Ob in Lambaréné oder im Exil: Albert Schweitzer und Simone Weil schöpften aus franziskanischer Haltung die Kraft zum Widerstand gegen die Entwurzelung und Gewalt ihrer Zeit.
Sein Sendschreiben ‹An die Lenker der Völker› (1219/1220), im Nachgang seiner Orientreise und der furchtbaren Erfahrungen in der von Kreuzzugschristen belagerten ägyptischen Stadt Damiette, begann Franz von Assisi wenige Jahre vor seinem Tod mit den Sätzen: «Sämtlichen Machthabern und Vögten, Richtern und Lenkern überall in der Welt und allen anderen, zu denen der Brief hier gelangt, wünscht Bruder Franziskus, in Gott dem Herrn euer ganz kleiner und verachteter Knecht, Heil und Frieden euch allen. Habt acht und seht, wie der Tag des Todes herannaht. Darum bitte ich euch mit Ergebenheit, so gut ich kann, vergesst nicht wegen der Sorgen und Geschäfte dieser Welt, die ihr habt, den Herrn und geht von seinen Geboten nicht ab. Denn alle die, welche ihn vergessen und von seinen Geboten abgehen, sind verflucht und werden von ihm auch vergessen sein; und wenn der Tag des Todes kommt, wird ihnen alles, was sie zu haben glaubten, fortgenommen werden, und je weiser und mächtiger sie in dieser Welt gewesen sind, umso größere Qualen werden sie in der Hölle erdulden.»1 Während eines Waffenstillstands war Franziskus zusammen mit einem Ordensbruder in einer Friedensmission zum Sultan Malik al-Kāmil von Ägypten gegangen, dem muslimischen Hauptfeind der Christen, und hatte Gespräche geführt. Franziskus sah das Problem der Macht und die Nähe des Todes auf beiden Seiten, ja auf allen Seiten der «Lenker der Völker» und versuchte, ihnen ins Gewissen zu reden. Er sah jenen kommenden «Tag des Todes», der 800 Jahre nach seinem Tod weltpolitisch wieder bedrohlich näher rückt, im globalen Maßstab und in einer unheimlichen Dynamik.
Ich möchte nachfolgend an zwei Menschen des 20. Jahrhunderts erinnern, denen Franz von Assisi naheging und wegleitend war, in seiner Ethik, seinem Welt- und Schöpfungsverhältnis, seiner Spiritualität und Haltung – aber auch in seiner Mitverantwortung für die Weltgesellschaft jenseits der eigenen Bruderschaft, in der Mitverantwortung für den Weltfrieden oder aber den Weltkrieg, die Fortsetzung der Spirale der Gewalt, der Bewaffnung und Zerstörung, den «Tag des Todes». An zwei Menschen, die sich ebenfalls an die «Lenker der Völker» wandten und auf ihre Art ‹Franziskaner› waren, ohne dies je öffentlich zu machen. Ihren tiefen Bezug zu Franziskus von Assisi behielten sie beide weitestgehend für sich – Simone Weil (1909–1943) und Albert Schweitzer (1875–1965).
