Fünf Wegstrecken im Leben von Georg Glöckler

Georg Glöckler (23. August 1933 – 1. Februar 2019) leitete die Mathe­matisch-Astronomische Sektion am Goetheanum und war bis in sein letztes Lebensjahr weltweit für die Anthroposophie tätig.


Die Wegsuche

Im Jahr der Machtergreifung durch Hitler in Stuttgart geboren, war Georg sechs Jahre alt, als sein Vater Hans Glöckler 1944 fiel. Hans Glöckler wollte Priester der Christengemeinschaft werden, wurde dann aber bald zum Kriegsdienst eingezogen. Auf seinem letzten Heimaturlaub gelang es ihm noch, seine kleine Familie – Erna Glöckler, Schneidermeisterin, mit Georg und dem jüngeren Bruder Siegfried – nach Nagold in den Schwarzwald zu evakuieren, bevor der schwerste der insgesamt 53 Bombenangriffe am 12. September 1944 die Hauptstadt Baden-Württembergs in ein Trümmerfeld verwandelte. Das Erleben der vielen Bombenalarme und der vor Angst schreienden oder verzweifelt betenden Menschen in den Luftschutzbunkern gehörte zu Georgs eindrücklichsten Kindheitserlebnissen. Demgegenüber waren die Tieffliegerangriffe in Nagold und Umgebung, wo man sich auf freiem Feld in eine Ackerfurche werfen konnte, geradezu angenehm.

In die Schule ging er gern und weil er in Sport und Mathematik Herausragendes leistete, wurde er für die Nazi-Eliteschule Napola (Nationalpolitische Lehranstalt) vorgeschlagen. Doch als er dorthin abgeholt werden sollte, war er spurlos verschwunden. Er hatte von klein auf eine tiefe Abneigung gegenüber dem nationalsozialistischen System und war dadurch so sensibilisiert, dass er lebenslang Techniken und Tendenzen davon überall bemerkte und kommen­tierte: das Aufhängen von Bannern mit plakativen Aufschriften, propagandistische Parolen, das Pochen auf Gruppenloyalität unter dem Vorwand des ‹Sozialen›, Ausgrenzung und Bekämpfung Andersdenkender etc. Nach Kriegsende kam er bei der Wiedereröffnung der Waldorfschule in die dort neu zusammengestellte 7. Klasse. Sein Klassenlehrer war der Mathematiker Wolfgang Dessecker. Die Waldorfschule wurde sein geistiges Zuhause. Wenn man ihn oder seine lebens­langen Schulfreunde Manfred Klett, Freerk Valentien, mit dem Georg 14-mal während der Ferien in der Schweiz Viertausender bestieg, Andreas Suchantke und Klaus Labudde aus dieser Zeit erzählen hörte, kam man aus dem Lachen kaum heraus. Eine Fülle origineller Streiche schien das Unterrichtsgeschehen weit mehr als die Lehrplaninhalte bestimmt zu haben. Umso erstaunter waren wir, nach seinem Tod einen Stapel sorgfältigst geführter Unterrichtsepochenhefte zu finden. Nach einem Semester Bauingenieurstudium entschied sich Georg für den Lehrerberuf mit Hauptfach Mathematik. Während des Studiums an der th Stuttgart wurden in studentischen Arbeitsgruppen auch die Grundlagen der Anthroposophie studiert. In dieser Zeit begann auch die lebenslange Freundschaft mit dem Mathematiker-Kollegen Ernst Schuberth und dem Architekten Nikolaus Ruff. In dem überregionalen Studentenkreis um Ernst Lehrs und Maria Röschel-Lehrs in Eckwälden kam es zu zukunftsweisenden Gesprächen und dem Entschluss zur Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer Hochschule. Dem Zeitgeist Michael zu dienen, wurde die geistige Signatur für sein weiteres Leben.

