Anfang April 2026 trafen sich Jugendliche zur International Students’ Conference (ISC). Unter dem Titel ‹Die Fäden, die uns zusammenhalten› hatte die Jugendsektion eingeladen, sich selbst in der Verbundenheit zu finden. Zwei vom Organisationsteam teilen ihre Erfahrungen.
Ein gemeinsamer Wille
Ich bin Anna Christina Steffens, in Italien geboren, doch zweisprachig aufgewachsen, da mein Vater Deutscher ist. Seit dem Kindergarten besuche ich die Waldorfschule in Trento, und vor fünf Jahren bin ich Teil der Klasse geworden, mit der die neue Oberstufe gegründet wurde. Vor 15 Tagen habe ich meine Abiturprüfung abgelegt. Wie es bei mir weitergeht, weiß ich noch nicht so richtig. Ich möchte reisen und später studieren. Doch was aus mir werden soll, habe ich noch nicht so genau herausfinden können. Im Moment stehen mir alle Wege offen, doch fühlt es sich an, als würde keiner so richtig oder zu viele auf einmal passen. Was, wenn ich auf der Suche nach der richtigen Entscheidung mich selbst verliere? Und überhaupt, die Frage aller Fragen, wer bin ‹ich selbst›? Sollte ich es jetzt schon wissen? Zugegeben, obwohl diese Fragen vielleicht das Gegenteil vermitteln, bin ich keine besonders spirituelle Person oder würde mich zumindest nicht als solche bezeichnen. Mit meinen gerade mal 19 Jahren bin ich noch auf der eigentlichen Suche nach dem Sinn des Lebens. Und ehrlich gesagt, Spiritualität steht nicht oben auf meiner Prioritätenliste, obwohl mich diese Themen schon länger begleiten. Im Moment beschäftigt mich die Zukunft mehr als alles andere – meine Zukunft, von der ich eben noch so gut wie nichts weiß. Diese Ungewissheit kann sich manchmal ziemlich schwer anfühlen. Und doch, jedes Mal, wenn ich nach Dornach fahre und durch die Hallen und Säle, Hügel und Wiesen des Goetheanum wandere, scheint es mir, als läge etwas Magisches in der Luft. Es erinnert an den Hauch einer vertrauten Energie, die alles etwas leichter erscheinen lässt, auch die ganz schweren Gedanken. Diese Energie hat die Kraft, Leute zusammenzuführen, damit etwas Besonderes entstehen kann. Das habe ich selbst das erste Mal während der International Students’ Conference 2024 (ISC) ‹Taking Heart: Finding our way together› erfahren. Es war mein erstes Mal in Dornach und am Goetheanum überhaupt und diese traumhafte und doch reale Atmosphäre hat es mir damals so angetan, dass ich es mir knapp ein Jahr später zur Aufgabe gemacht habe, die ISC26 zu organisieren. Ich wollte, dass andere junge Leute aus der ganzen Welt dieselbe Erfahrung durchleben können.
Beide ISCs (als Teilnehmerin und als Organisatorin) haben mich auf verschiedene Weisen gelehrt: Wenn gleichgesinnte Menschen zusammenkommen, passiert stets etwas Wunderbares. Eine längst verloren gedachte Verbindung entsteht, die die Kraft hat, Neues zu erschaffen, auch wenn es sich nur um fünf Tage des Zusammenseins handelt. Wobei Gleichgesinntheit nicht Uniformität der Gedanken meint, sondern den gemeinsamen Willen, etwas zu bewegen. Und genau das habe ich damals als Teilnehmerin an der ISC24 gefühlt und gebraucht. Ich war 16 und diese plötzliche starke Verbundenheit mit jungen Menschen aus aller Welt hat in mir den Wunsch erweckt, weiter und tiefer danach zu suchen. Ich weiß zwar heute wie damals nicht, was Spiritualität mir genau bedeutet, doch kann ich jetzt sagen, dass diese Momente der Verbundenheit ganz bestimmt etwas damit zu tun haben. Vielleicht wandere ich deshalb immer noch durch die Welt, nach Gemeinsamkeit suchend, nach einer echten, langlebigen Verbundenheit, die sich immer weiterentwickeln möge. Und doch hoffe ich oft, sie könnte auch unveränderlich bleiben, bis in die Ewigkeit. In einer Welt wie der unseren ist Beständigkeit das so ziemlich Schwierigste, wonach man sich sehnen kann: Alles verändert sich mit atemberaubender Geschwindigkeit, und es scheint so, als wäre auf nichts Verlass. Was heute als unantastbar gilt, könnte schon morgen zunichtegemacht werden, und wo immer man hinschaut, wird der Konflikt als der einzige Weg präsentiert, um Kontraste auszugleichen. An so eine Situation muss man sich zuerst anpassen, bevor man sich einigermaßen wohlfühlen kann, bis man sich an das kontinuierliche Wandeln