Identitätskriege

Identitätskriege

Demokratische Gesellschaften beruhen grundsätzlich auf der Anerkennung des Individuums, auf der Unantastbarkeit seiner Würde und seiner Rechte. Religionen, Traditionen und Nationalismus, die lange als Fundament der Gesellschaft galten, verschwinden vor diesen neuen Prinzipien. Ohne ein verbindendes Element drohen diese neuen Gesellschaften auseinanderzufallen. Sind hier neue Gemeinsamkeiten zu erfinden?


Individualität ist unaussprechbar. Diese Einsicht des Neuplatonismus, der das Höchste und Erste daher nur «das Eine» nannte, fand im Verlauf von Jahrhunderten Einzug in die säkulare Welt: Der neuzeitliche Individualismus mit seinem Kult der Freiheit ruht auf ihr, ebenso wie die Idee des souveränen Staates. Souverän oder autonom ist nur, wer sich selbst das Gesetz gibt und nicht durch ein Gesetz bestimmt wird, das andere ihm geben. Die Demokratie hat diese beiden Aspekte miteinander verknüpft, sie besteht aus eigenschaftslosen Einzelnen, aus deren kumuliertem Willen die vorübergehende Identität des Staatsvolkes ohne die Vermittlung intermediärer Körperschaften stets von Neuem hervorgeht, wenn es wählt oder abstimmt, also Entscheidungen trifft. Die Elegie des eigenschaftslosen gesellschaftlichen Existenzials hat lange vor Houellebecq Robert Musil verfasst und die aktionistische Konsequenz aus dem Verschwinden des Sagbaren wurde noch vor Musil vom europäischen Anarchismus bzw. Nihilismus gezogen. Wo es nichts mehr zu sagen gibt, wo es kein Allgemeines mehr gibt, für das man sich aussprechen, dem man sich ein- und unterordnen kann, bleibt nur noch die Propaganda der Tat, die sich gegen die Zumutungen des Allgemeinen an sich richtet. Die Tat spricht für sich selbst, sie bedarf keiner Worte, denn sie schafft Tatsachen, die sich in ihrer unaussprechlichen Einzigartigkeit auf dieselbe Ebene wie die Individuen stellen, die das letzte Substrat der sozialen und politischen Wirklichkeit sind. Genau diese Philosophie liegt dem Terrorismus zugrunde, dessen Sinngehalt nicht in den vorausgeschickten oder nachgelieferten ideologischen Rechtfertigungen besteht, sondern in der Aktion selbst, durch die Ordnung, also das Allgemeine, zerstört wird.

Es ist nicht verwunderlich, dass in den heutigen Massendemokratien, in denen jedes Individuum gleich eigenschaftslos ist und jede Stimme gleich viel gilt, die Suche und Sehnsucht nach dem Allgemeinen eine einzigartige Konjunktur erlebt. Man könnte sogar den Bitcoin-Hype in diesem Zusammenhang anführen. Das Bit, die kleinste digitale Einheit, das kybernetische Bild der eigenschaftslosen Individualität, wird zur Währung, zur Münze und nimmt aufgrund der steigenden Nachfrage einen immer größeren Wert an. Und da die Individuen sich nach dem Untergang der ‹großen Erzählungen› sowohl geschichtlich als auch politisch im Unbestimmten verloren haben, ist ihr Bedürfnis nur umso größer geworden, sich in einem selbst gewählten Allgemeinen wiederzufinden, um sich aus der Isolation sozialer Elementarteilchen zu befreien. Das erklärt auch die Verbissenheit, ja Verzweiflung, mit der die neu gefundenen Identitäten gegen ‹Diskriminierung› erkämpft und verteidigt werden. ‹Diskriminierung› ist die Allzweckwaffe im Krieg der ‹imaginierten› Identitäten, das Tranchiermesser vagierender Minderheiten im Bürgerkrieg sich selbst zerfleischender Gesellschaften.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sagte Rudolf Steiner, die Individualität sei ein «Tropfen aus dem Meer» des Göttlichen, das jedem Einzelnen eingegossen sei, als dem Quell der moralischen Intuition, aus dem auch eine positive Identifikation mit kollektiven Eigenschaften hervorgehen kann, weil auch diese, unter Berücksichtigung der Präexistenz, selbst gewählt sind. Er ließ aber auch – darin stand er in der Tradition des Neuplatonismus – keinen Zweifel an der kategorialen Hierarchie aufkommen: Das Eine in jedem Individuum muss das letzte Bestimmende sein, Zuweisungen und Zuschreibungen müssen durch das Ich erfolgen, es muss die Herrschaft über seine Eigenschaften ausüben. Heute erleben wir, wie das befreite Individuum sich wieder kollektiven Identitäten unterordnet und sich durch sie definiert, seien sie sexuell, national oder religiös, und sich der Herrschaft von Ideen beugt, statt sich ihnen «erlebend gegenüberzustellen». Das Individuum, das ja nicht umsonst «unteilbar» heißt, muss sich zwischen Skylla und Charybdis, seinem Verschwinden in der Eigenschaftslosigkeit und seinem Erstarren im Allgemeinen, hindurchwinden, um zur «wahren Individualität» zu werden. «Wahrhafte Individualität», heißt es in der ‹Philosophie der Freiheit›, besitzt der, «der mit seinen Gefühlen am weitesten hinaufreicht in die Region des Ideellen», des Allgemeinen. Unsere individuelle Wahrheit besteht also nicht darin, dass wir uns im Allgemeinen oder im Besonderen durch Identifikation verlieren und das eine gegen das andere ausspielen, sondern darin, dass wir ein Gleichgewicht zwischen beiden finden, dass wir die Vereinzelung im Allgemeinen aufheben und die Herrschaft des Allgemeinen durch das Besondere abmildern. Die Wahrheit liegt in der Vermittlung, nicht im Extrem, das ist die Grundeinsicht der ‹Philosophie der Freiheit›, sowohl epistemisch als auch ethisch.