Harald V. bestieg 1991 den Thron Norwegens und formte die Monarchie zu einer überparteilichen integrativen Institution. Am 28. August verstarb er mit 89 Jahren. Die Autorin Awaatef Abdullah Hassan: «Er hat mir einen Raum eröffnet, von dem ich nicht wusste, dass es ihn gibt.»
Auf dem Weg zu meiner Arbeit als Dozent für Steiner-Pädagogik und Anthroposophie gehe ich durch den Schlosspark in Oslo. Ein Meer von Menschen, Kinderzeichnungen und Blumen begegnet mir heute. Manchen stehen Tränen in den Augen. König Harald ist gerade entschlafen, als die Mondfinsternis am Morgen des 28. September ihren Höhepunkt erreichte. «Seit jeher werden Sonnen- und Mondfinsternisse als Vorzeichen für Machtwechsel und den Tod von Königen gedeutet. Es ist, als wolle der Kosmos unterstreichen, dass er unser wahrer, vom Schicksal bestimmter Monarch war», schrieb der Religionswissenschaftler Jørg Arne Jørgensen.
König Harald, geboren am 21. Februar 1937, war der erste in Norwegen geborene König seit 560 Jahren. Mit drei Jahren floh er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in die USA, als Norwegen von Deutschland besetzt wurde. Die Familie wohnte auf dem Landsitz von Präsident Roosevelt und entwickelte eine enge Beziehung zu ihm. Eine der lebhaftesten Erinnerungen König Haralds war, dass er bei der letzten Amtseinführung Präsident Roosevelts im Jahr 1945 direkt hinter diesem stand. Er beschrieb den Präsidenten als eine Art Großvaterfigur, die seine Kindheit maßgeblich geprägt hatte.
Harald liebte eine Frau aus dem Volk: Sonja Haraldsen. Jahrelang trafen sich die beiden heimlich. Die Presse entdeckte die Beziehung, und es folgte eine hitzige öffentliche Debatte. Harald wollte die Frau heiraten, die er liebte, und stellte seinem Vater ein Ultimatum: Entweder dürfe er Sonja heiraten, oder er bleibe für den Rest seines Lebens unverheiratet. Harald setzte seinen Willen durch, und die Hochzeit fand am 29. August 1968 statt. Dem Herzen zu folgen und die Liebe über gesellschaftliche Normen zu stellen, prägte die Rede, die König Harald knapp 50 Jahre später, im August 2016, hielt. Sie wurde später als Meisterwerk inklusiver Rhetorik beschrieben. Im Mittelpunkt standen das Recht, den Menschen zu lieben, den man von ganzem Herzen liebt, das Recht, man selbst zu sein, sowie die Achtung der Würde aller Menschen unabhängig von Glauben, Geschlecht, sexueller Orientierung, Kultur und ethnischer Zugehörigkeit. Harald beschrieb das moderne, vielfältige Norwegen auf eine Weise, wie es vor ihm noch kein Staatsoberhaupt getan hatte.
Seine Antwort auf die Frage «Was bedeutet es, Norweger zu sein?» bewegte eine Nation, ja, die Welt:
«Norweger sind Mädchen, die Mädchen lieben, Jungen, die Jungen lieben, und Mädchen und Jungen, die einander lieben.»
«Norweger glauben an Gott, Allah, das All und das Nichts.»
«Norweger sind auch Einwanderer aus Afghanistan, Pakistan und Polen, aus Schweden, Somalia und Syrien […] Norwegen, das seid ihr. Norwegen, das sind wir.»
Die junge Autorin Awaatef Abdullah Hassan schrieb über Harald, dass sie vor seiner Rede im Jahr 2016 immer «eine stille Form des Außenseitertums» gespürt habe. Als er jedoch «vom Norwegertum als etwas sprach, das wir alle in uns tragen, war es, als hätte er einen Raum eröffnet, von dem ich nicht wusste, dass es ihn gab […] Er ermöglichte es mir, zu meiner eigenen Identität zu stehen, ohne das Gefühl zu haben, dass ich sie anpassen müsste, um dazuzugehören» (‹Verdens Gang›, 30.8.2026).
