Er scheint ständig zu stolpern. Sein Herz treibt ihn dennoch weiter. Doch jedes Mal geht etwas schief. Von Wand zu Wand, von Sturz zu Sturz – und dennoch sieht er immer wieder das Licht. Er spürt die Tiefe des Schoßes der Natur und zugleich den Abgrund. Er umarmt sein höheres Ideal, aber auch den Teufel. Seine innere Erfüllung wird immer wieder durch ein unerwartetes Drama erschüttert.
Scheitert Faust etwa nur? Wer in ‹Faust› eine triumphale spirituelle Vollendung erwartet, dem mag sein Kampf vergeblich erscheinen, vergeblich und schmerzhaft. Ist das menschliche Leben jedoch nicht im Grunde genauso: vom Stempel der Unvollkommenheit geprägt? Immer unvollendet? Ist Unvollkommenheit – selbst im Erfolg – nicht die Substanz des Menschlichen? Dissonanzen und Reibungen, Abstürze und Aufstiege, Harmonien und Kommunionen bilden die Intensität eines Menschenlebens.
So erscheint Faust als Repräsentant der Menschheit. Von Unvollkommenheit zu Unvollkommenheit zeichnet er sein Schicksal. Doch in diesen Unvollkommenheiten spiegelt sich Vollkommenheit: zunächst das Erwachen des geistigen Selbst an Gretchens Seite, dann das Entfalten der moralischen Imagination, des Lebensgeistes, am kaiserlichen Hof und schließlich die Verwirklichung der moralischen Technik, des Geistesmenschen, als von Helena inspirierte zivilisatorische Kraft.
Durch all seine Irrwege mag Faust als ‹allzumenschlich› erscheinen. Doch in dieser ausgelebten Menschlichkeit zeichnet er die Buchstaben eines vollendeten spirituellen Weges nach. Vollkommenheit strahlt durch seine Unvollkommenheit.
Bild Faust und Mephisto, Foto: Laura Pfaehler

