Fräulein Sabaschnikow ‒ Anthroposophie, Russland und die christliche Malerei

Margarita Woloschina fand bei Rudolf Steiner und in der Anthroposophie Antworten auf ihre Lebens- und Erkenntnisfragen. Als Malerin entwickelt sie daraus eine neue Kunst, in der sie den Christus suchte und mit großem Ernst und vollkommen unsentimental ihr Werk vollbrachte.


Der Waldorflehrer Ernst Weißert schrieb 1972 zum 90. Geburtstag von Margarita Woloschina (1882–1973): «Dieser russische Mensch, der in Deutschland seit vierzig Jahren heimisch wurde, lebt unter uns bei aller Vertrautheit letzthin rätselhaft wie ein geheimer Botschafter von der Vergangenheit und Zukunft Russlands, von der mitteleuropäischen Esoterik, vom strahlend erstandenen, der Erde so bald entrissenen Goetheanum, von dem weit in die Zukunft greifenden Kunstimpuls Rudolf Steiners.»1

Die reiche Herkunft

Margarita Woloschina hatte eine bemerkenswerte Kindheit und Jugend im alten Russland, in überaus wohlhabenden Verhältnissen. Der Vater besaß Goldgruben in Sibirien, Wälder und Güter in Mittelrussland und Häuser in Moskau. Er betrieb einen Teegroßhandel mit China und reiste mit ihr durch die Weiten Russlands. Die Eingangshalle des prächtigen Hauses in Moskau, in dem sie groß wurde, war zu einem ägyptischen Tempel ausgebaut, in dem man zwischen hieroglyphengeschmückten Säulen auf den ‹Hüter der Schwelle› zuging. Das Gespann mit dem Kutscher stand vor dem Haus. Zwei Brüder des Vaters besaßen einen berühmten Verlag, und sein Vetter Theodor Sabaschnikow hatte als erster in Paris Leonardo da Vincis Werke in Faksimiledruck herausgegeben und war Ehrenbürger der Stadt Vinci geworden. Margaritas Mutter war die Enkelin des Moskauer Oberbürgermeisters Koroljew, des ersten russischen Kaufmanns, den ein Zar besuchte. Margarita erhielt unter diesen Umständen eine glänzende Bildung, lernte viele Sprachen, Geschichte und Kunst, aber auch das alte Russland kennen, nicht zuletzt durch die zahlreichen Bediensteten, darunter die Kindermädchen: «Sie nähten und sangen, einzeln oder im Chor, monotone, melancholische Volkslieder, und die Worte dieser Lieder gestalteten in meiner Seele eine Welt von Urbildern, aus welcher ich durch mein ganzes Leben hindurch die Stimmung für meine künstlerische Arbeit schöpfte. […] Es gibt ein russisches Sprichwort: ‹Nähre, wie die Erde nährt, lehre, wie die Erde lehrt, liebe, wie die Erde liebt.› Wenn ich später das Wort ‹Mutter Erde› hörte, so sah ich ein Antlitz vor mir, das meiner Amme Fekluscha ähnlich war.»2 Margarita erlebte das russische Christentum, die Gebete vor der Ikone am Morgen und am Abend, das unvergessliche Osterfest. Von ihrem 10. bis zum 13. Lebensjahr war sie mit der Mutter, dem Bruder Aljoscha, den Hauslehrern und der Dienerschaft im europäischen Ausland, in der Schweizer Bergwelt, in Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden und in Deutschland. Sie lernte in Brügge Memling kennen und in Amsterdam Rembrandt, das Abendmahl Leonardos in Mailand, Raphael in Florenz – sie, die über eine außerordentliche Aufnahme- und Erlebnisfähigkeit verfügte, für die Kunst und die Natur, sensibel und spirituell hochbegabt. Sie kopierte Bilder in den Museen, besuchte in Paris monatelang eine Malschule, hatte nach ihrer Rückkehr nach Moskau große Lehrer in der Malerei, darunter Ilja Repin in Petersburg. Tolstoi aber, bei dem sie Rat suchte für ihren Weg mit der Kunst, enttäuschte sie; eine Handwerkerin oder Bäuerin, wie er meinte, die am Abend zur Erholung male, wollte und konnte sie nicht werden. Es war nicht alles nur einfach. Das Elend der deklassierten Klassen war ihr schon als Kind nicht entgangen («Für alles Leiden in der Welt fühlte ich mich verantwortlich.»3); jugendlich erlebte sie die vernichtende Kraft des materialistischen Welt- und Menschenbildes. Dann fand sie Platon, die Bhagavad Gita und Wladimir Solowjows ‹Rechtfertigung des Guten› – und liebte mit der Mathematik das objektiv Geistige. Sie erzielte mit ihren ersten Bildern große Erfolge, ging schließlich nach Paris und machte sich frei von der Familie, arbeitete in Ateliers und lernte, zusammen mit ihrem späteren Mann, dem Maler und Lyriker Max Woloschin, große Künstler kennen, auch Philosophen wie Bergson. Dennoch fragte sie weiter nach dem Sinn der Kunst und ihrer Beziehung zum Leben.

