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Bin auch ich Transhumanist?

Die zweite Kulturtagung am Goetheanum zum Transhumanismus, ‹Das Ende des Menschen?›(1), zeigte, dass die heutige Kultur längst in einer Symbiose mit Technik lebt, sodass es um einen Umgang und nicht um eine Ablehnung geht. Dieser Umgang gelingt durch kulturelle Souveränität, sodass der Transhumanismus dazu auffordert, das unverwechselbar Menschliche des Menschen hervorzukehren. Zehn Vorträge und mehrere Podien an zwei Tagen bedeuteten dabei eine inhaltliche Fülle, die hier zugunsten persönlicher Eindrücke im Hintergrund bleibt.


Transhumanismus und Anthroposophie haben in einem gewissen Sinne gemeinsame Ideale: Verbesserung des Menschen, Erweiterung der Autonomie, Selbstschöpfer werden, sich von dem begrenzenden Körper lösen und den Tod überwinden. Für beide Richtungen ist der Mensch so, wie er gegenwärtig ist, ein Mängelwesen. Der grundlegende Unterschied liegt weniger im ‹Was› denn im ‹Wie›.

Dahinter die Angst vor dem Tod?

Der Transhumanist will diese Ziele durch äußere technische Mittel erreichen, von der Prothese einer Brille über den ins Gehirn eingepflanzten Chip bis hin zur Verpflanzung des heute noch an das Gehirn gebundenen Bewusstseins auf eine Maschine, die sich mit anderen solchen Maschinen zu einem selbstlernenden System vernetzt. Damit wäre die Unsterblichkeit erreicht – vorausgesetzt, dass eine immerwährende Energiezufuhr gewährleistet ist. Die sonnenbeschienene, von einer Lufthülle umgebene Erde mit ihren Pflanzen und Tieren, aus denen der Mensch als körperliches Wesen einst hervorgegangen ist, würde keine Rolle mehr spielen (abgesehen von den Stoffen, aus denen die Maschinen und Prozessoren bestehen, und der Sonne als Energielieferant), und so gäbe es dann für den Übermenschen auch keine Umweltprobleme mehr.

So absurd das klingen mag: Diese Ideale prägen schon heute unser Leben. In der Pädagogik geht es bereits im frühen Kindesalter darum, digitale Techniken einzuüben, oder um Gesichtserkennung, die die Konzentration der Schüler dokumentiert. Im Gesundheitswesen werden der fehlbar diagnostizierende Arzt und die Pflegekraft, die wegen ihrer Dokumentationspflichten keine Zeit mehr für die Patienten haben, durch Roboter ersetzt. Intelligente Prothesen erkennen die Impulse im Gehirn und übertragen sie auf bewegliche oder sprechende Maschinen. Die Gesundheitsdaten werden direkt aus dem Körper an Versicherer übermittelt. Im Sinne dieser Techniken geschieht die Kommunikation immer weniger durch Zuhören und Sprechen, durch Blickkontakte oder Berührungen, sondern durch den bloßen Austausch von Informationen in sich vernetzenden Systemen.

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Ist der eigentliche Antrieb für den Transhumanisten die Angst vor dem eigenen Tod?

Doch nicht erst die Techniken, sondern bereits die ihnen zugrunde liegenden, im 19. Jahrhundert wurzelnden Denkweisen, die den menschlichen Organismus als eine komplizierte Maschine vorstellen, verändern das Zusammenleben grundlegend, auch dort, wo man es nicht vermutet. So geht es in der Nachhaltigkeitsdebatte angesichts des Klimawandels oftmals um die Konditionierung der menschlichen Psyche im Dienste eines ‹umweltverträglichen Wirtschaftswachstums›. (2) Da der Transhumanist aus seinem Maschinenbild vom Menschen heraus das Gehirn in elektronischer Hinsicht zu optimieren sucht, ist es für ihn kein Widerspruch, dass auf einer anderen, von ihm ausgeblendeten Erfahrungsebene das angestrebte Mehr an Autonomie längst ins Gegenteil umgeschlagen ist. Insofern irritiert ihn vermutlich kaum, dass er selbst die von ihm entwickelte Technik immer weniger durchschaut. Es kommt ihm auf das Ergebnis an.

