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Gedächtnis des Kosmos — Gedächtnis des Wassers

Wie lässt sich die Wirkung homöopatischer Arznei verstehen? Ein Gespräch dazu über die Selbstorganisation der Materie und die innere Gestalt des Wassers.


2019 gab die französische Behörde für Gesundheitsfragen (HAS) eine ablehnende Stellungnahme zur weiteren Erstattung der Homöopathie durch die Krankenversicherung ab. Sie vertrat die Ansicht, dass keine ausreichenden Beweise für die Wirksamkeit dieser Medizin existieren. Trotz der großen Popularität der Homöopathie und der beachtlichen Zahl an Ärzten, die sie praktizieren, haben sich nur sehr wenige Menschen öffentlich zu dieser Frage geäußert.

Marc Henry, Professor an der Universität Straßburg, ist einer der wenigen Wissenschaftler, die sich für die Homöopathie einsetzen. Marc Henry ist Chemiker und befasst sich hauptsächlich mit der ‹Chemie der komplexen Systeme›, einem transdisziplinären Forschungsgebiet an der Schnittstelle von Biologie, Chemie, Physik, Mathematik und Theologie. Es geht darum, wie sich Materie selbst organisiert, um Formen und Strukturen zu schaffen. Er arbeitet insbesondere mit dem umstrittenen Nobelpreisträger Luc Montagnier zusammen und schlägt ein Erklärungsmodell für die Wirkungsweise der Homöopathie vor. Diese Arbeit gehört zum kontrovers diskutierten Forschungsfeld ‹Gedächtnis des Wassers›.

Wir haben Marc Henry getroffen, um mehr über sein Konzept und seine Arbeit zu erfahren. Er ist kein Anthroposoph, während des Austauschs zeigte sich aber, dass er mit der Anthroposophie vertraut ist. Wir veröffentlichen dieses Interview nicht, um eine abschließende Erklärung oder einen ‹offiziellen› Standpunkt zu diesem kontroversen Thema anzubieten. Unser Ziel ist, den besonderen Standpunkt eines Forschers zu diskutieren. Jeder kann sich seine eigene Meinung bilden, indem er sich mit unterschiedlichen Ansätzen und Standpunkten auseinandersetzt.

Louis Defèche Sie forschen über Selbstorganisation. Was bedeutet das?

Marc Henry Zunächst muss man feststellen, dass ein System nie von seiner Umgebung losgelöst ist. Es wird immer von einem Energiefluss durchzogen, also von messbarer Energie, ausgedrückt in Joules. Der Wirbel zum Beispiel ist eine typische Form von Selbstorganisation. Er entsteht, wenn ein Energiefluss die Struktur eines Systems zu zerstören droht. Um dies zu verhindern, kooperieren alle Teile dieses Systems gemäß einer universellen Form, die man ‹Wirbel› nennt. Der Wirbel entsteht, um diese Energie abzuleiten, damit die Teile des Systems unversehrt bleiben. Es ist nicht verwunderlich, dass Rudolf Steiner die Wirbelstrukturen liebte, denn sie sind ein Musterbeispiel von Selbstorganisation.

Die meisten Wissenschaftler schreiben es dem ‹Zufall› zu, dass die Formen und Strukturen der Materie – im Verlauf sehr langer Zeiträume – entstanden sind. Aber ich gehöre zu der Minderheit, die eine andere Meinung vertritt. 1930 fand mit der Entstehung der Quantenphysik eine wissenschaftliche Revolution statt. Die Physik des 19. Jahrhunderts trennte das Subjekt vom Objekt. Die Quantenphysik hingegen lehrt uns, dass wir uns nicht außerhalb des Systems befinden. Sie sagt uns: «Ich bin das System.» Da man keine klare Trennung zwischen System und Beobachter vollziehen kann, muss man einen mathematischen Formalismus entwickeln, der dieser Tatsache Rechnung trägt. Die Begründer der Quantenphysik sind alle zur selben Schlussfolgerung gelangt. Es gibt etwas, das sich der Messbarkeit entzieht: das Bewusstsein. Wenn man keine Messungen vornimmt, existiert das Universum überhaupt nicht. Die Dinge existieren nur, weil wir mit dem Universum in eine Wechselbeziehung treten, indem wir Messungen vornehmen – oder indem wir einfach existieren. Wenn man nicht beobachtend tätig wird, bleiben alle Möglichkeiten offen. Dann gibt es keinen Determinismus. Sobald man beobachtet, nimmt die Welt Form an. Dieser Blickwinkel erlaubt uns, die Entstehung komplexer Systeme auf andere Weise zu erklären. Diesem Gedanken zufolge ist das Bewusstsein der Ursprung aller Dinge. (1)

 


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Sind Sie der Ansicht, dass die Quantenphysik also Entdeckungen gemacht hat, die noch nicht in den Wissenschaftsbetrieb eingeflossen sind?