Liebe zur Landwirtschaft und zum Leben

Georg Glöckler lernte durch seinen Schulfreund Manfred Klett die biologisch-dynamische Landwirtschaft kennen und wurde ein treuer Freund der 1968 begründeten Betriebsgemeinschaft Dottenfelderhof in Bad Vilbel. Mit größtem Interesse begleitete er die Entwicklungen des Hofes. Meisterlich konnte er vor großen anstehenden Entscheidungen den Blick durch selbstlose Fragen hin zum Geistigen weiten und dadurch im Konkreten hilfreich sein. Mehrmals jährlich besuchte er die Familie Klett – in der Folge dann auch in der zweiten Generation – zu intensivem Gesprächsaustausch. Für die Kinder beider Generationen war er der geliebte ‹Onkel Schorle›, der mit Begeisterung Morgensterns ‹Klaus Burrmann – der Tierweltfotograf› zum Besten gab und für allen möglichen ‹Quatsch› zu haben war. Viel Zeit verbrachte er auch bei den Tieren. Von 1974 bis 2017 beteiligte er sich an den Einführungs- und Weiterbildungskursen für biologisch-dynamischen Landbau am Dottenfelderhof. Es freute ihn, die jungen Landwirte in projektiver Geometrie und exakter Denkerfahrung zu unterrichten. Eine besondere Leidenschaft war dabei, die Phänomene der Chronobiologie darzustellen und zu untersuchen, wieso Rhythmus der Träger des Lebens ist. Die «kosmisch-qualitative Analyse» (GA 327), die das Rind im Vollzuge seiner Verdauung vollführt, war für Georg eine reale Imagination.

Wir alle liebten seinen feinen Humor, seine freilassende und bescheidene Art, mit der er die von ihm durchdrungene Anthroposophie weitergab. Er hatte dabei die große Fähigkeit, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit wie beiläufig zu stellen. Manch einem verhalf er so zum Einstieg in die Anthroposophie und zu wichtigen Lebensentscheidungen.

Er liebte das Leben in all seinen Erscheinungsformen, mochten sie auch noch so skurril sein, und hatte eine Freude an der Komik des Alltags. So können wir auch jetzt seinen weiteren Weg vom Dottenfelderhof aus in Dankbarkeit und schmunzelnd begleiten und spüren ununterbrochen seine Gegenwart.

Die pädagogische Kernaufgabe

Mathematik zu unterrichten «als Vorschule zur Geisterkenntnis» (Louis Locher-Ernst) und so, dass es für die Schülerinnen und Schüler ein Begeisterungsfach werden konnte, empfand Georg als seine Lebensaufgabe. 18 Jahre unterrichtete er an der Marburger Waldorfschule. Daneben war er im örtlichen Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft tätig, im Arbeitszentrum Frankfurt und bei den von ihm und Atys Floride initiierten Wochenendtagungen über die Völkerkunde und die Aufgabe Mittel­europas. Gerne fuhr er auch nach Stuttgart zu seinen Fachkursen am Eurythmeum, am Lehrer­- und Jugendseminar. Da wohnte er dann bei seinem Schulfreund Valentien, an dessen wachsender Familie er lebhaftesten Anteil nahm. Als die Begründer des Instituts für Waldorfpädagogik in Witten-Annen – Johannes Kiersch, Eginhard Fuchs und Christoph Gögelein – ihn fragten, ob er ganz in die Lehrer­bildung wechseln wolle, war das für Georg zunächst undenkbar. Die Arbeit mit den ‹jungen Leuten›, wie er zu sagen pflegte, war ihm Herzensanliegen, und Treue zu einmal eingegangenen Verpflichtungen war ein hervorstechender Wesenszug von ihm. Doch die Aussicht, in Witten-Annen Mathematiklehrer ausbilden zu können, die dann wieder die Schüler begeistern, motivierte ihn, zuzustimmen. Ein Student: «Er hat in unvergleichlich lebendiger und doch auch systematischer Art die Vorträge der ‹Allgemeinen Menschenkunde› und die methodisch-didaktischen Anregungen dargestellt und behandelt.» Auch am Mannheimer Lehrerseminar tat Georg dies über 20 Jahre hinweg.

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«Wenn es um Mathematik geht, könnt ihr mich immer anfordern», versicherte er seinen Studenten in Witten-Annen. Also machten sie die Probe, als es in der Lerngruppe gegen 2 Uhr morgens nicht weiterging.