Solche Fakten und die damit verbundenen Fragen wurden auf der Tagung sachkundig und abwiegend dargestellt. Besonders eine Frage trieb die Teilnehmenden um: Ist der eigentliche Antrieb für den Transhumanisten die Angst vor dem eigenen Tod?

Der Anthroposoph nun – als ‹ein› Vertreter derjenigen, die sich ihres Menschentums bewusst sind – sieht es als eine Chance, Mängelwesen zu sein. Als solches ist er nicht in einer Richtung festgelegt, sondern trägt in sich das Potenzial, sich selbstbestimmt zu entwickeln – durch Selbsterziehung, Verwandlung von innen her. Voraussetzung ist, dass während der Kindheit das physische Gehirn zu einem Beziehungsorgan ausreifen und sich ein reiches Gefühlsleben ausbilden kann; dass der zunächst an den Leib gebundene Wille das Denken verlebendigt. Zu einem autonomen Wesen entwickelt, nimmt der Mensch auch den anderen Menschen als ein solches wahr, und so kann ein auf Vertrauen gründendes Gemeinwesen entstehen, auch eine an den tatsächlichen Bedürfnissen orientierte Wirtschaft. Der Mensch wird schließlich als Mikrokosmos erfahrbar, der aus dem Makrokosmos hervorgegangen ist und durch die Auseinandersetzung mit Materialismus und Tod aus innerer Freiheit heraus wieder in Verbindung mit dem Kosmos treten und so seinen ewigen Wesenskern erfahren kann, der nicht nur an den gegenwärtigen Leib gebunden ist.

Auch diese Ideale sind in der Welt wirksam. Sie machen die den Menschen umgebende Natur, die Erde und die Atmosphäre nicht überflüssig, sondern geben ihnen als Wesen ihre Würde zurück, beziehen sie in die eigene Entwicklung mit ein und führen sie so vielleicht auch über sich selbst hinaus. –  Das wurde in vielen der Beiträge eindrucksvoll deutlich.

Fünf Schritte durch die Krankheit

Natürlich ist eine solche Gegenüberstellung, die die Welt in Gut und Böse einteilt und eindeutige Zugehörigkeiten impliziert, gefährlich. Auf der Tagung war zu erleben, dass es durchaus technikbegeisterte Anthroposophen gibt – nicht nur daran, dass der (stumme) Gebrauch des Smartphones selbst während der Vorträge allgegenwärtig war. Gemeinsames Anliegen war es jedoch, besonders die frühe Kindheit zu schützen und die Technik mit verstehendem Bewusstsein zu durchdringen. Doch schon die Frage, welche Rolle die intelligente Technik in der Zukunft spielen sollte und wird, wurde unterschiedlich angegangen. Muss sie als eine unaufhaltsame Kraft begriffen werden, die bei sie überholender Ausbildung moralischer Kräfte auch durchaus sinnvoll zu nutzen ist? Gibt es überzeugende Ansätze, eine in der Moral gründende neuartige Technik zu entwickeln?

Sehr eindrücklich hat Matthias Girke, Arzt und Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, die Notwendigkeiten und Möglichkeiten in der Entwicklung der therapeutischen Beziehung angesichts einer technisierten Medizin dargestellt. Er will medizinische Techniken nicht prinzipiell ablehnen, seien es bildgebende diagnostische Verfahren oder intelligente Substitute wie Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate oder den Insulinhaushalt steuernde Systeme. Letztere können vom Individuum so integriert werden, dass sie ihm dienen und neue Möglichkeiten erschließen.

