Die Geistes­tätigkeiten des Menschen-Ichs

Die Geistes­tätigkeiten des Menschen-Ichs

Anthroposophie basiert auf dem Erleben der Geistigkeit des Denkens. Diese Erfahrung tritt nur durch die Aktivität des Denkens auf: Das Denken wird ‹geübt›, sei es spontan oder systematisch. In diesem Artikel verfolgt der Autor mit großer Genauigkeit diese Denkaktivität anhand der zwölf ‹Grundkategorien der Logik›, wie sie Hegel beschrieben hat, und führt uns mitten in die Geistigkeit des Denkens.


In Zukunft wird es eine besondere Auszeichnung für die Anthroposophie sein, dass sie gegenüber der Leere der wissenschaftlichen ‹Psychologie ohne Seele› ein Wissen über die Seele aus dem Leben der selbstbewussten Seele heraus aufrechterhalten hat. Die Seele wird da wiedergefunden und der Psychologie zurückgegeben werden, wo sie ist und immer war, im Innern der reinen Zeit und nicht im Raum, das heißt im Leib. Seit dem 15. Jahrhundert hat sich die Form der Bewusstseinsseele entwickelt, die sich dann in der ‹Psychologie ohne Seele› gleichsam selbst vergessen hat. Aber auch unmittelbar zu Beginn der Bewusstseinsseelen-Zeit suchte und fand die Seele sich in der Selbstbesinnung in den Kategorien ihrer innersten Gedankentätigkeit. Dies schon in der Philosophie bei Descartes und in paradigmatischer Form bei dem idealistischen Philosophen Hegel. Die abstraktesten Kategorien seiner ‹Wissenschaft der Logik› (erschienen 1812–1816) sind nichts anders als die Tätigkeiten des menschlichen Geistes, des Ichs, der geistigen Seele. Dieses Werk Hegels ist freilich eine Hochburg der abendländischen Metaphysik. Als solche ist diese ‹Logik› schwer zugänglich. Das Grundgerüst ist jedoch etwas, was jeder ‹Geist-Besinnen›-Übende in sich finden kann. Rudolf Steiner gab zur Stärkung der Seele die sechs Nebenübungen. Mit der ersten Nebenübung findet man sie leicht. Man kann auch sagen: die Kategorien geben jeder Übung der Gedankenkontrolle eine innere Struktur.

 
Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Terrassentür West

Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Terrassentür West

 

Die Gedankenform der Bewusstseinsseele

Die Grundkategorien der Logik enthalten in zeitloser Begriffsgestalt die Geistestätigkeiten des Menschen-Ichs. An diesen Denk-Formen werden wir uns bewusst, dass wir einen langen Geistesweg gegangen sind und kosmische Intelligenz Erdenform angenommen hat. ‹Welten-Wesens-Licht› war aus ihr gewichen und muss von ihr aus sich heraus neu gefunden werden. Doch wenden wir uns zuerst den Grundkategorien zu. Man kann sie erlernen und praktizieren anhand der ersten Nebenübung, wobei man die Gedankenkonzentration an einem konkreten praktischen Gegenstand übt, nehmen wir zum Beispiel eine einfache Tafelkreide.

Die Grundkategorien der Logik enthalten in zeitloser Begriffsgestalt die Geistestätigkeiten des Menschen-Ichs. An diesen Denk-­Formen werden wir uns bewusst, dass wir einen lan­g­gen Geistesweg gegangen sind und kosmische Intelligenz Erdenform angenommen hat.

Die erste Stufe der Konzentrationsübung ist, dass man den Gedanken etwa fünf Minuten nicht umherschweifen lässt. Gelingt dies, dann kommt man allmählich zu einer objektiven Sachlichkeit und erlebt daraus hervorgehend ‹Gedankenruhe› in der Seele. Man gieße das sich ergebende Gefühl der Festigkeit, so die Angabe Rudolf Steiners, in den ganzen inneren Menschen hinein, vom Gehirn in das Rückgrat herab ausstrahlend (GA 266/I, S. 418). Drittens aber ist ‹Kontrolle› der Gedanken, dass man zu einem Gedanken die ‹kontrollierenden›, anderen Gedanken, die Gegengedanken erfasst (ga 266/I, S. 49–50). Rudolf Steiner gibt damit eine praktische Anwendung der sonst manchmal in spekulativer Betrachtung sich bewegenden ‹Dialektik› («Wir stoßen uns einfach nicht an den Widersprüchen, sondern begreifen, dass die Widersprüche das Leben bedeuten», GA 266/I, S. 50). Steigen wir also ein: Denken wir an eine Kreide, so denken wir (als Subjekt) über ein Objekt nach. Hegel teilt deswegen die ganze Logik in einen objektiven und einen subjektiven Teil ein. ‹Das Denken› in den Blick nehmen ist aber ein Kontrollgedanke des Denkens über ‹die Kreide›. Jeder Gedanke, der sich vergisst, ist höchstens nur eine halbe Wahrheit. So das Ziel. Fangen wir aber zunächst mit dem Objektiven an.