Eigentlich dürfte man nur die Quantenphysik verwenden, sowohl in der Chemie als auch in der Biologie und der Physik, denn sie ist die echte Wissenschaft der Materie. Aber wir sind in einer absurden Situation. Zunächst lehrt man den Studenten zwar den ‹Welle-Teilchen-Dualismus› der Quantenphysik, aber dann kehrt man zum ‹Kugel-Teilchen-Modell› des 19. Jahrhunderts zurück. Die Quantenphysik hat die Gleichungen von Newton und Maxwell zunichtegemacht und eine neue, nicht deterministische Wissenschaft entdeckt. Vor allem haben sie gezeigt, dass das Bewusstsein der Materie vorangeht, aber das wird heute allgemein abgelehnt. Die materialistische Anschauung betrachtet die Materie als eine von uns unabhängige Realität, die von den Kräften des Chaos organisiert wird. Eine Eigenschaft des Bewusstseins besteht darin, dass es sich nur definieren kann, indem es sich auf sich selbst bezieht. Dieser Selbstbezug ist in der Mathematik ein Problem. Was ist eigentlich Bewusstsein? Dieses Problem beschäftigt die Menschheit seit Beginn ihrer Existenz.

Wie ist Ihr Interesse am Phänomen ‹Wasser› entstanden?

Zu Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn hatte ich das Glück, meine Doktorarbeit bei Jacques Livage zu absolvieren. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf einen Zustand der Materie, den man damals nicht gut kannte: das Gel, also eine Flüssigkeit, die nicht fließt, weil sie mit einem festen Stoff vermischt ist. Man bezeichnet dies auch als ‹kolloidalen Zustand›. Gele haben eine fantastische Eigenschaft. Mit nur wenigen Milligramm Materie kann man viele Liter Wasser strukturieren. Das Wasser fließt nicht mehr und wird fest wie Eis, aber auf molekularer Ebene bleibt es eine Flüssigkeit. Als ich das entdeckte, habe ich sofort eine Verbindung zur Biologie hergestellt, denn genauso gestaltet sich eine Zelle – 99 Prozent Wasser und ein paar organische Fasern. Da eröffnete sich für mich ein hochinteressantes Forschungsgebiet.

Wasser verbindet sich mit allen Substanzen. Auch im Falle einer Substanz, die als wasserabstoßend gilt, kann man von einer Liebesgeschichte sprechen. Die beiden Substanzen lieben sich zwar, aber sie trennen sich. Warum lieben sie sich? Weil sich ihre Energien anziehen. Wasser wird von allen Substanzen angezogen. Aber von Zeit zu Zeit ruft diese Anziehung eine Abstoßung hervor. Hier haben wir das Grundprinzip des Lebendigen. Etwas ist es selbst und sein Gegenteil, ein Antagonismus. Dieses Phänomen wirkt strukturierend – und so entstehen Formen. Jedes Mal, wenn Sie eine Form sehen, beobachten Sie im Grunde eine Anziehung, die eine Abstoßung hervorruft. Abstoßung ist wichtig, denn wenn es nur Anziehung gäbe, entstünde ein großer Haufen formloser Materie. Wenn nur Abstoßung am Werk ist, erzeugt das System ein Gas – es verströmt und verliert jegliche Form. Wenn aber die Anziehung ungefähr gleich stark ist wie die Abstoßung, dann entstehen Formen, denn das System kann diesen antagonistischen Kräften nicht entkommen. Die Zelle nimmt dann eben die Form einer Zelle an und der Kieselstein die eines Kieselsteins. Dazu braucht man keinen Gott, keine Religion, kein übernatürliches Wesen. Die Kräfte der Liebe und des Hasses begegnen sich und schaffen Formen.

