In wessen Namen?

Um Solaranlagen aufzustellen, die die Energiewende einläuten sollen, braucht es freie Flächen. Aber wenn dafür ein zusammenhängender Wald gerodet werden soll, kann man fragen, ob sich unser Verständnis von Klimaschutz ad absurdum führt. Über eine Entscheidung, die demnächst in Brandenburg, im Landkreis Märkisch-Oderland, getroffen werden muss.


Im Oderbruch, nordwestlich von Berlin, so ziemlich ‹in the middle of nowhere›, ganz nah an der polnischen Grenze kämpft eine Gruppe von Menschen gegen die Abholzung eines Waldgebietes. Von Oderberg bis Hohensaaten, dem Dörfchen direkt an der Oder, sollen demnächst Solaranlagen statt Bäume stehen. Und ein Rechenzentrum. Das erste ‹grüne Rechenzentrum› Deutschlands, heißt es. Die Oder ist der Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen. Es handelt sich um 370 Hektar zusammenhängenden Wald, der dafür weichen muss. Das entspricht einer Größe von 518 Fußballfeldern! Die gesamte Fläche des Waldgebietes, das die Lindhorst-Gruppe, ein Agrargroßkonzern aus Niedersachsen, 2019 gekauft hat, beträgt 680 Hektar.

Die Aktivistengruppe umfasst Menschen, die unmittelbar betroffen sind und in den umliegenden Dörfern leben. Auch Studierende des in der Nähe gelegenen Eberswalde, im Oderbruch lebende ‹Alternative›, die als Hinzugezogene gelten, Biolandwirtschaft betreibende Kleinbauern und Kreative, die die Großstadt Berlin verlassen haben, um auf dem Land zu leben, sind dabei. Sie haben eine Petition geschrieben, sammeln Unterschriften, treffen sich mit Greenpeace, machen Stände vor der Stadtversammlung, um zu zeigen, dass es Widerstand gibt. Sie alle eint das Gefühl, dass es unlogisch ist, Klimaschutz zu betreiben, indem man Wald abholzt, und dass es hier um Wirtschaftsinteressen geht, die grüngewaschen werden.

Energiewende vorantreiben

Die Information der Bürger an dem Vorhaben bestand darin, dass eine Woche lang in den Schaukästen der Dörfer ein Zettel hing. Die Entscheidung, ob für oder wider, soll durch die Kommunalpolitik der Stadt Bad Freienwalde getroffen werden, die so weit weg vom Waldgebiet liegt, dass Bewohner und Bewohnerinnen nichts bemerken werden vom fehlenden Wald und von der großen Fläche an Solarpanelen. Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel hatte das Vorhaben bereits abgelehnt mit der Begründung, dass es «völlig absurd» sei, «für einen Solarpark zu roden». Für die Kommunalpolitik wurde eine Begehung des Waldes durch die Lindhorst-Gruppe organisiert. Auf dem Gelände war früher ein Tanklager der NVA, der Nationalen Volksarmee der DDR. Zwischen 1937 und 1945 wurde hier Sprengstoff hergestellt für den Zweiten Weltkrieg. Seit 1991 hat sich das Gebiet erholt und ist von einem Privatmann als Jagdrevier genutzt worden. Eingezäunt und nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Deshalb hat sich der Wald auch frei entwickelt. Es ist längst keine Fichtenmonokultur mehr, auch wenn das behauptet wird. In den Bunkern leben Fledermäuse. Schwarzstörche und Dachse haben sich angesiedelt. Ein Uhu wurde gesehen. Eine konkrete Gefahr ist eigentlich nicht zu erwarten. «Jürgen Lindhorst betitelt den Wald abwertend als ‹militärischen Dreckshaufen› und ‹Schrottwald›. Er […] spricht lieber von ‹militärischer Konversionsfläche› und betont den großen Anteil versiegelter Flächen», ist auf der Internetseite der Aktivistinnen und Aktivisten zu lesen. Sie meinen, diese Behauptungen erwecken einen falschen Eindruck. Wasserpoben wurden und werden regelmäßig gemacht, und es hat sich nichts Gefährliches gezeigt. Nur Tiere haben die alten Bunker besiedelt. Eine ähnliche Skepsis gilt für das Argument, dass Ausgleichsflächen angelegt werden. Denn Wälder sind Wasserspeicher und kühlen die Landschaft. Bis eine Neubepflanzung so nachgewachsen ist, dass sie diese Effekte hervorbringt, sind viele Jahrzehnte vergangen. Und in den letzten fünf Jahren hat es in der Gegend wirklich wenig geregnet, bestätigen alle Anwohnenden.

Das Projekt wird von der Lindhorst-Gruppe mit dem Argument angepriesen, man müsse dem Klimawandel entgegenwirken und eine für die Gesellschaft lebensfähige Umwelt erhalten. Man munkelt, dass das seit zwei Jahren rund um Berlin suchende Unternehmen Google sein Rechenzentrum auf der Waldfläche bauen will. Diese ganze Rodung für einen Gewerbeindustriepark mit Solarfläche wäre größer als die Tesla-Fabrik, die ebenfalls in Brandenburg steht und wegen der Wasserverbrauchsproblematik in den Fokus der Medien gerückt ist. Die Argumentation der Befürwortenden rückt die Schädlichkeit durch die Altlasten in den Blick und die nötige Entwicklung erneuerbarer Energien. Das sei dann Industrie mit regenerativem Ansatz. «Wir haben 2020 darüber geweint, dass 300 000 Hektar Wälder in Deutschland abgestorben sind – und heute, zwei Jahre später, geben wir Waldflächen zur Abholzung frei. Diese Widersprüche in der Gesellschaft sind gravierend», sagt Revierförster Martin Krüger. «Wir stehen da wie bei ‹Sterntaler›, haben nichts, keine Kontakte, keine Finanzen, wir haben nur unser Land, das wir so behalten wollen, und das Gefühl, dass es nicht richtig ist», sagt eine der Aktivistinnen. «Anstatt Strom zu sparen, bauen wir immer mehr energieverbrauchende Industrie zulasten der Natur. Das ist doch absurd.»

Für wen, für was?

Im Namen des Klimaschutzes werden heute Wälder abgeholzt. Im Namen der Solidarität werden heute Ungeimpfte aus ihren Jobs geworfen. Im Namen des Friedens sammeln wir Unterschriften für Waffenlieferungen für die Ukraine. Im Argumentendickicht von Pro und Contra verschleiert sich manchmal das Vernünftige, das Sinnvolle, das Eigentliche und vielleicht auch das Menschliche. Sich nicht von Ideen und Idealen in die Sklaverei nehmen zu lassen, hatte Rudolf Steiner schon am Ende seiner ‹Philosophie der Freiheit› in den Blick genommen. Wachsam zu bleiben, sich selbst gegenüber und dem Schein der Welt gegenüber, scheint eine Notwendigkeit zu sein, die es heute mehr denn je braucht.


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Pro Wald Hohensaaten
Hohensaaten – Solarpark für Energiewende

Foto: Pro Wald Hohensaaten

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  1. Hallo !

    Hmm, Argumentendickicht, Verschleierung des „Eigentlichen“, Bezugnahme auf die Philosophie der Freiheit von R.Steiner…..
    Obiger Artikel bedient eher eine gewisse Selbstgefälligkeit derer die im Warmen sitzen als daß er einen
    fundierten Beitrag zur Problemlösung liefert.
    Manchmal muß Frieden geschaffen werden mit Waffen.

    Mit Gruß, Hansjörg Glauner

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