Die Angst vor dem Nachbarn

Finnland will nach dem Angriffskrieg von Russland in der Ukraine nun schnell in die Nato. Wie konnte sich das Klima so schnell ändern?


Hans Hasler Das gilt übrigens auch ganz äußerlich, auch die Jahreszeit ändert sich sehr schnell. Heute (14. Mai) haben die Birken vor unserem Sommerhäuschen die ersten Blätter bekommen und erst vor einer Woche hat sich das Eis auf unserem See aufgelöst. Doch zu den Weltereignissen: Mit dem Angriff Russlands am 24. Februar sind die bisherigen Vorbehalte der finnischen Bevölkerung gegenüber der Nato wie Eis geschmolzen. Die Zustimmungsraten zur Nato stiegen innert weniger Jahre von rund 25 auf 76 Prozent. Warum sich hier die Meinung in der Bevölkerung so schnell und eindeutig wandelte, hat verschiedene Gründe. Einer ist die Erinnerung an das Trauma des Winterkriegs von 1939/40. Im Herbst 1939 forderte die Sowjetunion von Finnland Gebiete in der Karelischen Landenge. Finnland lehnte es ab und daraufhin griff die Rote Armee am 30. November 1939 das Nachbarland an. Die Parallelen zwischen diesem finnisch-russischen Krieg und dem Ukrainekonflikt sind deutlich. Finnland wurde damals nicht weniger überrascht als jetzt die Ukraine. Wie der Ukraine gelang es damals dem kleinen Drei-Millionen-Volk, der übermächtigen sowjetischen Armee standzuhalten. Wie in der Ukraine bedeutete dies ein Vielfaches an Verlusten der russischen Armee gegenüber den verteidigenden finnischen Truppen. Schlecht ausgerüstet, schlecht geführt, überrascht vom finnischen Abwehrwillen starben die sowjetischen Soldaten zu Zehntausenden, nicht zuletzt ein großes Kontingent Truppen aus der Ukraine, das bei 30 Grad unter null bei einem Vorstoß umkam, unter anderem weil der Diesel aller Tanks und Truppenfahrzeuge eingefroren war. Ja, an diesen Krieg erinnern sich viele Finninnen und Finnen, denn in jeder Familie gibt es Angehörige, die im Krieg geblieben sind oder die aus den abgetretenen Gebieten Kareliens fliehen mussten. 

«Nie wieder allein» – diesen Satz hört man dabei häufig.

Im Winterkrieg stand Finnland der Sowjetunion weitgehend allein gegenüber. Es gab damals lediglich aus Schweden und Estland kleinere freiwillige Kontingente. Ich kann mich erinnern, wie mein Vater, Arzt und hoher Milizoffizier in der Schweizer Armee, mit höchster Bewunderung vom Winterkrieg und der unglaublichen Leistung der finnischen Armee erzählte. Schmerzhaft war er sich bewusst, dass auch die Schweiz Finnland nicht helfen konnte.

Als Schweizer bist du mit ‹Neutralität› vertraut. Wie bewertest du die finnische Abkehr von diesem Status?

Ich verstehe, dass die Finnen diesen Schritt aus der Neutralität heraus machen und nach einem Schutz Ausschau halten. Die Handlungsweise von Russland ist gegen jede Form von Treu und Glauben. Nach der Ukraine hat Finnland mit 1300 Kilometern die längste Grenze mit Russland, wobei diese Grenzlinie weitgehend über fast unbesiedeltes Gebiet verläuft. Die nördlichste Gemeinde Finnlands, die an Russland angrenzt, ist mehr als ein Drittel so groß wie die ganze Schweiz und hat nur eine Bevölkerung von 7000 Menschen. Der Süden ist natürlich dichter besiedelt.

Wie würdest du das Verhältnis zwischen Russland und Finnland neben dem Trauma ‹Winterkrieg› beschreiben?