gewöhnt hat. Doch was wäre denn, wenn wir uns nicht anpassen möchten? Was, wenn wir genau den Fragen nachgehen möchten, die als unwichtig gelten, oder als zu wichtig, als dass sich Jugendliche damit beschäftigen könnten? Was ist, wenn man in einer digitalen Welt die menschliche Nähe wiederfinden möchte? Was, wenn man in Zeiten der KI doch lieber die eigenen Unsicherheiten und Stärken feiern möchte? Denn klar und deutlich zeichnet es sich ab: In diesen Zeiten der maximalen digitalen Verbundenheit verlieren wir uns eigentlich mehr denn je aus den Augen, wir tauchen täglich in Bildschirmen unter und kommen selten zurück zur Gegenwart. Rund um diese Fragen, die uns alle beschäftigen, wollten wir die ISC26 gestalten: ‹Disconnect to Connect – The threads that hold us together›. Ganz tief im Inneren unserer Seelen bleiben nämlich diese Fragen weiterhin bestehen und warten nur darauf, aufgeweckt zu werden, wieder an die Oberfläche unseres Bewusstseins zu gelangen und dort endlich, nach einer Antwort suchend, sich neu zu entfalten. Fragen benötigen im Allgemeinen zweierlei Dinge, um erweckt zu werden: eine gewisse Dosis Intuition und eine größere Portion Mut. Es bedarf des Mutes, sich in gewisse Richtungen des Denkens zu wagen und dann diese Fragen laut auszusprechen oder auch nur zu denken. Im Goetheanum wird dieser sonst so seltene Mut plötzlich etwas ganz Selbstverständliches. Genauso wird es selbstverständlich, sich fast ganz ohne Scheu mit Leuten aus der ganzen Welt über tiefgründige und extrem persönliche Themen zu unterhalten. Manchmal reichen also nur fünf Tage, um diese wichtigen Fragen wieder aufleben zu lassen. Und genau darin liegt die Stärke und Wichtigkeit der Jugendkonferenzen: Sie sind ein Ort des Austauschs zwischen Kulturen und Generationen, ein Ort, nicht unbedingt der vielen Antworten, doch jedenfalls der vielen großen Fragen des Lebens. Und vielleicht ist es genau das, wonach wir Jugendlichen heute verlangen und uns sehnen: weniger eine gegebene und gebildete Spiritualität als freie Räume des Austauschs, in denen Fragen gestellt und Antworten gemeinsam gefunden werden können, auf der Suche nach dem, was jede und jeden Einzelnen von uns wirklich ausmacht. In Zeiten der sekundenschnellen Antworten sehnen wir uns nach Zeit und Mut, um uns selbst mit den ganz tiefen Themen auseinanderzusetzen: Spiritualität erscheint uns insofern weniger als eine Frage des Glaubens, vielmehr als eine Frage des Suchens. Anna Christina Steffens
Eintauchen in den Fluss
Was ist Spiritualität? Heute habe ich mich das gefragt. Es ist schwer, eine Definition für sie zu finden, und doch ist sie etwas, das ich ständig spüre. Mir wurde klar, dass ich eine Antwort nie am Schreibtisch finden werde. Spiritualität ist nichts, was man definiert, sondern etwas, dem man begegnet. Einer der Orte, an denen ich ihr begegnete, war die ISC26 selbst. Deshalb möchte ich mit einer anderen Frage beginnen, die im Grunde genommen dieselbe ist: Warum habe ich diese Konferenz organisiert? Wonach suche ich? Die Konferenz bietet einen riesigen Raum für künstlerischen und kulturellen Ausdruck aus aller Welt, die Möglichkeit, internationale Freundschaften zu schließen, und pure Freude. Aber es gibt noch einen tieferen Grund, auf den ich nie eingehe, wenn ich darüber spreche, und der für mich den Kern des Ganzen ausmacht: Die Freundschaften, die hier entstehen, unterscheiden sich von alltäglichen. Sie entwickeln sich auf einzigartige Weise. Als völlig Fremde treffen wir uns an einem Ort, der außerhalb der Komfortzone aller liegt. Und es ist kein allmähliches Kennenlernen, sondern ein vollständiges Eintauchen. Von einem Tag auf den anderen verbringen wir Tag und Nacht mit Menschen, die wir noch nie zuvor gesehen haben und die aus völlig unterschiedlichen kulturellen Hintergründen stammen. Und genau dort geschieht das Wunderbare. Die durch gesellschaftliche Konventionen errichteten Barrieren brechen zusammen, und etwas Neues eröffnet sich: Wir hören auf, andere durch eine Maske aus Moralvorstellungen und Gewohnheiten zu betrachten, und öffnen uns für alles, was diese Person uns geben möchte. Für mich ist dies der Moment, in dem ich von Spiritualität sprechen kann.