Simone Weil
Nach Assisi kam Simone Weil im Sommer 1937, mit 28 Jahren und im Rahmen einer Italienreise, die dem Studium des italienischen Faschismus unter Mussolini diente, aber auch der Begegnung mit der Geisteskultur des Landes. Sie kam aus einer Schweizer Klinik, wo ihre schlecht verheilenden Brandwunden einer Verletzung aus dem Spanischen Bürgerkrieg, ihre Kopfschmerzen und ihre körperliche Schwäche nach ihrer harten, selbst gewählten Fabrikarbeit Thema gewesen waren. Sie kam über Mailand, Bologna, Ferrara, Ravenna, Florenz und Rom, wo sie mit der ihr eigenen Sensitivität und Geisteskraft tiefe Erfahrungen machte. Ihre eigentliche ‹Seelenheimat› aber fand sie am Ende ihrer Reise: in Assisi, am Ort und in der Landschaft des heiligen Franz. Über Perugia und Assisi sei das ganze übrige Italien für sie «verblasst», teilte sie den Eltern mit. Niemals im Traum hätte sie sich «eine solche Landschaft, einen so großartigen Menschenschlag und so anrührende Kapellen» vorstellen können – «Ihr hättet mich wirklich beinahe für immer verloren […].»2 «Alles ist franziskanisch in Assisi und ringsum, außer dem, was man dem heiligen Franz zu Ehren gemacht hat (ausgenommen die schönen Giotto-Fresken). Man könnte glauben, die Vorsehung hätte diese lächelnden Felder und diese rührend demütigen kleinen Kapellen als Vorbereitung für sein Kommen erschaffen.»3 Ihre Beziehung zu Franziskus begann nicht erst in Assisi, sondern hatte bereits seit dem frühen Jugendalter bestanden: «Ich wurde von großer Liebe zu dem heiligen Franziskus ergriffen, sobald ich von ihm erfuhr. Ich habe immer geglaubt und gehofft, das Schicksal werde mich eines Tages zwangsweise in jenen Zustand des Landstreichers stoßen, den er freiwillig auf sich nahm.»4 Ihre ‹Fioretti›-Ausgabe datiert von 1926, ihrem 17. Lebensjahr; seinen ‹Sonnengesang› übersetzte sie mehrmals. Im Sommer 1937 kam sie zwar nicht als «Landstreicherin» nach Assisi, aber doch von vielem mitgenommen, und erlebte eine weitere Vertiefung ihrer Beziehung zu ihm. Noch in ihrer Schrift ‹L’Enracinement› – sechs Jahre nach dem Assisi-Besuch – sollte sie den ‹Sonnengesang› des Franz von Assisi als «Juwel der vollkommenen Schönheit» bezeichnen.5
Gerade diese Schrift ‹Die Verwurzelung› war 1943 ihr letzter großer Vorschlag zum Neuaufbau der Gesellschaft, angesichts des «Tages des Todes». Sie richtet sich nicht nur an die «Machthaber» und «Vögte», die «Richter» und «Lenker», sondern auch an «alle anderen». Sie war und ist eine der wichtigsten Programmschriften des 20. Jahrhunderts für eine gesellschaftliche Zukunft, die im Zeichen des Lebens und nicht des Todes steht. Ihre Ausführungen gelten dem Neuaufbau der Industriegesellschaft, der Medien, der Wissenschaft und Politik, des sozialen Gemeinwesens und der Erziehung. Wie sehr Simone Weil in ihrem ganzen Lebenseinsatz, auch in ihrer Form der Askese, der Christus-Hingabe, der politischen Radikalität und außerordentlichen Liebeskraft eine moderne ‹Franziskanerin› war, wurde trotz einer umfangreichen Sekundärliteratur nicht oft beschrieben. Dass sie mehr oder weniger verhungerte, weil ihr die Zustände der Welt unerträglich geworden waren, spricht nicht dagegen, sondern eher dafür.
Kehrte Franz von Assisi in der Gegenwart des 20. Jahrhunderts wieder, so wäre er ein von Krankheit schwer gezeichneter Mensch, so sagte Rudolf Steiner einmal. – 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sah Albert Camus eine Wiedergeburt Europas nur unter Berücksichtigung oder Erfüllung jener Forderungen für möglich an, die Simone Weil in ‹L’Enracinement› erhoben hatte.
