Die Kunst des Heilens

Parallel zu den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Anthroposophischen Medizin brachten die Verantwortlichen der Medizinischen Sektion ein großes Filmporträt über Anthroposophische Medizin auf den Weg. Ein Kamerateam des Filmemachers Benedikt Schulte schaute Ärztinnen und Pflegern in den anthroposophischen Krankenhäusern über die Schulter, interviewte den Botaniker bei der Mistelernte, die Pharmazeutin beim Potenzieren, den Gärtner im Heilmittelgarten und am wichtigsten, die Kranke und den Kranken und wie ihnen diese besondere Medizin zu helfen vermag.

Wolfgang Held sprach mit Matthias Girke und Georg Soldner, den Leitern der Medizinischen Sektion und dem Filmemacher Benedikt Schulte.


Ab dem 12. Februar 2021 ist der Film ‹Die Kunst des Heilens› auf der eigenen Homepage mit seinen sieben Folgen zugänglich. In den sozialen Medien ist bereits der Trailer des insgesamt eineinhalbstündigen künstlerischen Dokumentarfilms zu sehen, in dem verschiedene Protagonisten in kurzen Schnitten Anthroposophische Medizin charakterisieren: als Entwicklungsmedizin, Liebe zum Menschen, warmes Interesse, Freiheit, Heilung des ganzen Menschen, als therapeutisches Pendant zum Allradantrieb, Anregung zur Selbstentwicklung, Menschlichkeit, als Einheit von Körper, Geist und Seele, als topaktuelle Zukunftsmedizin und Pionierin der Integrativen Medizin. «Wir wollten eine geeignete öffentlichkeitsfähige Darstellung der verwirklichten Anthroposophischen Medizin, wobei deren Hintergründe durchscheinen sollten.» So beschreibt der Leiter der Medizinischen Sektion, Matthias Girke, das Motiv, diesen Dokumentarfilm zu produzieren. Man wollte keinen geschlossenen Film in Spielfilmlänge schaffen, sondern eine Abfolge kürzerer Darstellungen, die für sich stehen können und jeweils ein Arbeitsfeld der Anthroposophischen Medizin in den Fokus nehmen. Er zählt drei Felder auf, die ihn am Film beeindrucken: Der Regisseur habe eine Bildsprache gefunden, die nicht nur kognitiv Interessierte erreiche, er habe eine künstlerische Diktion und zugleich würden die Inhalte sichtbar werden, unter anderem auch mit dem klassisch anthroposophischen Medium (animierter) eingeblendeter Tafelzeichnungen. In einfacher Bildsprache soll so, was zur Anthroposophischen Medizin inhaltlich zu sagen ist, verständlich werden.

Bilder: Stills aus dem Film ‹Die Kunst des Heilens› und Eindrücke von den Dreharbeiten.

Das Zusammenspiel der Wesensglieder – filmisch

Georg Soldner erinnert daran, dass es zum 100-jährigen Jubiläum der Anthroposophischen Medizin notwendig war, eine zeitaktuelle Gesamtdarstellung Anthroposophischer Medizin zu schaffen. Gleichzeitig sei die filmische Erzählung in der heutigen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung, um etwas wahrnehmen zu können. Zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe habe man dabei noch nicht ahnen können, dass eine solche Fülle von verzerrten und falschen Bildern über die Anthroposophische Medizin wie gegenwärtig kursieren würden. Umso froher seien Matthias Girke und er, dass jetzt dieser Film der Öffentlichkeit vorgestellt werden könne. Der Regisseur Benedikt Schulte, der u. a. den auf Arte ausgestrahlten Film ‹Die Seele der Geige› gedreht hat, hat als Dokumentarfilmer schon Erfahrungen mit Anthroposophischer Medizin gesammelt durch zwei Videodokumentationen zu Rhythmischen Einreibungen und zur Öl­­dispersionsbad-Therapie. Im Laufe des Drehs sei dem Filmer dann immer deutlicher aufgefallen, so Soldner, wie groß die Diskrepanz sei zwischen dem, was Anthroposophische Medizin ausmache, und dem, was in der medialen Öffentlichkeit lebe.

Mich hat überrascht, dass ein Film möglich macht, die Kostbarkeit der Anthroposophischen Medizin fühlbar zu erleben.