In der Quantenphysik wird die Materie nicht durch ihre Masse definiert, denn laut Einsteins Theorie entspricht eine Masse einer bestimmten Energie. Dagegen kann man die Materie auf eine Art und Weise definieren, die Steiner sicherlich gefallen hätte, nämlich durch das Konzept des ‹Spin›. Die Elementarteilchen besitzen einen Eigendrehimpuls, der sich quantifizieren lässt. Man unterscheidet hier einen ganzzahligen Spin (beim Licht) und einen halbzahligen Spin (bei der Materie). Die entsprechenden Elementarteilchen heißen Boson (ganzzahlig) und Fermion (halbzahlig).

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Ich bin das System. Es gibt etwas, das sich der Messbarkeit entzieht – das Bewusstsein. Eine Eigenschaft des Bewusstseins besteht darin, dass es sich nur definieren kann, indem es sich auf sich selbst bezieht.

Wenn man die Gesetze der Quantenphysik anwendet, gibt es letztendlich jedoch nur eine Struktur, die wirklich Realität besitzt, und das ist der leere Raum! Der leere Raum ist das Einzige, dessen Existenz sich nicht bestreiten lässt. Und wir verfügen über Operatoren, also mathematische Funktionen, die beschreiben, wie Materie zerstört und geschaffen wird; den Erzeugungsoperator, den Vernichtungsoperator und den Teilchenzahloperator. Mit diesen drei Operatoren beschreiben wir die Grundlage der realen Welt. Ich stelle hier eine Verbindung her zu der Trimurti, dem hinduistischen Konzept, das drei Götter bezeichnet: Brahma (das Schöpferprinzip), Shiva (das zerstörerische Prinzip) und Vishnu (das erhaltende Prinzip). Diese Dreiheit finden wir auch in der Quantenphysik.

Das erinnert an andere Mythen der europäischen Tradition, wie etwa die drei Parzen, die das Schicksal weben.

Ja, aber diese Erkenntnis habe ich nicht durch das Studium buddhistischer, hinduistischer oder anderer Texte gewonnen, sondern durch das, was die Wissenschaftler auf der Suche nach immer kleineren Elementarteilchen entdeckt haben.

Sie sind irgendwann auf das Atom gestoßen und haben festgestellt, dass es so nicht existieren kann. So haben sie die Quantenphysik begründet, um die Existenz der Atome zu rechtfertigen. Dieser Forschungsansatz ist wirklich universell. Er integriert das Bewusstsein in den Bereich der Wissenschaft und führt uns letztendlich zu der Realität, die den Ursprung aller Dinge darstellt: den leeren Raum.

Man muss lernen, den leeren Raum zu lieben. Das ist sehr schwierig. Sie sind in diesem Zimmer, Sie entfernen den Schrank, den Tisch, die Stühle und befinden sich in einem leeren Raum. Und dann entfernen Sie die vier Wände, die Bäume – und da hören Sie diese Musik. Sie dulden keine Materie, und wenn dann alles leer ist, gelangen Sie zu einem Zustand des reinen Bewusstseins.

Vom Gesichtspunkt der Quantenphysik ist der Materialismus eine Absurdität, denn die Materie kann in jedem Augenblick geschaffen oder vernichtet werden. ‹Schaffen› heißt hier, ein Teilchen aus dem leeren Raum entstehen zu lassen. Und ‹vernichten› heißt, ein Teilchen verschwindet vollkommen. Diese Wissenschaft beruht auf sicheren Grundlagen, denn der Teilchenbeschleuniger des CERN in Genf zeigt uns, dass so etwas möglich ist.

Und welcher Zusammenhang besteht hier zur Selbst-organisation, zum Wasser und zur lebendigen Zelle?

Das zweite Prinzip der Quantenphysik lehrt uns, dass man eine Information nicht zerstören kann.(2) Jede lebende Zelle erhält Informationen und trifft Entscheidungen. Ich habe Hunger, ich habe Durst. Werde ich dieses Tier oder diese Pflanze essen? Diese Entscheidungen treffen lebendige Wesen mit Bezug auf die Informationen, die sie aus ihrer Umwelt empfangen. Ein Lebewesen ernährt sich von Informationen. Es kann sie manipulieren, aber nicht zerstören. Es kann zwei Dinge tun. Zunächst kann es eine materielle Struktur schaffen, um die Information zu speichern, die es für wichtig hält. Wir kennen diese fantastische Struktur, die man ‹Gehirn› nennt.

