Geldflüsse neu gießen

Neben dem 100. Geburtstag des Unternehmens Stockmar gibt es dieses Jahr ein weiteres Jubiläum. Gefeiert werden 50 Jahre Engagement, die üblichen Geldflüsse zu verändern. Es war der Unternehmer Alfred Rexroth, der 1972 die Neuguss Verwaltungsgesellschaft gründete. Stockmar ist eine der sieben Töcher dieses neuen Umgangs mit Finanzen.


Nach einem mehrjährigen Prozess der Ideenbildung und Vertragsgestaltung schenkte und übertrug der Unternehmer Alfred Rexroth zusammen mit seiner Frau Friederike Rexroth, in Begleitung von Rechtsanwalt und Notar Wilhelm Ernst-Barkhoff und seinem Team, seine Unternehmensbeteiligungen in die frisch begründete Neuguss Verwaltungsgesellschaft. Das war 1972. Die Jahre davor war Rexroth beteiligt am Aufbau der Gemeinnützigen Treuhandstelle (gegründet 1961, heute GLS Treuhand) und des GLS-Bankvorläufers Gemeinnützige Kredit-Garantie-Genossenschaft. 1974 wurde dann die GLS-Bank gegründet. Rexroth und Barkoff verbanden dabei die Neuguss durch Personen und Vereinbarungen, die bis in die Ergebnisverteilung aus diesem Unternehmenskontext reichten, mit der gemeinnützigen GLS Treuhand. Schon damals ging es darum, einen anderen Geldkreislauf zu schaffen, wo aus der Wirtschaft ganz natürlich Bereiche finanziert werden, die gesellschaftlich auf Mittel angewiesen sind. Es ging um eine echte Chance, die Schere zwischen finanziell schwächer aufgestellten und reicheren Menschen zu verkleinern und in Balance zu bringen. Aus dieser Verbindung und den Schenkungen, die die Neuguss-Firmen gemacht haben, sind in den letzten 30 Jahren jährlich ca. 500 000 Euro in den gemeinnützigen Bereich geflossen, was etwa ein bis zwei Prozent des Gesamtumsatzes der Neuguss-Gruppe entspricht. Damals sind in Bochum drei Geschwisterinstitutionen entstanden, die jede in ihrem Feld – Schenkgeld, Kredite und Anlagen sowie Kaufgeld – so zusammenarbeiten konnten und können, dass der nachhaltige Wandel auf diesen Geld-Qualitätsebenen ermöglicht wurde. Aus dieser Initialschenkung der Beteiligung und weiteren Mitteln der Familie Rexroth, die sie frei zur Verfügung stellte, sind viele Initiativen und Projekte ermöglicht worden und können auch noch heute ermöglicht werden. Die gemeinnützige Neuguss-Stiftung hat heute sieben Betriebe, die in drei Segmenten tätig sind: Metallverarbeitung (Rexroth Berlin, Rhinow und Veitshöchheim), Kunst- und Schulbedarf (Stockmar in Kaltenkirchen und Mercurius in Eindhoven und den USA) und der Umweltbereich (AHU in Aachen und Oloid Solution in Leipzig).

Was haben wir in 50 Jahren erreicht?

Andrea Valdinoci und Inke Kruse auf einem Treffen der Neuguss.

Es gelang in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Tiefe und mit Rückschlägen und Erfolgen, die sieben Betriebe, die ‹Töchter der Neuguss›, mit ca. 360 Mitarbeitenden auf den Weg zu einer ökologisch und sozial arbeitenden Wirtschaft mitzunehmen. Dieser Weg ist noch weiterzuentwickeln. Dabei erscheint mir die größte Errungenschaft die Qualität und Verbindlichkeit der Beziehungen zu den Mitarbeitenden, Lieferanten und Kunden zu sein und immer wieder die Möglichkeit, neben dem Betriebsfokus die gesellschaftlichen Herausforderungen in den Unternehmensfokus zu integrieren. Die Gesellschaft braucht den Wandel im ökonomischen Sektor und dabei wird wesentlich sein, die Zusammenarbeit zwischen den Firmen zu verbessern. Wir brauchen unternehmerische Menschen, die neue Wege einschlagen, die heutigen Systeme hinterfragen und Schritte gehen wollen, die bisher noch nicht gegangen wurden, und sich dabei nicht scheuen, sinnvolle Risiken auf sich zu nehmen. Dabei spielt die Klarheit in der Eigentumsstruktur eine zentrale Rolle in dem Sinn, dass der Betrieb all jenen ein Stück weit gehört, die sich in Beziehung damit setzen. Er kann nicht veräußert werden. Da er überwiegend aus einem Schenkungsakt entstanden ist, können die Gelder, die normalerweise für die Kapitalgeber als Dividende ausgezahlt werden, reinvestiert und die oben bereits erwähnten Geldflüsse in den gemeinnützigen Bereich ermöglicht werden. Diese Basis führte und führt zu der Überarbeitung vieler Konzepte, wie zum Beispiel: Was ist der stimmige Anteil der Mitarbeitendenschaft am Gewinn? Was braucht es für passende Leadership- und Zusammenarbeitsfähigkeiten? Welche Holding-Strukturen sind sinnvoll?

In den letzten zwölf Jahren konnten sich die Neuguss-Holdingaufgaben mehr und mehr in den Betrieben verankern, bis dahin, dass heute die Geschäftsführerin von Rexroth Rhinow, Kathrin Bleks, auch Neuguss leitet. Die Betriebe entsenden in den gebildeten Neuguss-Rat Vertreter und Vertreterinnen, die mitwirken und dort alle größeren Entscheidungen – etwa neue Betriebsaufnahmen – zusammen beraten. Dabei versuchen wir, wach zu bleiben, wie sich die Strukturen immer wieder so weiterentwickeln können, dass sie zu den notwendigen Transformationsschritten passen.

Kooperationen für die Zukunft

Den 50. Geburtstag der Neuguss wollen wir im Oktober 2022 als Zukunftstag mit Menschen von innen und von außen gestalten, um die Zukunftsthemen der nächsten 50 Jahre zu bearbeiten. Gerne laden wir Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich mit der Eigentumsfrage ihres Betriebes auseinandersetzen, ein, unsere Kollegen und Kolleginnen und Standorte zu besuchen. Gemeinsam mit der GTREU, der Stiftung Verantwortungseigentum und auch Slepnir in den Niederlanden engagieren wir uns, das Thema bekannter zu machen. Je mehr Unternehmen sich anschließen, umso schneller verändern wir den Geldkreislauf in eine nachhaltigere und sozialere Richtung. Wir bringen uns bei der World Goetheanum Association ein, weil wir dort das Thema Zusammenarbeit bis hin zu Assoziationsfragen mit anderen bearbeiten und Erfahrungen aus unserer Arbeit zum Beispiel im internationalen Partnernetzwerk von Mercurius Eindhoven (mit ca. 45 Betrieben) einbringen können. Für uns, gerade auch mit dem anstehenden Wechsel im Vorstand der Neuguss-Stiftung, ist die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie wichtig. Es geht ums ‹Dranbleiben› am eigenen Weg und dem der Firmen im gesellschaftlichen Kontext. Das mit anderen Betrieben zu teilen und zu sehen, wie an verschiedenen Stellen und Themen nachhaltig gewirkt wird, ist inspirierend, auch weil das Gesamtbild einer Zukunft, die wir wollen, dabei entstehen kann.

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