Die Sinneserfahrung als Ich-Erlebnis

Wir kennen die Sinne und kennen sie nicht. Unsere Inkarnation vollzieht sich, indem wir uns das Kleid der Sinne anziehen und darin wie zu Hause sind. Wir sind so mit den Sinnen verschmolzen, dass es uns schwerfällt, uns der Sinne in ihrem Wirken ganz klar bewusst zu werden, geschweige denn ihr Wirken zu verstehen.


Was sind überhaupt die Sinne?

Sogar der heutigen Wissenschaft fällt es schwer, die Sinne in ihrem wahren Wesen zu verstehen, abgesehen von den vielen Unternehmungen, die die Funktionen der Sinne (medizinisch und psychologisch) zu begreifen suchen. Durch den Blick, den Rudolf Steiner auf die Natur und die Bedeutung der Sinne richtet, steht nicht nur ihre Verbindung mit der Umwelt im Vordergrund, sondern ebenso, dass wir durch sie ein verändertes Bewusstsein erlangen. Mit funktionierenden Augen, Nerven und dem Gehirn, so wie die Wissenschaft sie erkennt, ‹sieht› man die Farbe. Was aber ist demgegenüber eigentlich ‹das Sehen› der Farbe im Unterschied zum rein physiologischen Prozess? Sinne sind mehr als nur die Sinnesorgane im Leib.

Sich seiner Sinne bewusst zu werden, ist ein Weg jener Schulung, die mit den Untersuchungen des Buches ‹Anthroposophie. Ein Fragment› gemeint ist. Ein Erkennen der Sinne bewirkt, dass wir uns als viergliedriges Wesen wahrnehmen und unserer Verwurzelung in einer vierfachen Welt bewusst werden. Den Sinnen liegt eine höhere Welt zugrunde, als es die Sinneswelt selbst ist. Die Lebensprozesse entstammen einer noch höheren Welt. Dieser übergeordnet ist die Welt, aus der das Ich stammt, dem die Sinne, die Lebensprozesse und die Gestalt zugeordnet sind. So lernen wir die physische Sinneswelt, die Astralwelt (die die Sinne gestaltet), die niedere Geistwelt (aus der der Ätherleib mit seinen Lebensorganen hervorgeht) und die höhere Geistwelt (die den Ich-Menschen in der physischen Welt hervorbringt) kennen und unterscheiden.

Not der Sinne in unserer Zeit

Mit dem Fehlen einer geistigen Sicht auf die Sinne geht ihre Verödung einher. In der allgemeinen Pädagogik ist man zwar auf das Lernen durch die Sinne bedacht, wenn auch oftmals vor allem im Sinne eines Konditionierens (Stimulus-Responz-Modell). Weniger ist aber die Aufmerksamkeit auf das Werden und die Entwicklung der Sinne selbst gerichtet, außer in der anthroposophischen Pädagogik. Vor einem halben Jahrhundert wies Karl König (siehe Rezension) auf die Gefahr der ‹Entsinnlichung› unserer Kultur hin. Die Sinne werden gewöhnlich nur zur ‹Information› in Form einer ‹Registrierung› der Objekte genutzt. Tiefer verstanden, ermöglichen sie aber durch ihr geistiges Atmen, mit dem Wesen der Welt in intimer Weise zusammenzuleben und sich dadurch in einer feinen Weise aufbauen und ernähren zu lassen. Nach 50 Jahren stehen wir vor einer tiefgreifenden Digitalisierung unserer ganzen Kultur, daher ist als Gegengewicht ein Bewusstsein des Wesens und der Bedeutung der Sinne für den Menschen um so dringlicher.

Christiane Haid und Jaap Sijmons


Die Sinnestätigkeit des Ich-Menschen

Rudolf Steiners Buch zur Sinneslehre ist ein Fragment geblieben. Kann es heute zu Ende geschrieben werden?

