Magnus Hipp und Alex Zharov

Im Geiste der Erde: Wie eine zukünftige Kultur in Osteuropa keimen will

Um die Zivilisation der Zukunft zu finden, müssen wir vielleicht unsere Gewohnheiten ändern und den Blick weg von der westlichen Hightech hin zum Osten, zur Erde und zur Landwirtschaft richten. Ein Gespräch mit Manfred Klett, Visionär und Umsetzer der biodynamischen Landwirtschaft über mehr als 60 Jahre.


Zum ersten Mal sah ich Manfred Klett 1991 in Dornach. Ich war Student an der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum. Der ehemalige Leiter der Sektion für Landwirtschaft ist heute 88 Jahre alt und lebt mit seiner Frau auf dem Dottenfelderhof in Bad Vilbel, nahe Frankfurt am Main. Nun treffen wir uns auf dem Hof, um über die Weiterentwicklung des biodynamischen Landbaus im Osten zu sprechen. Er erzählt über seine Suche in Russland Anfang der 90er-Jahre. Ich berichte über die erste biodynamische Solidarische Landwirtschaft (Solawi) in Russland. Es entwickelt sich ein Beratungsgespräch und es erscheint der große Lehrer, auch aus alten Zeiten, der einen neuen Horizont aufspannt.

Kulturinseln auf dem Lande

«Ich hatte eine Sehnsucht, nach der Wende in Russland sofort etwas zu veranlagen», erzählt Manfred Klett. «Mir schwebte vor, dort einen biologisch-dynamischen Betrieb aus der Taufe zu heben und zu einem Kulturzentrum zu machen. Ich war innerlich getrieben im besten Sinne des Wortes, eben weil ich immer mit dem Gefühl lebte, dass Deutschland eine Bringschuld gegenüber Russland hat. Es hatte mich als Junge ungeheuerlich umgetrieben, was ich an Schattenseiten erlebt hatte, und es waren eigentlich nur Schattenseiten. Wenn sich etwas lockert in Russland, muss man dort sofort etwas machen!

Gorbatschow war damals noch am Ruder. Ich habe eine hohe Wertschätzung für Gorbatschow. Ein Mensch, der in seiner Individualität völlig verkannt blieb, aber durchaus im besten Sinne michaelische Züge hatte. Er hat es ernst gemeint, das Vergangene in etwas Zukünftiges zu verwandeln, im rosenkreuzerischen Sinne: dass das Vergangene im Gegenwärtigen zerfällt und eine Metamorphose stattfinden muss für die Zukunft. Als er noch im Amt war, bin ich mit Ernst Becker nach Moskau geflogen. Ernst Becker, der Senior der Betriebsgemeinschaft auf dem Dottenfelderhof, hatte den Krieg in Russland mitgemacht. Er war zu Pferde mit einer Panzertruppe über Kaluga hinausgekommen, wurde schwer verwundet und hatte als einer der wenigen der Schwadron überlebt. Er wurde dann Landwirt auf dem Dottenfelderhof und war ein außergewöhnlich geistvoller Mensch; sein Menschen- und Erdenverständnis hatte eine ungeheure spirituelle Weite.

Die Kontakte, die wir in Russland geknüpft haben, waren doch so, dass wir dachten: Nein, es ist zu früh. Doch waren die Potenziale in Hinblick auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise sehr eindrücklich. Russland und die osteuropäischen Länder sind Agrarländer im eigentlichen Sinne. Gegenüber dem industriellen Pol Westeuropas stellt Osteuropa einen Agrarpol dar. Dieser Agrarpol bildet die Grundlage und das Potenzial für die Zukunft der russischen Kultur. Das russische Dorf war – in seinen besten Zeiten – ein Friedenshort. Erst durch den Bolschewismus wurden die Menschen aus ihrer tiefen Beziehung zur Erde herausgerissen. Die Wurzeln des russischen Volks- und Bauerntums wurden gekappt und an die Stelle trat, aus dem Westen importiert, eine das Seelenleben überfremdende Intellektualität.»

