«Dieses Leben hatte eine tiefe Tragik»

Helene von Schewitsch

Wäre Helene von Schewitschs Biografie ein Roman, man würde vieles davon als übertrieben empfinden, so dramatisch und voller Wendungen stellt sich das Leben dieser außergewöhnlichen Frau dar, so viele berühmte Zeitgenossen hat sie gekannt.


Alfred Meebold beschrieb «ihr unbezähmbares Temperament, ihren stets regen Intellekt, […] ihr Einfühlen, das sich im Nu in Sympathie oder Antipathie umsetzte, ihre so rege Fantasie […]. Alles das enthielt, wie ich es verstehe, einen ungeheuren starken Drang nach Freiheit. Er wirkte in einem weiblichen Körper und in einem solchen von ungewöhnlicher Schönheit […].»1

Helene von Schewitsch kam am 21. März 1843 in Berlin als ältestes von sieben Kindern des Diplomaten Wilhelm von Dönniges und seiner Frau Franziska Wolff zur Welt. Ihre jüngere Schwester Margarethe sollte die Mutter von Karl von Keyserlingk werden, auf dessen Koberwitzer Gut 1924 der Landwirtschaftliche Kurs stattfand.2 Die frühe Kindheit verbrachte Helene in München, da der bayrische König ihren Vater in seinen Dienst genommen hatte. Ihre Eltern führten dort einen großen Salon, dessen lockere Atmosphäre ihre Erziehung prägte. Eine Zeit lang war der zwei Jahre jüngere Ludwig II. von Bayern ihr Spielkamerad – bis der Vater nach einem Streit das gemeinsame Spiel der Kinder mit dem Wort beendete: «Seinen künftigen König prügelt man nicht!»3

Helenes Verhältnis zur Mutter wurde schwierig, als diese die erst Zwölfjährige mit einem 30 Jahre älteren italienischen Oberst verlobte. Einige Jahre später – als sie von 1859 bis 1861 mit ihrer Familie in Nizza lebte – löste Helene die Verlobung auf. Sie genoss als gefeierte Schönheit und Ballkönigin das leichte Leben an der Côte d’Azur, bis sie zur geliebten Großmutter nach Berlin geschickt wurde. Dort begegnete sie dem ihr schon von früher bekannten rumänischen Prinzen und Jurastudenten Janco von Racowitza (1843–1865) wieder, der ihr vollkommen ergeben war, während sie eher geschwisterliche Empfindungen für ihn hegte.

Ferdinand Lassalle

Bild: Ferdinand von Lassalle 1860 (Bundesarchiv Bild 183-J0827-500-002, gemeinfrei)

Nachdem ihr von zwei Seiten gesagt worden war, sie wäre die passende Frau für den berühmten Schriftsteller, sozialistischen Politiker und notorischen Frauenhelden Ferdinand Lassalle (1825–1864), war sie begierig, diesen kennenzulernen. Als sich beide endlich in einer Gesellschaft begegnet waren, sagte Lassalle beim Abschied: «Morgen mache ich der Großmama meinen Besuch und hole mir das Jawort»; das aber wehrte sie ängstlich ab. Die weiteren Begegnungen in Berlin waren intensiv, blieben aber unverbindlich, wohl auch deshalb, weil Lassalle außerordentlich beschäftigt mit seinem Herzen noch anderweitig engagiert war. Erst als sich beide im Juli 1864 zufällig auf der Rigi wiederbegegneten – Lassalle hielt sich zu einer Kur dort auf und Helene war mit Freunden auf einem Ausflug –, entflammte die Liebe in voller Stärke. Lassalle reiste ihr nach Bern nach, wo sie einige glückliche Tage verbrachten. Seinen Vorschlag, sich auf der Stelle in Frankreich trauen zu lassen, wehrte sie ab, denn sie legte Wert auf das Einverständnis der Eltern. So reiste sie nach Genf, um diese zu treffen; Lassalle sollte in Kürze nachfolgen.

