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Wo liegen die Quellen des Lebens?

Vor hundert Jahren hielt Rudolf Steiner drei Vorträge, in denen er ein «Gesamtpanorama der menschlichen Wesenheit – in ihrem Aufbau durch Organisationsstrukturen der Erde, des Wassers, der Luft und der Wärme» entfaltet. Dieses beschreibt Peter Selg und stellt die Wirksamkeit moralischer Ideale in die Mitte. Die Neuherausgabe dieser Vorträge ist zugleich ein Vorblick auf die Jubiläumsfeier für hundert Jahre Anthroposophische Medizin.


Die anthroposophischen Ärzte Paul Werthmann und Johannes Weinzirl haben Anfang April 2020 eine deutsche und englische Sonderausgabe der drei Vorträge vom 17. bis 19. Dezember 1920 herausgebracht, die Rudolf Steiner – innerhalb eines größeren Zyklus – als ‹Einschub› in der Dornacher Schreinerei hielt.(1) Die Herausgeber erarbeiteten die Sonderedition zum 100-jährigen Jubiläum der Anthroposophischen Medizin und zur medizinischen Weltkonferenz ‹Crossing Bridges – Being Human!›, die im September 2020 mit mehr als 1000 Teilnehmenden aus über 30 Ländern stattfinden soll. Die Tagung wird von einer jungen, interdisziplinären Gruppe seit Jahren vorbereitet und orientiert sich in ihrem Aufbau an den drei Vorträgen. Es geht, so die Vorbereitungsgruppe, um die Schaffung und Begehung von Brücken, die den vermeintlichen Abgrund zwischen Leiblichem und Seelisch-Geistigem, Natürlichem und Moralischem, zwischen der Natur- und der Geisteswissenschaft überwinden sollen, auch zwischen Generationen, Ländern und Berufsgruppen, um eine menschenzentrierte ‹integrative› Heilkunst auf den Weg zu bringen.

Die Kraft menschlicher Ideale

Gegenwärtig stehen andere Themen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und der Sorgen der Menschheit. Die drei ‹Brücke›-Vorträge haben jedoch durch die aktuelle Krisenlage der Welt nichts von ihrem Gehalt und ihrer Aktualität verloren, im Gegenteil – auch nichts von ihrer ermutigenden, leuchtenden Kraft. Rudolf Steiner integrierte die drei Darstellungen in einen Kurs, der im Zentrum die Frage nach der Beziehung der physischen zur moralischen Weltordnung verfolgt (2), und er entfaltet in den drei ‹Brücke›-Vorträgen ein eindrucksvolles Gesamtpanorama der menschlichen Wesenheit – in ihrem Aufbau durch Organisationsstrukturen der Erde, des Wassers, der Luft und der Wärme, ihrem differenzierten Ätherorganismus, ihren Bewusstseinsstufen und dem Walter der vier Wesensglieder in diesem Gefüge. Im Mittelpunkt der drei Vorträge steht eine Betrachtung über die Wirksamkeit moralischer Ideale, die den ichverbundenen Wärmeorganismus durchdringen und beleben – und, von dort ausgehend, den gesamten Leib, ja die gesamte Wesenheit des Menschen verändern können. Mit Begeisterung gefasste Ideale des Guten, die zu Impulsen des Handelns werden wollen, wirken, so Steiner, als ätherische ‹Lichtquellen› im Luftorganismus und als ‹Tonquellen› im flüssigen Organismus – und sie generieren ‹Lebenskeime› in der Physis. Als solche können sie nicht nur biografisch, sondern auch nachtodlich wirksam werden; sie werden ‹frei› nach dem Tod, dem Ablegen der Physis – «Wir bringen Leben hinaus.» Der Mensch, der in sich moralische Intuitionen ausbildet und sich mit ihnen erfüllt, trägt Leben, Ton und Licht in die kosmische Welt und leistet einen geradezu ‹weltenschöpferischen› Beitrag zum Fortbestand des Ganzen, aus seiner individuellen Moralität heraus. Die sich bilden wollenden ‹Weltgestalten› der Zukunft werden möglich und können jenem ‹ersterbenden Weltenall› das Gleichgewicht halten, an dessen Zustandekommen der Mensch beteiligt ist – durch sein Handeln auf Erden, das zum egozentrischen und technomanischen Raubzug und zur ökologischen Großkatastrophe führen kann, aber auch bereits durch seine seelische-geistige Aktivität. Eindrucksvoll sprach Steiner im mittleren seiner drei Vorträge darüber, wie das ‹theoretische Denken› Kälte im Wärmeorganismus verbreitet, lähmend auf Licht und Ton, ‹ertötend› und ‹auslöschend› auf das Leben wirkt. – Ein Bild der Verantwortung des Menschen im Kosmos und für den Kosmos, ‹illustriert› durch geniale Wandtafelzeichnungen, wurde auf diese Weise in der Schreinerei des Goetheanum vor knapp 100 Jahren entworfen und mit eingehenden menschenkundlichen Reflexionen – oder Meditationen – über Freiheit, Weisheit und Liebe, im Gefüge von Denken, Fühlen und Wollen, beschlossen.