Im vierten Kapitel des Fragments findet sich der fundamentale Satz: «In dem Erleben des ‹Ich› selbst durch den Menschen liegt nichts, was durch einen Sinnesvorgang angeregt ist. Dagegen nimmt das Ich die Ergebnisse der Sinnesvorgänge in sein eigenes Erleben auf und baut sich aus ihnen das Gefüge seines Inneren, des eigentlichen ‹Ich-Menschen›.» Die Sinne geben uns demzufolge nicht das Ich, sie erfüllen jedoch unser Ich mit Sinneseindrücken, bauen damit gleichsam unseren Ich-Menschen auf. Diese Tatsache berührt die Grundfragen der irdischen Existenz. Wir sind damit – anthroposophisch gesprochen – Geister, versetzt in die Erdenwelt, die uns die Sinne erschließen. Nicht in dem uns eigenen, geistigen Element, sondern durch die Sinneserfahrung bauen wir uns in der Sinneswelt als Ich-Menschen auf. Ist das nicht merkwürdig? Können etwa die Fische im Wasser nicht besser schwimmen als auf trockenem Boden? Und weshalb sollen wir uns gerade dort geistig entwickeln, wo wir dem uns eigenen geistigen Element durch die Sinne entfremdet sind? Doch, so müssen wir fragen, was leisten die Sinne, oder besser, was leistet unsere Sinnestätigkeit? Im Blick auf die Aufgabe der Sinneswelt lautet hier die Gegenfrage: Wie wird aus einem physischen Vorgang, der bis in die Sinne reicht, eine Empfindung oder Wahrnehmung für das Ich? Das Auge gleicht einer Kamera. Doch es ist uns – von materialistisch-philosophischen Spekulationen abgesehen – wohl klar, dass nur der physikalische Prozess einer Kamera mit Lichteinfall, Linse und Bildfläche dem Auge ähnlich ist, aber in der Kamera nichts ‹gesehen› wird, ebenso wie im Rechner nicht ‹gedacht›, sondern nur geschaltet wird.

Wir erwachen an den Sinnen

Es sind alltägliche Fragen und Gewohnheiten, die mit dem Sinneswesen zusammenhängen. Wir erwachen an den Sinnen. Wir wachen ja auch in der Nacht auf, wenn wir gerufen werden oder jemand das Licht anschaltet. Wird tagsüber umgekehrt alle Sinneserfahrung unterdrückt, wie im McGill-Experiment, wo Studierende tagelang in einer Dunkelkammer ohne Licht, Klang und Bewegung verbrachten, dann gerät das Bewusstsein aus der Fassung, halluziniert und wird ängstlich. Wir erwachen also an den Sinnen und stützen auch unser Bewusstsein darauf. Und doch ist unklar, wie das vor sich geht. Wie kann, ja muss so Verschiedenes wie autonomes Ichsein und weltverbundenes Sinnesleben zusammenstoßen? Die Psychologie macht es sich da etwas zu leicht, nur von vornherein diesen komplizierten Zusammenhang als gegebene ‹psycho-physische Einheit› in Experiment und Modell einzubeziehen. Das mag für praktische Zwecke, für medizinische Aufgaben oder Erziehungsfragen hinreichen. Aus anthroposophischer Perspektive stellt sich dazu jedoch eine weitere Aufgabe: Es geht zuletzt darum, sich neue Sinne anzueignen – geistige Organe des übersinnlichen Schauens heranzubilden. Doch wissen wir, was wir dabei tun sollen, wenn uns nicht einmal klar ist, wie das Ich in und mit den alltäglichen Sinnen lebt?

‹Sinne, Ich und Welt›, Christiane Haid, Acryl auf Hartfaserplatte, 2021

Eines von Rudolf Steiners biografischen Grunderlebnissen war, dass ihm in den ersten 36 Jahren seines Lebens die Sinneswelt geistig finster und für sich genommen schwer zu erfassen war, wenn sie nicht durch das Licht des Geistes beleuchtet wurde. Ihm fiel der Gegensatz der beiden auf. Ab dem 36. Lebensjahr dagegen konnte er tiefer in die Sinneserfahrung als solche eindringen. Zu dieser Zeit war er biografisch in das Alter der Bewusstseinsseele eingetreten und hatte schon eine gründliche Umbildung des Astralleibes und des Ätherleibes in der Empfindungs- bzw. Verstandesseele vollzogen. Daher konnte er sich der Sinne tüchtiger, bewusster bedienen. Doch ungleich schwieriger ist es, mit den Sinnen zu leben, wenn man weder die Sinne noch den Geist rein für sich erfasst, was wohl die Situation der meisten Menschen umschreibt.