Was ich verstanden habe, ist keine Definition, sondern ein Bild: ein kontinuierlicher, endloser Fluss, den wir nicht in einem einzigen Bild festhalten können. Etwas, das sich unmöglich in einer statischen Form festhalten lässt. Und wann kann ich also in einem Kontext wie diesem von Spiritualität sprechen?
Für mich entsteht Spiritualität in erster Linie dadurch, dass wir auf uns selbst hören und uns selbst erkunden, und erst danach durch den Kontakt mit anderen. Es ist kein Zufall, dass wir uns während der Konferenz entschieden haben, den ganzen ersten Tag uns selbst zu widmen: unseren Gefühlen, unserer Gesundheit, unserem Glück. Erst dann haben wir unseren Blick auf die Person neben uns gerichtet, endlich bereit, wirklich zuzuhören. Ein aufmerksames Zuhören, bei dem wir darüber sprechen, was wir innerlich wirklich fühlen, manchmal mit geschlossenen Augen, fast ohne Bewegung, und unsere ganze Energie dem anderen widmen. Nicht die ungerechtfertigte Note in der Schule oder der Tratsch über einen Freund, sondern das, was dahinter liegt, die Fragen, die uns jeden Tag am Leben halten. Fragen, auf die wir eine Antwort suchen, und vielleicht auch nicht: Denn ich glaube, dass es gerade die ungelösten Fragen sind, die uns am Leben halten, jene, die uns unter dem Vorwand des Suchens dazu führen, Wege zu entdecken, die wir niemals eingeschlagen hätten, wenn wir die Antwort bereits gekannt hätten.
Einen Moment erinnere ich besonders. Am letzten Tag, nachdem wir alle zusammen gesungen und getanzt hatten, versanken wir, fast tausend junge Menschen, innerhalb weniger Augenblicke in eine Minute der Stille. Eine völlige Stille, in der man nur unseren Atem, das Schlagen unserer Herzen und den Gesang der Vögel rund um das Goetheanum hören konnte. Es gab keine Worte, und doch war das für mich einer der spirituellsten Momente meines Lebens. Tausend verschiedene Menschen, die einen Augenblick zuvor noch von Euphorie überwältigt waren, fähig, gemeinsam innezuhalten und einfach nur zuzuhören. In dieser Stille spürte ich für einen Moment jenen kontinuierlichen Fluss, von dem ich sprach: Ich hatte ihn nicht geschaffen, niemand Bestimmtes hatte ihn geschaffen, er war einfach unter uns entstanden, in dem Raum, der sich öffnete, als jeder von uns aufhörte, sich zu verteidigen, und sich dem Zuhören hingab. Als Einzelkind habe ich mir schon immer gewünscht, unter anderen Menschen zu sein. Doch oft gewannen Vorurteile die Oberhand, und die Beziehung beschränkte sich darauf, Dinge gemeinsam zu tun, ohne jemals wirklich in Kontakt zu treten: eine Zusammenarbeit, keine Begegnung.
Ich lerne, dass Spiritualität nicht nur in unserer Beziehung zu anderen lebt, sondern auch in der zu uns selbst. Es ist, als würde man eine Mauer aus dem, was heute und gestern geschehen ist, durchbrechen und darüber hinausgehen, hin zu dem, was die Ereignisse des Alltags nicht berühren können.
