Er hat sehr lange gelebt – 104 Jahre. Und er hat sehr viel beigetragen – zur Menschlichkeit. Als Edgar Nahoum wurde er 1921 in Paris geboren und starb dort als Edgar Morin vor wenigen Tagen. Paris, da gehörte er intellektuell hin. Die ganze Welt aber war geistig und menschlich sein Wirkensort. Denn er konnte denken, komplex denken.
Edgar Morin beschrieb, wie niemand vor ihm, das rasante Wachstum menschlichen Wissens, die zunehmend lebensfremde Spezialisierung der Wissenschaften, die Fragmentierung des Lebens – und neue Möglichkeiten des Menschlichen. Seine Beobachtungen fasste er schließlich in dem Begriff der ‹Komplexität›. Damit änderten sich die Daseinsbedingungen des Menschen. Denn jetzt erfasste ein Begriff die von Menschen selbst geschaffene Existenzform, in der ein gliederndes, kognitives und rationales Bewusstsein lebensbestimmend geworden ist, selbst wenn es seine Unfähigkeit erkennt, dieses Leben zu begreifen.
Die Erkenntnis der Komplexität als moderne Daseinsform erscheint als der erste Schritt zu einem Begreifen des Lebendigen und des Menschlichen – niemand kann mehr dahinter zurück, ohne den Wirklichkeitsbezug zu verlieren, so sehr auch die Sehnsucht nach vorkomplexen Zuständen wachsen mag. Diese Entdeckung des ‹homo complexus› ist Edgar Morins Beitrag zum Bewusstsein unserer Menschlichkeit, der kaum überschätzt werden kann.
Unter dem Decknamen ‹Morin›
Seine Familie gehört zur sephardisch-jüdischen Diaspora aus Thessaloniki. Der frühe Tod seiner Mutter, Luna Beressi, als er neun Jahre alt ist, muss ein Schlüsselerlebnis gewesen sein. Er erwähnt diese Wunde oft in seinen späteren Schriften. Sein sensibles Denken über Verlust, Erinnerung und Verletzlichkeit mag hier einen Ursprung haben.
Seine jüdische Existenz gründet weniger in einer religiösen oder kulturellen Praxis als vielmehr in einer historischen und ethischen Erfahrung. Wie selbstverständlich schließt er sich 21-jährig während der deutschen Besetzung Frankreichs der Résistance an – unter dem Decknamen ‹Morin›. Er engagiert sich besonders für organisatorische, politische und bald publizistische Aufgaben in der Untergrundarbeit. Name, Haltung und Engagement bleiben ihm bis zu seinem Hingang.
Der Kampf gegen Nationalismus, Antisemitismus und ideologische Ausgrenzung prägt sein langes Leben. 1941 tritt er der Kommunistischen Partei Frankreichs bei, wird aber 1951 nach seiner Kritik am Stalinismus und an der sowjetischen Politik ausgeschlossen. Diese Erfahrung verstärkt sein Misstrauen gegenüber geschlossenen Weltanschauungen und sein Suchen nach einem Denken, das Widersprüche aushält und daraus neue Horizonte gewinnt.
Interdisziplinärer Forschungsdirektor
Nach Studien in Geschichte, Geografie, Philosophie, Soziologie und Jura beginnt er 1950 am CNRS, der größten staatlichen Forschungsorganisation in Frankreich, zu arbeiten. 1969 wird er Forschungsdirektor und leitet zahlreiche interdisziplinäre Projekte. Sein sechsbändiges Hauptwerk ‹La Méthode›1 begründet und erprobt die Komplexitätstheorie. Mit wechselnden Teams verbindet er Biologie, Erkenntniswissenschaft und Anthropologie mit Soziologie, Ethik, Geschichtswissenschaft und Medientheorie, stets bezogen auf aktuelle Fragen. Mit dem ‹komplexen Denken› untersucht er Massenkultur, Jugendbewegungen, Urbanisierung, Film und Politik, um Verflechtungen getrennt scheinender Bereiche sichtbar zu machen.