«Es hatte mich als Junge ungeheuerlich umgetrieben, was ich an Schattenseiten erlebt hatte, und es waren eigentlich nur Schattenseiten. Wenn sich etwas lockert in Russland, muss man dort sofort etwas machen!»

Ab 1999 arbeitete Manfred Klett erfolgreich am Aufbau von Juchowo, einem biologisch-dynamischen Leuchtturmprojekt im polnischen Westpommern. «Die Konzeption von Juchowo in Polen ist eine, die in ferner Zukunft für den ganzen europäischen Osten Geltung haben kann. Nach Rudolf Steiner geht es darum, Kulturinseln auf dem Lande aufzubauen, die dann ausstrahlen in die ganze Umgebung. In Juchowo ist während der kommunistischen Zeit von der gewachsenen Landbaukultur nur ein Trümmerhaufen übrig geblieben. Im Westen haben sich gewisse landeskulturelle Strukturen erhalten, während diese in den bolschewistischen Gebieten des Ostens radikal ausgelöscht wurden. Ein neues, zukunftsgerichtetes Bewusstsein in den Menschenherzen zu bilden, bedurfte in Juchowo über 20 Jahre auf der Basis eines großen Aufwandes an Kapital.»

Bilder: Клуб Живой Еды (Verein Lebendiges Essen) Ourcsa, 2021. Russland, Oblast Kaluga

Ein neues Verhältnis zur Erde

«Die Menschen in Russland haben seit alters eine Beziehung zum Geistigen durch die Sonne in der Erde, also die Sonne, die nicht direkt vom Himmel strahlt, sondern die Sonne, die indirekt über die Erde in der Natur wirkt und in die Seelen der Menschen kraftet. Für die Menschen in Russland ist das existenziell. In den Gebieten des östlichen Europas werden die Menschen die Kulturträger in der nächsten Kulturepoche. Es ist die existenzielle Wurzel einer dem Geiste zugewandten Kulturstufe, dass dasjenige zum Tragen kommt, was indirekt über die Erde aus der Sonne wirkt. Die Kulturen der vorchristlichen Zeit standen demgegenüber in einer direkten Beziehung zur Sonne. Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ist eine Landwirtschaft, die gerade mit dieser indirekten Sonne arbeitet. Die biologisch-dynamischen Präparate sind Mittel, um mit diesem indirekten Wirken der Sonne, des Planetenraumes und des Fixsternenhimmels zu arbeiten. Könnte dieses Verständnis jetzt wachgerufen werden im Osten, würde das eine vollkommen neue Geisteskultur begründen. Der aus der Anthroposophie hervorgegangene biologisch-dynamische Landbau kann der große Impulsgeber werden, der die Menschen des slawischen Ostens wieder zu einem ganz neuen bewussten Verhältnis zur Erde führen kann. Diese Perspektive lebt nur wenig im Bewusstsein der Menschen des Westens. Die östlichen Menschen haben aber eine Ader dafür. Die künftige sechste nachatlantische Kulturepoche ist eine Spiegelung bzw. Wiederholung auf höherer Stufe der urpersischen Epoche, so wie die heutige fünfte nachatlantische Kulturepoche eine Spiegelung der ägyptischen Epoche ist. Diese zukünftige Epoche wird eine Agrarepoche. Der Osten Europas ist prädestiniert, ihr Kulturträger zu werden.