Das Gehirn dient dazu, wichtige Informationen zu speichern. Aber dann gibt es all diese Informationen, die man als unwichtig betrachtet und die man irgendwo ‹entsorgen› muss. Und gerade das ist die Rolle des leeren Raums. Er empfängt die Informationen, die niemanden interessieren, sie alle befinden sich im leeren Raum. Man kann das mithilfe der Naturkonstanten berechnen, mit der Planck-Konstante, der Lichtgeschwindigkeit, der Boltzmann-Konstante. Man kann sich vorstellen, dass der leere Raum aus kleinen Zellen besteht, deren Größe man berechnen kann. Der leere Raum verfügt über eine Kapazität von bis zu 10^244 Bit, um alle Informationen zu speichern, die es gegeben hat und die es je geben wird. So wird der Big Bang verständlich – man schafft immer mehr Raum und auch Zeit, weil wir immer mehr Informationen erzeugen. So muss auch der leere Raum anwachsen, um all diese Informationen aufzunehmen. Man sieht, wie dieser Zeitstrahl mit dem Big Bang erscheint, den man sonst nicht erklären könnte.

Das heißt, es existiert ein kosmisches Gedächtnis?

Dieser leere Raum ist das Gedächtnis des Universums. Hier besteht eine Verbindung zum hinduistischen Konzept der Akasha-Chronik. Vor 4000 Jahren wurden Texte niedergeschrieben, in denen man das Konzept der Akasha-Chronik findet. Deshalb sind die Leute in den östlichen Kulturen auch heute noch sehr vorsichtig, weil alles dokumentiert wurde und damit auch zugänglich ist. Wenn Sie etwas getan haben, für das Sie sich schämen müssen, schleppen Sie das nicht nur Ihr ganzes Leben mit sich, sondern die ganze Ewigkeit.

Außer man schafft es, diese Last zu verwandeln!

Ja, durch den Tod kehren wir in den leeren Raum zurück und haben wieder Zugang zu all diesen Informationen. Während unseres Lebens haben wir das nicht, aber nach dem Tod haben wir Zugang als Träger des reinen Bewusstseins. In Bezug auf unser vergangenes Leben können wir diese Information dann neu organisieren. Das nennt man Karma, das Rad der Wiedergeburt. Diese Information existiert, sie ist das Gedächtnis des Universums.

Auch das Gedächtnis des Menschen ist rätselhaft.

Ja. Es sitzt in einem sehr kleinen Teil des Gehirns, im Hippocampus. Es gibt Experimente, von denen man lieber nicht redet, weil sie – karmisch gesehen – sehr teuer zu stehen kommen, wenn man zum Beispiel bei einem Tier gewisse Zonen des Gehirns zerstört, um zu sehen, was sich dort abspielt. Man hat das auch beim Menschen getan, etwa unter den Nazis. Wenn Sie den Hippocampus zerstören, nimmt das Gedächtnis großen Schaden. Aber dadurch wird nur das Gedächtnis in Verbindung mit Ihrem Ichbewusstsein zerstört. Hier kommt meine Theorie zum Tragen: Die körperlichen Erinnerungen werden nicht im Gehirn gespeichert, sondern in den Zellmembranen. In diesen Membranen gibt es Wasser, und dieses Wasser ist der Träger unserer Erfahrungen, von der Geburt bis zum Tod.

 


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Wie sind Sie zu dem Schluss gelangt, dass Wasser Informationen speichert?

Die Quantenphysik unterscheidet zwischen Materie und Licht. Die Existenz dieser zwei Phänomene kann niemand bestreiten. Sie verbinden sich miteinander. Im Allgemeinen denkt man sich das so, dass das Licht die Materie durchquert, aber in Wirklichkeit vermischen sich die beiden. Wie? Durch den leeren Raum, der das Bindemittel darstellt. Er ist es, der das Licht schafft, die Photonen, und der das Licht auch zerstört, indem er die Photonen wieder aufsaugt. Diese Wechselwirkung kennen wir sehr gut. Der Austausch von Photonen liegt dem Mobilfunk zugrunde, der Datenspeicherung in einem Computer, dem Funktionieren eines Tablets … das alles beruht auf Photonenaustausch. Im Innern eines Wassermoleküls gibt es leeren Raum. Dort sucht das Wassermolekül die Photonen, um sich anzuregen. Ist das geschehen, so entsteht eine quantische Unschärfe, und in diesem Augenblick kann man Energie aus dem leeren Raum gewinnen.

