Wie lässt sich Anthroposophie definieren?

Der Beer-Verlag hat 2022 ein Werk von Ignaz Troxler neu aufgelegt, in dem aphoristische Fragmente unter dem Titel ‹Die Gewissheit des Geistes› zusammengefasst sind. Dieses Buch bildet ein wesentliches Dokument für die Arbeit an den Quellen und den grundlegenden Konzepten der Anthroposophie. Zudem ermöglicht es, die allzu oft vergessene Persönlichkeit von Ignaz Troxler, diesem frühen Anthroposophen, wieder in den Vordergrund zu rücken.


Anthroposophie zu definieren ist nicht einfach. Auf diesem Forschungsgebiet kann Ignaz Troxler (1780–1866) als Schlüsselfigur betrachtet werden. Der Schweizer Arzt und Philosoph kann zu Recht als ‹Anthroposoph› bezeichnet werden, da er sich bemüht hat, die Bedeutung und die Grundlage einer Anthroposophie zu formulieren. Während Rudolf Steiner allgemein als Begründer der Anthroposophie beschrieben wird, stellt Troxlers historische Gestalt diese Aussage infrage, da er vor Steiner gelebt hat. Es scheint angemessen zu sein, Troxler und sein Werk nicht zu vergessen, wenn man zu den Ursprüngen der Anthroposophie zurückkehren will. Auch Rudolf Steiner selbst hat Troxler immer wieder erwähnt und bedauert, dass sein Name in Vergessenheit geraten war. 1916 betont er, dass die Präsenz der Anthroposophie auf Schweizer Boden keine Neuheit ist, sondern dass sie bereits vorhanden war, bevor das Goetheanum sich dort niederließ, und dass sie gerade bei Ignaz Troxler zu finden war, der «eine schöne, herrliche Definition der Anthroposophie» zu formulieren wusste.1

Eine ursprüngliche Anthroposophie

Die Ursprünge der Anthroposophie verweisen natürlich zunächst auf die Künstler und Denker der Goethe-Zeit, auf die Naturphilosophie und die deutschen Idealisten. Das Wort ‹Anthroposophie› findet sich jedoch weder bei Goethe noch bei Novalis, Schiller, Hegel, Fichte und nur am Rande bei Schelling. Der Begriff taucht bei verschiedenen Denkern des 19. Jahrhunderts auf, aber es ist das Werk von Ignaz Troxler, in dem die Idee und das Wort ‹Anthroposophie› wirklich zum Tragen kommen. Troxler war Schüler von Hegel und Schelling und freundete sich sogar mit Letzterem an. Er hatte die Gelegenheit, alle Früchte dieser Goethe-Zeit in sich aufzunehmen, und er entwarf gleichsam eine Synthese daraus, und diese Synthese nannte er ‹Anthroposophie›.

Die von Frieder Sprich im Beer-Verlag neu herausgegebene Sammlung enthält die zahlreichen Aphorismen von Ignaz Troxler, die bereits für die Ausgabe von 1958 im Verlag Freies Geistesleben von Willi Aeppli gesammelt und geordnet wurden. Die Reihenfolge wurde etwas umgestellt und die Fragmente wurden mit zahlreichen Kommentaren versehen. Ein Überblick über die einzelnen Kapitel lässt bereits eine für die Anthroposophie typische Themenlandschaft erkennen, beginnend mit der ‹Erkenntnis der Erkenntnis› über die ‹Natur des Menschen› und die ‹Pädagogik› bis hin zur ‹Christologie›.

Vom Denken zum Hellsehen

Zu Beginn seines Ansatzes richtet Troxler seine Aufmerksamkeit und seine Meditation auf die Fähigkeit des Denkens. Was ist Philosophieren? Was ist Erkennen? Was ist Denken? Zunächst geht es darum, die geistige Aktivität der menschlichen Natur in ihrem ganzen Potenzial zu erkennen: «Das Denken als selbständiger und freitätiger Prozess des Erkennens ist etwas weit Mächtigeres und Herrlicheres, als wie man es sich gewöhnlich vorstellt.» Dieses menschliche Denken, das in der industriellen Zivilisation in großem Maßstab eingesetzt wird, um die Außenwelt zu verstehen und umzugestalten, bleibt jedoch das unsichtbare, unbeobachtete Element der menschlichen Aktivität. Es geht also darum, die Aufmerksamkeit auf das denkende Subjekt zu richten, auf den Denkprozess als solchen.

