Kreaturen, die wir machten

Dass der Mensch Gefahr läuft, Gefangener jener Geschöpfe zu werden, die er selbst geschaffen hat, ist ein urfaustisches Motiv – und brennend aktuell. Im künstlich-intelligenten Maschinenpark des digitalen Zeitalters stellt sich akut die Frage, wer hier eigentlich wem dient. Die smarten Homunkulus-Maschinen uns? Oder wir ihnen? Mephisto bringt diese freiheitsverlustige Lage in ‹Faust II› wie folgt auf den Punkt: «Am Ende hängen wir doch ab / Von Kreaturen, die wir machten.» (Vers 7003 f.) Das darf freilich nicht nur als teuflischer Kommentar zur Menschheitsgeschichte gelesen werden, sondern auch als Eingeständnis höherer Ohnmacht. Denn es ist mit Mephisto ein gefallener Engel, der dies ausspricht – und der damit gleichsam stellvertretend für die Ober- und Unterwelt die Freiheit des Menschen betont. Sie, die Götter und Teufel, hängen längst ab von der irdischen Kreatur, «die wir machten». Als Co-Gott und Co-Teufel ist der freie Mensch zum Schicksal von Himmel und Hölle geworden. Und zum Schicksal seiner selbst. Denn auch das ist wahr: dass ich von mir selbst abhängig bin. Ich widerfahre mir immer wieder als gemachtes, bedürftiges Geschöpf. Und ich muss mich immer wieder als Schöpfer schöpfen, um mich als Geschöpf aufzuheben; um als Kreator meine Kreatürlichkeit zu überwinden.


Bild ‹Faust 2025›, Foto: Laura Pfaehler

Letzte Kommentare