Europa, ein Kulturknäuel?

Europa, ein Kulturknäuel?

Wohin treibt Europa? Wird es in einer neuen Ost-West-Konfrontation zerrieben, versinkt es im Chaos einer sich herausbildenden multipolaren Welt? Oder erleben wir heute den Anfang vom Ende der Europäischen Union mit der Aussicht auf die Wiedergeburt eines neuen Europa?


Betrachten wir den letzten Gipfel der sieben sich selbst so nennenden ‹führenden Industriestaaten›, im Kürzel G7. Zwar sind die G7 nicht identisch mit der EU, aber mit Deutschland, Frankreich und Italien gehören ihr tragende Länder der EU an; die Union als Ganze hat zudem Beobach­terstatus. Insofern steht das, was sich auf dem G7-Gipfel im Juni 2018 in Kanada offenbarte, symptomatisch für die Auflösung der geltenden Regeln des internationalen Zusammenlebens, die zurzeit auf der Welt vor sich geht.

Ratlosigkeit der Europäer

Kaum hatte der Gipfel ein Kommuniqué für die Erhaltung ‹regelbasierter Beziehungen› auf dem Weltmarkt unter Weh und Ach ausgehandelt, das den von den USA ausgehenden Druck des ‹America first› ein wenig hätte eingrenzen sollen, da ließ US-Präsident Trump, nachdem er die Runde vorzeitig verlassen hatte, aus dem Flugzeug per Twitter wissen, dass er seine Emissäre angewiesen habe, das Kommuniqué doch nicht zu unterschreiben. Zuvor hatte er die Versammlung schon damit brüskiert, dass er forderte, die G7 wieder zu den G8 werden zu lassen, indem Russland, das nach der Eingliederung der Krim in den russischen Staatsverband 2014 aus dem Kreis der damals bestehenden G8 ausgeschlossen worden war – dies nicht zuletzt auf amerikanisches Betreiben hin –, wieder in den Kreis einbezogen werde.

Die übrigen Gipfelsteilnehmer, vor allem die Europäer, zeigten sich irritiert von diesem doppelten Salto, geradezu aufgescheucht, darf man sagen. ‹Europäische Einheit first› schleuderte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Donald Trumps ‹America first› entgegen. Man könne auch zu sechst weitermachen, niemand sei unersetzbar, warf der französische Präsident Emmanuel Macron Trump hin. Demonstrative Einigkeit gegen Trump wurde öffentlich inszeniert, sie hielt allerdings nur bis zum nächsten Twitter, dieses Mal allerdings nicht einem von Trump, sondern von Giuseppe Conte, dem neuen italienischen Ministerpräsidenten, der sich für Russlands Teilnahme aussprach.

So geht es Schlag auf Schlag. Ratlosigkeit der Europäer macht sich breit. Die atlantische Brücke ist nicht mehr sicher. Die eurasische hat man in den letzten Jahren leichtsinnig hinter sich abgerissen. Eindeutige Orientierungen im Kreis der EU-Mitglieder gibt es nicht. Die Union befindet sich in einer starken Bewegung, die aus der Überdehnung der seit 1991 betriebenen Ost- und Süderweiterung hervorgeht: der ‹Brexit›, die nationalistischen Tendenzen in Polen, der Rechtskurs in Ungarn, separatistische Bestrebungen in Katalonien, in Schottland, neuerdings ‹Eigenmächtigkeiten› aus Italien, um nur einiges zu nennen.

Die größte Verwerfung, die die Europäische Union zu zerreißen droht, steht zudem mit der ‹Flüchtlingsfrage› erst noch bevor. Die ‹Regionalisierung› Europas wächst zu einer realen Perspektive heran. Dem steht der verzweifelte Ruf der eu-Bürokraten nach Einheit gegenüber, die mit dem ‹Blick aufs Ganze› hergestellt werden müsse. Aber was ist das ‹Ganze›?

Drei tiefere Strömungen

Da macht es Sinn, sich an einen Vortrag zu erinnern, den Rudolf Steiner 1919/20 zur tieferen Begründung der von ihm 1918 vorgelegten Idee der Dreigliederung hielt, indem er auf die kulturellen ‹Grundströmungen› verwies, die ihr unterliegen. Als die drei Strömungen benannte er: den aus dem Orient über Mesopotamien kommenden griechischen, christlichen Strom, der sich am Ende im russisch-slawischen Raum in besonderer Weise entwickelt und bewahrt habe; den aus Ägypten über Rom kommenden rechtlichen, politischen Strom, der sich über den ursprünglichen orientalischen gelegt und sich wesentlich in Mitteleuropa in der Herausbildung der Emanzipation des Einzelnen und rechtsstaatlicher Vorstellungen ausgeprägt habe; und den später aus dem Norden kommenden pragmatisch wirtschaftlichen Strom, der sich in der englisch-amerikanischen Welt entwickelt habe, der aber als jüngster Strom noch nicht voll ausgebildet sei.

Da ist der aus dem Westen herandrängende ökonomische Druck, da ist Russland, hinter ihm der asiatische Raum, mit den immer noch wirksamen stärkeren Gemeinschaftstraditionen, und ein nach beiden Seiten schwankendes Europa dazwischen.

Diese Grundströmungen hätten sich auf dem Weg durch die Geschichte zu einem ‹chaotischen Knäuel einer geistlosen Zivilisation› verwickelt, verfälscht und zum Teil pervertiert, so Steiner. Sie unter diesen Verformungen in ihrer jeweiligen Wertigkeit zu erkennen und im Zuge einer Entzerrung des heutigen sozialen Lebens nach geistigen, politisch-rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten so miteinander in Beziehung zu bringen, dass die konfliktstiftende Dominanz des Ökonomischen überwunden werden könne, sei das Gebot der Zeit. Das habe der Krieg, der aus ebendieser Dominanz des Ökonomischen entstanden sei, der Menschheit nachhaltig vor Augen geführt.

Man muss kein Anhänger Steiners sein, um die Wahrheit dieser Aussagen zu erkennen und weiter zu erkennen, dass wir seit dem Ersten Weltkrieg ein weiteres Jahrhundert der ‹Verknäuelung› und Nivellierung erlebt haben und im Zuge der Globalisierungskrise heute weiter erleben.

Ein Weg der Vermittlung

Was haben wir denn heute für eine Situation? Da ist der aus dem Westen herandrängende ökonomische Druck, da ist Russland, hinter ihm der asiatische Raum, mit den immer noch wirksamen stärkeren Gemeinschaftstraditionen. Ein nach beiden Seiten schwankendes Europa dazwischen, das sich nicht entscheiden kann, ob es sich als europäischer Nationalstaat nach denselben Kriterien wie eh und je zu einem neuen Machtzentrum, hochgerüstet als dritte, vierte, fünfte Macht neben den USA, Russland und China, entwickeln möchte oder ob es auf einen Weg der Vermittlung gehen will.

Vermitteln hieße nicht etwa, neutral sein im Sinne von nichts tun, vermitteln hieße, westliche und östliche Qualitäten und Mentalitäten in einen Austausch zu bringen. Es ginge darum, die Werte der jeweils anderen zu erkennen und miteinander füreinander fruchtbar zu machen. Da hätten die Europäer, zumal die Deutschen in Europa eine klare Chance, die sich jenseits von Machtpolitik verwirklichen ließe, wenn sie ergriffen würde.


Bild: Valentin Serov (1865–1911), Der Raub der Europa, 1910. Leinwand, Tempera. Museum der Avantgardekunst von MAGMA. © Museum der Avantgarde-Meisterschaft

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