Spiritualität drückt sich nicht nur durch Worte aus, sondern auch durch unsere Schöpfungen. Ich spiele seit mehr als sieben Jahren Flöte, und Musik war schon immer ein Teil von mir. Wenn ich spiele, lese ich nicht nur eine Partitur oder blase in ein Instrument. Ich meine, ja, das tue ich, aber dahinter steckt viel mehr. Musik beflügelt mich, so wie die Malerei einen Maler oder die Bildhauerei einen Bildhauer beflügeln kann. Sie entführt mich in eine Dimension, in der alltägliche Gedanken verschwinden und ich wirklich spüren kann, wie ich bin, mich wirklich ausdrücken kann. Ich glaube, jeder von uns hat eine solche Sprache. Für manche ist es der Tanz, für andere das Zeichnen oder einfach das Wandern in der Natur. Es sind verschiedene Wege, dasselbe zu berühren, etwas auszudrücken, was Worte allein nicht fassen können. Spiritualität ist überall und nirgends zugleich: Sie hängt von uns ab, von unserem Willen und vor allem von der Freiheit, die wir uns selbst gewähren. Wir müssen frei sein, um sie zu finden. Und wir müssen mit anderen und vor allem mit uns selbst im Reinen sein. Und so frage ich mich: Wie kann Spiritualität überleben in einer so hektischen Zeit, die geprägt ist von sich ständig ändernden Gewohnheiten, auf die wir schnell reagieren müssen? Es muss eine Entscheidung sein, eine Verpflichtung. Es bedeutet, uns selbst Vorrang vor unserer Umgebung zu geben. Nicht, uns zu isolieren, sondern flexibel zu sein und uns nicht konditionieren zu lassen: kurz gesagt, frei zu sein. Eine Freiheit, die nur von uns abhängt, die sich verwirklicht, wenn wir aufhören, uns mit anderen zu vergleichen, uns selbst zu beurteilen und unsere eigene Einzigartigkeit zu unterschätzen. Nur indem wir uns für das entscheiden, was wir wirklich fühlen, können wir entdecken, wer wir sind. Hängt diese Freiheit nur von uns ab? Die endgültige Entscheidung, ja, aber der Einfluss anderer lastet auf uns, insbesondere derer, die uns am Herzen liegen. Das gibt uns leicht das Gefühl, eingeschränkt zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Lieben, ob Familie oder Freunde, anstatt uns etwas aufzuzwingen, lernen, die Individualität jedes Einzelnen in seiner Einzigartigkeit zu schätzen.
An dieser Stelle möchte ich mich direkt an die Lesenden wenden, insbesondere an jene, die einer anderen Generation angehören als ich und die vielleicht mit einer gewissen Besorgnis auf junge Menschen blicken. Oft wird gesagt, dass die jungen Menschen meiner Generation, die ständig online sind und immer ein Display in der Hand halten, inzwischen die Fähigkeit verloren haben, innezuhalten, zuzuhören und wirklich mit anderen zusammen zu sein. Ich glaube das Gegenteil. Ich glaube, dass wir, gerade weil wir immer erreichbar, aber selten wirklich präsent sind, ein tiefes Verlangen nach Authentizität, nach Stille und nach echten Begegnungen verspüren. Die Spiritualität, nach der ich suche, ist kein Rückzug aus der Welt, sondern der Mut, endlich in ihr präsent zu sein. Und wenn es etwas gibt, das wir jungen Menschen denen bieten können, die vor uns da waren, dann ist es vielleicht gerade eine Veränderung in der Art und Weise, wie wir unsere Fragen stellen. Lange Zeit war die innere Suche vor allem eine einsame Frage: Wer bin ich? Eine Frage, die man sich allein stellt und dabei in sich selbst nach einer endgültigen Antwort sucht. Ich glaube, dass sich diese Frage für meine Generation in eine andere verwandelt: Wer werden wir gemeinsam? Nicht weil ‹Wer bin ich?› keine Rolle mehr spielt, sondern weil wir erkennen, dass wir die Antwort nicht finden, wenn wir uns in uns selbst verschließen. Wir entdecken, wer wir sind, vor allem in der Begegnung, in dem, was zwischen uns und dem anderen entsteht, wenn wir uns wirklich öffnen. Deshalb suchen wir Spiritualität nicht in vorgefertigten Antworten, sondern in den Räumen, in denen zwischen Menschen etwas Echtes geschieht. Pietro Gioioso
Foto Sabrina Xuan