Troxler macht eine Entdeckung: «Das Wesen des Denkens führt zum Denken des Wesens.» Innerhalb dieser Denktätigkeit erfährt Troxler ein Wesen, das heißt eine in sich selbst begründete Geisteswirklichkeit. Eine Kraft, die sich ihrer selbst bewusst ist und ihre Ursache in sich selbst hat. Durch diesen Akt der empirischen Beobachtung des denkenden Bewusstseins beobachtet er, dass eine Transformation stattfindet: Die Denkaktivität beginnt, sich auf eine höhere qualitative Ebene zu erheben. Es entsteht eine Dimension der ‹Kontemplation› oder ‹Anschauung›: «Geistesanschauung ist die oberste und innerste Tatsache des durchaus vollendeten Selbstbewusstseins – und dafür gibt es so wenig einen Beweis, als ob sich ein Mensch seine Freiheit und seine unbedingte Selbstbestimmung beweisen lässt.»

Troxler sieht in diesem Denken über das Denken nicht nur die Grundlage für die Geistesanschauung, sondern auch, und das ist entscheidend, den Ort, an dem die Freiheit ausgeübt wird. Es handelt sich hier nicht um theoretische Spekulationen, sondern um eine Erfahrung, eine Erfahrung des Bewusstseins, ein experimentelles Feld, auch wenn es aufgrund der Natur dieser Erfahrung unmöglich ist, einen äußeren Beweis dafür zu erbringen. Wie könnte man hier nicht die zentrale Erfahrung erkennen, die Rudolf Steiner in seiner ‹Philosophie der Freiheit› formuliert: «Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen. Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden Denken tun.»2

Dieses spirituelle Bewusstsein, das auf der Grundlage des autonomen Denkens, das sich selbst beobachtet, entwickelt wird, bezeichnet Troxler als Hellsehen: «Allerdings gründet aber diese Philosophie auf ein höheres, inneres Bewusstsein; ich möchte sagen, auf ein selbstbewusstes, frei bewirktes Hellsehen […].» Es handelt sich also um eine Entwicklung des Denkens, die den Grad eines ‹kontemplativen Denkens› oder ‹hellseherischen Denkens› erreicht.

Karl Friedrich Sprich (Hg.), Gewissheit des Geistes. Ignaz Paul Vital Troxler. Fragmente und Aphorismen über die verborgene Natur des Menschen. Beer-Verlag, 2022

Grundelemente einer Anthroposophie

Im Gegensatz zu älteren spirituellen Ansätzen steht die spirituelle Wahrnehmung, die Troxler beschreibt, nicht im Widerspruch zum Denkvermögen, sondern entwickelt sich auf der Grundlage dieses Bewusstseins. Diese Entwicklung des Bewusstseins ist es, die Troxler als ‹Anthroposophie› bezeichnen wird. Nicht in erster Linie eine Sammlung spezifischer Ideen, nicht eine Ideologie. Dazu bietet er eine erstaunliche und inspirierende Definition dessen, was er ‹Anthroposophen› nennt: «Die Anthroposophen sind die Philosophen der Anschauung und Erkenntnis.» Troxler spricht sogar von einem neuen ‹Organ› der Erkenntnis: «Es ist zur Vollendung der Philosophie in der Anthroposophie nicht weniger als ein ganz neuer, über alle Reflexion und Spekulation erhabener Standpunkt, ein eigentümliches, höheres Organ des Bewusstseins und der Erkenntnis erforderlich.»

Die Erkenntnistätigkeit dieses neuen Erkenntnisorgans führt nicht zu einem erstarrten, kalten oder dogmatischen Wissen: «Die Anthroposophie hat den Charakter eines schöpferischen, belebenden und beseelenden Prinzipes.» Troxler hat durchaus eine neue Geisteswissenschaft vor Augen: «Doch es wird die Zeit kommen, und sie ist nahe, wo die Anthroposophie die Naturerscheinung des Geisterreiches im Menschen dem Geiste erklären wird, wie die Physik den Regenbogen dem Gesicht und die Äolsharfe dem Ohr wirklich auseinandersetzt.» Er sieht auch, dass diese Geisteswissenschaft das Potenzial hat, die Wissenschaften und praktischen Tätigkeiten des menschlichen Lebens umfassend zu verändern: «Und der Theologe und Philosoph, der Jurist und Politiker, der Arzt und Pädagoge werden zu diesem eigentlichen Quellenstudium sich wenden und aus ihm die leitenden Ideen und Maximen schöpfen. Aber eben deshalb muss die Anthroposophie auch alle Bereiche dieser Wissenschaften und Wirksamkeiten umfassen.»