Das eigentliche Problem liegt darin, wie die therapeutische Begegnung gestaltet wird. Die technischen Möglichkeiten und technikbasierten Dokumentationen nehmen zu und lassen die Empathiefähigkeit schwinden – auch die Fähigkeit, mit den existenziellen Fragen von Leben und Tod umzugehen. Neben der extremen Arbeitsbelastung führt auch dies bei den therapeutisch Tätigen zu Depressionen und erhöhten Suizidraten. Der Patient spürt: Werde ich von einem Menschen als ganzer Mensch wahrgenommen oder zählen nur die virtuellen Diagnosen? Davon hängt sein Gesundungswille ab. Girke deutete fünf Übungsschritte an, um den Patienten in dieser Situation durch seine Krankheit begleiten zu können: einen gemeinsamen Aufmerksamkeitsraum schaffen, in dem Neues als «Gnade» eintreten kann; einen Heilerwillen entwickeln, der im Patienten zum Gesundungswillen wird; das Fühlen zur Ahnung steigern und so mit dem Herzen sehen lernen; nicht nur auf das, was schlechter wird, sondern auf das, was werden will, schauen; am anderen Menschen lernen. In der sich auf diesem Wege ausbildenden, die Isolation des Patienten auflösenden Wärmehülle kann jederzeit ein neuer Entwicklungsort entstehen.

 


Bild: Michael Hauskeller, Philosoph aus Liverpool, beim Podiumsgespräch Foto: W. Held

Bild: Michael Hauskeller, Philosoph aus Liverpool, beim Podiumsgespräch Foto: W. Held

 

Scheu der analog aufgewachsen Generation

Ohne die Notwendigkeit des Schutzes der frühen Kindheit relativieren zu wollen, entsteht für mich bei der Behandlung der digitalen Medien die Frage, ob da nicht gelegentlich Projektionen der älteren Generation, die noch nicht als «Digital Natives» aufgewachsen sind, eine Rolle spielen. Gehen Jugendliche ab der Pubertät nicht oft ganz anders damit um als unsereins – mit einer größeren Leichtigkeit und Freiheit, die die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch gar nicht behindert? Im Saal stieg die Spannung, als der Philosoph und Transhumanismusforscher Michael Hauskeller (Universität Liverpool) der großen Sorge Michaela Glöcklers, Kinderärztin und über fast 30 Jahre Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, mit einem Bericht von den tiefen Gesprächen entgegentrat, die er mit seinem zwölfjährigen Sohn führe, der viele Stunden am Tag mit Computerspielen verbringe und dabei viel lerne. Vielleicht trifft dies ja vor allem dann zu, wenn während der frühen Kindheit andere Qualitäten prägend waren. Auf alle Fälle bedarf es eines genauen und differenzierenden Blickes auf das, was geschieht, und auch wie es geschieht. Und wie in der Medizin gilt auch hier: ein Blick nicht nur auf das, was immer schlechter wird, sondern ebenso auf das, was an Neuem entstehen will.

Zu den Mitgestaltern der Tagung gehörten auch zwei im anthroposophischen Kontext nicht beheimatete ‹Gäste›: der erwähnte Michael Hauskeller sowie die Dichterin und Schriftstellerin Marica Bodrožić aus Berlin. Letztere sagte im abschließenden Podiumsgespräch von sich: «Ich spreche als jemand, der zu niemandem gehört.» Dieses ohne jegliche Anzüglichkeit vorgebrachte Votum hat mich sehr betroffen gemacht.

Ein eigenes Menschenbild oder nur dessen Idee?

Von ihrem Standpunkt aus wurde deutlich: Die anthroposophischen Rednerinnen und Redner haben nicht nur mehr oder weniger ausdrücklich für Insider gesprochen, manchmal mit gut gemeinten Hinweisen, wo man das nur höchst aphoristisch Angedeutete nachlesen könne, sondern meist auch so, als ob Rudolf Steiner das einzig maßgebliche Gerüst gebe, auf das man sich in seinen Ausführungen beziehe, inhaltlich wie methodisch. Das vielfach beschworene Individuum trat darüber manchmal zurück – zugunsten einer selbstverständlichen ‹Zugehörigkeit›. Diese Haltung zeigte sich auch unter den Teilnehmenden. So wurde aus dem Publikum heraus Michael Hauskeller, der einleitend nicht nur die Positionen des Transhumanismus sachlich dargestellt, sondern auch von deren Überwindung durch das Würde verleihende Wort «Mensch» gesprochen hatte – allerdings ohne auf Steiner Bezug zu nehmen –, selbstverständlich als Transhumanist bezeichnet.

