Oh, dass die Seele selber Rose werde!

Oh, dass die Seele selber Rose werde!

Bildkunst und Dichtkunst. Die Verbindung von musikalischen und malerischen Klängen zu erleben oder das Verwebende der Welt der Farben mit einem Gedicht, einem Werk aus der Feder des Dichters zu entdecken, gehört zu den besonderen Momenten eines Künstlers.


Angeregt von der Dichtkunst und den in ihrem Innersten sich regenden Farbeindrücken, entschied sich die in Italien lebende Malerin Doris Harpers, ein großes Thema zu vertiefen: die Rose oder, wie sie es nannte, Rosa Rosarum. Zahllose Gedichte aus verschiedenen Sprach- und Kulturräumen hat sie gelesen, ausgewählt und nach entsprechenden Übersetzungen gesucht oder selbst übersetzt. Dabei entstand eine Wunderkammer vielsprachiger Gedichte, komponiert in Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Russisch und Spanisch und in ihrer zweiten ‹Muttersprache› Italienisch.

In das Auge der Blume

Man gerät in ein heiliges Staunen angesichts der Fülle und Vielfalt und ihrer Hinwendung zu, ja unbedingten Offenheit gegenüber jedem dichterischen Werk. In der Stille entstehen ihre Bilder; in Betrachtung und Tätigsein und immer wieder und wieder mit dem prüfenden Blick auf das Gemalte mit der inneren Ausrichtung: Ist das dieses Gedicht? Beinhaltet es etwas von dem Ton, dem Klang, der Aussage selbst, die ich finde in den Worten, in den Rhythmen? – Ein Tasten, Bejahen, Suchen, Verwerfen und wieder neu auf die selbst gewählte Aufgabe sich konzentrierendes Tun beginnt. Über 50 Bilder in verschiedenen Formaten, in übersichtlicher Anordnung schmücken nun das Kunstschaudepot in Dornach. Es sieht so aus, als ob sie immer schon dort gewesen wären, in ‹guter Gesellschaft› aufgenommen zusammen mit Werken von Hermann Linde, Astrid und Ulrich Oelssner, Walther Roggenkamp, Eva Schneider-Boog und vielen anderen.

«Dasselbige – aber anders!» Immer ist es die Rose, doch immer wieder aufs Neue staunt der Betrachter über die Vielfalt, das Anderssein! Man kann bald, wenn man sich genügend Zeit gibt zum Betrachten, merklich etwas Wundersames empfinden: Hier schaue ich direkt in das Auge der Blume, dort steht sie aufrecht vor dem Betrachter, gekrönt mit ihrem Rot, still verharrend im Erdenschoß. Doch dann ist sie ‹zu Hauf› zu sehen, das heißt nicht als Einzelwesen, vielmehr als Rosen in Scharen, dicht gewirkt, leuchtend, geheimnisvoll. Dann tritt sie auf – in einem Märchen, «denn die Göttin hat dereinst den Rosen Zauberkraft verliehn». Sie erscheint uns so schön wie die Natur, die sie Jahr für Jahr erblühen lässt, sie ersteht in Märchenform. Die Rose wird jetzt Bild ‹für etwas›. Erhabenheit regt sich, Mantrisches wird zart bewegt auch in den Gedichten und Farbklängen von Friedrich Hölderlin. Er wendet sich erwartungsvoll ‹An eine Rose› mit den Worten:

Röschen, unser Schmuck veraltet,
Sturm entblättert dich und mich;
Doch der ew’ge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich!

Und das Erhabene wird bewegt in den malerischen Ausführungen und in dem Gedicht ‹Rose im Schnee› von Sergej O. Prokofieff, beginnend mit der Frage:

Oh Rose, warum bist Du
im kalten Winter erblüht?

Und es endet mit den Zeilen:

… durch das Blut eines Andern
wirst du im Schweigen erlöst.
Und erblühst von Neuem
aus dem Staub der Erde.

Ein Sterben und Werden, ein Abschiednehmen und Wiederkehren. Ein nächster Schritt ersteht, zart und immer sichtbarer in Erscheinung tretend: das Schwarz hinter der Farbe der Rose, und dieses sich im Hintergrund zu einem Kreuz aufrecht erhebend.

Einen besonderen Abschluss bildet die Farbigkeit zu Rudolf Steiners Wahrspruch für Mieta Waller:

In der Lichtesluft des Geisterlandes
Da erblüh’n die Seelenrosen ...

Es schließt sich der Kreis: Der Weg zum ‹Geist der Natur› wird zum Ahnen der ‹Natur des Geistes›. Denn «nach innen geht der geheimnisvolle Weg». (Novalis)

In kraftvoller und einfühlsamer Weise

Die Rose als Schöpfung aus dem Reich der Natur, dem schaffenden Geist der Natur – so ist sie gemalt; fast glaubt man, sie duftet fort und fort, in glühenden, satten Farben mit eindeutig gesetzter Form – der Betrachter erkennt sogleich, dass es sich ganz sicher nicht um ein Veilchen, sondern um eine Rose handelt. Diese fast ‹natürlich› gemalte Rose wird zur ‹märchenhaften› Rose. Man steht ihr ganz nah, blickt tief in ihre Augen – oder erlebt sie von Weitem, aufrecht als Bild. Und wie die Rosen dicht gedrängt, in Vielzahl, ganz anderes zeigen und nochmals – ganz anders – als ‹göttliches Zeichen› oder als ‹Bild der Seelenrosen› in der ‹Lichtesluft›. Verwandlung ist hier spürbar, ein Weg, der unweigerlich zur ‹Natur des Geistes› führt. Mit Dankbarkeit erfüllt, schreitet man von Bild zu Bild, von Gedicht zu Gedicht.