Im Gegensatz zu den Völkerschaften des Westens ist in den russischen Menschen der Wesenskern des Menschen, das Ich, noch nicht so tief in den Leib inkarniert. Zwangsweise hat der Bolschewismus in diesem Sinne gewirkt. Über das Hell und das Dunkel der Seele schwebt bei den russischen Menschen gleichsam das höhere Selbst. Es wartet auf eine geistige Nahrung, durch die die Seele das Dunkel verwandeln und den Boden bereiten kann, auf dem das höhere Ich in Freiheit tiefer in die Leibesprozesse untertauchen kann. Diese Nahrung kann ihr eine durch die anthroposophische Geisteswissenschaft vergeistigte Landbaukultur geben. Durch diese kann man im praktischen Vollzug lernen, das Dunkle, das Böse zu erkennen und es in Helligkeit zu verwandeln. Im Nationalsozialismus und im Bolschewismus trat dieses Böse wesenhaft und unverhüllt in Erscheinung. Waren und sind sie nicht eine Aufforderung an jeden Menschen, den wesenhaft wirkenden Widersachermächten mit offenem Visier erkennend gegenüberzutreten? Zwischen der Gegensätzlichkeit von Ost und West muss es die Aufgabe Mitteleuropas sein, nach beiden Polen das christliche Prinzip der ausgleichenden Mitte zu veranlagen. Der Westen hetzt gegen Russland, um das cäsarische Prinzip ‹Divide et impera› zur Geltung zu bringen.»

Manfred Klett beschreibt weiter, wie die wahre Phänomenologie, der Goetheanismus, einen Ausgleich schafft zur theoriebeladenen Wissenschaft. «Die biologisch-dynamische Landwirtschaft hat eine Doppelfunktion; nach außen bildet sie an der Erde, nach innen begründet sie ein starkes ethisches Bewusstsein. Die Menschen im Osten bringen aus ihrer besonderen geistig-seelischen Verfassung große Voraussetzungen dazu mit. Während der Westen immer schneller wird und keine Zeit hat, will der Osten warten dürfen; er lebt in der Zeit. Biologisch-dynamische Keimsetzungen wirken wo immer in der Welt entschleunigend. Sie setzen ein neues Zeitmaß, sie inaugurieren Entwicklung.»

Bild links: Krzysztof Ostrowicki, Ackerbauleiter, Vorstand; rechts oben: Monika Liberacka, Herdenmanagerin, Vorständin Juchowo (Polen). Rechts unten: Magnus Hipp und Alex Zharov. Клуб Живой Еды (Verein Lebendiges Essen) Ourcsa, 2021. Russland, Oblast Kaluga

In der Landwirtschaft ist der volle Mensch gefragt

«Das Bewusstsein für die Umweltfrage erwacht in Russland erst langsam. In Deutschland ist der ökologische Anbau gegenüber dem biodynamischen sehr stark geworden, hat uns bei Weitem überholt, weil den Menschen die Umweltfrage bewusst geworden ist. Das gab Veranlassung für viele Landwirte, naturgegebene ökologische Gesichtspunkte neu zu bewerten. Die wissenschaftlich begründete chemotechnische Landwirtschaft gerät mehr und mehr ins Abseits. Sie hat uns an den Rand des Abgrundes geführt. Die Art, wie heute wissenschaftlich-technologisch gedacht wird, hat weltweit zu einer Input-Landwirtschaft geführt. Ein riesenhafter wissenschaftlicher Intelligenzapparat sorgt von außen für den Input von Mineraldüngern, Pestiziden, Wachstumsreglern, Futterzusätzen etc. sowie für digital gestützte Regeltechniken. Dies alles mit dem Ziel, die Landwirtschaft bis zum Letzten durchzurationalisieren nach dem Ideal des sogenannten Precision Farming. Der Mensch hat aufgehört, Landwirt zu sein.

«Ausgangspunkt ist der Mensch, er hat eine Individualität, einen Organismus. Ich muss nach diesem Wahrbild einen Betrieb schaffen, der sich durch Geist und Hand des Menschen durchindividualisiert. Es bedeutet eine Ich-Erkraftung innerhalb der Natur.»