Tafelzeichnung* Rudolf Steiners von 18. Dezember 1920.

Tafelzeichnung* Rudolf Steiners von 18. Dezember 1920.

Das Eröffnungsjahr des Goetheanum

Die Vorträge hielt Rudolf Steiner gegen Ende eines intensiven, dramatischen Arbeitsjahres, dessen Generalthema ein öffentlicher Vortrag im November in Stuttgart vorgab: ‹Die Geistkrisis der Gegenwart und die Kräfte zum Menschheitsfortschritt› (3). Es war eine schwere Krisenzeit – nach dem Weltkrieg, den gescheiterten Revolutionen und nach der verhinderten sozialen Dreigliederung, für deren Verständnis Steiner sich auch 1920 noch immer einsetzte. Zwölf Aufsätze schrieb er allein in der ersten Jahreshälfte für die Dreigliederungszeitschrift, die weiterhin wöchentlich erschien. Er arbeitete die Bedeutung der neuen Gesellschaftskonzeption immer wieder neu heraus, skizzierte auch die entgegenstehenden Kräfte und warnte vor dem Wirksamwerden totalitärer Mächte und Kräfte, die auf ihre Art die Zerstörungen des Krieges weiterführen würden. Würde es nicht gelingen, zu leitenden Ideen mit aufbauender Richtung im Sinne der Dreigliederung zu kommen, so würden ‹zerstörende Instinkte› an ihre Stelle treten. Die Vertreter der Dreigliederungskonzeption intendieren, so Steiner, «inmitten der immer mehr zum Streben nach persönlicher Macht ausartenden öffentlichen Instinkthandlungen die von der Idee getragene Willensrichtung» zu setzen.(4) Es gehe um den Bestand der Zivilisation durch das Wirksamwerden der Anthroposophie – durch eine ideelle Neuausrichtung und innere Entwicklung der Menschen. «Nur einem Umdenken, einem Umwandeln der menschlichen Gedanken und Empfindungen bis ins tiefste Innerste hinein werden wir eine Besserung verdanken und nichts anderem.» (5)

Rudolf Steiner war das Jahr 1920 fast ausschließlich in Dornach und Stuttgart. Von den über 250 Vorträgen des Jahres hielt er 175 in Dornach und 56 in Stuttgart, nur zwei in Berlin, einen in Freiburg; 24 Vorträge fanden in Basel statt, darunter ein Lehrerkurs, dann noch einzelne in Zürich, St. Gallen, Luzern, Aarau, Bern und Olten. Steiner unterstützte in Stuttgart mit aller Kraft die Waldorfschule, die Dreigliederungsinitiative und die Gründung der Aktiengemeinschaft des ‹Kommenden Tages› – und sagte dazu in einem Johanni-Vortrag zur Uriel-Zeit des ‹historischen Gewissens›: «Wir stehen vor Unternehmungen, die nicht misslingen dürfen, die gelingen müssen, bei denen gar keine Rede sein kann, dass sie irgendwie misslingen, von denen wir heute sagen müssen: sie werden gelingen.» (6) Der ‹Kommende Tag› (und die Futurum-AG in der Schweiz) sollten die ökonomische Basis für geistige Institutionen liefern, für die Waldorfschule, für die konzipierten Einrichtungen einer neuen Anthroposophischen Medizin, für die naturwissenschaftliche Forschung, für die Kunst und für anderes. In Stuttgart begannen 1920, getragen durch den Einsatz und das Fähigkeitsprofil der Waldorflehrer, die ersten anthroposophischen Hochschulkurse; im Frühjahr fand dann, parallel zum ersten Ärztekurs, am Goetheanum der Kurs ‹Anthroposophie und Fachwissenschaften› statt – im September/Oktober wurde das Goetheanum mit einem umfangreichen dreiwöchigen Hochschulkurs eröffnet. Allein fünf lange Vortragskurse Rudolf Steiners waren 1920 naturwissenschaftlichen Themenstellungen gewidmet – und nie ließ Steiner einen Zweifel daran aufkommen, dass Entscheidendes für den Fortbestand der Zivilisation und für die ‹Brücke› der physischen zur moralisch-geistigen Weltordnung von einer Spiritualisierung der Naturwissenschaft abhing. – Den längsten Vortrag des Jahres aber hielt er 1920 nicht über die Naturwissenschaft, die Wissenschafts- und die Sozialgestaltung der Zukunft, auch nicht über die Kunst, die ihn weiter intensiv beschäftigte (er sprach im Jahresverlauf nicht weniger als 61-mal vor Eurythmieaufführungen!), sondern über den Hass und die Verleumder der Anthroposophie. Deren Bekämpfung kostete ihn und seine Mitarbeitenden 1920 viel Kraft und Zeit: «Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung wider die Unwahrheit». (7)

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Eindrucksvoll sprach Steiner im mittleren seiner drei Vorträge darüber, wie das ‹theoretische Denken› Kälte im Wärmeorganismus verbreitet, lähmend auf Licht und Ton, ‹ertötend› und ‹auslöschend› auf das Leben wirkt.