Ich erlebe diese Problematik an mir selbst: Steiner ‹ist› mein ‹Lehrer›, ihm verdanke ich viele Inhalte und Methoden. Manches habe ich mir zu eigen gemacht. Durch seine Anthroposophie kann ich die Welt anders verstehen. Auf diesem Wege komme ich durchaus zu eigenständigen Gedanken und eigenen Denk- und Empfindungserfahrungen, die mich an die Schwelle des Geistigen führen. Da heraus scheint es nur ehrlich zu sein, mich auf Steiner zu beziehen. Es ist dies auch ein Ausdruck von Dankbarkeit. Zugleich gebe ich aber auch Verantwortung an den ‹Meister› ab, stelle mich nicht vollständig auf die Spitze meiner Persönlichkeit. Ich lasse meine Gedanken und inneren Erfahrungen nicht einfach für sich sprechen, sondern beleuchte sie durch Steiner – und gebe ihnen dadurch ein ‹objektives› Gewicht. Ohne es zu wollen, benutze ich ihn. Ist dies nicht auch Ausdruck eines mangelnden Selbstvertrauens, selbst wenn ich davon ausgehe, Steiner ‹wirklich› verstanden zu haben?

Gleichzeitig überspiele ich dabei meine eigene Ohnmacht angesichts der vom ‹harten› Transhumanisten ausgeblendeten geistigen Ebene, ohne die eine wirkliche Autonomieerfahrung als Ich-Erfahrung nicht möglich ist. Durch das inzwischen fast vollständig veröffentlichte, auch elektronisch zugängliche gewaltige (Vortrags-)Werk Steiners bin ich voller anregender Ideen von dem, was hinter der Ohnmacht möglich ist, die ich ebenso wie technische Implantate erst aktiv in mein Eigensein integrieren muss. (3)

In der Abschlussrunde der Tagung kam auch ein junger Mann zu Wort, der als Webdesigner in einem der großen Konzerne im Silicon Valley arbeitet. Er schilderte eindrücklich, wie er darum ringt, sein Anthroposoph-Sein mit dieser Arbeit zu verbinden. Aus diesem Ringen heraus formulierte er eine mir wichtige Frage: Habe ich ein Menschenbild, das existiert, oder nur viele Ideen zu einem Menschenbild, die z. B. von Rudolf Steiner stammen?

Mir scheint, dass sich am Umgang mit dieser Frage entscheidet, ob ich ganz aus mir spreche/schreibe oder aus einer Zugehörigkeit. Anders formuliert: ob ich ganz «Mensch für mich» (4) bin oder doch auch ein wenig Transhumanist. Denn auch der Transhumanist strebt ja, wie bemerkt, eine Erweiterung der Autonomie an, aber eben nicht von innen heraus, sondern durch etwas Äußeres, und das lässt ihn nie vollständig autonom werden. So führt mich die Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus als Anthroposophen auf dieser Tagung in eine grundsätzliche Selbstprüfung, und dafür bin ich dankbar.

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Spreche ich aus mir oder aus einer Zugehörigkeit? Die Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus führte mich als Anthroposophen auf der Tagung in eine grundsätzliche Selbstprüfung.