Maschinenbestückte Sensoren leisten auf Knopfdruck die Arbeit. Es hat sehr lange gedauert, bis von wissenschaftlicher Seite die Unstimmigkeiten bemerkt wurden. Es geschah im Wesentlichen auf Druck der Studentenschaft. Immer mehr Wissenschaftler nehmen die ökologischen Fragen ernst und wenden sich ihnen zu. Und trotzdem, der Zug der quantifizierenden Wissenschaft fährt auf dem festgelegten Gleis weiter! Man guckt nicht mehr zum Fenster hinaus, sondern fährt einfach mit seinen Laboratorien mit. Die Wissenschaft hat sich der Natur entfremdet. Man muss lernen, selbst zum Forscher in der Praxis zu werden. Das begründet auch eine neue Form geistwirklicher Ausbildung. Man glaubt, wenn die Forschung etwas gefunden hat, dann muss es die Praxis übernehmen. In der Landwirtschaft ist aber der volle Mensch gefragt, nicht nur einseitig der Kopfmensch. Der Wille will durch das Denken aufgehellt und durch das Fühlen vertieft werden.»

Bei Manfred Klett zu Hause am Dottenfelderhof, Ostersonntag 2021, François Hagdorn, Creative Commons CC by – SA 4.0

Eine Ich-Erkraftung innerhalb der Natur

Ich berichte Manfred Klett detaillierter über die biodynamische Initiative in Truschkowo, Russland. Diese wird getragen von der ersten Solidarischen Landwirtschaft in Russland, ca. 200 Kilometer südlich von Moskau im Kaluga-Gebiet, gelegen an einem quellwassergespeisten See. Auf bisher 4 der 76 Hektar (größtenteils verbuscht) baut Alex Zharov mit einer Gruppe von Menschen einen Gemüsebaubetrieb auf, welcher der erste Schritt ist zur Entwicklung des angestrebten Hoforganismus, in Kooperation mit drei weiteren Höfen. Alex Zharov hat in Deutschland Agrar- und Umweltökologie studiert und promovierte über die Einflüsse von industrieller Land- und Forstwirtschaft auf die Buchenwälder Europas. Anschließend arbeitete er als Leiter einer Baumschule in Bayern. Er lernte die Solawi-Bewegung kennen und nach 19 Jahren in Deutschland kehrte er 2016 mit seiner Frau und den Kindern nach Russland zurück, um hier die erste Solawi zu verwirklichen, zunächst mit Gemüseanbau. Im Umkreis bauen Daniel Hüning und seine Frau Klara einen Milchwirtschaftshof auf. Sie haben die biodynamische freie Ausbildung in Deutschland absolviert. Der zweite Gemüsehof in fünf Kilometer Entfernung wird von russischen Ökodorfpionieren geleitet, und der dritte Hof in Bolotovo ist ein ehemals biodynamischer Pionierbetrieb, heute biozertifiziert mit Schwerpunkt Kartoffelproduktion und mit erneutem Interesse am biologisch-dynamischen Landbau.

Wir sprechen über den Gemeinschaftsaufbau, an dem Alex Zharov durch die Solawi arbeitet. «Aber da muss man sehr vorsichtig sein. Da stehen Ahriman und Luzifer Gewehr bei Fuß. Hier im Westen gibt es einige Betriebsgemeinschaften, die schiefgegangen sind oder sich gerade noch behaupten. Eine Gemeinschaftsbildung erfordert eine gedankliche Klarheit ersten Ranges, mit Gedanken, die das Fühlen erreichen und den Willen impulsieren. Das ist eine tief anthroposophische Aufgabe. Das Wichtigste ist der Organismusgedanke und dessen Erweiterung, die ‹Individualitätsidee›. Ich zitiere eine Bemerkung von Rudolf Steiner aus dem ‹Landwirtschaftlichen Kurs›: ‹Eine Landwirtschaft erfüllt ihr Wesen im besten Sinne des Wortes, wenn sie aufgefasst werden kann als eine Art Individualität, eine wirklich in sich geschlossene Individualität.› Jede Landwirtschaft müsse dem Ziel nahekommen, ein möglichst in sich geschlossener Organismus zu sein. Das zu meditieren und sich in aller Arbeit immer wieder zu vergegenwärtigen, ist die Aufgabe. Dieses Zitat bildet eigentlich den Kernsatz des ‹Landwirtschaftlichen Kurses›.