Es geht darum, das menschliche Bewusstsein und das darin enthaltene Freiheitspotenzial wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mensch ist weder nur ein äußerlich bestimmtes körperliches Wesen noch nur ein völlig freies und autonomes geistiges Wesen, sondern seine Wirklichkeit liegt in der Verbindung dieser beiden Elemente: Das ist es, was die Anthroposophie aufzeigt und beschreibt.

Die menschliche Natur

Im Menschen vereinigen sich Geist und Materie. Anthroposophie will den Menschen erforschen und dadurch diese Spaltung überwinden: «Der Geist immateriell und der Körper geistlos gedacht ist der Grund aller Enteinung und der Zersetzung des Menschen in ein Gespenst und einen Leichnam, wodurch alle Entwicklung und Umwandlung unmöglich gemacht wird.» Es gilt, die Wechselwirkungen von Körper und Geist zu verstehen und wahrzunehmen. Troxler gelingt es, mehrere Wesensglieder zu unterscheiden. Über ‹Körper› und ‹Geist› hinaus sieht er die Notwendigkeit, auch eine ‹Seele› zu erkennen. Allerdings entdeckt er, dass dies nicht ausreicht: «Es kann das vegetabilische Leben oder die organische Tätigkeit, welche die Bildung des ganzen Körpers vorstellt, ebenso wenig aus äußeren mechanischen oder chemischen Naturkräften als aus der Seele und ihrem Vermögen erklärt werden.» Daher muss er auch das pflanzliche Element, das eigentlich lebendige, unterscheiden, und er wird es ‹Leib› nennen.

In seiner kontemplativen Betrachtung gelangt Troxler also zu jener Vierteilung des Menschen: Körper, Leib, Seele und Geist, die er die ‹Tetraktys› nennt. Jedoch weist er darauf hin, dass ein weiteres Element hinzugefügt werden muss, das die Einheit des Ganzen gewährleistet. Dieses fünfte Element bezeichnet er als ‹Quintessenz›: «Fortan darf ich nur von körperlichem, seelisch-leiblichem und geistigem Leben reden, und muss als die Quintessenz oder als das all diesem Leben gemeinsame Wesen, die göttlich menschliche Einheit, das Pneuma-Somatikon und Soma-Pneumatikon, den Urgrund und das Vollend der Menschennatur, welche Jesus-Christus in seinen Verklärungen und seiner Auferstehung leibhaftig offenbart hat, annehmen.»

An verschiedenen Stellen wird Steiner diese Tetraktys und diese Auffassung Troxlers kommentieren und sie genau mit seinen eigenen Beschreibungen der Wesensglieder des Menschen in Verbindung bringen. So wird deutlich, wie Troxler auf dem Boden einer spirituellen empirischen Forschung bereits zu grundlegenden Konzepten gelangt, die es ermöglichen, die Verbindung zwischen Geist und Körper organisch zu denken, wie er es in dem Satz zusammenfasst: «Die Ursache als Urgrund und Urzweck ist der Geist, Mitte sind Seele und Leib, Wirkung und Werkzeug der Körper.»

Pädagogische Perspektive

Basierend auf diesem Erkenntnisweg, der dem vollen Freiheitspotenzial des Menschen gerecht wird, wird Troxler der pädagogischen Frage besondere Aufmerksamkeit widmen. Für ihn sind die pädagogischen Konzepte seiner Zeit problematisch: «In keinem Gebiete wurden mehr Versuche gemacht als im Gebiete der Erziehung. Aber es wurden auch kaum in irgendeinem Fache mehr Irrtümer verbreitet, gröbere und schädlichere Missgriffe getan als in dem pädagogischen. Dieses musste notwendig geschehen, solang das Wesen der menschlichen Natur misskannt, die Verhältnisse desselben entstellt und die einzig wahre Bestimmung der Menschheit außer Acht gelassen wurden.»

Seine anthroposophische Perspektive auf die menschliche Natur veranlasst ihn, eine Erziehung des ganzen Menschen zu fördern: «Wollt ihr den ganzen Menschen erziehen, so wählet ganze Menschen zu Lehrern.» Damit skizziert er einige Ideen, die später in den Grundsätzen der Waldorfpädagogik eindeutig wiederzufinden sind. Er betont, dass die Erziehung nicht nur auf den Kopf ausgerichtet sein sollte: «Bedenkt, dass ein Wissen, welches nur im Kopfe wohnt, und nicht als Wissen im Herzen, eine taube Frucht ist.» Er erkennt die Besonderheit des kindlichen Bewusstseins und die Notwendigkeit, es nicht zu früh zu verderben: «Alle Kinder sind Propheten und Poeten, und wir stören zu früh den freien, reinen Naturgang der Entwicklung durch Umwendung der Lebensrichtung und durch Hineinarbeiten. – Es träumt, aber gewiss eine künftige Welt.»