Die zwölf Schritte

Das erste Buch der Logik Hegels umfasst die Lehre vom Sein, daher beziehen sich die ersten vier Schritte auf den Seinsaspekt des Gegenstands:

1. Wir haben die Kreide als Gegenstand. Was heißt das? Zuerst sucht das Denken einen Gegenstand. Es bleibt nicht bei sich als Denken, sondern schaut von sich weg, in diesem Fall die Wahrnehmung hinlenkend auf eine konkrete Kreide. Das Einfachste, das es gibt, und was wir aussagen können, ist, dass etwas – hier die Kreide – einfach ‹ist›. Das Denken sucht so etwas Unmittelbares, doch vergisst es dabei sich selbst; es sucht etwas wie das Gegenbild des Unmittelbaren seines Selbst, etwas ebenfalls Seiendes. Nun kommt der Gegengedanke: Was ‹ist› an der Kreide? Man denkt das ‹Sein› an der Kreide als das Bleibende. Im Gebrauch nützt sie sich aber ab. So verschwindet ihr Sein in der Zeit, als ob sie dieses Sein nicht gehabt hätte. Nun der Gegengedanke des Gegengedankens: Die Kreide war geformt (ein ‹Entstehen›) und wird abgenützt (ein ‹Vergehen›), doch im Gewordenen und Vergehenden ‹ist› sie doch da (hat also konkretes ‹Dasein›). Die da-seiende Kreide ist ja kein sich auflösender Gedanke.

2. So aber muss die Kreide ein Bestimmtes sein (‹hier› und dann auch ‹da›). Diese Bestimmung nennen wir ‹Qualität›. Die Kreide gibt etwas ab, sie hinterlässt eine Spur auf der Tafel. Die Tafel tut dies nicht, sondern sie nimmt die Kreidespur auf. Oder: Die Kreide ist weiß. Die Tafel ist schwarz. Das eine bestimmen wir vergleichend als Gegenteil oder als Negation des anderen (eben das, was das andere ‹nicht ist›). Das Denken fügt hier nicht die Qualität als solche hinzu (diese finden wir in der Welt), sondern nur die Bestimmung des Unterschieds: das ‹Sein mit einer Negation› (Hegel).

Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Glashaus, Eingangstür

Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Glashaus, Eingangstür

 

3. So handeln wir aber nicht immer, wenn wir bestimmen. Wenn ich Kreide und Tafel als zwei Gegenstände zähle, habe ich abgesehen von ihrem Unterschied nur die Anzahl betrachtet. Die Quantität negiert gerade die Qualität. Es ist die Tragik der mathematischen Weltbetrachtung, dass sie alle Farbe und Wärme der Qualität verliert. Das liegt daran, dass ich zählend unterschiedslos unterscheide, qualitätslos zählen muss, denn ich sehe bei der Zahl immer vom Qualitativen ab (ich ‹abstrahiere›). Wie oft ich die Eins (Kreide, Tafel) beim Zählen wiederhole, ist paradigmatisch das einzige in der Bestimmung Gebliebene, dafür ist nun aber das Bestimmende (die Anzahl) der Bestimmungen (von Eins) eine höhere Kategorie (Quantität als ‹Negation der Qualität›).

4. Aber die Zahl ‹haftete› doch an Kreide und Tafel? Und finden wir nicht, dass alles Bestimmte seine Zahl hat: sein Maß? Die Kreide passt in die Hand. Die Tafel ist etwa so groß wie das entsprechende Publikum, für das sie gedacht ist (im Haus, in der Schulklasse oder im Auditorium). So hat jedes Ding sein Maß: ‹die Quantität der Qualität›. Unverrückbar ist von jeher das kleinstdenkbare Maß: das unteilbare Atom (griechisch: ‹a-tomos›).

Mit diesen vier Schritten haben wir die Grundkategorien des einfachen Seins bereits durchlaufen. Wenn etwas ‹Maß› aus sich heraus hat, sind wir schon beim ‹zweifachen› Sein angelangt: Es enthält ein Inneres und ein Äußeres. Das Denken muss nun von dem einen zum anderen gehen, den Schein des einen im anderen ins Auge fassen, womit wir nun zu den nächsten Schritten kommen: zur Lehre vom ‹Wesen› (zweites Buch von Hegels ‹Logik›).