«Wenn es um Mathematik geht, könnt ihr mich immer anfordern», versicherte er seinen Studenten in Witten-Annen. Also machten sie die Probe, als es in der Lerngruppe gegen 2 Uhr morgens nicht weiterging. Eine halbe Stunde später saß er, wenn auch ungekämmt, mit über den Rechnungen. «Ich bin einer von euch» – das strahlte er aus und war doch zugleich ganz für sich. Er liebte es, gemeinsam zu lachen, über das Komische in der Welt, was er mit «gell, des isch gut» schwäbisch abschloss. ‹Folgt mir, die Idee zu lieben›, war sein Credo, wenn er über Rhythmus sprach, um das Lebendige zu verstehen, oder über das Unendliche, um das Geistige zu fassen. Dabei wurde es nicht pathetisch, weil Phänomene den Anfang machten. Als es um einen Neubau am Institut einen Konflikt zwischen Studentenschaft und Kollegium gab, da wollten die Studenten Georg Glöckler für ihre Sache gewinnen, mussten aber erkennen, dass er nicht in den Ring steigen wollte und konnte. Konfrontation war nie seine Sache.

Die Schicksalsfrage

Ostern 1987 fragte Manfred Schmidt-Brabant vom Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Georg und Michaela Glöckler, ob sie die Leitungen der Mathematisch-Astronomischen sowie der Medizinischen Sektion übernehmen könnten. Seit 1975 verheiratet und voll im Beruf stehend, war dies für beide ein Schock. Nicht nur, die geliebte pädagogische und medizinische Berufspraxis zu verlassen, sondern auch, sich einer Leitungs­aufgabe zu stellen, an die man nicht im Traum gedacht hätte. Schließlich siegte die Dankbarkeit Rudolf Steiner und seinem Werk gegenüber, zu dem auch das Goetheanum als soziales Bauwerk gehört, und man entschloss sich zur Mitarbeit. Zumal es ja gerade um die beiden Sektionen ging, deren Urleiterinnen Elisabeth Vreede und Ita Wegman 1935 durch Mitgliederbeschluss abgesetzt worden waren und denen Rudolf Steiner vieles nahegelegt hatte, was gemeinsam zu erarbeiten wäre. Auch verband Georg seit seiner Studentenzeit eine fachliche Freundschaft mit dem Leiter der Mathematisch-Astronomischen Sektion, Georg Unger, der sich freute, ihm nun nach 25 Jahren die Aufgabe übergeben zu können. Wolfgang Held entschloss sich, als ehemaliger Mathematikstudent von Georg, mitzukommen und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter zu werden. Er wurde eine maßgebliche Hilfe bei Konzeption und Organisation der Veranstaltungen. Als wir dann erstmals in der Runde Vorstand/Sektionsleiter zusam­mensaßen, wurde eine Schicksalssignatur deutlich: Der Schulfreund Manfred Klett war als Leiter der Landwirtschaftlichen Abteilung jetzt Kollege, Christian Hitsch, der junge Leiter der Sektion für Bildende Künste, war von Anfang an eine ‹Wiederbegegnung› und ein brüderlicher junger Freund. Auch die anderen Kolleginnen und Kollegen waren den beiden bereits bekannt aus der anthroposophischen Arbeit. Umso erstaunlicher war es dann aber, zu bemerken, dass zeitgemäße Formen der Zusammen­arbeit am Goetheanum trotz dieser ‹guten Schicksalsvoraussetzungen› nur mühsam auf den Weg zu bringen waren. Auch wenn diese wie selbstverständlich im Gründungsstatut der Anthroposophi­schen Gesellschaft veranlagt sind, gelang ihre Realisierung erst im Jahr 2012. Da war Georg zwar längst pensioniert – es freute ihn jedoch ungemein. Georg verfolgte die Sitzungen im Kollegenkreis sehr wach, aber selten das Wort ergreifend. Als Gesprächspartner fiel er durch seinen aphoristisch-andeutenden Stil auf und den Impuls, den Hörer selbst auf das kommen zu lassen, was ihm wichtig war. Gern aber erzählte er von seinen Reisen und Erfahrungen. Besonders eng war seine Beziehung zu Süd- und Mittelamerika, wohin er 79-mal reiste. Georg liebte Gespräche und Geselligkeit – den allgegenwärtigen Zeitdruck empfand er als unmenschlich. So war es eine besondere Freude, dass der naturwissenschaftlich-anthroposophische Gesprächskreis mit Johannes Kühl, Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion, und dem Geologen und Waldorf­lehrer Hans-Ulrich Schmutz bis zuletzt fortgesetzt werden konnte.

