Welternährung stiftet Frieden

Das Welternährungsprogramm erhält den Friedensnobelpreis. Eine gute Entscheidung, denn Frieden gibt es nur, wenn niemand hungert.


Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen haben sich manche gefragt, was Frieden mit Ernährung zu tun hat. Tatsächlich sind Frieden und Bekämpfung des Hungers eng verbunden. Weltweit zählen wir 690 Millionen unterernährte Menschen – und es werden jährlich mehr –, davon sind 135 Millionen akut vom Tod bedroht. Gerade in Kriegs- und Krisengebieten leiden die Menschen besonders. Hunger ist eine Kriegswaffe und eine Fluchtursache. Der Klimawandel führt zu Dürre und Ernteausfällen und damit auch zu Hunger. Zusätzlich hat die Coronapandemie das Hungerproblem verschärft, so rechnet man mit zirka 100 Millionen zusätzlichen Hungernden. Vielerorts ist die lokale Wirtschaft zusammengebrochen, die Bevölkerung erzielt kein Einkommen mehr und kann sich folglich keine Lebensmittel leisten. Außerdem sind Lieferketten nicht mehr gesichert.

Das Welternährungsprogramm wurde 1961 mit Sitz in Rom gegründet und ist die weltweit größte internationale Organisation gegen globalen Hunger. Das Ziel ist, den Hunger bis 2030 zu beenden und langfristig die Ernährungslage zu sichern. Die Organisation versorgt in 88 Ländern über 100 Millionen Hungernde. Ihre 17000 Mitarbeitenden verteilen jährlich rund 15 Milliarden Mahlzeiten und verbessern damit Lebensbedingungen. Sie leisten in vielen Akuteinsätzen wertvolle Hilfe durch Lebensmittellieferungen, sodass das Welternährungsprogramm fast ein Logistikunternehmen ist. Die Arbeit der Mitarbeitenden des Programms kann nicht hoch genug geschätzt werden. Sie unterstützen Opfer von Krieg, Dürre, Sturm und Erdbeben und sind auch in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv, vielfach unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Ihnen gebührt allergrößte Anerkennung.

Warum spenden nicht reicht

Die Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Berit Reiss-Andersen, begründete die Wahl damit, dass Nahrungsmittel die beste Impfung gegen das Chaos seien, was als Anspielung an die Hoffnung vieler, ein Impfstoff möge die Coronapandemie stoppen, zu verstehen ist. Außerdem sei Multilateralität notwendig, um das Hungerproblem zu lösen. Dieses Prinzip verkörpere die größte Unterorganisation der Vereinten Nationen, indem sie Fähigkeiten und Strukturen vor Ort unterstütze. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm ist die Hoffnung verbunden, dass das Thema globale Ernährungssicherheit ins Bewusstsein rückt, und gleichzeitig ist es ein Aufruf, Geldmittel für diese wichtige Nothilfe- und Friedensarbeit zur Verfügung zu stellen.

Es ist jedoch zu befürchten, dass dieser doch so politische Preis kaum konkrete politische Konsequenzen haben wird. Seit fünf Jahren haben sich die Vereinten Nationen auf Nachhaltigkeitsziele geeinigt, eines davon ist, den Hunger zu beenden, Ernährungssicherheit und eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Das Hungerproblem aber wächst.

Außerdem ist es einfach für Regierungen, Geld für humanitäre Zwecke zu geben. So ist der Pflicht zu helfen Genüge getan und an den eigenen Programmen muss nichts geändert werden. Die Haltung, dass die einen Helfende und die anderen Empfangende (von Nahrungsmitteln, Geld oder Know-how) sind, ist eine Haltung, die Abhängigkeiten schafft, und der Helfer will in aller Regel an seinem System nichts ändern.

Hunger nach Kooperation

Das Zero-Hunger-Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Neben der Beendigung des Hungers durch Hilfsmittellieferungen soll es erreichen, dass sich Menschen gesünder ernähren, dass sie leichter Zugang zu Nahrungsmitteln bekommen und eine lokale Wirtschaft zur Selbstversorgung aufbauen können. Der Appell für mehr Multilateralismus ist gerade in einer Zeit, in der immer mehr Nationalismen und Egoismen gepflegt werden, wichtig. Denn die Lösung der globalen Probleme, die alle betreffen, sei es die Coronapandemie, der Klimawandel oder Diabetes wegen falscher Ernährung, kann nur gemeinsam angegangen werden. Uno-Generalsekretär António Guterres sprach sogar von einem «Hunger der Welt nach Kooperation», den es zu stillen gelte. Kooperationen funktionieren, wenn alle Partner und Partnerinnen auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Gib einem Hungernden einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Hungernden zu fischen, und du ernährst ihn für sein Leben.

Konfuzius

Vor Ort in den armen Ländern müssen also die Nahrungsmittelerzeugung wiederbelebt und die Regionen von Importen unabhängig werden. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft bildet die Ernährungsgrundlage für 80 Prozent der Weltbevölkerung. Sie muss ausgebaut und gestützt werden, um langfristig das größte lösbare Problem, den Hunger, auch wirklich zu lösen. Dafür benötigt jede Familie Zugang zu genügend Ackerfläche, wo sie standortangepasste Obst- und Gemüsesorten anbauen kann. Es braucht dafür eine Saatgutsouveränität. Das bedeutet, dass Saatgut aus eigener Erzeugung verwendet werden kann und es keine Abhängigkeit von Saatgutkonzernen gibt. Was eine gesunde, schmackhafte Ernährung ist, muss neu gelernt werden. Zudem gilt es, das Vertrauen in eigene Fähigkeiten zurückzugewinnen, damit Würde und Chancen für die Menschen erfahrbar sind. Weil wir alle im selben Boot sitzen, müssen in den reichen Ländern Lebensmittelverschwendung und die Verfütterung von Nahrungsmitteln (Getreide, Soja) an Tiere reduziert sowie die persönlichen Ernährungsgewohnheiten überdacht werden. Nur wenn alle Beteiligten aufeinander zugehen und es nicht zu einer Art modernem Kolonialismus kommt, gibt es eine globale, nachhaltige Lösung. Das eine ist eine Frage der Verteilung, denn im Prinzip gibt es genug zu essen für alle. Sind aber Lebensmittel ungleich verteilt, entsteht Hunger. Das andere ist eine Frage der Verantwortung. Die industrialisierten Länder sind Hauptverursacher des Klimawandels. Deshalb sollten sie für die teilweise schon unerträglich gewordenen Konsequenzen in anderen Ländern die Verantwortung übernehmen, gemäß dem Motto des letztjährigen Welternährungstages: Unsere Taten sind unsere Zukunft.

Das Nobelkomitee war nach einigen Skandalen und Skepsis gegenüber der Preisvergabe in den letzten Jahren interessiert, einen allgemein anerkannten Preisträger zu präsentieren. Das ist mit dem Welternährungsprogramm der UNO gelungen.


Foto: Verena Wahl

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