«Es ist die existenzielle Wurzel einer dem Geiste zugewandten Kulturstufe, dass zum Tragen kommt, was indirekt über die Erde aus der Sonne wirkt.»

Ausgangspunkt ist der Mensch, er hat eine Individualität, einen Organismus. Ich muss nach diesem Wahrbild einen Betrieb schaffen, der sich durch Geist und Hand des Menschen durchindividualisiert. Es bedeutet eine Ich-Erkraftung innerhalb der Natur. Heute wird in der Landwirtschaft alles pragmatisch auf den Nutzen ausgerichtet. Dabei ist es das Praktischste, was man sich denken kann, aus dem Spirituellen heraus einen landwirtschaftlichen Hof innerlich zu einem Bild, einer Ganzheit zu erheben, die sich maßvoll in aufeinander abgestimmte Organe gliedert: so der Ackerbau zu einem ausgewogenen Verhältnis zur Viehhaltung und diese zum Gartenbau, zum Obstbau, zur Weidewirtschaft, zu Hecken und Wald. Aus diesem Bild heraus kann man anfangen, einen Betrieb hin zu einem Organismus, zu ‹einer Art Individualität› zu entwickeln.»

Mit dem Verein für biologisch-dynamische Bildung und Forschung in Russland planen wir einen Workshop im Oktober 2021 in Russland. Wie sieht der Hof in Zukunft aus, lässt sich der Betrieb flächenmäßig noch erweitern? Der Betriebsentwicklungsplan betrifft die Entwicklung der Gebäude bis hin zur Durchgestaltung einer Fruchtfolge und der Ausbildung für biologisch-dynamische Landwirte und Gärtner. Manfred Klett rät zur neuen Gemeinschaftsbildung durch die Integration von Sozialtherapie, Heilpädagogik, Waldorfpädagogik, Handwerklichem und Medizin. Diese kulturelle Erweiterung braucht es, da der Landwirt auf seinem Hof über kurz oder lang zu einem «Konservativling» wird, bedingt durch die harte Arbeit. «Was ihn daraus rettet, ist die gemeinsame anthroposophische Arbeit, die die Ideen in lebendigem Fluss hält.»

Man sollte nichts unversucht lassen

Die Solawi in Russland hat über 160 Anmeldungen, 80 Mitglieder finanzieren den Gemüseanbau vor und werden daraus regelmäßig beliefert. Alex Zharov hat ein Limit von 80 Mitgliedern gesetzt. Mit der entsprechenden Infrastruktur könnten 160 Mitglieder versorgt werden. Wir haben ein Startnext-Crowdfunding gestartet. Es braucht auch finanzielle Unterstützung zum Bau des Gemüselagers, der Gemüsesortierung und einer beheizbaren Aufzucht. Arbeitskraft schenken – jedes Jahr findet in Truschkowo ein Bausommer statt, an dem sich Interessierte beteiligen können. Als Ausblick sei erwähnt: Es müsste für die biodynamische Landwirtschaft eine eigene Stiftung in Russland gegründet werden.

Manfred Klett hat in Juchowo, Polen, auch für die Finanzierung Großes geleistet. Es gab nach der anfänglichen Durststrecke von sechs Jahren und auf der Grundlage eines Entwicklungs- und Kooperationsvertrages Schenkungsgelder von der Software AG – Stiftung für bauliche Investitionen und Forschungsmittel sowie für Gehälter von Stiftungsmitarbeitern. Das große Engagement dieser Stiftung könnte als Blaupause auch für andere Stiftungen dienen. Für den Aufbau von bio-dynamischen Betrieben auf gemeinnütziger Basis und als Grundlage für ‹Kulturinseln auf dem Lande› wird die Grundausstattung mit Land, Gebäuden, Viehbestand, Maschinen etc. in erster Linie durch Kapital ‹a-fonds-perdu› geleistet.