Selbstporträt, Margarita Woloschina, 1905. Kunstmuseum von Pensa, Russland.

Keiner will selber denken

In Zürich, wohin sie 1905 gekommen war, hörte sie einen Vortrag Rudolf Steiners, mit 23 Jahren. «Ich hörte zum ersten Mal von einem unserer Zeit entsprechenden Wege zur Erkenntnis der höheren Welten. Ich schaute von der Nähe Rudolf Steiners Profil, hörte seine warme, enthusiastische Stimme und nahm jedes Wort wie eine frohe Botschaft auf. Ist es wirklich möglich, dass es einen Wissenden, einen echten Geistesboten in unserer Zeit gibt?»4 Im Herbst 1905 konnte sie, auf Vermittlung von Anna Minslova, an einem internen Schulungskurs Rudolf Steiners in Berlin teilnehmen (‹Grundelemente der Esoterik›), lernte Mathilde Scholl, Eugenie von Bredow, Eliza von Moltke, Sophie Stinde, Gräfin Pauline von Kalckreuth und Marie von Sivers kennen. «Er sprach über die geistigen Vorstufen der Erde und des Menschen. Ich fragte mich oft, durch welches Vermögen in uns selbst wir diesen Schilderungen überhaupt folgen konnten, da doch jene Zustände der Erde, jene Bewusstseinsstufen des Menschen den unseren so wenig ähnlich waren. Ich musste mich wundern, dass es noch Bilder, noch Worte in unserer Sprache gibt, um sie zu beschreiben. Wurde man durch diese Schilderungen deshalb so angesprochen, weil etwas von jenen vergangenen Welten noch in uns und um uns geblieben war und erst durch das Wort in das Licht des Bewusstseins gehoben wurde, etwas Urverwandtes, Ureigenes? Der Mensch selbst, vom Urbeginne mit dem All verbunden und sich selbst nur allmählich davon lösend, ist er nicht als Hieroglyphe zu entziffern, in welche die ganze Welt hineingeheimnisst ist? Ist er nicht eine Frucht der Vergangenheit, in der zugleich der Kern der Zukunft Iiegt? Mir wurde bewusst, dass ich kein zufälliger Gast auf der Erde war, sondern Mitverantwortlicher, der ein Mithelfer bei der Tat der Erlösung werden konnte. Die Mythen, in denen ich seit meiner Kindheit lebte, entpuppten sich jetzt als wesenhafte Realität.»5 Sie hörte in den folgenden Jahren, obwohl häufig zwischen Russland und Paris hin- und herreisend, viele große Kurse Rudolf Steiners, in Berlin und Hamburg, Paris, Oslo, Helsingfors, Nürnberg, Kassel und München. Sie verstand keinesfalls alles: «Als Steiner schon damals über die kommenden Katastrophen sprach, über den Krieg aller gegen alle, über die Spaltung der Atome und die daraus folgende Vernichtung, hörte ich ihm ganz verständnislos zu – was konnten schon in unserer so festgefugten, humanen Kultur für Katastrophen kommen?»6 Sie führte viele Gespräche unter vier Augen mit ihm, über den inneren Schulungsweg und die Kunst, die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft. «Ich will nicht in Sie dringen, möchte Ihnen aber wie ein älterer Bruder helfen.»7 Er gab ihr immer wieder Übungen, nahm ihren inneren Weg ungeheuer ernst. «Die große Wärme, die von ihm ausging, wirkte auf mich wie eine belebende Kraft.» Sie erzählte ihm vom geistigen Naturerleben in Russland und fragte ihn nach meditativen Sprüchen für den Zeiten- und Jahreslauf. Er versprach ihr die Sprüche («… dass er das später geben werde und dass er sehr gut verstehe, was ich möchte», 21. April 19098); zu Ostern 1913, vier Jahre später, zeigte er ihr in Helsingfors den gerade erschienenen ‹Seelenkalender›.

