Die Zukunft der Weleda ist jetzt

Am 30. Mai veranstaltete das Unternehmen Weleda seine Generalversammlung. Hohes Wachstum, hohe Investitionen und eine dynamische Transformation waren die Themen im Schreinereisaal des Goetheanum.


Thomas Jorberg, Präsident des Verwaltungsrats der Weleda, eröffnete die Aktionärsversammlung zur Einstimmung mit den sechs Worten, die die US-amerikanische Pädagogin Arleen Lorrance 1970 als Prinzipien der Liebe formulierte:

«Nimm alle Menschen so an, wie sie sind, in ihrer ganzen Schönheit – Sei selbst die Veränderung, die du dir wünschst, anstatt zu versuchen, andere zu verändern – Gestalte deine eigene Wirklichkeit – Ermögliche anderen, etwas zu geben – Erwarte nichts, sei voller Vorfreude – Probleme sind Möglichkeiten.»

Mit dem letzten Punkt schlug er den Bogen zur Gegenwart: Angesichts vieler Umbrüche will die Weleda heute solch eine Möglichkeit sein. Jorberg beschrieb das erfreuliche Wachstum im Kosmetikbereich und damit die Stärkung der Marke Weleda. Weniger positiv stehe der Pharmabereich der Weleda da. Corona, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Werkschließung in Frankreich hätten auch bei Weleda zu Veränderungen geführt. Um mit diesen äußeren Einflüssen umzugehen, benötige die Weleda mehr Transformation als zunächst angenommen.

Neue Produkte für neue Zielgruppen

Anders als im vergangenen Jahr hat der Verwaltungsrat für dieses Jahr beschlossen, keine Dividende an die Aktionäre und Aktionärinnen auszuschütten, und lässt es für das kommende Geschäftsjahr offen. Der Jahresabschluss wurde ohne Gegenstimme genehmigt und Thomas Jorberg als Präsident des Verwaltungsrates für weitere drei Jahre bestätigt. Dann ergriff Justus Wittich, bis vor Kurzem Schatzmeister der Anthroposophischen Gesellschaft, das Wort: 14 Jahre habe er den Weg der Weleda verfolgt. Als Kultur- und Hochschulunternehmen sei das Goetheanum auf die Ausschüttung der Weleda angewiesen und deshalb dankbar für deren wirtschaftlichen Erfolg. Gleichwohl sei hier für das Goetheanum wie für die Klinik Arlesheim die wirtschaftliche Anlage nicht das Ziel, sondern dass Anthroposophische Medizin in der Zukunft gesichert sei.

Er erwähnte, dass die Geschäftsleitung mit Christian Brüchle für die Finanzen und Stefanie Häfele für Marketing und Vertrieb im Pharmabereich erweitert wurde. Mit dem Thema Pharma begann auch Tina Müller ihren Bericht. Die Heilmittelsparte bleibe wegen des ausbleibenden Wachstums auch 2026 der Fokus. Die Marke Weleda sei «so stark wie nie» und Marktforschung zeige, dass es gelinge, die jüngeren Zielgruppen anzusprechen. Gleichwohl, so räumte sie ein, habe man die projektierte Profitabilität durch den Umsatzrückgang bei Pharma und die Investitionen in die Kosmetik nicht erreicht. Christian Brüchle setzte den Bericht der Geschäftsleitung fort: Er sei zur Weleda gekommen, weil hier neben Wirtschaftlichkeit auch Nachhaltigkeit und Werteorientierung zählen. Jetzt sei er ein halbes Jahr im Unternehmen und sehe, dass zwar nicht immer alles gelinge, aber die starken Weleda-Werte täglicher Leitstern seien. Die Geschwindigkeit des aktuellen Wachstumskurses müsse man nun auf das ganze Unternehmen übertragen. Der Gesamtumsatz steige gegenüber dem Vorjahr um währungsbereinigt 7,3 Prozent, was sehr gut sei. Das schlage sich allerdings noch nicht im Ergebnis nieder. Die Umsatzrendite – der Anteil des Umsatzes, der als Gewinn übrig bleibt – liege mit 2 Prozent sehr niedrig. Es gehe dabei auch um die Verlässlichkeit, so Brüchle. Ziel sei, dass der Gewinn weniger schwanke. Der Cashflow sei 7,4 Millionen CHF höher als im Vorjahr und habe sich somit positiv entwickelt, müsse aber für mehr Spielraum bei Investitionen deutlich steigen. Die Abwertung des Dollars habe die Weleda mit 2 Millionen CHF belastet, weshalb die Weleda ein Währungsmanagement aufbauen werde. Die Eigenkapitalquote der Weleda, so Brüchle, ist mit 45,6 Prozent solide und spreche für eine gute Bonität des Unternehmens. Es gehe darum, einen gesunden Kreislauf zu schaffen. Er beginne mit organischem Umsatzwachstum. Dann sei eine höhere Produktivität und Effizienz nötig, um profitabler zu werden.