Angesichts der von Rudolf Steiner für die Mathematisch-Astronomische Sektion gestellten Aufgabe schrieb Georg in den Notizen zu seinem ‹Antrittsvortrag›: «Angesichts solcher Aufgaben kann einen manchmal das Gefühl der Ohnmacht überfallen. Da gibt es nur einen Ausweg. Ehrliche Bescheiden­heit, nicht Bescheidenheit aus Schwäche, sondern starke Bescheidenheit in Bezug auf alles, was wir wirklich können. Dazu müssen wir uns verbinden mit den vor uns über die Schwelle gegangenen Freunden und ihren Strebenszielen.» So war es Georg ein Anlie­gen, im Rahmen der von ihm veranstalteten Tagungen Vertreter verschied­ener Fachge­biete zur Zusammenarbeit anzuregen. Im Zentrum der Arbeit standen öffentliche Studien­tage. Zu den ersten Studientagen dieser Art Anfang Januar 1989 schrieb er in der Einladung: «Im Zusammenwirken von Medizin, Kunst und Mathematik soll versucht werden, Bildeprinzipien des Lebendigen nachzugehen. Gedankenformen der projektiven Geometrie können durch die Betrachtung ‹funktioneller Polaritäten› im menschlichen Organismus einen lebendigen Inhalt bekommen und umgekehrt kann der menschliche Organismus im Licht solcher Gedankenformen in ganz neuen Bezügen gesehen werden.» Die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachgebiete im Dienst der Menschenkunde und Kosmologie war sein Kern­anliegen, so wie es Rudolf Steiner für Astronomie, Medizin und die naturwissenschaftlichen Gebiete im ‹Astrono­mi­schen Kurs› (GA 323) veranlagt hatte: «Wir müssen lernen, dasjenige, was im sozialen Leben geschieht, anzuknüpfen an die Erscheinungen des großen Welten­alls.» (S. 35) Ausgangspunkt aber müsse die Zusammenarbeit von Astronomen und Embryologen sein.

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Im Zusammenwirken von Medizin, Kunst und Mathematik soll versucht werden, Bildeprinzipien des Lebendigen nachzugehen.

Ein weiteres Leitmotiv bekam Elisabeth Vreede genannt, als sie aufgefordert wurde, vor einem Kreis von Wissenschaftlern in Basel zu sprechen, und Steiner um Rat fragte. Da gab er ihr den Hinweis, sich die Nachschriften seiner Vorträge für die Arbeiter geben zu lassen. Da würde sie die Methode finden, wie in Zukunft wissenschaftlich zu sprechen sei. (Anm. Elisabeth Vreede, ‹Ein Lebensbild›, S. 9) Dieser methodische Ansatz aber nimmt die Fragestellungen unmittelbar aus dem Leben und stellt das Fachwissen selbstlos in den Dienst dieser Fragestellungen – im Sinne des Wahrspruchwortes: ‹Leben liebt Lehre und Lehre liebt Leben.› Dies wurde zum Grundmotiv der gemeinsamen Arbeit von Georg und Michaela Glöckler am Thema ‹Entsprechungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos›. Dem dienten auch die jährlichen Studienwochen im Studienhaus Rüspe/DE bis zu dessen Schließung 2011. Die dort dargestellte ‹Kosmo­logische Menschenkunde› wurde von Übungen in Eurythmie durch Karin Unterborn und von projek­tiver Geometrie durch Georg begleitet. Etwas davon konnte auch in dem 2001 begründe­ten ‹International Postgraduate Medical Training (IPMT)› im dritten Modul vermittelt werden, was Georg die Möglichkeit gab, in über 20 Ländern die Teilnehmer mit der projektiven Geometrie und der anthroposophischen Kosmologie bekannt zu machen. In Südamerika ging diese Arbeit in kleineren Gruppen – auch einer Architektengruppe – noch bis zu seinem Tod weiter. Georg arbeitete auch maßgeblich in zwei Arbeitskreisen der Medizinischen Sektion für kosmologische Aspekte der Arzneimittelherstellung und Rhythmusforschung mit sowie an Tagungen zusammen mit dem Institut für zeitgemäße Wirtschafts- und Sozialgestaltung Dornach und der Akademie für eurythmische Kunst Baselland. Neben dieser interdisziplinären Zusammenarbeit standen die jährlichen Weiterbildungen für Mathematiklehrer. Weitere Arbeitsschwerpunkte waren die Wochenenden zum kontemplativen Mathematisieren, mathematische Studientage zu verschiedenen Themen, Rhyth­mus­forschung in Mensch, Natur und Sternenwelt, Polaritätsgesetze und die musikalischen Gesetze des Platonischen Weltenjahres, die Georg anlässlich von Rudolf Steiners 70. Todesjahr auch in der Wochenschrift ‹Goetheanum› publizierte. Die ‹Suche nach einer neuen Sternenweisheit›, die sich in Leben und Schicksal von Erde und Menschheit offenbart, war der gemeinsame Nenner aller Aktivitäten der Mathematisch-Astronomischen Sektion. Es gelang auch, die Keplerwarte am Goetheanum wieder für das Publikum zu öffnen und dort regelmäßig zu Sternenbeobachtungen einzuladen. Im Kollegium der Mathema­tisch-Astronomischen Sektion wurde überwiegend an fachspezifischen Fragestellungen gearbeitet, Georg Unger, gefolgt von Peter Gschwind, besorgte die mathematisch-astronomische Korrespondenz, Wolfgang Held den Sternenkalender.