5. Das Maß wies schon auf das Innere hin: Wofür ist etwas so groß oder so klein? Damit es seine Funktion erfüllen kann: zum Beispiel ein Schreibgerät zu sein. Dies ist der erfasste Kern, das ‹Wesen› (also das, was ‹Sein gibt› oder ‹weset›). Da ist das Denken bei sich. Wenn ein daliegendes kurzes weißes Holzstäbchen eine Kreide ‹zu sein ,scheint‘›, ist es in der Tat nur ‹Schein›, spiegelt nur den Gedanken ‹Kreide› und ist zugleich ihre Negation: Denn es ist ja beim näheren Hinsehen keine Kreide. Das erste Paar der folgenden Kategorien ist also ‹Schein und Wesen›.

6. Die Kreide ist, weil sie ein Wesen hat, selbst nur eine ‹Erscheinungs›-Weise: auch anderes kann zum Schreiben dienen. Ein Pinsel kann ebenso dazu dienen, etwas an die Tafel zu malen, oder wir kleben Buchstaben darauf. Das sind verschiedene Erscheinungen desselben Prinzips, von einem Bleibenden, das aber selbst so nie erscheinen ‹kann›. Mit dem Prinzip des ‹Schreibens› lässt sich ja nicht schreiben. Es ist das ‹Ding an sich› hinter dem Erscheinen (nach Hegel).

 
Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Fotoreihe 2019, Heizhaus

Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Fotoreihe 2019, Heizhaus

 

7. ‹Wirklichkeit› hat hier nicht das Prinzip des Schreibens ‹mit dem Kreidestoff auf der Tafel›, sondern erst die wirkliche Kreide, mit der man schreibt, das heißt wenn sie eine gute Kreide ist. Die Tafel sollte gleichfalls eine wirklich gute Tafel sein, nicht zu glatt zum Beispiel. Die Erscheinung (nicht mehr ein ‹Schein›) entspricht da stets dem Wesen. Das Wesen ist nun nicht mehr jenseits ‹an sich›, sondern für uns da in der Kreide und der Tafel.

8. Kreide und Tafel sind auch wesentlich füreinander da. Wirken aufeinander, ‹so› ist die Wirklichkeit beider. Wir verstehen ihr Wirken als ‹Kraft› und ‹Äußerung› von Kreide und Tafel. Die Kreide hat die Kraft – das Vermögen, das wir durch den Druck unserer Hand aktivieren –, eine helle Kreidepulverspur zu hinterlassen, dies jedoch, ohne sich selber zu verformen, ohne weich zu werden. Die Tafel ist trocken und rau und nimmt die Spur auf. Eigentlich wirkt die Tafel aktiver als die Kreide, verpulvert diese durch den Druck und hält das Pulver fest, wenn sie dies auch durch uns bewirkt tut. Beide Erscheinungen sind erst wesentlich, was sie sind, wenn sie aufeinander wirken und ihre Kraft ‹äußern› (‹Kausalität›). Wir bilden uns den Begriff ihres gegenseitigen Verhältnisses, das uns erst völlig befriedigt (wenn die Übung sich noch weiter ausweiten lässt). Vom Tun des Wesens (mehr als nur das Sein der Sache) sind wir nun beim Wesen des Tuns angelangt, und da schließt sich der Kreis, da wir die Kreide in ihrer Wirklichkeit erkennen.

Nun kommt der Gegengedanke hinzu: Wir besinnen uns auf das ständige ‹Erfassen› der Phänomene selbst, ohne das wir kein Erkennen der Kreide haben könnten. Hier fängt bei Hegel die ‹subjektive Logik› an (das heißt das, was im Subjekt passiert; drittes Buch seiner ‹Logik›). Das Denken sieht im Hinblicken auf anderes zugleich auf sich selbst.

9. Wir hatten zuerst einen ‹Begriff› der Kreide und der Tafel gebildet, dabei sahen wir aber fortwährend an dem Begriff vorbei. Denn wir bestimmten den Gegenstand, als ob er dem Denken gegenüberstehen würde. Doch dabei floss der Gegenstand ständig während des Bestimmens in unser Denken hinein. Nicht nur die Erscheinung zeigte den Begriff der Kreide. Im Begriff selbst er-schien das Wesen, und war das Denken bei sich. Der Begriff ist wie ein Eurhythmist in unserem Ätherleib, der nicht sich selbst, sondern das Wort oder die Musik darstellt. Der Begriff ist so wie eine in sich geschlossene Monade, deren Funktion es aber ist, selbstlos die Welt zu spiegeln (Leibniz).