Die Entwicklung höherer Sinne

Es heißt in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten›, dass die in der Gegend der Magengrube befindliche Lotusblume als geistiger Sinn für Licht und Farbe (Aura) tätig werden kann, wenn der Mensch die Sinneseindrücke in sich selbst gestalten kann. Solange die Sinne eine Herrschaft über ihn haben und er sich von ihren Reizen treiben lässt, bleibt diese Lotusblume unwirksam. Wir sprechen in diesem Zusammenhang ja auch von der ‹Sinnlichkeit› eines Menschen. Ansätze in die Richtung einer Schulung der Sinne sind auch im Alltäglichen da. Je bewusster man beispielsweise isst, desto weniger Hunger hat man. Schillers ästhetische Erziehung greift dieses Prinzip auf. Aus der bunten Fülle der Eindrücke wird durch Konzentration intensiv erlebte Sinnesbetätigung. Man vergleiche das trainierte musikalische Ohr und das malerisch sehende Auge, mit dem beispielsweise ein Mark Rothko sich zur Farbe verhält, mit der alltäglichen Sinnesbetätigung und dem alltäglichen Unterscheidungsvermögen. In der Vorbereitung zur Geistesschulung liegt deshalb zweierlei. Man sollte «frisch mit gesundem Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinneswelt sehen» (‹künstlerisches Empfinden› sei die beste Vorbedingung) und die höheren Sinne Gehör, Wort-, Begriffs- und Ichsinn systematisch mit der «allerstrengsten Selbstzucht» üben und so lernen, «nach und nach mit dem Wesen eines anderen vollständig zu verschmelzen». Es wird der richtigen Pflege der Sinne helfen und die Bildung neuer Sinne fördern, wenn man weiß, wie das Ich im Sinneserlebnis sich betätigt, ja wie dadurch überhaupt Sinneserfahrung entsteht. Zu diesem Zweck schickte Rudolf Steiner sozusagen während der Generalversammlung 1909 der Darstellung des Schulungswegs in ‹Wie erlangt man […]› eine Sinneslehre als erstes Kapitel ‹Anthroposophie› hinterher.

Berühren und berührt werden

Rudolf Steiner beschreibt im vierten Kapitel des Fragments die Wirkungen der Sinne. Er bedient sich einer imaginativen Sprache, die es den Lesenden nicht leicht macht, die Darstellung nachzuvollziehen. So bei der Beschreibung des Tastens. Da leben wir an der Grenze des Leibes, unsere Haut wird von etwas berührt, indem wir selbst berühren, tasten. Wir nehmen die Botschaft des Äußeren in unser inneres Erlebnis hinein. Der Leib wird – indem Druck auf ihn ausgeübt wird – zurückgedrängt. Man sieht an der Beschreibung bildhaft, wie das Ich in sich bleibt, während es außen etwas wahrnimmt. Nun aber gilt es, dieses Bild als ein Icherlebnis zu verstehen, nicht allein als leiblichen Vorgang. Denn wir sind es selbst, die Widerstand erfahren. So wahr es ist, dass wir etwas als hart oder weich, glatt oder rau erleben, wenn wir uns dabei vergessen, so ist nur ein Erlebnis da, wenn wir dieses leibliche Berühren miterleben. Der Tastsinn setzt den folgenden Leibessinn, den ‹Lebenssinn› voraus. Damit verlagert sich das Problem nur, denn wie erlebt das Ich sich denn im Leib? Wie Rudolf Steiner dabei vorgeht und die Lösung angibt, hier und bei den anderen Sinnen, wollen wir während der Tagung Anfang September gemeinsam erkunden.


Weitere Infos zur Tagung: Die Sinneserfahrung als Ich-Erlebnis

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