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Das kann nur dem Bösen dienen

Leserbrief von Gabriele Bucher zu ‹Liebt das Böse gut!› und Antwort von der Redaktion.


‹Liebt das Böse gut!› – dieses als Titel im ‹Goetheanum› (G21, 22.5.2020) zu lesen hat mich tief schockiert. […] Vor einigen Wochen wies Frau Wendenburg in ihrem Artikel auf die Gefährlichkeit dieses Ausspruches hin, da es neben Luzifer und Ahriman höhere geistige Wesen gibt, die den Menschen grundsätzlich nicht wollten und die gerade in dieser Zeit ihren bösen Einfluss auf der Erde verstärkt ausüben.

[…] Es ist auch richtig, dass dadurch das Bewusstsein des Einzelmenschen für dieses Zwischenmenschliche wachsen kann, weil Versammlungen und Vorträge immer ein Gruppenseelenhaftes beinhalten, das dem Zeitalter der Bewusstseinsseele eigentlich nicht mehr entspricht. Zum Beispiel auf diese Weise dient das Böse (Luzifer und Ahriman) dem Guten (Christus, Michael). Damit dies geschehen konnte, erfolgte der Sturz der Geister der Finsternis vor Beginn der Regentschaft des Michael. Dies ermöglichte das Auftreten Rudolf Steiners, der die Anthroposophie in die Wahrnehmung seiner Zeitgenossen und künftiger Generationen bringen konnte. Aber es ermöglichte auch all das Unmenschliche, das seither geschehen ist und weiterhin in aller Öffentlichkeit geschieht. […]

Der Gedanke, dass der Mensch das Böse gut machen könne durch seine Liebe, entstammt den Manichäern der ersten christlichen Jahrhunderte, dem Zeitalter der Empfindungsseele. Diese lebten in vorchristlichen Traditionen, als durch Askese (Abkehr vom Physischen) und Hingabe an die guten geistigen Wesen noch etwas bewirkt werden konnte, weil die bösen Wesen ja noch keinen direkten Zugriff auf den Menschen hatten (siehe ‹Faust, Prolog im Himmel›: Der Herrgott gibt Mephistopheles die Erlaubnis).

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Der Gedanke, dass der Mensch das Böse gut machen könne durch seine Liebe, entstammt den Manichäern der ersten christlichen Jahrhunderte, dem Zeitalter der Empfindungsseele.

Eine Aufforderung ‹Liebt das Böse gut!› kann in der heutigen Zeit nur dem Bösen dienen, da es die Rollen vertauscht und dem Menschen eine Macht zuspricht, die nicht einmal der Christus in der Situation der Versuchung in Anspruch nehmen konnte, wenn er Mensch bleiben wollte. Und beten die Christen nicht immer noch: «und führe uns nicht in Versuchung»? Im Lukasevangelium, wo ein Jünger bittet: «Herr, lehre uns beten», endet das Gebet hier, in Matthäus, wo es Bestandteil der Bergpredigt ist, folgt der Zusatz: «sondern erlöse uns von dem Bösen». Dies vor fast 2000 Jahren. Und heißt es nicht: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»? Das sind doch klare Worte über das Verhältnis zum Bösen und die Aufgabe der Liebefähigkeit des Menschen. Vom Denken, von der Verstandes- und Gemütsseele, war damals noch nicht die Rede, man folgte Traditionen.

Da Rudolf Steiner in seinen Vorträgen nur das aussprechen konnte, wofür eine Aufnahmebereitschaft bestand, finden sich seine Aussagen zum Wesen des Bösen nur in einigen Vorträgen. Und wenn ich heute Rudolf Steiners Vortrag ‹Das Alphabet, ein Ausdruck des Menschengeheimnisses› lese (oder von Christa Slezak-Schindler höre), fasst mich jedes Mal ein leiser Schauder bei der Stelle, wo es sinngemäß heißt: «Wenn man unter das Gedächtnis hinabgeht, kommt man an das Böse im Menschen» – Rudolf Steiner führt das nicht aus, vermutlich, weil die Zuhörenden es nicht ertragen hätten, aber er muss es in dem Augenblick sehr klar wahrgenommen haben.