Dabei sei es nicht einfach, gegenüber diesen Zerrbildern ein Bild zu schaffen, das authentisch wirke und nicht plakativ sei und doch überzeuge. So habe am Anfang die Frage gestanden, wie der Film in der Art seiner Komposition und Bildgestaltung etwas von den Anliegen und Überzeugungen der Anthroposophischen Medizin und auch der Anthroposophie zeigen könne. Wie der Filmemacher diese Frage beantwortet hat, ist so überraschend wie einleuchtend: Die einzelnen Filmsequenzen beginnen jeweils mit einer Probe des Stuttgarter Kammerorchesters mit seinem Dirigenten Thomas Zehetmair. Was die Vorstellung des Zusammenspiels der Wesensglieder Körper, Lebensorganisation, seelische Organisation und geistige Individualität des Menschen in der Anthroposophie bedeutet, das zeigt sich filmisch ganz selbstverständlich im Miteinander der Musiker und den Hinweisen des Dirigenten. Gleichzeitig verbindet die Orchesterwerkstatt mit der in ihr sich abspielenden Steigerung die sieben einzelnen Folgen des Films. Ähnlich ist es mit den animierten Tafelzeichnungen, die ebenfalls mit geringem begrifflichem Aufwand Zusammenhänge der Anthroposophie verständlich machen. Ursprünglich sollten in eigenen Folgen die Anthroposophische Medizin in Israel, in Peru und Brasilien gezeigt werden. Das verhinderte die Coronapandemie, sodass der Film sich jetzt vorläufig auf die Länder, von denen die Anthroposophische Medizin ihren Ausgang genommen hat, also die Schweiz und Deutschland, beschränkt. 80 Prozent der Produktionskosten von etwa 100 000 Euro haben dabei anthroposophische Stiftungen finanziert, sodass nur 20 Prozent aus dem Sektionshaushalt fließen mussten. Für den Anspruch, einen Film auf dem Niveau eines TV-Films zu drehen, ist das ein knappes Budget. Von Drohnenflügen über die Kliniken und das Goetheanum bis zu intimen Einstellungen eines Arzt-Patienten-Gespräches spannen sich die Einstellungen. Zur Bildsprache, gerade bei einem ‹Geburtstagsfilm›, gehöre auch, so Matthias Girke, dass in den Interviews auch viele jüngere Menschen, Studierende und ÄrztInnen in Ausbildung zu Wort kommen und so die Jugendlichkeit und Frische dieser Medizin implizit gezeigt wird.

Das Wirksame und das Gute

Wie lief es redaktionell? Dazu Georg Soldner: «Wir haben mit dem Regisseur ausführliche Vorgespräche geführt. Daraufhin hat er ein Drehbuch geschrieben. Daran haben wir dann zusammengearbeitet. Das ging in dieser schlanken Form nur, weil sich Benedikt Schulte in die Ideen und Lebensformen der Anthroposophischen Medizin eingearbeitet hatte und dabei auch die anthroposophische Literatur studiert hat. Ein Vortrag wie ‹Nervosität und Ichheit› ist ihm gut vertraut.» Zur professionellen Bildsprache gehört dann, dass beim Interview eines Arztes man unscharf im Hintergrund einen Computermonitor sieht. Dass Anthroposophische Medizin den Einsatz von Technik nicht ablehnt, erklärt sich so ohne Worte, neben dem gesprochenen Wort vermittelt die Bildsprache wichtige Hintergrundinformationen. Sieben Kapitel gliedern den Film, vergleichbar einer Miniserie, denn jede der Sequenzen vermag für sich zu stehen und zugleich spannen sie einen Bogen. Es beginnt dort, ‹wo alles seinen Anfang nahm›, in der von Ita Wegman begründeten Klinik Arlesheim. Peter Selg erzählt von den ersten Patienten und dem sozialen Engagement Ita Wegmans, sodass nicht nur Wohlhabende die Klinik besuchen konnten. Dann folgt ein Abschnitt mit der Ärztin Marion Debus auf der Krebsstation, wo Patienten sowohl eine anthroposophische Therapie als auch eine Chemotherapie erhalten. Dadurch wird, so betont Georg Soldner, der integrative Anspruch, mit dem auch Rudolf Steiner sein Buch ‹Grundlegendes zur Erweiterung der Heilkunst› beginnt, unmittelbar sichtbar. So schlägt der Film in der ersten Folge den Bogen vom Ursprung zur Gegenwart der Anthroposophischen Medizin. Es folgt im zweiten Teil die Kinderheilkunde mit berührenden Bildern von der Frühgeborenenstation der Filderklinik Stuttgart. Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem Liebe und Technik so Hand in Hand gehen, als auf solch einer Station. Einige Einstellungen zu den Herstellungsprozessen in der anthroposophischen Pharmazie ließen sich im Corona-Jahr nicht verwirklichen. Dafür gewinnt man Einblicke in den Weleda-Heilmittelgarten mit seinem leitenden Gärtner Michael Straub, sowie in die Mistelernte für die Krebstherapie durch den Botaniker Hartmut Ramm. In den nächsten Sequenzen folgen die ambulante Medizin, die Kunsttherapie und die Krebsheilkunde.

