein inhaltliches Gespräch. Was sie im Garten besprechen, ist belanglos, und im Religionsgespräch reden sie aneinander vorbei. Das, was zwischen ihnen lebt, ist die Sinnlichkeit. Und die braucht keine Worte.
Tavares Was mich am meisten erschüttert, ist die Art, wie die Macht des Bösen auf Gretchen wirkt. Mit ihr leide ich. Sie ist schuldlos und wehrlos und verliert alles: ihre Mutter, ihren Bruder und schließlich ihr Kind. An ihrem Schicksal zeigt Goethe die tiefsten Wunden des Dramas.
Margarethe heißt ja ‹die Perle›. Die Perle in der Muschel, die aus dem Schmerz geboren wird. So begegnet sie uns am Ende des zweiten Teils.
Pfaehler Sie führt ihn in den Himmel, das macht die Tragödie nicht weniger dramatisch oder auch grausam. Das ist die Katharsis des ganzen Stückes. Und die braucht es, sonst wäre es kein Drama.
In ‹Faust II› ist dann Helena die große Liebe von Faust. Wer ist Helena?
Pfaehler Helena repräsentiert das Weibliche. Es liegt für mein Gefühl auf der Hand, dass Goethe, um das Weibliche zu finden, diese griechische Urgestalt nimmt. Die irdische Begegnung mit dem Weiblichen ist Gretchen, die spirituelle Begegnung mit dem Weiblichen ist Helena. Es gibt einen Moment, in dem sie dem Irdischen nahekommt, aber nicht wirklich irdisch ist in meinen Augen – und das geschieht im Burghof. Goethe sagt, dass diese Szene das Herz der ganzen ‹Faust›-Dichtung sei. Diese Begegnung bringt Neues, bringt eine neue Sprache, bringt neues Bewusstsein und bringt neues Leben.
Tavares In Helena begegnet Faust einem Bild des Schönen selbst, einer Verkörperung seiner tiefen Sehnsucht nach Schönheit, Harmonie und Vollkommenheit. Gleichzeitig frage ich mich, ob Faust auch hier einen Schritt zu weit geht. Er möchte das Schöne nicht nur schauen und erleben, sondern es festhalten, besitzen und mit ihm eine Zukunft begründen. Vielleicht liegt gerade darin die Tragik dieser Begegnung. Das Schöne will empfangen werden, aber es entzieht sich dem Besitz. Aus dieser Verbindung entsteht Euphorion – eine faszinierende und zugleich widersprüchliche Gestalt, die Schönheit, Begeisterung, Freiheit und Überschwang in sich vereint. In unserer Inszenierung haben wir über die Jahre immer wieder nach einer angemessenen Form für dieses Wesen gesucht. Erst in einer stark tänzerisch-eurythmischen Darstellung hatten wir das Gefühl, seiner Natur wirklich näherzukommen. Denn Euphorion ist für mich weniger eine Figur als eine Bewegung, ein Impuls, ein Aufleuchten zwischen Himmel und Erde, das sich kaum festhalten lässt – und vielleicht gerade deshalb so berührend ist.
Pfaehler Im Burghof ist Mephisto nicht dabei, aber in Arkadien beobachtet Mephisto alles. Und dann kommt dieses Kind zur Welt und zeigt beides: Triebhaftigkeit und Schönheit.
Helena geht auf sein Werben ein.
Pfaehler «Ich fühle mich so fremd. Und doch liebe ich dich.» Sie bleibt immer in einer Bewegung von ihm, zu ihm. Und das will er manifestieren und haben. Wenn er es hat, verändert er sich. Dass er kein Familienvater ist, ist klar. Und sie ist im bürgerlichen Sinn ebenso keine Mutter.
Tavares Faust geht immer einen Schritt zu weit. Gerade darin liegt seine Größe, aber auch seine Gefahr. Er begnügt sich nie mit dem Erreichten, sondern strebt immer weiter – selbst dort, wo vielleicht Loslassen die größere Weisheit wäre.
Von diesem Griff nach dem Schönsten, Höchsten wendet es sich in den letzten beiden Akten zu Krieg und zur Landgewinnung. Faust will das Meer zurückdrängen. Was sagt euch das?
Tavares Die Landgewinnung geht weit über das bloße Bestellen von Land hinaus. Hier begegnen wir dem uralten menschlichen Impuls, die Natur nicht nur zu gestalten, sondern sie zu bezwingen. Faust will dem Meer Raum entreißen und der Natur seinen eigenen Willen aufprägen. Das macht diese Szene so modern und zugleich so ambivalent.
Pfaehler Ich glaube, auch hier zeigt Goethe, dass für Faust keine Aufgabe zu groß ist. Ob er den Erdgeist herbeibeschwört oder Helena aus dem Orkus heraufruft – nichts scheint ihm unmöglich. Was will er erkennen? Das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Was er mit der Landgewinnung plant, ist vielleicht sein erstes gutes Projekt. Als ein freies Volk auf freiem Grund stehen. Ein freies Volk, das sich selbst verwaltet. Es ist ein soziales Projekt, bei dem er alt, langsam und schließlich blind geworden ist. Und so kann Mephisto Faust ein letztes Mal täuschen. Bevor Faust den Pakt mit Mephisto eingeht, sagt er: «Und könnte ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, dann kannst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn […]» Diesen entscheidenden Satz sagt Faust nie, wenn er sinnliche Erfahrungen macht, die Mephisto ihm bietet, sondern da, wo er etwas denken kann, was frei ist von ihm. In dem Vorgefühl von diesem Ideal macht er seinen letzten Atemzug.
Goethes ‹Faust 1 + 2› im Goetheanum 10.–12. | 17.–19. | 25.–26. Juli 2026
Mehr Infos und Tickets
Fotos Laura Pfaehler