Ignaz Paul Vital Troxlers von Fr. Buser. Stich von J. Siebert, um 1850. Österreichische Nationalbibliothek, Public Domain Mark 1.0.

Das Ziel ist es, freie Menschen zu erziehen, die ihr inneres Fundament in sich selbst haben: «Gemütsbildung ist so wichtig als Geistesbildung. So wenig aber als diese in Mitteilung von Wahrem und Falschem besteht, so wenig jene in Anbildung von Gutem oder Bösem. Der Geist muss zum Bewusstwerden und zur Selbsterkenntnis, das Gemüt zur Freitätigkeit und Willenskraft erzogen werden – Charakterbildung – was sittlich und rechtlich gut ist, dies innezuwerden ist eine andere Sache. Sache des Geistes. Aber dies zu wollen, können, tun, das ist Sache des Gemüts. Der höchste Charakter ist der des erleuchteten Selbstdenkers und des gutgesinnten Freiwollers.»

Für die Freiheit des geistigen Lebens

Troxlers Betrachtungen über die Pädagogik führen ihn dazu, auch einige Denkansätze über den sozialen Organismus darzulegen. Troxler hat sich auch mit Politik befasst und wesentlich zum Aufbau der politischen Struktur der modernen Schweiz beigetragen.3 In seiner Auffassung des sozialen Organismus betont Troxler die zentrale Bedeutung eines freien Geisteslebens. Es sei notwendig, die Schule von Kirche und Staat zu trennen: «Vor allem die Schule, wie die Kirche und der Staat und das Haus, ein eigener Bereich mit Autonomie und Unabhängigkeit – weder imperialistisch noch papistisch, und nicht staatliche noch kirchliche, katholische noch protestantische Bevogtung.» Auch betrachtete er es als den größten Frevel, «wenn der weltliche oder geistliche Fürst sich Macht oder Gewalt über die freie Geistesentwicklung in Erziehung und Schule anmaßt.» Dabei gilt dies nicht nur für die Schulen, sondern auch für die Hochschulbildung: «Die Universitäten sind weder für die Staaten noch für die Kirche da.»

Und ähnlich wie Steiner sieht Troxler in diesem freien Geistesleben das Potenzial zur Wiederbelebung des gesamten gesellschaftlichen Lebens, denn von einer solchen freien Erziehungsorganisation «wird das Licht und die Kraft ausgehen, welche die Verheißung des Geistes hat, die Welt zu verjüngen.»

Von der Kreatur zum Kreator

Anthroposophie erkennt das absolute Freiheitspotenzial des Menschen an und ermöglicht es, ihn nicht mehr als Geschöpf, sondern als Schöpfer zu verstehen. Im Unterschied zur alten Auffassung, die in ihm nur das Geschöpf eines außerhalb von ihm stehenden Gottes sah, im Unterschied zur modernen Auffassung, die in ihm nur das Ergebnis äußerer, materieller oder umweltbedingter Ursachen sieht, erkennt die Anthroposophie im Menschen diese aktive spirituelle Dimension, diesen Archē, diesen Ursprung, der seine Ursache in sich selbst hat.

Troxler beschreibt, wie seine Philosophie (Anthroposophie) zu dieser schöpferischen Dimension auf Erkenntnisebene führt: «Nichts erleuchtet dem Philosophen die intellektuelle Anschauung, zu welcher er emporstrebt, wie die imaginative oder die poetische Darstellung, welche von der zur schöpferischen Genialität potenzierten Fantasie ausgeht.» Die Formen der Erkenntnis, zu denen ein solcher anthroposophischer Ansatz führt, haben daher auch den Charakter der Imagination und der Poesie: «Die eigentliche Philosophie der von innen und außen offenbarten Sophie ist die Mutter der denkenden und dichtenden Poesie, keimt und wurzelt auf der einen und ganzen Sinnlichkeit und Urfantasie. Daher liegen Anschauung und Erkenntnis (Bild und Begriff) in den ersten Geisteserzeugnissen vereint, ungeschieden, wie in den ältesten Urkunden des Menschengeschlechts.»