Der Film schließt mit einem Blick in die heutige Forschung und Ausbildung. Matthias Girke hebt hervor, dass im Film drei Schwerpunkte der Patient-Arzt-Begegnung sichtbar werden: «Was geschieht praktisch therapeutisch? Das illustrieren die Schnitte zu den äußeren Anwendungen, zur Heileurythmie und zur Kunsttherapie. Zweitens: Wie finde ich die gute Behandlung? Die Antwort darauf erfordert mehr als nur die Kenntnis der Leitlinientherapie. Beispielhaft ist hier die Grundhaltung Ita Wegmans, der Begründerin der Anthroposophischen Medizin, sich in der Begegnung mit dem Patienten innerlich frei für die individuelle Wahrnehmung des Patienten zu machen, um so seinen Heilbedarf erkennen und aus einer entsprechenden therapeutischen Inspiration behandeln zu können. Diesen Prozess haben wir im Film zu erfassen versucht.

Hier sind die Statements des Medizinethikers Giovanni Maio wichtig. Er betont, dass eine Medizin, die sich nicht um die Biografie des Kranken sorgt, keine echte Medizin sei. Das führt zum dritten Punkt, der Frage danach, wie ich als Patient, als Patientin gesehen und verstanden werde.» Geschichte und Inhalt, dann die tägliche Praxis und schließlich der innere Geist der Anthroposophischen Medizin, das seien, so Girke, die Themen, die im Film alle aufleuchteten.

An den Schwellen des Lebens

Zu den Sehgewohnheiten bei medizinischen Filmen gehört wie zu jeder Erzählung die Dramatik, die mit der amerikanischen Serie ‹Emergency room› ein ganzes Genre eröffnet hat – retten statt heilen. Tatsächlich gehört zur Genesung nicht nur Lyrik, sondern auch Dramatik. Aber wie lässt sie sich in einem Film über Anthroposophische Medizin einfangen? Soldner: «Uns war wichtig, dass die Zuschauer auch Nadel und Skalpell sehen. Zugleich ist das Charakteristische der Anthroposophischen Medizin oft gerade da wahrnehmbar, wo man nachdenklich wird. Man hat ein frühgeborenes Kind, das intensivmedizinisch versorgt wird, und man sinnt darüber nach, wie man ihm so helfen kann, dass es später nicht traumatisiert durchs Leben geht. Was diese Kleinsten der Kleinen in der Klinik erleben, ob ihre erste Hüllenbildung gelingt oder nicht gelingt, das werden sie ihr ganzes Leben lang mitnehmen.»

Was die Frühgeborenen, diese Kleinsten der Kleinen, in der Klinik erleben, ob ihre erste Hüllenbildung gelingt oder nicht gelingt, das werden sie ihr ganzes Leben lang mitnehmen.