Was dann kam – diese unglaubliche Verkettung von unglücklichsten Umständen, die ganze Bücher füllt –, kann hier nur angedeutet werden. Die Eltern waren absolut gegen die Verbindung mit dem ‹Revolutionär›. Der Vater setzte Helene in Gefangenschaft; zeitweise wurde sie bei Nacht von Eugen von Keyserlingk, dem Verlobten ihrer Schwester, begleitet, über den Genfersee an einen anderen Ort verbracht. Schließlich zwang der Vater seine eigentlich mündige, aber – wie Lassalle schon früh erkannt hatte – willensschwache Tochter, den Abschiedsbrief an ihn zu schreiben. Wie aus Lassalles Briefen hervorgeht, wurde zunächst durch diesen Widerstand seine Liebe noch glühender: Er setzte bis zu Richard Wagner und dem bayrischen König alles in Bewegung, wollte sich sogar – als Jude – von Bischof Ketteler taufen lassen. Doch zugleich ist den Briefen zu entnehmen, dass Lassalle – durch den Vater tief beleidigt – ab einem bestimmten Punkt es seinem eigenen Selbstwertgefühl schuldig zu sein glaubte, hier nicht weichen zu dürfen. Das führte schließlich zur Duellforderung an den Vater. Wilhelm von Dönniges aber hatte inzwischen den in Waffendingen unerfahrenen Janko von Racowitza kommen lassen – der damals als Helenes Verlobter galt – und bat ihn, statt seiner gegen den guten Pistolenschützen Lassalle anzutreten. Doch das Unerwartete geschah: Racowitza verletzte – versehentlich, wie Helene von Schewitsch es darstellt – Lassalle so schwer, dass er drei Tage später, am 31. August 1864, starb.

Was der Tod Lassalles, der für Bismarck ein zwar kontroverser, aber hoch geachteter Gesprächspartner war, für die Entwicklung Deutschlands bedeutete, darüber schrieb Rudolf Steiner 1898: «Ich glaube, es hätte eine Möglichkeit gegeben für Bismarck, sein soziales Königtum zu verwirklichen. Diese Möglichkeit wäre eingetreten, wenn Lassalle nicht 1864 durch den frivolen Pistolenschuss Racowitzas sein Leben verloren hätte. Mit Prinzipien und Ideen konnte Bismarck nicht fertigwerden. Sie lagen außerhalb des Kreises seiner Weltanschauung. Er konnte nur mit Menschen verhandeln, die ihm reale Tatsachen entgegenhielten. Wäre Lassalle am Leben geblieben, so hätte er die Arbeiter wahrscheinlich bis zu der Zeit, in der Bismarck für sozialreformatorische Pläne reif war, so weit gebracht gehabt, dass diese Arbeiter eine Lösung der sozialen Frage für Deutschland im Einklange mit Bismarck hätten finden können. Um die soziale Frage zur rechten Zeit im Sinne Bismarcks zu lösen: dazu fehlte Lassalle. […] Wäre ihm Lassalle als Machtfaktor, mit den Arbeitern als diese Macht gegenübergestanden: Bismarck hätte den sozialen Staat mit dem König an der Spitze gründen können.»4 Auch aus anderen Erwähnungen Lassalles wird deutlich, dass Rudolf Steiner ihn sehr achtete: «Ich kenne keinen Menschen, der ein größerer Denker war als Lassalle. Er war nur sehr einseitig.»5

Bild: Helene von Schewitsch, Jugendbildnis 1865. Alle Fotos von Helene von Schweitsch stammen aus dem Buch: Von anderen und mir. Erinnerungen aller Art. Berlin 1909.

Lassalle schrieb Helene am 20. August 1864 in seiner Antwort auf ihren Abschiedsbrief: «Aber wenn Du mich zerbrichst durch diesen bübischen Verrat, den ich nicht überwinde, so möge mein Los auf Dich zurückfallen und mein Fluch Dich bis zum Grabe verfolgen! Es ist der Fluch des treuesten, von Dir tückisch gebrochenen Herzens, mit dem Du das schändlichste Spiel getrieben.» Ob dieser Fluch wirkte? Das kann man sich fragen, wenn man den weiteren Verlauf dieses Lebens ansieht.

Begegnung mit Blavatsky

Helene von Dönniges wurde nach Lassalles Tod von vielen Seiten angefeindet, insbesondere als sie nach kurzer Zeit Janko von Racowitza heiratete. Doch dieser starb nach wenigen Monaten an einer Lungenkrankheit. Helene brach mit ihrer Familie; dadurch völlig mittellos geworden, musste sie berufstätig werden. Sie bildete sich als Schauspielerin aus – ihr Fach war die «Salondame» – und heiratete 1868 ihren Lehrer, den Charakterdarsteller Siegwart Friedmann (1842–1916). Die Ehe wurde 1873 wieder geschieden, doch blieben beide gute Freunde.