Niedergang und Neugebilde

Es war und blieb ein Ringen um die Zukunft. Am Weihnachtsabend des Jahres 1920 sagte Steiner in Basel: «Die großen Konflikte, welche die furchtbaren Katastrophen der letzten Jahre hervorgerufen haben, sie haben einen großen Teil der Erde schon in ein Kulturtrümmerfeld verwandelt. Weitere Konflikte werden folgen. Die Menschen bereiten sich vor zu dem nächsten großen Weltkriege. In weiterer Weise wird die Kultur zertrümmert werden. Aus dem, was gerade der neueren Menschheit sich als das Wertvollste für Erkenntnis und Wollen ergeben hat, aus dem wird unmittelbar nichts zu gewinnen sein. Das äußere Erdendasein, insoferne es ein Ergebnis früherer Zeiten ist, es wird vergehen, und ganz vergeblich hoffen diejenigen, welche glauben, die alten Denk- und Willensgewohnheiten fortsetzen zu können. Was heraufkommen muss, das ist ein neues Erkennen und ein neues Wollen auf allen Gebieten. Wir müssen uns bekannt machen mit dem Gedanken des Hingehens einer Kultur, einer Zivilisation; aber wir müssen hineinschauen in das menschliche Herz, in den Geist, der in dem Menschen wohnt. Wir müssen Vertrauen haben zu diesem Menschenherzen und zu diesem Menschengeiste, die in uns wohnen, damit durch alles das, was wir tun können innerhalb der Zertrümmerung der alten Zivilisation, neue Gebilde entstehen, wirkliche Neugebilde entstehen.

Diese Neugebilde werden nicht entstehen, wenn wir uns nicht dazu bequemen, wirklich ernsthaftig ins Auge zu fassen, was für die Menschheit notwendigerweise geschehen muss.» (8)

Zu den ‹Neugebilden›, die 1920 vorbereitet wurden, gehörte die Anthroposophische Medizin – ‹Crossing Bridges – Being Human!›. Die Weltlage ist 100 Jahre später wiederum angespannt und ihre Perspektiven sind vollkommen unklar; viele Menschen befürchten nicht nur den Zusammenbruch der Gesundheits- und Sozialsysteme der ärmeren Länder sowie die Rezession der Weltwirtschaft, sondern auch die Aushöhlung der Demokratien und der Freiheitsrechte, der Kultur und der Sozialität. Mit den Inhalten der ‹Brücke›-Vorträge und in ihrem österlichen Geist aber ist dennoch eine innere Weiterarbeit, unter allen Umständen, möglich, diesseits und jenseits der Schwelle zur geistigen Welt. Die Sonderausgabe für die Tagung weist weit über dieselbe hinaus: «Wir sind aus dem Kosmos heraus geboren, wir sind verantwortlich für das, was in der Welt vorgeht […].» (9)


* Tafelzeichnung: [Moralische Ideale: Theoretische Ideen:
anregend auf den Wärmeorganismus (4) erkältend auf den Wärmeorganismus
auslösend im Luftorganismus Lichtquellen (3) lähmend auf die Lichtentstehung
auslösend im Flüssigkeitsorganismus Tonquellen (2) ertötend auf den Ton
auslösend im festen Organismus Lebenskeime (ätherisch) (1) auslöschend auf das Leben].

(1) Paul Werthmann und Johannes Weinzirl (Hg.), Rudolf Steiner – Die Brücke vom Physischen zum Geistig-Moralischen. Drei Vorträge, gehalten in Dornach am 17., 18. und 19. Dezember 1920. Arlesheim 2020 (deutsche und englische Ausgabe – in der Übersetzung von Matthew Barton).
(2) Rudolf Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. Die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia (1920). GA 202, Dornach 1993 (4. Auflage).
(3) Rudolf Steiner, Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken (1920). GA 335, Dornach 2005 (1. Auflage).
(4) Rudolf Steiner, Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915–1921. GA 24, Dornach 1982, S. 175 (2. Auflage)
(5) Rudolf Steiner, Soziale Ideen – Soziale Wirklichkeit – Soziale Praxis, Band I. GA 337a, Dornach 1999, S. 194 (1. Auflage).
(6) Rudolf Steiner, Gegensätze in der Menschheitsentwicklung. West und Ost – Materialismus und Mystik – Wissen und Glauben (1920). GA 197, Dornach 1996, S. 90 (3. Auflage).
(7) Rudolf Steiner, Die Anthroposophie und ihre Gegner 1919–1921. GA 255 b, Dornach 2003 (1. Auflage).
(8) Rudolf Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen. GA 202, Dornach 1993 (4. Auflage).
(9) Ebd., S. 192.

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  1. Guten Tag Herr Selg
    ich habe eine Frage an Sie:
    ist es richtig, dass laut Steiner wir Menschen von Götterwesen in einem völlig unbewussten Geisteszustand erschaffen wurden, um uns über verschiedene Planetenzustände hin zu Freiheit und Liebe zu entwickeln?

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