Es ist wie bei Aschenputtel: Das arme Mädchen hat kein Kleid, keine Kutsche, will aber zum Ball gehen. Da sagt die Zauberin: «Hier hast du ein Kleid, eine Kutsche mit Pferden und auch Diener» – und alles taucht aus dem Nichts auf, aber nur für eine bestimmte Zeit. Aschenputtel geht also zum Ball, aber wenn die Uhr zwölf schlägt, wird alles wie zuvor. Genau das spielt sich zwischen dem Wasser und dem leeren Raum ab. Er ist ein großzügiger Bankier, aber um Mitternacht muss man ihm alles zurückgeben. Zum Glück gibt es einen Mechanismus, den der leere Raum nicht vorgesehen hatte. Er wartet, und sobald die Uhr zwölf schlägt, wendet er sich an das Wassermolekül. Er muss zurücknehmen, was er ihm geliehen hat, sonst würde er gegen das erste Prinzip der Thermodynamik verstoßen. Er nimmt also seine Photonen zurück – die Kutsche wird wieder zum Kürbis, die Diener wieder zu Mäusen. Der leere Raum hat aber nicht vorgesehen, dass es neben dem ersten Wassermolekül ein zweites geben kann. Das erste Wassermolekül gibt die Photonen an das zweite weiter. Wenn der leere Raum dann zurückverlangt, was ihm das Molekül ‹schuldet›, sind die Photonen bereits bei einem anderen Molekül angekommen, und so kann man den Zähler wieder auf null stellen. Das zweite Molekül verfügt wieder über eine gewisse Zeitspanne, genau wie das erste. Das alles geht sehr schnell, aber es ist so wie beim Rugby, wo ein Spieler den Ball immer an einen anderen weitergibt, und durch dieses Passspiel summieren sich die Zeitspannen. So hat ein Photon, das aus dem leeren Raum kommt, letztendlich eine sehr lange Lebensdauer. Allerdings muss das Photon dauernd ‹weitergegeben› werden, denn sonst würde es der leere Raum wieder ‹schlucken›. Man nennt das einen Kohärenzbereich. Es ist so, als würde sich eine Reihe von Wassermolekülen gegenseitig anregen, indem sie Rugby spielen. Das alles ist unsichtbar, denn es läuft im molekularen Bereich ab. Die Quantenphysik liefert uns dazu die nötigen Formeln.

Das alles beruht also auf Gleichungen?

Es beruht auf einer Theorie, wie das in der Wissenschaft üblich ist. Mit Experimenten allein kann man nichts beweisen. Man führt Experimente durch, um Daten zu erhalten und dann entwickelt man Modelle und zeigt, dass diese Modelle die Experimente erklären können. Wir sind also dabei, ein Modell zu schaffen, das uns erklärt, wie ein Gedächtnis existieren kann.

Muss dieses Modell nicht experimentell geprüft werden?

Ja, aber an experimentellen Beweisen fehlt es auf diesem Gebiet sicher nicht. Da gibt es zum Beispiel den statischen oder den dynamischen Casimir-Effekt, die Lamb-Verschiebung und vieles andere mehr. Das Modell ist sogar so aussagekräftig, dass es die Funktionsweise der Homöopathie erklärt.

Ist der Raum, in dem sich das Photon tummelt, also im Grunde eine Struktur?

Ich würde da nicht von Struktur reden, sondern eher von Musik. Warum? Weil wir da die zeitliche Dimension haben. Räumlich gesehen, erscheint alles recht komplex und chaotisch. Hier handelt es sich um Frequenzen, und wir verfügen über Gleichungen, die uns Größenordnungen geben für die Wellenlängen der Photonen, die ausgetauscht werden, und auch für die Ausdehnung des Raums, in dem die Photonen eingesperrt sind. Diese Gleichungen beruhen auf Berechnungen, die man überprüfen kann. Sie sind öffentlich zugänglich.

Wurde das alles in Fachzeitschriften veröffentlicht?