In den Kreisen der Anthroposophen und Anthroposophinnen fühlte sie sich nicht immer wohl. Der Kreis der Anhänger verwunderte sie, auch in Hamburg, beim Kurs über das Johannesevangelium. «Die Männer schienen mir pedantisch und philiströs und die Frauen prosaisch und zugleich sentimental. In alten Zeiten waren es wohl andere Menschen, die einem Geistesboten folgten?»9 Sie erzählte Steiner auch immer wieder von ihren Zweifeln, an sich selbst und an den anderen. «‹Ich habe einige Teile des russischen Gottesdienstes zu real miterlebt, als dass ich an ihrer Wahrheit zweifeln könnte. […] In Russland steht man ernst und einfach in der Kirche, hier sind alle sentimental und süß.› ‹Süß?› – Er fing an zu lachen. ‹Aber in mir selbst ist nichts, was die Sentimentalität hervorrufen würde.› ‹In Ihnen nicht, aber alles projiziert sich gerade umgekehrt dem, was Sie wollen. Sie wollen Freiheit und Gedanken, und es entsteht das Gegenteilige; hier herrscht Ihre Autorität und keiner will seIber denken.› ‹Ja, aber ich will doch nichts anderes als die Freiheit, das hängt schon von den Menschen seIber ab.› ‹Besteht denn keine Gefahr, dass die erhabenen Worte ihre Kraft verlieren, z. B. die Namen der Hierarchien, wenn man sie öfters wiederholt?› ‹Aber ich spreche sie doch nicht umsonst aus.› ‹Ich meine die anderen Menschen.› ‹Das ist dann deren Taktlosigkeit.› ‹Aber Sie geben diese Worte ab, und man kann von den Menschen nicht verlangen, was sie nicht in sich haben.› ‹Das wird vergehen, in 2000 Jahren wird das anders sein.›»10 Solche Gespräche gab es nicht nur einmal – nicht viele Menschen unterhielten sich so mit Rudolf Steiner; wenige hatten Woloschinas Format, ihren Geist, ihr Gefühl für Qualität und Niveau, ihren spirituellen Takt und ihre Direktheit im Umgang mit ihm. Sie war traurig darüber, dass er Schurés Stücke inszenieren ließ: « ‹Was er schreibt, ist grobe Illustration, aber keine Kunst.› ‹Es wäre falsch, zu glauben, dass, wenn ich seine Sachen aufführen lasse, dies auch bedeuten würde, dass sie mir gefallen. Aber anderes gibt es zur Zeit nicht, und den Menschen ist es nötig. Ihnen scheint es unsympathisch zu sein, dass ich so vorgehe?› Ich konnte es nicht einsehen. ‹Ja, sehen Sie, wenn ich eine beschauliche Natur wäre wie Sie, so würde ich nicht anders gesprochen haben. Ich verstehe Sie sehr gut – aber ich muss wirken.›»11

Margarita Woloschina, 1914. Archiv am Goetheanum

«Sehr viele sind es wohl damals nicht gewesen, die wie sie voll verstanden, was er meinte und was er wollte», schrieb später Rosemarie Wermbter, die Margarita Woloschina wie wenig andere kannte und sich um ihr Werk kümmerte.12 Auch mit dem Leben am Goetheanum in den Jahren des Krieges tat sich ‹Frl. Sabaschnikow›, wie Rudolf Steiner sie mit ihrem Mädchennamen nannte («absichtlich», wie er ihr sagte), nicht immer leicht. «Unser Leben in Dornach, abgeschlossen von der Welt, empfand ich als sektiererisch und lebensabgewandt. Wer außer Michael Bauer interessierte sich noch für die Kulturerscheinungen der modernen Welt? Wer wollte sich noch selbständig mit den Phänomenen dieser Welt auseinandersetzen? Alles wussten wir schon, bevor wir es erlebt hatten. Immer stand ein Zitat von Rudolf Steiner zwischen uns und dem Sein. Bezweckte Rudolf Steiner nicht das Gegenteil? Musste ich nicht eigene Erfahrungen sammeln?»13