Es kann auch mal ein Notfall sein, der sich naturgemäß einer geplanten Filmproduktion entzieht, aber die klassischen Momente, in denen die Anthroposophische Medizin sich bewährt, sind Momente der Sorge, der menschlichen Begegnung. Das betrifft – und auch das ist im Film zu sehen – auch Menschen an der Todesschwelle. Girke: «Wir hätten eine Hubschrauberlandung im Klinikum Havelhöhe filmen können, um dann zu sehen, wie alle rennen. Auch eine Reanimation ist ein hochspiritueller Moment, der sich aber einer geplanten und mit Einwilligung der Beteiligten erfolgenden Aufnahme entzieht. Deshalb haben wir uns auf die Frühgeborenenversorgung beschränkt.» Wie vermeidet man, dass die filmische Selbstdarstellung kein Imagefilm wird? Georg Soldner: «Der Film verzichtet auf den Patienten, der von einer wunderbaren Heilung berichtet. Das war eine bewusste Entscheidung. Gerade Kritiker blicken skeptisch auf solche Erzählungen. Es gibt in den verschiedensten Therapierichtungen eindrucksvolle Fallgeschichten, auch in der sogenannten Schulmedizin. So wie man in der Anthroposophischen Medizin wie in der Universitätsklinik einen Patienten finden wird, bei dem vieles schiefgelaufen ist, so kann man umgekehrt das Wunder der Heilung überall finden, wo engagierte Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und Therapeuten tätig sind und Patienten einen starken Gesundwerdewillen entwickeln. Uns ging es um einen möglichst seriösen Überblick und authentischen Einblick in die Anthroposophische Medizin. Wir haben darauf geachtet, dass alle Aussagen eine kritische Prüfung bestehen können. Dabei kommen dann auch Kollegen wie Friedemann Schad zu Wort, die ein ausgesprochen sachliches Bild der Anthroposophischen Medizin geben, das auf langjährigen Forschungsanstrengungen aufbaut und darauf achtet, nur das zu sagen, was man belegen kann.»

Schließlich stellt sich die Frage nach dem Humor, denn zu allen filmischen Präsentationen im Netz gehört diese Seelenseite heute dazu. Georg Soldner: «Es gibt humorvolle Momente, zum Beispiel, wenn ein älterer Schweizer Patient in breiter Mundart seine Kommentare zu der Therapie gibt. Humor ist eine Steigerung des Menschlichen. Uns kam es im Film darauf an, dass er dieses Menschliche so umfassend wie möglich darstellt. Deshalb ist er vielleicht eher berührend als humorvoll.» Damit diese berührende Ebene sich entfaltet, müssen die Patientinnen und Patienten Kameraauge, Mikrofon und Licht zulassen. Das habe, so Matthias Girke, das Filmteam immer wieder überrascht, dass die Patienten trotz ihrer nicht leichten Lebenslage im Krankenhaus zustimmten, gefilmt zu werden.

Was hat die beiden Sektionsleiter bei dem Filmprojekt überrascht? Girke: «Meine Überraschung war, dass es möglich ist, etwas vom Wesentlichen der Anthroposophischen Medizin einzufangen, und dass man in sieben Teilen ein Ganzes erzählen kann – eine Kunst der Fuge.» Soldner: «Annette Bopp hat in ihrem Film, der April 2020 herauskam, mit aufwendiger Recherche einzelne Krankengeschichten aus der Patientenperspektive porträtiert. Dazu ist unser Projekt komplementär. Wenn ich mich jetzt frage, was mich überrascht hat, ist es, die Kostbarkeit der Anthroposophischen Medizin fühlbar gespiegelt zu erleben. Nachdem ich den Film als Ganzes gesehen hatte, war ich berührt, mit welch kostbarem Gut wir umgehen.»


Zwei Fragen an den Filmemacher Benedikt Schulte

Was hat Sie an dem Projekt interessiert bzw. begeistert?

Ich habe mich über die Möglichkeit gefreut, dazu beitragen zu können, das öffentliche Bild von integrativer Anthroposophischer Medizin geradezurücken. Gerade die häufige Verwechslung mit ‹Alternativmedizin› sorgt für ein schiefes Zerrbild. Die Dreharbeiten und Interviews mit den Koryphäen der Medizin haben mich dabei besonders begeistert. Die Arbeit an dem Film ging über ein Jahr und es war fast wie zwei Semester Medizinstudium!

Was war eine besondere Herausforderung?

Unser Auftraggeber, die Medizinische Sektion, wollte keinen üblichen Corporate Film, sondern ein Porträt, das Anthroposophische Medizin nicht nur in ihrer Vielfalt zeigt, sondern auch den künstlerischen Aspekt, eben die ‹Kunst des Heilens›, berücksichtigt. Daher haben wir beschlossen, ein weiteres Element mit in den Film aufzunehmen, nämlich ein klassisches Kammerorchester bei der Probe. Dadurch hoffen wir die doch recht abstrakten Grundannahmen der Anthroposophischen Medizin (z. B. über die Wesensglieder) anschaulich zu machen. Außerdem mussten wir natürlich durch die Coronapandemie immer wieder mit Terminverschiebungen und wechselnden Regelungen zu Abständen und Maskenpflicht umgehen.


Der Film ‹Die Kunst des Heilens› ist ab dem 12. Februar, 20 Uhr, zu sehen.

Siehe auch: Facebook, Instagram.

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