Es gibt ja noch die zweite Phase, die seit den 90er-Jahren überwunden ist. Sie hat vom Kriegsende 1945 bis Ende 80er-Jahre gedauert. Die finnische Politik hat in dieser Zeit die Wünsche und Forderungen des großen Nachbarn ständig berücksichtigt. Das haben viele Finnen und Finninnen als Demütigung in Erinnerung. Finnland hat in diesen Jahrzehnten einen Teil seiner Freiheit preisgegeben. Von dieser sogenannten Finnlandisierung ist man losgekommen. In den letzten Jahren war die Beziehung gut. Es war bis zum Ausbruch der kriegerischen Auseinandersetzungen sehr leicht, von Finnland aus nach Russland zu reisen. In zweieinhalb Stunden Eisenbahnfahrt waren meine Frau und ich manchmal von Lahti ganz einfach in die Oper nach Sankt Petersburg gefahren. Auch die Handelsbeziehungen waren sehr eng, ähnlich wie zwischen der Ukraine und Russland. Selbst in der Corona-Zeit blieb der Warenaustausch auf hohem Niveau. Aber es gibt ein finnisches Sprichwort, das die tieferliegende Skepsis gegenüber Russland ausdrückt: «Ein Russe bleibt ein Russe, auch wenn man ihn im Butter brät.»

Du bist immer wieder in Russland. Wie erlebst du die Stimmung im Land?

Mir scheint – soweit ich das mit meinen wenigen Beobachtungen der letzten Wochen sagen kann – in Russland alles den gewohnten Gang weiterzulaufen. Die internationale Tagung ‹Die Seele Europas› im Juli kann allerdings nicht stattfinden. Für die Anthroposophen und Anthroposophinnen lassen sich aber gut Zusammenkünfte innerhalb Russlands organisieren. Solange man sich nicht zur Politik äußert, ist alles in Ordnung.

Russland hat auf die Ankündigung Finnlands, der Nato beitreten zu wollen, recht moderat reagiert. Finnland und Schweden seien ohnehin schon in der EU und damit verloren.

Ja, da teile ich die Meinung vieler Kommentare: Was Peskow, der Kremlsprecher, sagt, ist kaum mehr als eine nichtssagende verbale Drohung. Tatsächlich ist Russland ja momentan und auch in näherer Zukunft gar nicht in der Lage, mögliche Drohungen wahr werden zu lassen. Es lässt sich in Finnland auch niemand von solchen Drohgebärden einschüchtern. 

Wie kann in der mittleren Zukunft ein Weg aussehen? Welchen Platz wird Russland in der Weltgemeinschaft haben?

Niemand hat eine Ahnung, wie sich der Krieg entwickelt. Ich halte es wie viele Sachverständige für möglich, dass der Krieg ziemlich lange gehen kann. Aus meiner persönlichen tiefen Beziehung zu Russland und zur russischen Kultur und Sprache ist mir wichtig: Wir dürfen innerlich auf keinen Fall die Verbindung mit der russischen Kultur und Sprache verlieren. Die Verneinung der ganzen russischen Kultur und russischen Auftritten gegenüber halte ich für katastrophal. Es ist ja gerade die russische Kultur, die jene Kräfte fördert, von denen zu hoffen ist, dass sie eine Änderung herbeiführen. Da bin ich mit Michail Schischkin einig, der jetzt mehrmals in der NZZ geschrieben hat. Er wohnt ja nicht weit weg vom Goetheanum. Er betont, dass der Sprachgebrauch von Putin die russische Sprache verletze und völlig konträr zum russischen Wesen stehe. Russland gehört – trotz der jetzigen Katastrophe – dem inneren Wesen nach mit seiner Kultur ganz zu Europa, zur Kultur und Geschichte Europas.


Gruß Am vergangenen Sonntag feierte Hans Hasler seinen 80. Geburtstag. Dazu gratuliert die Redaktion herzlich!

Grafik von Sofia Lismont

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