10. Das begriffliche Denken sieht also selbstlos hin auf das Objekt, den Gegenstand, der jetzt nicht mehr außerhalb des Begriffes ist. Das Denken schaut also in sich selbst auf den Gegenstand im Begriff. Der Begriff der konkreten Kreide ist ja nicht der ‹Begriff des Begriffs› der ‹Kreide›. Dazu benötigen wir die vorige Reflexion auf unser Denken (in 9). Der einfache Begriff (wie ‹die Kreide›) formt sich – am Anfang des Erkenntnisprozesses – somit zum Gegenteil seiner selbst: dem erfassenden ‹Objekt› der Kreide (in 1).

 
Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, EG Eingang Süd

Foto: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, EG Eingang Süd

 

11. Wenn wir im ersten Durchgang nun das Objekt verstanden haben, ist der fast leere Begriff des Objekts gegliedert und voll bestimmt (in 8). Wenn dem Gegenstand ein gesättigter Begriff entspricht, so wird er darin erkannt. Erkennen bedeutet somit nicht, dem Gegenüber des Denkens einen Begriff aufzukleben, sondern ein In-sich-Gehen des Denkens zum Wesen und Wirken, welches dem bloßen daseienden Gegenstand entspricht (‹das Wahre›). Wenn sein Wesen erfasst ist, dann können wir ihn auch von dorther noch weiter bestimmen. Wir verwenden die Kreide für außerhalb der Kreide liegende Zwecke. Im Schreiben bestimmen wir sie tatsächlich etwa zum pythagoreischen Lehrsatz oder zu einem Spruch auf der Tafel. Das Tun der Dinge wird dabei zu unserem Tun. Das reine Erkennen wird zum Handeln, zum Verwirklichen des Begriffs (‹das Gute›). Der zwecksetzende Begriff hat einen Überschuss in sich gegenüber dem bloßen Objekt.

12. Besinnen wir uns zuletzt auf das Ganze: Wir suchten ein Sein in der Kreide, fanden es als Wesen in unserem denkenden Tun, das selbst in der Zweckbestimmung im Verwenden der Kreide erschien. Diese Denkbewegung war ein völliges Aus-sich-Herausgehen und durch das Besinnen zugleich ein Zu-sich-Kommen. Im ganzem Tun ist das Denken, was im Begriff im Kleineren das Scheinen in sich ist. Wir fassen den Begriff der Tätigkeit unseres normalen Ichs überhaupt. Weil die Bewegung objektiv ist, findet sich das Ich hier nicht nur als Subjekt des allgemeinen Begriffs, sondern weiterhin als bestimmtes Ich aus dem Geiste heraus (Hegel).

Die Kategorien sind Erbschaft einer früheren Michaelepoche im griechischen Altertum. In der Philosophiegeschichte haben diese Kategorien weiter gewirkt. Ihren kosmischen Ursprung liest man aus ihrer Zwölfheit, wie aus einem Tierkreis, heraus.

Ergebnis

Die erste Nebenübung führt uns strengstens durchgeführt zum Ich-Erlebnis und zur Ich-Kraft im Denken. Das ‹Gefühl der Festigkeit›, das man in seinen Nervenmenschen hineingießt, ist das Erlebnis: ‹Ich bin› (als denkendes Ich). Die Kategorien sind Erbschaft einer früheren Michaelepoche im griechischen Altertum. In der Philosophiegeschichte haben diese Kategorien weiter gewirkt. Ihren kosmischen Ursprung liest man aus ihrer Zwölfheit, wie aus einem Tierkreis, heraus. Das auszuführen würde eine weitere Betrachtung fordern. Man sieht aber der Gliederung dieser Logik in Sein-Wesen-Begriffen an, wie sie dreigeteilt dem Menschen entspricht (Gliedmaßen – rhythmische Mitte – Haupt). Sie kulminiert im Begriff des ‹Ichs›: Jeder Begriff ist eine stufenweise fixierte Handlungsform des tätigen Ichs, so wollte Hegel uns klarmachen.

Zum ‹Geist-Erschauen› gilt es sich aber auch durch die anderen Nebenübungen Fühlen und Wollen so zu erziehen, dass wir nicht nur im Kopf, sondern auch mit dem Herzen denken lernen. Davon ein anderes Mal ein weiteres Beispiel.


Titelbild: Tobin Meyers, Türklinke am Goetheanum, Fotoreihe 2019, Nordtreppe, 1. OG.

Print Friendly and PDF
Europa: Polarität als Paradox

Europa: Polarität als Paradox

Unentdecktes Zukunftspotenzial

Unentdecktes Zukunftspotenzial