Ein ‹Liebt das Böse gut!› […] könnte sich allenfalls auf einen Mitmenschen, den man als böse empfindet, bezogen haben. Dann wäre es aber ein Element des Verzeihens: «Verzeihe dem bösen Menschen, denn er ist wie du selbst.» Was ja wiederum dem «und vergib uns unsere bösen Taten, wie auch wir vergeben denen, die uns Böses angetan» entspricht, worin in heutiger Zeit Christus als Herr des Karmas angesprochen wird.

Gabriele Bucher


Antwort von der Redaktion

Liebe Frau Bucher

Die Zeile ‹Liebt das Böse gut› stammt, wie im ‹Goetheanum› zu lesen war, aus der Hand Christian Morgensterns. Hier zwei Verse aus dem Gedicht (siehe unten):

Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.

‹Liebt das Böse – gut!›
lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen – 
Liebesmut!

Andrea Pfaehler, Regisseurin des ‹Faust›, hat es als ihr Motiv beschrieben, weil es zur Kernaussage des Faust gehört. Mephisto gibt ihm Gretchen, doch weil sich Faust in sie verliebt, löst er sich aus dessen Fängen. In Morgensterns Zeilen ist also, wie so oft in poetischen Zeilen, ein doppelter Sinn: durch Liebe zur Welt das Böse verwandeln und durch Liebe zum Bösen selbst das Böse verwandeln. Liebe ist immer umfassend, kann nie partiell sein. Ich kann mir nur schwer eine Liebe vorstellen, die groß sein will, aber das Böse in sich nicht aufnehmen will. Die Wärme wird häufig als irdisches Pendant für die Liebe genommen. Auch sie vermag nicht zu sondern. Die beste Isolation kann nicht verhindern, dass die Wärme ausströmt und alles ergreift. Wie die Liebe ist sie universell. Dabei scheint mir wichtig, hier nicht Liebe mit Sympathie zu verwechseln. Es lohnt sich, das Gegenbild auszumalen, und vermutlich hat jede und jeder hier persönliche Erfahrungen. Was geschieht, wenn man gegen das Böse kämpft? Mit einem Mal hat man dessen Mittel in der Hand und ist zu einem Teil von ihm geworden. Es mag, wie Sie schreiben, Grade des Bösen geben, wo man mit Morgensterns Ruf scheitert. Dann wird es aber kaum etwas anderes als die Liebe sein können, die einem höhere Kräfte zur Seite ruft. Für eine lebenspraktische und recht deutsche Ebene hat es der Gründer der GLS-Gemeinschaftsbank Wilhelm Ernst Barkhoff einmal formuliert: «Gegen Behörden hilft nur Liebe, denn gegen Liebe sind sie machtlos.»

Wolfgang Held

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‹Brüder!› – Hört das Wort!
Soll’s ein Wort nur bleiben?
Soll’s nicht Früchte treiben
fort und fort?

Oft erscholl der Schwur!
Ward auch oft gehalten –
doch in engem, alten
Sinne nur.

O sein neuer Sinn!
Lernt ihn doch erkennen!
Lasst doch heiß ihn brennen
durch euch hin!

Allen Bruder sein!
Allen helfen, dienen!
Ist, seit er erschienen,
Ziel allein!

Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.

‹Liebt das Böse – gut!›
lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen –
Liebesmut!

‹Brüder!› – Hört das Wort!
Dass es Wahrheit werde –
und dereinst die Erde
Gottes Ort!

— Christian Morgenstern

Bild: Probenfoto von ‹Faust 1 und 2› am Goetheanum, Foto: Wolfgang Held.

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