Als Helene nach einer anstrengenden Tournee eine Zeit lang nach St. Petersburg ging, um sich zu erholen, begegnete sie dort dem ihr flüchtig bekannten Sergej von Schewitsch (1848–1911) wieder. Von Schewitsch stand im russischen Staatsdienst, war aber überzeugter Sozialist. Sie wurden ein Paar, wanderten 1877 nach Amerika aus und heirateten dort. Helene von Schewitsch trat an deutschsprachigen Bühnen auf; Sergej wurde Redakteur der sozialistischen ‹New Yorker Volkszeitung›. Doch gab Helene die Bühne nach einigen Jahren ihrem Mann zuliebe auf, der unter ihren häufigen Abwesenheiten litt. Sie wandte sich der Medizin zu und studierte vier Jahre an der Universität in New York. Kurz vor ihrem Doktorexamen erkrankte sie schwer und gab ihr Vorhaben auf. Sie betätigte sich schriftstellerisch und malte Blumenbilder zum Verkauf.

Bild: Serge und Helene von Schewitsch, 1895

Ein einschneidendes Ereignis in dieser Zeit war für Helene von Schewitsch die persönliche Bekanntschaft, ja Freundschaft mit Helena Blavatsky, durch die sie zur Theosophie fand. Ihren Weg dahin schilderte sie in dem 1901 anonym veröffentlichten Buch ‹Wie ich mein Selbst fand›. Dort schildert sie nicht nur eine Reihe von spiritistischen Erfahrungen, sondern auch ihre Begegnung mit Helena Blavatsky sowie die Grundlehren der Theosophie.

Ein tragischer Tod

1890 kehrte das Ehepaar nach Europa zurück, unter anderem weil Sergej von Schewitsch die Rechte auf seinen Landbesitz in Russland wahren musste, die ihm zeitweise aberkannt worden waren. Sie lebten eine Zeit lang in Riga. Nach einer schweren Erkrankung Helenes gingen sie einige Jahre auf Reisen, bis sie sich in München niederließen.

1903 lud Helene von Schewitsch Rudolf Steiner zu einem Vortrag in ihrem Hause ein und teilte im Einladungsbrief mit, da sie «persönlich mit all unseren maßgebenden theos. Führern befreundet» sei, wolle sie keiner bestimmten Theosophischen Gesellschaft beitreten: «Ich will mich frei halten, aber der Sache mein Leben, Kraft und Arbeit widmen!»6 Am 5. März 1904 schrieb sie Rudolf Steiner: «Zu meiner großen Freude, lieber, so sehr verehrter Doctor, höre ich, dass Sie uns den nächsten Samstag 4 ½ Uhr zur Conferenz bei mir schenken wollen!» In einem nächsten Brief bezeichnet sie ihn sogar als «Freund». Im Herbst 1905 sandte sie ihm einen langen Artikel über ‹Die Geheimlehre und die Tiermenschen der modernen Wissenschaft›, der an Ausführungen von Lanz-Liebenfels anknüpfte. Rudolf Steiner veröffentlichte ihren Artikel in drei Teilen 1905/06 in der ‹Lucifer Gnosis›, schloss daran aber Bemerkungen an, in denen er ihren Ansichten durchaus widerspricht. Er zeigt Gefahren auf, die entstehen, wenn man höhere Einsichten zu materialistisch ausdeutet.7 «Der Verfasserin habe ich […] nicht verschwiegen, dass ich meine Meinung über die Sache unverhohlen nach Abdruck aussprechen werde»8, schreibt er. Vermutlich sprach er darüber persönlich mit ihr, denn im Brief vom 6. Februar 1906 dankte Helene von Schewitsch ihm «für den ganz außergewöhnlich interessanten Privatnachmittag, den Sie uns in meiner Wohnung gewidmet haben».

Bild: Helene von Schewitsch, 1905 (Frontispiz).

Noch am 11. Oktober 1907 lässt sie in einer Karte an Marie von Sivers den «hochverehrten Herrn Dr. Steiner» grüßen, danach gibt es keine Zeugnisse ihres Verkehrs mehr. Dies mag zum einen an ihrer immer wieder auftretenden Kränklichkeit liegen; zudem verarmte das Ehepaar in den nächsten Jahren – bis zur völligen Überschuldung. Sergej von Schewitsch beging deshalb am 27. September 1911 wohl Suizid9 – und wenige Tage darauf, am 1. Oktober 1911, nahm seine Frau Gift. Man empfindet die tiefe Tragik dieser Tat, wenn man liest, dass sie 1901 über den Selbstmord geschrieben hatte, er gälte «der theosophischen Geheimlehre als eine der schwersten Sünden». Der Selbstmörder «entgeht nicht nur nicht dem Leiden, das er flieht, sondern er häuft Schlimmeres auf sich.»10 Zwei Monate später gedachte Rudolf Steiner ihrer mit den Worten: «Ich betrachte es heute noch besonders als meine Pflicht, an dieser Stelle zu gedenken des Abgangs vom physischen Plan einer Persönlichkeit, die viel bekannt in allen theosophischen Kreisen war, die durch einen schmerzlichen Tod uns entrissen worden ist, die viel gewirkt hat, deren wir […] in Liebe gedenken […]. Sie kennen ihre Bücher, ich brauche sie nicht näher zu charakterisieren. Ich muss betonen, dass die Verhältnisse so lagen, dass ich ihrer Aufforderung immer Folge geleistet habe, wenn sie mich bat, bei meinem Münchener Aufenthalt auch in ihrem Kreise einen Vortrag zu halten. Nur andeuten möchte ich, dass für mich selber dieses ganze Leben sich als etwas tief Tragisches darstellt; und ich darf wohl sagen, dass mir Frau von Schewitsch außerordentlich vertrauensvoll entgegengekommen ist und dass ich berechtigt bin zu sagen: Dieses Leben hatte eine tiefe Tragik.»11