Er sprach mit ihr viel über das geistige Russland, die Bedeutung der Anthroposophie für die Zukunft Osteuropas, auch über Tolstoi, Dostojewskij und Solowjow. «Er steht im Büßerhemd vor Christus für die ganze Menschheit», sagte er ihr einmal über Dostojewski.14 Unter bedeutenden Anthroposophen war ihr mitunter unbehaglich zumute, wenn auch nicht in der Nähe Michael Bauers, der ihr ein Freund wurde und sie auch in Notzeiten innerlich begleitete, so in Russland 1917 bis 1922.15 Über Felix Peipers, den Architekten Schmidt-Curtius und Ernst Uehli schrieb sie einmal, es seien «feierliche, hochgewachsene, ernst gehaltene Menschen», die ihr Leben dem Dienst an Dr. Steiners Werk widmeten. «Ihre Worte sind gründlich und sachlich, die Späße schwerfällig. Man fühlt solche Gediegenheit, solchen Ernst in allem. Auf solche Menschen kann man bauen. Aber – wie ist mir langweilig bei ihnen! Bin ich für immer vergiftet worden durch jene genialen russischen Halunken? Ich lerne, lerne bei den Deutschen, aber manchmal ergreift das Herz eine solche Sehnsucht nach Russland. Doch es ist verurteiIt, dieses wahnsinnige, weglose Russland! Nein, es ist nicht wahr: Es ist Iwanuschka, das Dummerchen, bei dem der schöne Ring in einem schmutzigen Lappen eingewickelt ist, aber den Ring hat es …» (8. März 1912)16 Über die gefährdete Entwicklung der russischen Seele, in all ihrer Sehnsucht und Begabung, hörte sie von Rudolf Steiner ausführlich in Helsingfors, wo er mit ihr und anderen Russen (beim Kurs ‹Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen›) auch das Ostermahl hielt. «Ihr sollt, meine lieben […] Freunde, das Geistige durchseelen. Ihr sollt finden die Seele zum Geiste. Ihr kennt es, weil die russische Volksseele unermessliche Tiefen und Möglichkeiten des Zukünftigen hat.»17

Die christliche Kunst

Im eigentlichen Zentrum der Begegnung aber standen ihre Fragen nach der Kunst, nach der Eurythmie, den Mysteriendramen, der Plastik und der Malerei.18 Sie liebte den entstehenden Goetheanum-Bau, an dem sie beteiligt war – und auch Max Woloschin konnte in den Tagen des Kriegsausbruches noch zu ihm kommen, nachdem ihm Margarita geschrieben hatte, wie wesentlich der Bau und die Arbeit an ihm sei («Seit den Tagen Hierams hat es nichts Vergleichbares gegeben.»19) «Frau Sabaschnikow, können Sie sich in diese Formen einleben?», fragte Rudolf Steiner sie.20 Sie schnitzte und malte an der kleinen Kuppel – ihren ägyptischen Eingeweihten ließ Steiner als einziges Werk stehen, als er auf Bitten der Künstler die gesamte kleine Kuppel neu gestaltete. «Christus muss heute auf allen Gebieten gesucht werden, auch in der Malerei», war sein letztes Wort zu ihr.21 Dem ging sie in den fast fünf Jahrzehnten, die ihr nach seinem Tode noch verblieben, in unermüdlicher Arbeit nach. «Christus will sich offenbaren heute, das ist sein Wesen. Das Licht scheint in die Finsternis, und es entstehen die Farben, seine Offenbarung, seine Sprache. Und spricht man diese Sprache, handhabt man die Farben mit dem Gefühl der Realität, mit dem Gefühl, dass Er da ist, dann ist das schon die christliche Malerei, dann bedarf es keines weiteren Inhaltes.»22

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Footnotes

  1. Ernst Weißert, in: Rosemarie Wermbter (Hg.), Margarita Woloschina. Leben und Werk. Stuttgart 1982, S. 5.
  2. Margarita Woloschina, Die grüne Schlange. Lebenserinnerungen. Stuttgart 7, 1997, S. 18 f.
  3. Ebd., S. 93.
  4. Ebd., S. 153.
  5. Ebd., S. 157.
  6. Ebd., S. I58.
  7. Ebd., S. 199.
  8. Margarita Woloschina, Aus Tagebuchaufzeichnungen. In: Erika Beltle, Kurt Vierl (Hg.), Erinnerungen an Rudolf Steiner. 1. Auflage. Stuttgart 1979, S. 55.
  9. Siehe Nr. 2, S. 199 f.
  10. Siehe Nr. 8, S. 55 f.
  11. Siehe Nr. 8, S. 57 f.
  12. Rosemarie Wermbter (Hg.), Margarita Woloschina. Leben und Werk. S. 135.
  13. Siehe Nr. 2, S. 301 f.
  14. Siehe Nr. 2, S. 203.
  15. Vgl. Peter Selg, Michael Bauer. Ein Mitarbeiter Rudolf Steiners. Dornach 22021, S. 95 f.
  16. Siehe Nr. 8, S. 59.
  17. Rudolf Steiner, Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt. ga 158. 4. Auflage. Dornach 1993, S. 205.
  18. Vgl. Peter Stebbing (Hg.), Gespräche mit Rudolf Steiner über Malerei. Erinnerungen von fünf Pionieren des neuen Kunstimpulses. Arlesheim 2015, S. 135–161.
  19. Zit. n. Sergej O. Prokofieff, Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien. Stuttgart 11982, S. 167.
  20. Siehe Nr. 8, S. 70.
  21. Siehe Nr. 2, S. 379.
  22. Siehe Nr. 2, S. 380.

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