Der archimedische Punkt

«Dos moi pou sto kai kino ten gae» – Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich biege die Erde.» In seinen mathematischen Abhandlungen zitiert der griechische Mathematiker Pappos hier Archimedes. Dieser illustriert damit das Hebelgesetz. Mit einem festen Punkt und einem genügend langen Hebel könne er die Erde aus ihren Angeln heben.


Etwas überschaubarer zeigt der Versuch in den 10. Klassen der Waldorfschulen den Effekt: Ein fünf Meter langer Eisenträger wird unter ein Auto geschoben und am Türholm mit Steinen abgestützt. Das zierlichste Mädchen der Klasse drückt am Ende der Stange und hebt die Zwei-Tonnen-Karosse empor. ‹Der archimedische Punkt›, so heißt ein Vortrag, den Götz Werner vor zehn Jahren zum bedingungslosen Grundeinkommen gehalten hat. Tatsächlich fliegen die archimedischen Punkte hier durch den kleinen Saal. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft zähle nicht die Frage: ‹Was leistest du?›, sondern: ‹Was willst du von der Leistung anderer in Anspruch nehmen?› Damit ist der Punkt gesetzt. Den Hebel liefert das Denken: «Das verlangt den Wechsel von der Lohn- zur Verbrauchssteuer!» Anders als ein Flaschenzug oder ein Getriebe, die ebenfalls Kraft zu steigern vermögen, ist beim Hebelgesetz höchste Einfachheit am Zug. Es gibt nur den einen Punkt und den Hebel, der auf ihm ruht. Anthroposophie ist voller archimedischer Punkte. Wie beim Auto-Anheben gilt: Je enger man sie an die Wirklichkeit führt, desto leichter hebt sich diese aus ihren Angeln. So war es bei Götz Werner. Als Unternehmer, als Praktiker waren seine archimedischen Punkte direkt am Klotz, den es zu heben galt.


Illustration Fabian Roschka

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