Leuchttürme für Gesundheit

Mónica Mennet-von Eiff, verantwortlich für Forschung und Entwicklung der Heilmittelsparte bei der Weleda, setzte den Bericht fort. Anthroposophische Heilmittel müssen, so laute die Vision, ein selbstverständliches Glied in der integrativen Medizin sein. ‹Leuchtturmprodukte› stehen jetzt im Fokus zu den Bereichen Auge, Verdauung sowie Stress und Schlaf. Bei der Frage der Wirkung, der evidenzbasierten Medizin, gehe es neben klinischen randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien auch um die Erfahrung der Ärztinnen und Ärzte und um das Befinden und die Erwartung der Patienten und Patientinnen. Positive Antworten auf die Frage ‹Wie wirkt Amara bei Patienten mit Reizmagen und Reizdarm?› führten zum Entschluss, dieses Jahr mehr als 1 Million CHF in eine entsprechende Studie zu investieren. Resultate erwartet Mennet-von Eiff nächstes Jahr. Hier gehe es darum, zu zeigen, dass Weleda in der ‹Regulationsmedizin› präsent sei. Dann sprach Stefanie Häfele, neu im Unternehmen für Marketing und Vertrieb der Heilmittel. Menschen für Produkte zu begeistern, das sei ihre Passion. Als Aufgabe beschrieb sie, die Ergebnisse der Grundlagenforschung für das allgemeine Publikum zu übersetzen. Für Marketing und Vertrieb bleibe der Fokus auf der Apotheke, so Häfele. Onlinebefragung zeige, dass die Kunden und Kundinnen Weleda kennen, aber das Unternehmen vornehmlich mit Duschgel und Babypflegeprodukten assoziieren. Hier gelte es, die Bekanntheit auf medizinische Produkte zu erweitern. Drei Aufgaben strich sie heraus: Stärkung der Forschung, von den Pharmaprodukten ‹erzählen›. Außerdem gehe es darum, die Zielgruppen für Marketing und Kommunikation mit der jeweiligen Vertriebsstrategie im Blick zu haben, auch außerhalb der anthroposophischen Ärzteschaft. ‹Aus der Apotheke der Natur› sei die Kampagne für den jetzt anvisierten Markenaufbau, der im Herbst starten wird.

