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Ikonen: Was wir Menschen anbeten

Die Ausstellung der Bremer Kunsthalle präsentiert Meisterwerke von der russischen Ikone bis Andy Warhol. Das Besondere dabei ist, dass den Exponaten der Künstler M. Duchamp, K. Malewitsch, W. Kandinsky, V. van Gogh u. a. jeweils ein eigener der 60 Räume zur Verfügung steht. Die Ausstellung untersucht die Frage, wie kultische Verehrung und die Idee des Übersinnlichen auch heute noch mit dem Begriff der Ikone einhergehen (1).


Dass sich der Begriff ‹eikon› aus dem Altgriechischen auf das Übersinnliche bezieht, wird deutlich, wenn man den Blick auf seinen Ursprung richtet (2). Der russische Ikonenkenner Pavel Florensky (1882–1937) führt die Ikonenmalerei auf die ägyptische Mumienbemalung zurück: auf die Lichtmodulierung des Gesichts, die den Zufälligkeiten wechselnder Beleuchtung widersteht. Das Licht ist nicht die Beleuchtung einer irdischen Lichtquelle, sondern ein «alldurchdringender und die Formen prägender Ozean aus leuchtender Energie». (3)

Kulturgeschichtlich hat die Ikone das Erbe der Ritualmaske angetreten. Sie bringt den in der Ewigkeit zur Ruhe gekommenen und vergöttlichten Geist des Toten zur Erscheinung (4). Sucht man im alten Ägypten nach einer künstlerischen Konzeption, welche die These vom göttlichen Abbild der Ikone bestätigt, dann wird man in den Tempel von Dendera, in die Kapelle der Wabet (1. Jh. n. Chr.) verwiesen, deren Name ‹Reinheit› bedeutet (5). Auf dem Deckengemälde des Kultraumes sieht man das maskenhafte Antlitz der Göttin Hathor als Ikone dargestellt. Die Tochter des Sonnengottes Re wird aus dem Urozean (Nun) geboren, aus dem die Sonne hervorgeht, aus der sich wiederum die kosmische Lichtenergie formt, die ihr materielles ‹Abbild› im Tempel zur Erscheinung bringt. Das Bild nimmt die Emanationslehre des ägyptischen Philosophen Plotin (205–270 n. Chr.) vorweg (6). Demnach geht aus der unsagbaren Fülle des Ureinen durch Ausstrahlung (Emanation) alles hervor, was ist.

Plotin sucht den Gegensatz zwischen übersinnlich und sinnlich zu überwinden, indem er das Sinnliche aus dem Übersinnlichen ableitet. Die Lehre der Emanation wird von den Neuplatonikern in die Systematik der Dreigliederung erweitert, die Dionysius Areopagita um 500 n. Chr. in das Christentum transformiert (7). Zwischen der Gottestrinität und dem Menschen breiten sich demnach drei Engelshierarchien aus, die wiederum dreigegliedert sind und im Menschen ihr ‹Abbild› finden (8). Das Gedankengebäude des Dionysius Areopagita bildet die Grundlage für die Bilderlehre in der Ostkirche. Auch wurde das esoterische Christentum, das nach dem Konzil von Konstantinopel (869) an der Trichonomie (Leib, Seele, Geist) festhält, durch Dionysius in seiner Auffassung bekräftigt (9).

Die religiöse Ikone, wie sie sich traditionell bis heute im Osten erhalten hat, basiert auf der Anschauung, dass sich das göttliche ‹Urbild› durch das Wirken der Engel im materiellen ‹Abbild› spiegelt. Dadurch wird die Idee des Übersinnlichen sinnlich erfahrbar durch die Kunst.

Der neue Goldgrund

Rudolf Steiner führt in seinen Vorträgen über das ‹Wesen der Farben› aus, dass ursprünglich der Goldgrund der Ikonenmalerei mit den Herzen der Menschen in einem Zusammenhang stand. Für die alten Ägypter war das Herz das Zentrum der kosmischen Lebenskraft im Menschen, aus der sich das Bewusstsein formt (10) «Heraufzubringen dasjenige, was am Menschen gestaltet ist, aus dem Untergrund des Goldes, das war die alte Malerei», so Steiner. «Es ist aber eine Unwirklichkeit, wenn die Menschen heute glauben, dass sie Ikonen erleben […] das ist eine Sackgasse in der Kunst, das wird schematisch, das wird traditionell.» (11)

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Wenn die Kunst eine Zukunft haben soll, muss sie zwischen dem Denken und dem Wollen den Quell der ‹reinen Empfindung› wiederfinden.