Morin wird zum Inbegriff akademisch relevanter, interdisziplinärer und menschlich gegründeter Forschung, die sich mit zivilgesellschaftlicher Praxis verbindet. Wider die Zersplitterung lebendiger Wirklichkeit und die Zerlegung der Disziplinen betont er die wechselseitige Abhängigkeit von Gegensätzen: Ordnung und Chaos, Individuum und Gesellschaft, Natur und Kultur. Wissen und Bildung sollen aus einem ‹komplexen Bewusstsein› zum politischen und gesellschaftlichen Agens der Zukunft werden.
Reform der Bildungssysteme
1997 wird er im Rahmen der UNESCO eingeladen, Perspektiven der Erziehung für das 21. Jahrhundert auszuarbeiten. Aus einer breit angelegten internationalen Zusammenarbeit legt er 1999 seinen Bericht vor.2 Darin formuliert er die Vision für eine Bildung, die nicht bloß Wissensvermittlung betreibt, sondern selbstständiges Denken, Verantwortung und ein Bewusstsein für die planetaren und zivilisatorischen Zusammenhänge fördert. Der Bericht betont die Notwendigkeit transdisziplinärer Lehrpläne, die jungen Menschen Werkzeuge zur Bewältigung komplexer, globaler Probleme an die Hand geben. Der Text wird zu einem Referenztext der UNESCO-Bildungspolitik.
Vor den heutigen Möglichkeiten und Herausforderungen durch die künstliche Intelligenz liest sich der Text geradezu prophetisch. Überall geht es ihm um das Menschliche schlechthin, ja mehr noch um das menschliche Schicksal:
«Daher sollte alle Erziehung die vielfältigen Gesichter des menschlichen Schicksals zeigen und illustrieren: das Schicksal der menschlichen Art, das individuelle Schicksal, das soziale Schicksal, das historische Schicksal, alle Schicksale unvermischt und untrennbar. Eine der wesentlichen Aufgaben der Erziehung der Zukunft wird daher die Untersuchung und das Studium der menschlichen Komplexität sein. Sie sollte münden in das Erkennen, also das Bewusstwerden der gemeinsamen Bedingung aller Menschen und der sehr reichen und notwendigen Verschiedenheit der Individuen, der Völker, der Kulturen, in unserer Verwurzelung als Bürger der einen, gemeinsamen Erde.»3
Unermüdlich auf der Suche
Er begegnet der Kritik verständnisvoll: Seine Begriffe seien zu vage und umfassend für präzise empirische Ansprüche. Doch gerade diese Weite schlägt Brücken zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sowie zwischen Forschung und öffentlicher Reflexion. So inspiriert er weltweit Forschende, Pädagoginnen, Aktivisten und Denkerinnen, weil er komplexe Probleme im Spannungsfeld von Erkenntnistheorie, Ethik sowie politischer und menschlicher Praxis betrachtet.
Bis in seine letzten Tage kommentiert er Fragen der Gegenwart. Vor allem seine Haltung zu Israel zeigt, wie differenziert er seine jüdische Identität lebt. Er tritt entschieden gegen Antisemitismus auf und kritisiert zugleich vehement die israelische Politik gegenüber den Palästinensern. Er weigert sich, jüdische Identität mit staatlicher Loyalität gleichzusetzen, und betont, dass die Erinnerung an Unterdrückung die Pflicht zur Empathie gegenüber anderen Leidenden einschließe.
Sein persönliches Auftreten hatte etwas Suchendes. Er sprach von Unsicherheiten, die gemeinsam durchdacht werden müssten. Besonders überraschend und beeindruckend fand ich seine ganz natürliche Höflichkeit. Er hinterlässt einen Lebens- und Denkstil, der Vertrauen gibt, dass die Welt nicht durch Vereinfachung verstanden werden kann und dass eine Zukunft des Menschlichen immer möglich ist.
Bild Edgar Morin beim ‹Fronteiras do Pensamento› in São Paulo (Brasilien), 2011
Fußnoten
- Edgar Morin, La Méthode. Sechs Bände, Éditions du Seuil, Paris 1977–2004.
- Edgar Morin, Les défis de l’éducation pour le XXIe siècle. UNESCO, Paris 1999. Deutsch: Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft, Hamburg 2001.
- Ebd., Kapitel III: Die Grundbedingungen des Menschen lehren.

