Entwicklung ist eine lebendige Tatsache

Unter dem Titel ‹Geschichtsunterricht muss zeitgemäß sein› war in ‹Goetheanum› 42/2023 ein Beitrag von Michael Zech, Professor an der Alanus-Hochschule und Geschichtslehrer an der Waldorfschule Kassel, zu lesen. Zusammenfassung der Reaktion einer Leserin von Gilda Bartel.1


Der Geschichtsunterricht müsse überarbeitet, d. h. von einer eurozentristischen Weltanschauung befreit werden. Das sei notwendig, weil diese eine Kulturhierarchie vermittle, die Teil des Rassismusproblems sei. Mit einem solchen Bestreben würde das Herzstück der Waldorfpädagogik ausgemerzt, nämlich das entwicklungspsychologische Grundgesetz. Die Kulturentwicklung entspricht psychologisch der Phylogenese, so wie die Seelenentwicklung des Einzelnen psychologisch der Ontogenese entspricht. Diese vitale Grundlage der Waldorfschulidee soll nun also abgeschafft werden? Der gesamte Lehrplan der Waldorfschule, wie ihn Rudolf Steiner entwickelte, wird mit dieser ‹Überarbeitung› schlicht zerstört. Er warnte bereits vor einhundert Jahren vor dem Kulturtod (Dornach, 15. Dez. 1919, GA 194). Wenn man dazu bedenkt, dass der Mensch die Kulturentwicklung, wie sie in den großen Zeitläufen geschieht, während des Heranwachsens seelisch bis zur Gegenwart nachvollziehen können muss, wenn er seine Ich-Fähigkeit ausbilden will – und das ist notwendig, damit er seine Erdenaufgabe wahrnehmen kann –, so kann man leicht einsehen, dass Kulturtod gleich Seelentod ist. Der Sinn für das Seelische, für den Entwicklungsgedanken verschwindet.

Das Rassismusproblem

Denkt man eine Hierarchie der Kulturen, so denkt man ein Gespenst. Als Metapher eine Landkarte zum Beispiel der Schweiz, wo große und kleine Orte in eine Hierarchie gebracht sind: die Millionenstadt Zürich an der Spitze und ein Zwanzig-Seelen-Bergdorf am Schluss. Doch ist Zürich deswegen die Schweiz? Nein! Alle bilden sie in Wirklichkeit zusammen das Land, und was irgendwo in einem Dorf passiert, kann heute für die Schweiz wichtiger sein, als was an der Bahnhofstraße der Großstadt geschieht, oder umgekehrt. Die verschiedenen Kulturen haben alle ihre volle lebendige Berechtigung. Ihr Dasein ist notwendig, damit sich Seelen entwickeln können. Sie müssen sich untereinander verständigen, dann können sie sich wirklich gegenseitig befruchten. Vermischung und Nivellierung bedeutet Abschaffung, Tötung. Seelen kommen und gehen, ihre Entwicklung ist immer individuell, sie kann sich beschleunigen oder auch retardieren. Kultur- und Seelenentwicklung muss immer dynamisch oder mindestens prozessual gedacht werden. Der Hierarchiegedanke in diesem Zusammenhang ist vergleichbar mit einem im Übermaß krankmachenden Virus im Körper der Menschheit. Es geistert noch vielerorts herum. Im Zeitalter der Bewusstseinsseele, sprich heute, ist es aber möglich zu verstehen, wo das Virus hingehört, sinnvoll ist und wo nicht. Nicht der Gedanke der Kulturentwicklung ist Teil des Rassismusproblems, sondern jene, welche den beweglichen, zeitlich in Entwicklung zu denkenden Kulturbegriff in die Dimension des Räumlichen projizieren und ihn damit töten. Den Zeitlauf der Kulturentwicklung in ein Räumliches zu projizieren und es gar als Hierarchie zu lesen, das bewirkt den Kulturtod. Dass das heute der Fall ist, ist Zeichen dafür, dass man keinen Entwicklungsbegriff mehr denken will.