Sonnenblume für die Hautzellen

Tina Müller kam auf die Kosmetik zu sprechen. Mit einem Wachstum von 10,3 Prozent in der Kosmetik sei Weleda gegenüber den großen Konzernen ‹Wachstumsstar› (L’Oréal: 3,5 Prozent, Beiersdorf: 0,9 Prozent). Dabei sei Innovation, also neue Produkte, Haupttreiber für das Wachstum: Blauer Enzian und Edelweiß. Man habe Weleda mit dem Label ‹Swiss Natural Science› stärker als bisher in die Schweiz verortet, weil die Schweiz ein naturnahes Image spiegele. Hinzu kamen die Booster-Serum-Drops für die junge Zielgruppe. Dabei handelt es sich um Seren, die man anderen Cremes zugibt oder direkt vor der Tages- und Nachtpflege aufs Gesicht aufträgt. Schließlich erwähnte sie im Hochpreissegment die Cell-Longevity-Linie für den Verkauf in Parfümerien mit dem aktuell diskutierten Wirkstoff NAD+. Hier hat die Weleda einen Weg gefunden, den Wirkstoff auf natürliche Weise mit Sonnenblumensprossen zu gewinnen. Dann erscheint der Werbefilm mit Maria Furtwängler, der regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt wird und mittlerweile auch 1,4 Millionen Zuschauende auf YouTube gefunden hat: «Die Zukunft meiner Haut ist jetzt», sagt die Schauspielerin. Da ist in der Schreinerei am Goetheanum unter den Aktionären und Partizipantinnen eine Stimmung wie vor 25 Jahren anlässlich der damaligen Weleda-Werbung in ICE-Zügen. Damals waren es freundliche Werbegesichter, die die Erkenntnis brachten, die Nische, in der sich Weleda befand, verlassen zu müssen. Jost Schieren, Verantwortlicher an der Alanus-Hochschule, formulierte es damals an einer Konferenz am Goetheanum allgemein: «Wir müssen mit der Anthroposophie vom Fahrradweg auf die Hauptstraße kommen.»

‹Natur und Wissenschaft›, diese beiden Begriffe zusammen, so Tina Müller, überzeugen. Dann ein nächster Einspieler zu den Boostern für die Zielgruppe der 16- bis 29-Jährigen, bei der ein Wachstum von 117 Prozent erreicht wurde, mit dem Spruch: ‹Drop it, mix it, boost it.› Das Wort ‹Weleda› bekam hier englisches Timbre. Da lachte die Versammlung und applaudierte Tina Müller, als sie mit Zahlen zeigte, dass die Serum-Drops die erfolgreichste Produkteinführung im Gesichtspflegemarkt 2025 waren. Sie ergänzte, dass diese Produktoffensive dazu führe, dass man bei den Händlern mit neuem Image auftreten könne. Es strahle auf die bestehenden Produkte ab. Dann verglich sie, wie laut die einzelnen Marken werben. Von allen Werbegeldern, die in dieser Produktkategorie ausgegeben werden, entfielen 2023/24 auf Weleda 3 Prozent, auf die Naturkosmetikfirma Lavera 8 Prozent und auf Nivea 60 Prozent. 2025 hat Weleda den eigenen Anteil auf 12 Prozent gesteigert.

Von guter Produktion zu gutem Verkauf

In der Aussprache antwortete Ueli Hurter vom Verwaltungsrat auf Fragen zu Kosmetik versus Heilmittel. Es sei, so Hurter, gefährlich, wenn man nicht mehr daran glaube, mit der aktuell hoch verlustreichen Pharmasparte einen gesunden Markt aufbauen zu können. Diesen Glauben müsse man auch auf Ebene der Wirtschaftlichkeit wieder erobern. Dann unterstrich Hurter die Überzeugung der beiden Hauptaktionäre Klinik Arlesheim und Anthroposophische Gesellschaft, wonach die Eigenwirtschaftlichkeit gegeben sein muss und zugleich die Weleda ihren Beitrag zur Weiterentwicklung des anthroposophisch-medizinischen Systems leisten solle. Die Lösung für diese Frage finde sich weder auf einem rein rechnerischen noch einem rein qualitativen Weg. Sie finde sich, wenn man sie auch ‹wolle›. Konkreter: Es dürfe natürlich sein, dass Mittel von der großen Schwester Kosmetik zur kleineren Schwester Pharma hinüberfließen. Aber es dürfe nicht ein solches Ausmaß annehmen, wie es derzeit der Fall sei. Er legitimierte den erneuten Versuch, die Pharmasparte aus den hochroten Zahlen zu holen, mit der Überzeugung: «Wir haben gute Produkte, aber wir verkaufen sie noch nicht gut.» Hinzu komme, dass die industrielle Fertigung kleinster Mengen zu unwirtschaftlich sei, weshalb eine manuelle Herstellung hier ebenfalls ein Weg sein könne.


Foto Wolfgang Held

Letzte Kommentare