Die Malerin Doris Harpers, die schon während ihrer Studienzeit an der Alanus-Hochschule in Alfter und anschließend in der Kunsttherapie-Ausbildung bei Eva Mees in den Niederlanden als ihre Aufgabe entdeckte, die Künste nicht vereinzelt zu erleben, sondern sich für ein gegenseitiges Sich-befruchten-Können einzusetzen, hat mit ihren jüngsten Werken wahrlich einen Beweis ihrer Eigenständigkeit geliefert, indem sie die Malerei in kraftvoller und doch so einfühlsamer Weise zu verknüpfen sucht mit der Dichtkunst, denn:

Zu lauschen dieser reinen Sprache und Gebärde
Sei uns ein ganzes Leben nicht genug –
Oh, dass die Seele selber Rose werde!
— Roswitha Bril-Jäger

Nicht ohne das Künstlerische

Rudolf Steiners Suche nach dem Wesen der Kunst beginnt während seiner Wiener Zeit deutlichere Konturen anzunehmen. Die Künste umgaben ihn in mannigfaltiger Art durch einzelne Repräsentanten jener Zeit, Künstler, mit denen er in regem Austausch stand. «Ich wollte im Kunstwerk als das Wesentliche ansehen, was den Sinnen erscheint. Aber mir zeigte sich der Weg, den der wahre Künstler in seinem Schaffen geht, als ein Weg zum wirklichen Geiste.» (Rudolf Steiner, ‹Mein Lebensgang›, Kap. 8)

«Was den Sinnen erscheint», das ist hohe Könnerschaft auf jeden Fall und erfordert viel Fleiß und Geduld, um zum Beispiel eine Rose in einem Gedicht oder durch verschiedene Farben und Formen so wiederzugeben, wie sie uns in der Natur entgegenleuchtet. Eine wichtige Stufe, der man in den Malereien von Doris Harpers begegnet, ist der Durchgang zu dem «Schaffen ... als einem Weg zum wirklichen Geiste». Die Rose in der so schön angeordneten Ausstellung, sie kann Bild werden für etwas Höheres. Ein dornenreicher Weg – doch segensgleich!

So ist die Rosen-Ausstellung ein treffliches Beispiel für Initiative von einzelnen Menschen, die sich gegenseitig durch ihre Arbeit befruchten mit und durch ihre Liebe zur Anthroposophie. Einer solchen Initiative entwachsen ist auch das Kunstschaudepot der Stiftung Trigon, verantwortlich ist Architekt John Ermel. Mit der Eröffnung im April 2018 wurde ein lang gehegter Traum Wirklichkeit. Nur fünf Minuten Fußweg vom Goetheanum entfernt, sind Ausstellungs- und Lagerräume entstanden, in denen Werke des anthroposophischen Kunstimpulses von den Anfängen bis heute aufbewahrt und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. In wechselnden Ausstellungen werden Werke aus dem Kunstschaudepot, aber auch Arbeiten aus dem aktuellen Schaffen von Künstlern gezeigt.

‹Rosa Rosarum› lautet der Titel der Sommerausstellung, ursprünglich geplant bis 2. September, die nun aber verlängert wurde. Finissage ist am 10. November um 16.30 Uhr. Die Künstlerin, Doris Harpers, wird anwesend sein. Sie ist vielen Künstlern schon aus den Sektionstagungen am Goetheanum, an denen sie seit mehr als 25 Jahren mit großem Engagement teilnimmt, bekannt. Zahlreiche Ausstellungen in aller Welt hat Doris Harpers aus ihrer reichen Malerwerkstatt gestalten und erleben dürfen.

Die Räumlichkeiten des Kunstschaudepots, die noch erweitert werden sollen, wenn genügend guter Wille im Umkreis – wie auch in der Stiftung selbst – zueinander finden werden, erweisen sich schon jetzt als eindrucksvoller Begegnungsort, als ‹Schale›, in der gesunde, ja gesundmachende Werke einzelner Künstler erlebt werden können, ein Weg und Ziel zugleich, vor allem aber auch eine Notwendigkeit in unserer heutigen Zeit! War das nicht der große Wunsch, das tiefe Anliegen von Rudolf Steiner, dass «das spirituelle Leben fortan nicht ohne das Künstlerische in der Gesellschaft» bestehen soll? (R. Steiner, ‹Mein Lebensgang› , Kap. 38)


Bilder: Doris Harpers, ‹La Rosa› (Die Rose), Detail zu einem Gedicht von R. Bril-Jäger.

Ausstellung: Rosa Rosarum, Kunstschaudepot, Juraweg 2–6 in Dornach, geöffnet werktags 17–18.30 Uhr, und auf Anfrage Tel +41 79 321 30 38, Finissage am 10.11.2018, 16.30 Uhr

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Das Werden der Jugend

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