Zum Positiven

Rudolf Steiners Weltanschauung und damit der Waldorfschul-Lehrplan ist nicht eurozentristisch, sondern universell. Seine ‹Geheimwissenschaft im Umriss› zeigt den größten denkbaren Entwicklungsbegriff auf. Europa ist eine mittlere Etappe in einem komplexen, vielgliedrigen, vielschichtigen Prozess, der Bewusstseinsentwicklung heißt. Es werden nach der gegenwärtigen fünften nachatlantischen Kulturepoche, in der wir uns befinden, weitere folgen. Die vierte und teils auch die fünfte Epoche spielen sich geografisch auf europäischem Boden ab. Was ist daran so schlimm, dass das Bewusstsein eben hier seine momentane Blüte entwickelt hat? Muss es sich selber vernichten, anstatt dass es seine kulturellen Errungenschaften der Welt mitteilt? Es ist vielmehr notwendig für die Menschheit als Ganzes, dass jede Kultur das Ihre entwickeln kann und ein Kampf der Ideen (statt der Waffen) stattfinden kann. Die Kulturen haben ihre Aufgaben im Weltganzen, wie jedes Instrument seine Aufgabe im Orchester hat. Nur weil einer gerade die erste Geige spielen muss, heißt das noch lange nicht, dass sich die andern erübrigen, und auch die erste Geige pausiert, wenn die Flöte ihr Solo spielt.


Antwort von Michael Zech

Für den Leserbrief zum Geschichtsunterricht bin ich dankbar, ermöglicht er doch einige Klarstellungen. Mein Beitrag basiert auf einem in der Zeitschrift ‹Erziehungskunst› gekürzt erschienenen Interview und wurde für das ‹Goetheanum› nochmals gekürzt. Das bringt notwendig einen Verlust an Differenzierungen mit sich, sodass manche Aussage apodiktischer scheint, als sie tatsächlich intendiert ist. Es geht mir und denen, die sich um ein Durchdenken des dem Unterricht an Waldorfschulen zugrunde liegenden Geschichtsverständnissses bemühen, nicht darum, den von Steiner angeregten kulturgeschichtlichen Ansatz zu nivellieren oder zu demontieren, sondern ihn auf der Grundlage heutiger Wissensstände und gesellschaftlicher wie wissenschaftlicher Diskurse zu durchdenken, was erstens nach einer über einhundertjährigen Praxis geboten ist und zudem Steiners Forderung entspricht, den Waldorfunterricht monatlich weiterzuentwickeln. Es geht um eine Weitung dessen, was als Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in der Ausformung von Kulturen stattfindet. Die Merkmale, mit denen Steiner Kulturepochen charakterisiert, treten in den Kulturen unserer Menschheit in wunderbarer Vielfalt auf. So wie allgemeine Entwicklungsprozesse (z. B. Geschlechtsreife, Urteilsfähigkeiten etc.) sich in jeder Biografie anders ausformen, so auch der mit unterschiedlichen Lebensformen (in und mit der Natur, im Ackerbau, in arbeitsteiligen und kosmisch orientierten urbanen theokratischen Kulturen etc.) einhergehende kulturelle Wandel (Bewusstseinswandel). Die Behandlung der ägyptischen Kultur soll also nicht abgeschafft werden, sondern es wird darauf verwiesen, dass ähnliche Kulturformen an anderen Orten und auch zu anderen Zeiten aufgetreten sind und bei Bedarf herangezogen werden können. Ganz und gar einverstanden bin ich mit dem schönen Bild der schweizerischen Landschaft mit großen und kleinen Städten, die in einer Landschaft nebeneinander und miteinander bestehen; es ist ein sinnvolles Bild für die kulturelle Vielfalt. Dabei wäre es doch seltsam, einige der Städte als unbedeutend oder gar dekadent zu markieren oder sie durch bestimmte Typologien zu markieren. Das aber erleben unsere Kolleginnen und Kollegen in anderen Kontinenten. Sie fragen, ob eine historische Darstellung von Hochkulturen, die von Indien nach Europa führt, diesem nun den Rang einer Hochkultur zuweist und damit die koloniale Tradition esoterisch legitimiert. Dem ist nur zu begegnen, indem man darauf hinweist, dass Bewusstseinsentwicklung zwar von kulturellen Besonderheiten geprägt ist, aber nicht auf kulturelle Zugehörigkeiten verengt werden kann. Es gehört eben zur Ausgestaltung von Bewusstseinsseele, nicht in den eigenen kulturellen Annahmen zu verharren, sondern sich und die eigenen Doppelgänger zur Mitmenschlichkeit zu transformieren, indem man dem Eigenen fremd gegenübertreten kann. Das ist für viele schmerzlich, aber doch Zentrum einer michaelischen Kultur, die das Vielfältige nicht gegeneinander, sondern zueinander in Beziehung setzt. Das gilt insbesondere für die anthroposophische Kultur. Ich halte wie Sie das Kriterium der Hierarchisierung für einen zu überwindenden Zustand. Das klappt aber nicht, wenn ich begrüßenswerte Sensibilisierungen anprangere, sondern mich mit Eigen- und Fremdbild, mit meinem Narrativ, mit meinen Prägungen auseinandersetze. Das ist nicht Kulturtod, sondern Rettung von Kultur. Das gilt auch für die Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen.

