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Widerspruch und Großzügigkeit

Iracema Benevides ist Hausärztin in Belo Horizonte und beobachtet die aktuellen medizinischen und politischen Debatten um eine mögliche Coronapandemie in Brasilien.


Es herrscht Konfusion, teilt sie mit, als wir am 25. März am Telefon sprechen. Das Land ist seit einer Woche im sogenannten Shutdown, und viele reagieren verantwortungsvoll auf diese Schutzmaßnahme. Im Gegenzug dazu hat am Vortag Präsident Jair Bolsonaro dafür plädiert, dass die Einschränkungen aufgehoben werden, damit die Wirtschaft weiter normal funktionieren kann. Tatsächlich ist die Situation vorerst noch nicht so ernst wie in Europa, mit insgesamt 45 Verstorbenen auf eine Bevölkerung von mehr als 200 Millionen. Und dennoch: Iracema Benevides meint, Brasilien stehe eine Tragödie bevor. Das Gesundheitssystem ist strukturell von den vielen chronisch kranken Patienten überfordert und kann einen zusätzlichen Ansturm eigentlich nicht aushalten. Dazu gibt es sehr wenige Betten in Intensivstationen und die medizinische Ausrüstung genügt nicht, damit Ärzte mit den notwendigen Schutzmaßnahmen Verdachtsfälle behandeln können. Unmittelbar erlebt Iracema die Krise auch schon: Eine ihrer Patientinnen musste das Krankenhaus verlassen und ihre Krebsbehandlung temporär einstellen, um sich zu Hause zu isolieren, weil sie durch eine Covid-19-Ansteckung zu gefährdet wäre. Auch Iracema musste ihre Praxis temporär schließen – ihre Patientinnen und Patienten berät sie am Telefon.

Die Menschen verfolgen eng, was in Italien passiert. Sie sind bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern, und gehen so weit, dass sie sich selbst in Bezug auf die üblichen großzügigen Umarmungen der Situation anpassen – keine Selbstverständlichkeit in Brasilien, meint Iracema. Die Ärztin ist auch mit vielen Ärzten des anthroposophischen und Public-Health-Umfeldes im ständigen Gespräch, dort werden neue Formen des Austauschs praktiziert und neue Wege gesucht, um solidarisch die ganze Gesellschaft zu unterstützen. Vielleicht liegen da Keime, etwas aus dieser Krise für die Menschlichkeit der Gesellschaft zu gewinnen.

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