Der Abschied

Mit 70 Jahren, getreu der vom Hochschulkollegium beschlossenen Altersgrenze, übergab Georg die Regelung seiner Nachfolge zusammen mit einer Empfehlung seinerseits an eine Findungskommission. Er selbst setzte seine Studien und seine internationale Vortrags- und Kurstätigkeit fort, nur unterbrochen durch einen Herzinfarkt 2010, in dessen Folge er – ohne jemals eine Bemerkung des Bedauerns von sich zu geben – das Rauchen beendete. Er beschäftigte sich verstärkt mit den kosmischen Gesetzmäßigkeiten der Musik, ließ im Garten ein Bienenhotel bauen, pflanzte mithilfe einer Freundin vieles neu an und beobachtete Vögel. Als er zwei Jahre vor seinem Tod an einem Prostatakarzinom erkrankte, hielt ihn das nicht davon ab, seine Reisetätigkeit fortzusetzen. Die Begegnung mit Menschen, die Anteilnahme an ihren Geschicken und dem der Anthroposophie weltweit, das war sein Leben. Dem wollte er treu bleiben, solange es ihm möglich war. So führte ihn sein Abschiedsjahr noch einmal durch Brasilien, Argentinien, Hawaii, die USA, Japan, Mexiko, Deutschland, Italien, Schweden und Litauen. Als er dann ein halbes Jahr vor seinem Tod eine durch Metastasen bedingte Quer­schnittlähmung erlitt, gab das Michaela und Georg Glöckler die Chance eines monatelangen intensi­ven Zusammenseins, da sie ihre Termine absagte, um ihn begleiten zu können. So wurden viele Gespräche und gemeinsame Rückblicke auf das Leben möglich, für die die beiden nach ihrem bewegten Reise- und Arbeitsleben sehr dankbar waren. Auf die Frage von Michaela, was er in seinem diesmaligen Leben als Wichtigstes erfahren und gelernt habe, sagte er, es seien drei Dinge: in voller innerer Ruhe auch auf größte menschliche Unzulänglichkeiten hinblicken zu können; die tragende Bedeutung von Freundschaft zu erleben; und das unendliche Glück, der Anthro­posophie begegnet zu sein. Sein infarktbedingter Tod kam unerwartet. Die Gesprächsthemen der letzten Tage waren das rosenkreuzerische Christentum, das Mysterium des menschlichen Ich und die Aufgabe des Goetheanum und der Hochschule für die Zukunft. Eine Zeile aus C. F. Meyers ‹Chor der Toten› hatte er besonders gern und zitierte sie oft, wenn vom nachtodlichen Leben die Rede war: «Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele» … So dürfen wir sicher sein, dass uns Georg Johannes Glöckler in dieser Suche verbunden bleiben wird.


Titelbild: Georg Glöckler in seinem Element – ein Kurs zur Menschenkunde an einer Eltern-Lehrer-Tagung, Anfang der 90er-Jahre.

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