Auch in ‹Mein Lebensgang› erwähnt er sie später als «eine interessante Persönlichkeit», die für ihn «ein bedeutsames Stück Geschichte» gewesen sei: «Sie war ja die Dame, wegen der Ferdinand Lassalle gegen einen Rumänen im Duell sein frühzeitiges Ende gefunden hat. Sie hat dann später eine Schauspielerlaufbahn durchgemacht und war in Amerika mit H. P. Blavatsky und Olcott befreundet worden. Sie war eine Weltdame, deren Interessen in der Zeit, in der meine Vorträge bei ihr stattfanden, stark vergeistigt auftraten. Die starken Erlebnisse, die sie gehabt hat, gaben ihrem Auftreten und dem, was sie vorbrachte, ein außerordentliches Gewicht. Durch sie hindurch, möchte ich sagen, konnte ich auf das Wirken Lassalles und dessen Epoche sehen, durch sie auf manches Charakteristische im Leben H. P. Blavatskys. Was sie sagte, war subjektiv gefärbt, von der Fantasie vielfach willkürlich geformt; aber, wenn man das in Rechnung zog, so konnte man das Wahre durch manche Verhüllung doch sehen, und man hatte die Offenbarung einer doch ungewöhnlichen Persönlichkeit vor sich.»12


Dieser Artikel ist der 20. in der Reihe «Marginalien zu Rudolf Steiners Leben und Werk» von Martina Maria Sam.

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Fußnoten

  1. Erinnerungen an einen Geistesriesen. Manuskriptdruck.
  2. Es gibt noch einen merkwürdigen Zusammenhang: Ihre jüngste Schwester Agnes wurde die Mutter von Raffaela Paulucci delle Roncole (1875), die den Verleger Felix Heinemann (1863–1935) heiraten sollte, den Rudolf Steiner in den 1890er-Jahren kennenlernte und der sich 1917 der Anthroposophie zuwandte (siehe Marginalie 12, in ‹Goetheanum› 22/2020).
  3. Von anderen und mir – Erinnerungen aller Art. Berlin 1909.
  4. In seinem Artikel ‹Bismarck, der Mann des politischen Erfolgs›, erschienen am 13.8.1898, siehe GA 31, S. 268. Offensichtlich sprach Rudolf Steiner darüber auch später noch; so schreibt Alfred Meebold in seinen ‹Erinnerungen an einen Geistesriesen›: «Wie einschneidend Lassalles Tod, für den sie die Ursache gab, auf Deutschlands Schicksal einwirkte, das hat uns erst viel später Rudolf Steiner nahegebracht.»
  5. 31.7.1922, GA 342. Insbesondere Lassalles Vortrag ‹Die Wissenschaft und der Arbeiter› hebt er immer wieder hervor.
  6. Brief vom 14. Mai 1903. Alle Briefe befinden sich im Rudolf-Steiner-Archiv (RSA 088).
  7. Siehe GA 34, S. 500–504.
  8. Ebenda, S. 500 f.
  9. Es gibt verschiedene Überlieferungen – es wird auch von Blinddarmentzündung oder Herzlähmung gesprochen. Doch die Zeitungen meldeten damals Selbstmord.
  10. Wie ich mein Selbst fand. Leipzig, 2. Aufl. 1911.
  11. Bei der Generalversammlung der Theosophischen Gesellschaft in Berlin, GA 250, S. 465.
  12. GA 28, S. 462 f.
  1. Diese „Marginalien“ sind für mich grossartige Höhepunkte der Wochenschrift. Ganze Welten entstehen vor dem geistigen Auge.

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