Neuland für Stiftungen sind Direktinvestitionen, insbesondere in Osteuropa und Russland, zum Beispiel für Investitionen in Immobilien, Freikauf von landwirtschaftlichen Nutzflächen oder Solar- und Windkraftanlagen. Ich plane mit Interessierten und auch Einzelinvestoren eine Wohnmobil-Karawane, mit zuvor abgeklärten gegenseitigen Erwartungen der Beteiligten. Die Beteiligungsformen reichen von Lifestyle-Partizipation, Spenden, Farmerzeugnissen bis Investitionen in Genossenschaften. Wir fahren in Osteuropa zu biodynamischen Fortbildungsprojekten, von Juchowo in Polen bis Truschkowo in Russland.

Manfred Klett kommentiert: «Man sollte nichts unversucht lassen, man sollte es probieren.» Auf die Frage, was auf seinem Grabstein stehen sollte, antwortete Gorbatschow: «Wir haben es versucht.»


Manfred Klett Von der Agrartechnologie zur Landbaukunst, Verlag am Goetheanum, Dornach, 2021, CHF 54.–

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  1. Mein Vater war biologisch-dynamischer Gärtner, zunächst in Dornach im Südwesten der Schreinerei, wo er mit seiner Familie das jetzige Gärtnerhaus bewohnte. Er musste 1937 „heim ins Reich“, weil er verbotener Weise aus Nicht-Schweizer eine selbständige Tätigkeit ausübte. E hat dann den Barkenhoff in Worpswede gepachtet und eine Gärtnerei mit kleiner Landwirtschaft betrieben, bis er durch die Währungsreform 1946 seinen gewohnten Absatz einbüßte und die erhöhten Pachtausgaben nichtmehr aufbringen konnte. Er wurde dann Gartenbaulehrer an der Waldorfschule Benebelt bei Walsrode.

    Er erzählte von einer Episode mit Rudolf Steiner, wo die jungen Leute , die zum Teil als Wächter nach dem Brand des alten Goetheanum nach Dornach gekommen waren, sie sollten einmal aufschreiben, wie sie sich die Zukunft vorstellen würden. Mein Vater verfasste einen Aufsatz, in dem er beschrieb, wo sich um eine Waldorfschule herum Bauernhöfe befinden sollten, in denen die heranwachsenden Kinder alle Schulfächer auch von der praktischen Seite ausgehend erlernen könnten. Das war angeregt worden durch die Ideen Goethes über die pädagogische Provinz aus den Wanderjahren.

    Rudolf Steiner fand diese Gedanken meines Vaters als sehr zukunftsweisend und lobte ihn ausdrücklich. Mein Vater stammte aus wohlhabender Hotelier-Familie und hatte sich 1916 aus einem Volontariat am Hotel Vier Jahreszeiten“ in Hamburg freiwillig zum Militär einziehen lassen und machte dann die schweren Kämpfe vor Verdun und anderen mit. Er wurde schwer verwundet, und als er nach Abheilung der Verletzung in die Heimat Baden-Baden zurückgekehrt war, war das Hotel der inzwischen gestorbenen Eltern pleite gegangen und er stand mittellos auf der Straße. Dann begann er in der Landwirtschaft zu arbeiten und erfüllte sich den Wunsch, an der Erde wieder gut zu machen, was ihr in den Kriegszeiten an Zerstörungen in den Feldschlachten angetan worden war.

    Er nahm dann am Kurs in Koberwitz teil, wo er Rudolf Steiner als persönlicher Schutz zugeteilt worden war, weil er ja entsprechende Erfahrungen im Krieg sammeln konnte.

    Ich selbst kann aus eigener Erfahrung berichten, dass meine jugendliche Mitarbeit in der Gärtnerei und der kleinen Landwirtschaft, die ich nach Ende des Krieges fast ein Jahr lang ganz allein betreiben musste, weil der polnische Zwangsarbeiter in die befreite hHeimat zurückgekehrt war, mir so viele Fähigkeiten eingebracht hat, die mir mein Leben lang erhalten geblieben sind und in meinem Beruf als praktischer Landarzt sehr nützlich waren.

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