Leibhaftig werden

Diskussionsbeitrag zum Tagungsbericht von Edwin Hübner ‹Die Sinneserfahrung als Icherlebnis›, ‹Goetheanum› 42/2021.


In dem Bericht heißt es: «Die Diskussion […] beinhaltete ein hochaktuelles Thema, denn es wurde kontrovers darüber gesprochen, ob bei einem Videogespräch über eine Konferenzsoftware neben dem Sehen und Hören auch der Laut-, der Begriffs- und der Ich-Sinn etwas wahrnehmen oder nicht.»

Grundlegend zum Verständnis der Sinnesauffassung Rudolf Steiners ist meines Erachtens, dass die Sinne die Fähigkeit der (geistigen) Welt sind, ihre seelisch-geistigen Inhalte dem Menschen in physisch-sinnlicher Form vorzuführen. Aus Sicht des Menschen heißt das: Mithilfe der Sinne realisieren wir Menschen die Welt. Wir nehmen sie wahr und verwirklichen sie. Wir haben es mit sinnlichen Erscheinungen von geistigen Wesen zu tun und nicht mit physiologischen Reiz-Reaktions-Apparaten.

Die sinnliche Welt ist somit zwar eine Maya, sie ist aber eine lesbare Maya. Wir können den Wesensgehalt der sinnlichen Wirklichkeit lesen lernen. Jedes sinnliche Erscheinen zeugt von einer seelisch-geistigen Situation, in der wir uns aktuell befinden.

Und umgekehrt heißt das auch, dass sich die seelisch-geistige Welt durch die zwölf Sinne verleiblicht. In dieser Weise ist meines Erachtens auch die Aussage von Rudolf Steiner zu verstehen: «In anthroposophischer Beleuchtung darf alles dasjenige ein menschlicher Sinn genannt werden, was den Menschen dazu veranlasst, das Dasein eines Gegenstandes oder Vorganges so anzuerkennen, dass er dieses Dasein in die physische Welt zu versetzen berechtigt ist.»1 Das Projekt der Sinne ist also, ‹leibhaftig› zu werden, ‹physisch› zu werden, mithin ‹irdisch› oder auch ‹hiesig› zu werden.

Grafik: Fabian Roschka

Die Größe dieses Projektes wird vielleicht an den oberen Sinnen am deutlichsten: Mit dem Denksinn können wir den Denkvollzug eines anderen Menschen, das heißt eines geistigen Wesens im Hier und Jetzt wahrnehmen. Wir können wahrnehmen, wie sich mir das andere geistige Wesen im Hiesigen, also auf Erden, denkend offenbart. Die Spitze wird dem Zwölf-Sinnes-Projekt der Welt durch den Ichsinn aufgesetzt, und zwar dadurch, dass sich ein sich selbst vollziehendes geistiges Wesen (das nennen wir Ich) im Hiesigen als wahrnehmbar und damit als Mensch erweist. Eine geistige Instanz wird hier auf Erden im Physischen sinnlich wahrnehmbar, die zum Beispiel bei den Tieren nicht hiesig wird, sondern in der geistigen Welt verbleibt und erst dort – übersinnlich – wahrnehmbar ist.

Bezieht man also zur ‹Definition› eines Sinnes das Verwirklichen der Hiesigkeit, des physisch-irdischen Daseins von geistigen Wesen mit ein (was unabdingbar ist und durch den oben zitierten Satz von Rudolf Steiner vorgegeben ist), dann ist die Antwort eindeutig: Die mediale Technik ermöglicht keine Sinneserfahrung, denn sie enthiesigt, sie entleiblicht, verunmöglicht das irdische Dasein. Sie mischt sich in die Sinneswahrnehmung ein und nutzt sie für die Verwirklichung eines ‹Zwischen›-Planeten der Technik anstatt für den Planeten Erde. Die ursprüngliche Intention der geistigen Welt, sich im Hiesigen, auf Erden sinnlich zu offenbaren, sodass wir sie wachen Bewusstseins und in Freiheit zu ihr erfahren können, wird durch die Einschaltung der medialen Techniken korrumpiert.

Würde man diesen – den Planeten Erde und das Wesen Erdenmensch vollziehenden – Aspekt der Sinnestätigkeit außer Acht lassen, so würde man einem zentralen Sinn der Sinne nicht gerecht werden.

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment (GA 45), Dornach 2009, S. 23.

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