Nach dem Frost

Der Samstagabend war der Sprache als Brücke zum Kosmos gewidmet – eine Sternstunde! Marica Bodrožić hielt keinen Vortrag im üblichen Sinne; sie las ihn auch nicht einfach ab, sondern sprach einen dichten, poetisch-erzählerischen Text, den sie «Maulbeeren der Schönheit» nennt. Die zum Textkörper geronnenen Gedanken verlebendigte sie mittels der aus dem Leib sich herausbildenden Sprache. Innere und äußere Gestaltungskraft wurden so als Einheit erlebbar – ein Ereignis, wie es keine Maschine erzeugen kann. Wie ihre Sprache trägt, zeigte sich auch in der anschließenden Eurythmie, in der die zuvor von ihr ebenfalls lesend gesprochenen Eingangspassagen aus ihrem Roman ‹Das Wasser unserer Träume› (5) sowie eins ihrer Gedichte dargestellt wurden – nun zur Stimme von Barbara Stuten, die sich mit dieser inmitten der die Sprache sichtbar machenden Eurythmistinnen und Eurythmisten ruhevoll bewegte.

Das Transhumanismus-Thema ging Bodrožić zunächst von einer ganz anderen Seite an – der inneren und äußeren Ausgesetztheit: Der Übermenschenwahn der Diktatoren des 20. Jahrhunderts zerbrach in seinem Streben nach einem unsterblichen Volkskörper die angreifbaren Körper Andersdenkender in Lagern und auf Todesmärschen. Dass der einzelne Mensch auch dann noch seine innere Lebendigkeit bewahren kann, machte sie an dem überlebenden Résistance-Kämpfer und Schriftsteller Robert Antelme (1917–1990) deutlich, der beschreibt, wie er für Augenblicke die «Macht» hatte, während der vielen den Tod bringenden Märsche in der Kolonne nur die Blumen zu sehen oder den Duft der feuchten Blätter zu riechen. (6)

Dem Wüten kollektiver Unsterblichkeitsfantasien ist die Autorin selbst in ihrem Herkunftsland, dem zerfallenden Jugoslawien, nachgegangen. (7) Für sie ist der Mensch im Sinne des von ihr offenbar verehrten jugoslawischen Schriftstellers Danilo Kiš (1935–1989) eine «ethnografische Rarität», deren «beunruhigende Differenz» zum Inspirationsquell werden kann. (8) Mensch zu bleiben jenseits des Kollektivs, das gelingt nur im Wissen um die äußerste und zugleich innerste Grenze des Todes, durch die Erfahrung der Fragilität des eigenen Körpers als Instrument autonomen Seins. Doch das Bewusstsein davon, so heißt es in dem unter einem eigenen Titel – ‹Eine Betrachtung zur Mathematik der Verführung› – stehenden Schluss ihres Vortrages, will das «Böse» unterlaufen, denn es rechnet damit, dass wir an sein Vorhandensein nicht glauben. Genau dadurch kann es tun und lassen, was es will, kann sich in uns als «Hausherr» einnisten und zur Flucht ins Absolute verführen, und darüber auch zum Schweigen über das, was konkret um uns herum passiert. Es will uns zu kalten Maschinen ohne Gewissen machen.

Nun wird auch der Titel ihres Vortrags verständlich, der sich auf ein Zitat von Plinius dem Älteren (ca. 23–79 n. Chr.) bezieht: Erst nach «Ende der späteren Fröste», also im Durchgang durch die Krise, kommt uns unversehens die Kraft zu, wie der Maulbeerbaum «in einer einzigen Nacht» auszuschlagen und zu einem neuen Leben zu erwachen. Damit berührt Marica Bodrožić essenziell das Tagungsthema, das nach dem Ende des Menschen fragt. Es geht ihr nicht darum, zu retten, was zu retten ist, sondern um das, was werden kann, wenn wir uns aussetzen – auch in uns selbst.

Das Erwachen zu neuem Leben ist auch Thema des Romans ‹Das Wasser unserer Träume›, der im Innenblick ein allmähliches Auftauchen aus dem Koma beschreibt, wobei die Berührungen, Worte und Zuversichtlichkeiten der umgebenden Menschen eine entscheidende Rolle spielen – so wie die Autorin in ihren essayistischen Texten vielfach ihr zugekommene, sie berührende Worte anderer «ethnografische[r] Raritäten» aufgreift, die sie beleben, ohne sie einzuengen. Dadurch entsteht das Bild einer Gemeinschaft Wahlverwandter jenseits aller Kollektivität – als wirkliches Gegenbild zu den sich elektronisch vernetzenden Systemen der Transhumanisten.