Perspektiven einer Christologie

Aufgrund ihres Wesens und ihrer logischen und empirischen Entwicklung führt dann Anthroposophie zu einem Verständnis von Christus als universell-menschlicher Erfahrung. Es geht nicht um einen äußeren Einfluss des Göttlichen auf den Menschen, sondern um den autonomen und freien Ausdruck des Spirituellen, der durch diese Verbindung von materieller und spiritueller Existenz im Menschen ermöglicht wird: «Die sogenannte Übernatur ist die höhere innere Natur des Menschen, nicht ein äußerer, fremder Einfluss auf die Natur, nicht eine bloße Einwirkung des Göttlichen auf das Menschliche, sondern die physische und metaphysische Einheit beider, wie sie sich in und durch Christus offenbart hat, und das Ebenbild Gottes in allen Menschen latent ist und bleibt, wenn sie nicht durch die homogene Inspiration des Gottmenschen geweckt wird.»

Diese Christologie entspringt nicht dem Glauben, sondern einer Erkenntnisaktivität, die hier einen einzigartigen Moment in der Menschheitsentwicklung sehen kann: «Das Göttliche ist uns eingeboren, aber konnte nur durch den Einfluss eines Gottmenschen offenbar und wirksam werden. Dies ist Er allein. Wie aber alle Dinge einen göttlichen Grund in sich haben, so hat der Mensch einen göttlichen Funken in sich, der in seiner latenten Übernatur schlummert.» Eine Auffassung, die ahnen lässt, wie das Christusereignis die universelle Grundlage für das Freiheitspotenzial der Menschheit bildet – den Moment, in dem das Geschöpf zum Schöpfer werden kann, in dem das göttliche Prinzip (Archē) innerhalb des Menschen erscheint. «Die Christuslehre kehrt alles um», schreibt Troxler. Hier können wir anfänglich wahrnehmen, wie ein anthroposophischer Ansatz nicht nur eine neue Erkenntnis des menschlichen Wesens, sondern auch eine Erkenntnis der spirituellen Entwicklung der Menschheit und der Kosmologie eröffnet.

Eine Definition?

Wir haben versucht, beim Überfliegen dieser Aphorismensammlung zu zeigen, wie inspirierend die Beschäftigung mit Troxler als historischer Persönlichkeit und als Anthroposoph sein kann. Die Kraftlinien, die sich in diesen Fragmenten abzeichnen, können eine sehr wertvolle Hilfe sein, um die Kernkonzepte des anthroposophischen Ansatzes genauer zu erfassen. Auch können sie helfen, die äußerst einfache Definition, die Rudolf Steiner für das Oxford Dictionary abgab, besser zu verstehen: «Anthroposophy is a knowledge produced by the Higher Self in man.» [Anthroposophie ist ein Wissen, das vom Höheren Selbst im Menschen hervorgebracht wird.]


Buch Karl Friedrich Sprich (Hg.), Gewissheit des Geistes. Ignaz Paul Vital Troxler. Fragmente und Aphorismen über die verborgene Natur des Menschen. Beer-Verlag, 2022

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Footnotes

  1. Rudolf Steiner, Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. 16. Vortrag, Dornach, 30. Oktober 1916, GA 171.
  2. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit. GA 4.
  3. Olivier Pauchard, ‹Ignaz Troxler, der vergessene Erfinder der modernen Schweiz›, swissinfo.ch, 14. März 2021.
  1. Soeben habe ich mit grosser Freude und Dankbarkeit die Rezension zur Neuauflage von ‘Gewissheit des Geistes’, welche im Frühjahr 2022 im Beer-Verlag erschienen ist, in der aktuellen Ausgabe der ‘Wochenschrift’ gelesen und möchte Louis Defèche nicht nur als interessierter Leser, sondern auch in meiner Funktion als Präsident des Ignaz P.V. Troxler-Vereins ganz herzlich dafür danken!
    Eine würdigere und wertschätzendere Besprechung der – von Frieder Sprich in monatelanger intensiver Arbeit neu geordneten, ausgezeichnet eingeleiteten und kommentierten – ‘Fragmente und Aphorismen über die verborgene Natur des Menschen’ von Ignaz Paul Vital Troxler kann ich mir kaum vorstellen und bin wirklich ganz begeistert, wie Louis Defèche diese weitgehend vergessen gegangene, grossartige Persönlichkeit als frühen Anthroposophen den Leserinnen und Lesern gut verständlich wieder ins Bewusstsein zu rufen versteht. Meiner Meinung nach gelingt es ihm tatsächlich ganz hervorragend zu zeigen, „wie inspirierend die Beschäftigung mit Troxler als historische Persönlichkeit und als Anthroposoph sein kann“, wie er selber am Schluss zurecht schreibt.
    Nur schade, dass im Beitrag die dafür äusserst hilf- und inhaltsreiche Internetseite https://ipvtroxler.ch nicht erwähnt wurde.
    Herbert Holliger, Arlesheim

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