Ja, in Open-Access-Zeitschriften. Jeder kann den Artikel herunterladen und die Rechnungen überprüfen. Wir wissen jetzt, dass dieser Kohärenzbereich existiert. Wir wissen, dass er 10 Millionen Wassermoleküle umfasst, und diese Moleküle bilden ein kleines Quadrat mit einer Seitenlänge von 100 × 100 Nanometern und einer Dicke von einem Nanometer. Wir befinden uns hier im Bereich der Nanotechnologie. Ein Nanometer ist gleich 10^-9 Meter (ein Milliardstel Meter). Wenn man ihn zum Quadrat erhebt, macht das 10^-18 und bei einem würfelförmigen Körper 10^-27 Kubikmeter. Da erreichen wir sehr schnell fantastische Speicherkapazitäten (Bits). Stellen Sie sich ein Damebrett vor, auf dem sie anstelle der schwarzen und weißen Felder die Null und die Eins markieren. Im Film entsteht das Bild durch ein Pixel-Muster. Im Leben ist das genauso. Alles, was Sie vor sich haben, sind Pixel-Gemälde, auch zum Beispiel ein homöopathisches Medikament ist eine Konfiguration von Pixeln.

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Viele vertreten eine Art Materialismus, der eher einer Religion ähnelt als einem wissenschaftlichen Ansatz. Es existiert eine Faszination für die Materie. Die gesamte westliche Kultur ist im Materialismus verankert.

Sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihrem Verständnis des Lebendigen und Konzepten wie den morphogenetischen Feldern von Rupert Sheldrake?

Natürlich, denn Sie besitzen einerseits ihre körperliche Struktur aus Fleisch und Blut, aber andererseits ist jedes Atom dieser Struktur von leerem Raum umgeben. Die gesamte Materie ist durchtränkt von leerem Raum. Wenn wir davon ausgehen, dass der leere Raum nicht leer ist, dass wir eine permanente Verbindung zu diesem Informationsfeld haben und eine Struktur, um diese Information zu speichern, dann tritt die Verbindung zu Sheldrakes Idee der morphogenetischen Felder deutlich zutage. Er selbst hat nicht die Quantenphysik oder das Gedächtnis des Wassers herangezogen, um seine Theorie zu erklären, aber das ist nicht so wichtig.

Gibt es einen Bezug zu Steiners Konzept des Ätherischen?

Das werde ich in meinen nächsten Artikeln darstellen. Steiner spricht vom physischen Leib, der an sich keine Form hat. Wenn man der Materie eine Form verleihen will, dann muss man das voraussetzen, was er Ätherleib nennt. Und dieser Ätherleib schafft die Struktur. Das ist so ähnlich wie bei Sheldrakes morphogenetischen Feldern. Diese Felder umgeben uns, da wir im leeren Raum eingebettet sind. Die Materie, die an sich keine Form besitzt, nährt sich von diesem ätherischen Feld, um ihre Formen zu schaffen. Wir sind gerade dabei, dieses Informationsfeld zu entdecken, welches Steiner das Ätherische genannt hat. Steiners Ideen fügen sich in eine entstehende Wissenschaft ein, die das Wasser in den Mittelpunkt dieser Problematik stellt.

Berührt das alles nicht auch die Philosophie?

Wenn ich die Existenz des leeren Raums voraussetze, stellt sich sofort die Frage, wie ich mit ihm kommuniziere. Man kann das Wasser verwenden, aber das agiert nur auf unbewusster Ebene. Wie aber kann man bewusst mit ‹seinem› leeren Raum reden? Man muss sich zunächst darüber klar sein, dass der leere Raum eine Realität ist. Er ist aber unsichtbar, und so hat es keinen Zweck, mit den äußeren Sinnen danach zu suchen. Im Gegenteil, man muss die Augen schließen, die Ohren, die Nase, den Mund, um ins eigene Innere vorzudringen. Dann begegnen Sie dem leeren Raum bei vollem Bewusstsein. Die Meditation ist ein Mittel, um den Mechanismus der Wassermembranen zu umgehen, die das ausmachen, was man das Unbewusste nennt. Ich nehme an, Steiner war in der Lage, diesen Weg nach innen zu beschreiten, wie alle Eingeweihten, die wissen, dass man die Erkenntnis im Inneren suchen muss und nicht in der Außenwelt.