(1) Mitwirkende: Marica Bodrožić, Ariane Eichenberg, Matthias Girke, Michaela Glöckler, Stefan Hasler, Michael Hauskeller, Edwin Hübner, Johannes Kühl, Sebastian Lorenz, René Madeleyn, Claus-Peter Röh. Die Moderation lag bei Ariane Eichenberg, Christiane Haid war erkrankt.
(2) Vgl. meinen Artikel ‹Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung: Wie kommt Neues in die Welt? – Aus Liebe zur Handlung›, in ‹die Drei› 11+12/2019.
(3) Das gilt natürlich auch gegenüber der ‹üblichen› Wissenschaft, die in ihrer nicht mehr überschaubaren Komplexität ebenso vielfach als Gerüst herhalten muss. Auch mit dieser gehen viele Anthroposophen oft speziell um: Einerseits betonen sie ihre Einseitigkeit, die zu falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit führen kann. Andererseits benutzen sie sie, um die Richtigkeit von Feststellungen der Geisteswissenschaft zu beweisen, ohne die Verbindung zwischen beiden Ansätzen authentisch herstellen zu können.
(4) Unter dem Titel ‹Ich bin ein Mensch für mich. Aus einem unbequemen Leben› hat Renate Riemeck, die sich als Anthroposophin ins öffentliche Leben gestellt hat, ihre Autobiografie veröffentlicht (Stuttgart 1992)
(5) München 2016.
(6) In: ‹Das Menschengeschlecht›, München 1987.
(7) Vgl. ‹Mein weißer Frieden›, München 2014.
(8) Danilo Kiš in ‹Geburtsurkunde›, 1983, abgedruckt in: Mark Thompsen, ‹Geburtsurkunde. Die Geschichte von Danilo Kiš›, München 2015. – In seiner ‹Theosophie› (1904, 1918; GA 9) schreibt Rudolf Steiner entsprechend, «dass in geistiger Beziehung jeder Mensch eine Gattung für sich ist» (Dornach 1961, S. 71). (9) Zuletzt: ‹Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe›, Berlin 2019.

Titelbild von links: Matthias Girke, René Madeleyn, Ariane Eichenberg, Michael Hauskeller, Sebastian Lorenz. Foto: W. Held

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  1. Transhumanismus: Jenseits des Menschen ist der Tod. Es geht dem Transhumanismus nicht um die Überwindung des Todes aus Angst, sondern darum, den Tod zu erleben. Deshalb gibt es diese Philosophie jenseits und ohne den Menschen. Deshalb suchen viele ihn. Deshalb kann er zu einer beherrschenden Weltanschauung werden. Bediente sich die Menschheit einst der luziden Metapher sinnlich-paradiesischer Freuden oder kontrastgebend dem Brand in der Hölle, um Sehnsucht und Schrecken vor dem Ende zu vereinen, so heute die schmerz- und genussfreie reine Welt des Scheins, der virtuellen Körper, die ihre ekstatische Existenz als reine Gedanken angstvoll verdichten gegen die unendliche Einsamkeit des Vergessenseins.
    Die Frage ist doch: Hat unsere fragile Leiblichkeit eine Zukunft? Bleibt sie Träger der Entwicklung der Menschheit oder verlassen wir diesen Planeten, das Säugetier Mensch zurücklassend in Richtung Geist- Welcher Geist? Werden wir als leibfreie Ich-Splitter- eine Schrottladung Richtung Mars begleiten?
    Wie viel Poesie braucht es um Hirn und Leber vom kalten Stahl zu befreien und von den elektromagnetischen Kurzschlüssen? Wie viel Mut braucht es, für die Menschenart, ein Leben mit anderen – menschlichen und nicht menschlichen Geistwesen einzuüben, hier im Fleisch: „…et incarnatus est“?

    Rolf Heine, Filderstadt

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