Albert Schweitzer
Ein Jahr nach Camus, am 27. Juli 1950, schrieb Albert Schweitzer aus Gabun (Zentralafrika) in einem Brief an die Oberin einer franziskanischen Ordensgemeinschaft, die ihm zu seinem 75. Geburtstag gratuliert hatte: «Als es mir gelang, den Gedanken der Ehrfurcht vor dem Leben als Grundidee der Ethik zu formulieren, da schien es mir, als ob ich in einer philosophischen und religiösen Idee etwas formulierte, das dem heiligen Franz gehörte, in einer neuen Offenbarung seines Denkens.»6 Fünf Jahre später teilte Schweitzer Nikos Kazantzakis mit, er beschäftigte sich seit seinem 19. Lebensjahr mit dem Lebenswerk Franz von Assisis, fühle sich seiner Geistigkeit jedoch bereits seit seiner Kindheit tief verbunden. «Aber ich habe eigentlich nie von ihm und mir zusammen sprechen oder schreiben können. Ich beziehe mich nie auf ihn. Eine Scheu hält mich davor zurück. Er ist ein berühmter Heiliger, ich ein gewöhnlicher Mensch. Er gebot über eine Innigkeit der Rede, die nur er hat. Keiner von uns darf sich in sie versetzen wollen, keiner darf sie sich zumuten. Nur ihm war sie verliehen. Wir andere müssen in gewöhnlichen Worten weiter reden […].»7 Was Schweitzer mit dem Aufbau seines Spitals als eines realen Krankendorfs am Fluss Ogowe gelang, mit einem eigenen ‹Village de lumière› für bis zu 200 Leprakranke, die jahrelang bleiben und ihre Kinder mitbringen konnten, atmete den Geist der «Ehrfurcht vor dem Leben», den Geist des Urchristentums und den Geist des Franz von Assisi. Schweitzer, der Professor der Theologie, promovierter Philosoph und einer der europaweit führenden Bach-Kenner und -Organisten gewesen war, ließ alles Erreichte hinter sich, studierte Medizin und gründete sein Spital – dem Wort folgend «Du aber folge mir nach» und in direkter Orientierung an Christus.
Für die zeitgenössische Gegenwart des Jahres 2026 aber ebenso wichtig und ‹franziskanisch› ist Schweitzers rastloser Einsatz gegen den Dritten Weltkrieg, gegen Nuklearwaffen und Nuklearwaffenversuche, seine Antikriegsappelle von Oslo, auch seine außerordentliche Korrespondenz mit John F. Kennedy und N. S. Chruschtschow, als «absolut neutrale Person», wie er an Kennedy schrieb, mit Appellen an ihre weltgeschichtliche Verantwortung und ihr Gewissen. «In der Zeit, als der Eiserne Vorhang einen großen Teil der Menschheit in zwei feindliche Lager teilte, war Schweitzer fast als einziger Mann […] auf beiden Seiten anerkannt und verehrt.»8 Schweitzer hatte auf seine Art Anteil am Zustandekommen des Moskauer Abkommens zum Verbot der Kernwaffenversuche im Weltraum, in der Atmosphäre und unter Wasser (Unterzeichnung am 5. August 1963). Wirksam war auch vieles andere, was er mit Gesinnungsfreundinnen und -freunden tat, um die Dynamik der Kriegsvorbereitung, der Angst, der Feindbilder und der drohenden Vernichtung des Menschen- und Erdenlebens unter Einschluss aller Naturreiche entschieden zu stoppen: ‹An die Lenker der Völker›!
Fußnoten
- Franz von Assisi, Die Werke. Zürich 1979, S. 70 f.
- Simone Pétrement, Simone Weil. Ein Leben. Leipzig 2007, S. 426.
- Simone Weil, Œuvres. Paris 2024, S. 646 (dort in französischer Sprache).
- Simone Weil, Zeugnis für das Gute. Zürich und Düsseldorf 1998, S. 107.
- Simone Weil, Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber. Zürich 2011, S. 217.
- In: H. W. Bähr (Hrsg.), Albert Schweitzer. Heidelberg 1987, S. 201.
- Ebd., S. 251.
- Walter Munz, Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung. Bern und Stuttgart 1991, S. 48.