Maler wie Malewitsch und Kandinsky, die in der Tradition der Ikonenverehrung aufgewachsen sind, haben das erkannt. Wie Kandinsky, hat auch Malewitsch die Erneuerung der Kunst gesucht (12). Mit dem ‹Schwarzen Quadrat› (1913), das er als ‹nackte Ikone seiner Zeit› bezeichnet hat, richtet er den Blick nach innen, auf eine «fast heilig zu nennende Atmosphäre kultischen Geheimnisses um das Quadrat» (13). Er entdeckt die ‹reine Empfindung›, die in der Vergangenheit «in einem innigen Bezug zur kosmischen Natur stand und deren Erregung unmittelbar widerzuspiegeln vermochte». (14)

Wie Duchamp mit dem Ready-made, hat Malewitsch zeitgleich im Osten mit dem ‹Schwarzen Quadrat› den Schwellenort der Moderne aufgezeigt (15). Wenn die Kunst eine Zukunft haben soll, muss sie zwischen dem Denken und dem Wollen den Quell der ‹reinen Empfindung› wiederfinden. Dann kann sich der Begriff mit der Idee durchdringen, aus dem sich neu die Kunst durch die Erkenntnis formt. Was im Tempel von Dendera als Ikone der Göttin Hathor bildlich im Mythos zum Ausdruck kommt und philosophisch in der Emanationslehre Plotins seine gedankliche Fortführung findet, will durch die Imagination heute zur Weisheit (Sophia) werden (16).

Sucht man das Geistige in der Kunst im Zusammenhang mit dem Begriff der Ikone, dann kommt man nicht umhin, analog zur ‹umgekehrten Perspektive› in der Ikonenkunst im Erkenntnisleben den ‹umgekehrten Kultus› der Begriffserneuerung zu praktizieren (17). Die Bremer Ausstellung kann den Besucher anregen, der Idee des Übersinnlichen in der Kunst nachzuspüren. Leicht ist das aber nicht, weil die Kunst mit Vorstellungen zugedeckt ist, die dem am Diesseits orientierten Verstand verpflichtet sind.


Titelbild: Ikone aus Dendera ©️ 2018 Joachim Eckl

(1) www.kunsthalle-bremen.de, Ausstellung bis 1.3.2020.
(2) Helmut Fischer, Die Ikone. Ursprung – Sinn – Gestalt. Herder, Freiburg 1995.
(3) Pavel Florensky, Die Ikonostase. Urbild und Grenzerlebnis im revolutionären Russland. Urachhaus, Stuttgart 1988.
(4) Ebenda.
(5) C. Vandersleyen, Das Alte Ägypten, Propyläen-Kunstgeschichte 17, Frankfurt, Berlin 1985.
(6) Rudolf Steiner, Die Rätsel der Philosophie, GA 18.
(7) Rudolf Steiner, Grundelemente der Esotherik, GA 93a.
(8) Hartwig Schiller, Die zehnte Pforte. Die himmlischen Hierachien und der Mensch. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019.
(9) H. Herbert Schöffler (Hg.), Der Kampf um das Menschenbild. Das achte ökomenische Konzil von 869/870 und seine Folgen. Verlag am Goetheanum, Dornach 1986.
(10) Claudia Törpel, Man denkt nur mit dem Herzen gut. Zum Leibverständnis der alten Ägypter. Perseus, Basel 2003.
(11) Rudolf Steiner, Das Wesen der Farbe, GA 291.
(12) Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst. Piper, München 1912.
(13) Heiner Stachelhaus, Kasimir Malewitsch. Ein tragischer Konflikt. Claassen, Düsseldorf 1989.
(14) Anette Kuhn, Zero. Eine Avantgarde der sechziger Jahre. Propyläen-Verlag, Frankfurt a. M., Berlin 1991.
(15) Karl-Heinz Tritschler, Marcel Duchamp. 100 Fragen, 100 Antworten, in: ‹Goetheanum› 8/2019.
(16) Rudolf Steiner, Was tut der Engel in unserem Astralleib?, in: Der Tod als Lebenswandlung, GA 182.
(17) Günter Röschert, Das freie Erkenntnisgespräch als umgekehrter Kultus. Verlag für Anthroposophie, Dornach 2010.

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