Damit bezeichnet man Strukturen, die Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit zum ein- und ausschließenden Kriterium machen (z. B. nationale Zugehörigkeit oder das Absprechen anthroposophischer Qualifikation). Ich verzichte hier, auf die schwierige Frage einzugehen, ob jemand mit etwa 50 eindeutig rassistischen Aussagen als Rassist zu bezeichnen ist oder nicht, halte aber Anthroposophie und Waldorfpädagogik tatsächlich für nicht rassistisch. In Steiners ‹Geheimwissenschaft› legt er sein Entwicklungs- und Kulturverständnis dar. Er tat dies nach eigenem Zeugnis auf der Grundlage seiner spirituellen Forschung. Es fasst größte Bögen in wenigen Sätzen zusammen. Es war nie als historische Darstellung intendiert, sondern als allgemeine Anregung, Entwicklung zu verstehen. Solche Aussagen in Bezug zur Wissenschaft zu setzen, auf die Grundlage heutiger Zeitangaben und historischer Zeugnisse zu beziehen, hätte Steiner nie zu verhindern gesucht. Sein Anliegen war es doch, geistige Forschung mit der physisch wahrnehmbaren Welt in Beziehung zu setzen, die letztendlich doch der vielfältige Ausdruck geistiger Wirkung ist. Bildung und Geschichte in Beziehung zu dem zu setzen, was uns heute entgegentritt, ist nicht nivellierend, nicht demontierend, sondern Ausdruck spiritueller Orientierung und damit kulturell belebend. Aussagen wie «Rudolf Steiners Weltanschauung und damit der Waldorf-Lehrplan ist nicht eurozentristisch …» hängen doch davon ab, wie die sich mit seiner Weltanschauung Auseinandersetzenden ihn heute umsetzen. Dazu gehört auch, der Frage nachzugehen, ob Steiners Perspektive auf die Menschheit nicht doch eurozentristisch war; und ob Kulturen naiv verortet und periodisiert werden. Übrigens: Steiner selbst verwarf den Zusammenhang von Ontogenese und Phylogenese als naives und für die Pädagogik ungeeignetes Konzept. Begünstigt Stillstand oder die permanente individuelle Durchdringung des eigenen Konzepts den Kulturtod?


Titelbild Eine der Kammern im Saal der Botschafter im Nasridenpalast, 14. Jahrhundert, Granada, Spanien. Die Nasriden-Dynastie, muslimische Herrscher, regierten die iberische Halbinsel während drei Jahrhunderten im Mittelalter. Foto: Sofia Lismont, Graphische Bearbeitung: Fabian Roschka

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Footnotes

  1. Bei weiterem Interesse kann die Mailadresse der Schreiberin in der Redaktion angefragt werden.

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