Viele Menschen sind heute politisch engagiert, aber nur wenige betrachten es als Notwendigkeit, unser Verständnis der Materie und des Lebendigen zu erneuern.

Viele vertreten eine Art Materialismus, der eher einer Religion ähnelt als einem wissenschaftlichen Ansatz. Es existiert eine Faszination für die Materie. Die gesamte westliche Kultur ist im Materialismus verankert. Wir glauben, dass wir nur glücklich sein können, wenn wir Reichtümer anhäufen, gut gefüllte Bankkonten besitzen und immer mehr konsumieren. Aber das ist ein Irrweg. Im 19. Jahrhundert hat die Wissenschaft die Gesellschaft verwandelt. Nun ist es Zeit, diesen Prozess umzukehren. Heute muss die Gesellschaft die Wissenschaft verändern. Das Pendel muss in die andere Richtung ausschlagen. Seit Galilei leben wir in einer materialistischen Welt, schon seit mehr als 400 Jahren. Jetzt müssen wir zur Nichtmaterie zurückkehren, zum Unsichtbaren. Dieser Pendelausschlag wird kommen und uns vielleicht zurückführen zu Anschauungen, die in den großen philosophischen Schulen der Antike gepflegt wurden und die besagen, dass die Materie nicht existiert, dass alles Geist ist. Dank dieser Pendelbewegung entwickelt sich die Wissenschaft weiter.

Mancher hat nicht zu Unrecht Angst vor einem Rückfall in alte religiöse Anschauungen und Aberglauben. Ich nehme an, Sie plädieren nicht für eine Rückkehr ins Mittelalter.

Das Mittelalter verfügte nicht über unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse. Heute knüpfen wir wieder an eine Art Spiritualismus an, aber mit einer riesigen Menge von materiellen Daten im Gepäck, und das ergibt eine ganz andere Art Spiritualismus. Man muss sich das wie eine Spirale denken. Das Bewusstsein entwickelt sich immer weiter, und wir werden nie wieder zum Mittelalter zurückkehren.

Es gibt New-Age-Strömungen, die zu Aberglauben tendieren. Im Gegensatz dazu beruht die Anthroposophie auf Erfahrung und vertritt einen phänomenologischen Ansatz.

Daran sieht man, dass Steiner jemand war, der ein hohes Bewusstsein entwickelt hat. Davon zeugen seine Ideen. Es gab zu allen Zeiten Menschen aus Fleisch und Blut, deren Bewusstsein ihrer Epoche um 500 oder 600 Jahre voraus war. Das ist sehr unbequem, denn sie leben in einer gewissen Zeit, aber mit ihrem ‹Kopf› sind sie schon 600 Jahre weiter. Da stoßen sie auf viel Unverständnis, und das kann recht dramatisch verlaufen. Ich glaube, Steiner war ein Eingeweihter, wie auch Goethe und andere.

Heute stellen wir fest, dass immer mehr Menschen ein Bewusstsein entwickeln für die Umwelt, für das Lebendige.

Wir stehen am Beginn einer großen Revolution, und wie bei allen Revolutionen wird eine Zeit des Chaos anbrechen. Wenn Shiva in die Natur eingreift, dann entsteht Chaos. Aber irgendwann taucht der Schöpfer Brahma wieder auf. Denn Brahma benutzt das von Shiva geschaffene Chaos, um Neues zu schaffen. Wenn man sich dieser neuen Welt anpassen will, muss man die alte schon ein wenig hinter sich gelassen haben. Darum geht es jetzt.


Dieser Artikel erschien auch in Aether, https://www.aether.news/memoire-du-monde-et-memoire-de-leau/

(1) Siehe zum Beispiel die zwei letzten Veröffentlichungen von Marc Henry: M. Henry u. J.-P. Gerbaulet, A scientific rationale for consciousness. ‹Substantia› 3(2), 2019, S. 37–54. https://doi.org/10.13128/Substantia-634; J.-P. Gerbaulet u. M. Henry, The ‹Consciousness-Brain› relationship. ‹Substantia› 3(1), 2019, S. 113–118. https://doi.org/10.13128/Substantia-161
(2) Siehe zum Beispiel die Forschungen von John Archibald Wheeler.

Illustrationen: Adrien Jutard

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