exc-5dcd5d85ee82a035cc9a34dd

Kein Ding: Eine Selbstbestimmung

Wenn wir uns während der Arbeit nicht als füreinander tätige Menschen begegnen, sondern uns aufgrund von Kapitalinteressen voneinander entfernen, dann spricht die marxistische Theorie von der Entfremdung der Produzenten untereinander oder von Verdinglichung.


Wir verdinglichen andere, wenn wir sie als Mittel, nicht als Zweck ansehen. Wir entfremden uns, wenn wir einander nicht als Partner, sondern als Konkurrenten deuten. Die fehlende menschliche Anerkennung, die der Verdinglichung der anderen zugrunde liegt, wird bis heute immer wieder kritisiert. Dabei gerät allerdings leicht außer Acht, dass wir uns nicht selten selbst missachten. Wir verdinglichen nicht nur andere, sondern gleichermaßen uns selbst.

Wer sich selbst verdinglicht, der hält sich für einen Gegenstand – für einen ganz besonderen vielleicht, jedoch für einen Gegenstand. Schon Fichte schrieb: «Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen sein, sich für ein Stück Lava im Monde als für ein Ich zu halten.» Diese Vorstellung ist inzwischen weit verbreitet. Das Gegenstandsbewusstsein ist das Selbstbewusstsein der Gegenwart. Wer sich selbst verdinglicht, der hält sich für ein bestimmtes Rätsel, das bloß mangels allgemeiner Einsicht noch ungelöst ist. Es werde jedoch, sobald die Hirnforschung oder wer auch immer so weit sei, das personale Eigenschaftsbündel zu entwirren, endlich gelöst werden.

Dieses Selbstverständnis unterschlägt, dass ich andauernd Quelle meines eigenen Rätsels sowie dessen Lösung – kurz gesagt: dass ich ein Ich bin. Ich schaue mich an und sehe dabei den, der sich anschaut, sich anschauen. Schelling schreibt dazu: «Diese intellektuelle Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns selbst aufhören, Objekt zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen, das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist.» Wo wir für uns selbst aufhören, Objekt zu sein, da fangen wir für die Welt an, Ich zu werden. Und wo wir aufhören, uns selbst zu knechten, da werden wir auch andere nicht länger beherrschen wollen.


Foto: Kasman/Pixabay

Print Friendly, PDF & Email

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Letzte Kommentare

Facebook