Nicht nur Schwule, Bisexuelle und Lesben fanden in der Rede des Königs Bestätigung, sondern auch Menschen mit Geschlechtsinkongruenz, die im allgemeinen Sprachgebrauch oft als Transpersonen bezeichnet werden, empfanden sie als inklusiv. Im Jahr 2016 bezog König Harald die queere Community unmissverständlich und selbstverständlich in die norwegische Gemeinschaft ein. Als die internationale Presse hervorhob, wie ungewöhnlich dies sei, entgegnete der König, er habe lediglich gesagt, wie Norwegen sei, und er finde es «seltsam, dass dies für so viele eine Überraschung sein sollte». Nach dem Terroranschlag auf die queere Community in Oslo am 25. Juni 2022 nutzte König Harald erneut seine Stimme, um deren Platz in der Gesellschaft zu betonen. Später erklärte er, die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft unsere Minderheiten schützen, sei «ein Lackmustest dafür, wie gut die Gesellschaft funktioniert».
Von einem solchen Lackmustest sprach auch die jüdisch-ukrainisch-deutsche Denkerin und Politikerin Marina Weisband in einem Vortrag im Unternehmen Mitte in Basel am 11. November 2024: Man könne den Zustand einer Demokratie und eines Landes daran messen, wie Transmenschen behandelt würden. Sie seien leider die sogenannten ‹Kanarienvögel›, die anzeigten, was an einem System kritisch sei. Weisband veranschaulichte dies anhand der jüdischen Minderheit in Deutschland in der Zwischenkriegszeit. Deren Angehörige entwickelten kein selbstverständliches Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft. Dadurch konnte diese Minderheit von faschistischen Gruppierungen zum Angriffsziel gemacht werden. Die faschistische Taktik habe schon immer darin bestanden, eine kleine Minderheit zu stigmatisieren: eine Außengruppe, die geopfert werden könne. Weisband fragte: Wie verhält sich die Gesellschaft gegenüber Transmenschen, die gerade als erste Opfer ausgewählt werden?
Hier unterscheidet sich König Harald deutlich von autoritären Staatschefs wie Wladimir Putin und Donald Trump. Letzterer hat seit Beginn seiner letzten Amtszeit Rechte abgeschafft, für die Transpersonen gekämpft haben. Sein Kollege im Osten vergleicht Geschlechtsinkongruenz und den Kampf für Transrechte mit «neuen Mutationen eines Virus».
Die Pathologisierung einer transgeschlechtlichen Identität ist jedoch keineswegs auf diese beiden sogenannten Strongmen beschränkt. So wie Homosexualität in den 1970er-Jahren noch weitgehend pathologisiert wurde, ist auch heute von vielen Seiten zu hören – ich selbst habe es 2024 auf einer Konferenz im Goetheanum gehört –, dass das Gefühl, einem anderen Geschlecht anzugehören als dem, das einem bei der Geburt zugewiesen wurde, in den Bereich der Psychiatrie falle.
Dass König Harald Hassan, wie sie schrieb, einen Raum eröffnete, von dessen Existenz sie nichts wusste, ist keineswegs selbstverständlich. Rechtsextreme politische Parteien, deren rassistisches Denken und deren Ideologie weißer Vorherrschaft von Verschwörungserzählungen über einen geplanten Austausch der europäischen und westlichen Bevölkerung durchsetzt sind, verzeichnen in den Ländern Europas ein starkes Wachstum. Das spüren kulturelle Minderheiten jeden einzelnen Tag am eigenen Leib.
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass Menschen in Machtpositionen – und das gilt in besonderem Maße für ein Staatsoberhaupt, in diesem Fall für König Harald – sich für die Würde aller Menschen einsetzen. In der Antrittsrede des neuen norwegischen Monarchen, König Håkon, gibt es Anzeichen dafür, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten wird. Darin betont er, dass er «immer versuchen wird, die Lebenssituationen verschiedener Menschen zu verstehen», und dass er «an ein Norwegen glaubt, in dem Platz für alle ist».
Bild König Harald bei der Eröffnung des neuen St.-Olav-Krankenhauses in Trondheim am 12. Juni 2010, CC BY-SA 2.0.

