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Das Geschenk des Ungewissen

Das stärkste und einschneidenste Erlebnis dieser Zeit, ist ein so starkes, überwältigendes Gefühl des «Nichtwissens», des Ungewissen. Wir stehen ohne Erkenntnissicherheit etwas ganz Diffusem gegenüber und können dabei üben, in diesem blinden Zustand auf neue Art zu erwachen.


Unsere Zeit erinnert mich an den 11. September 2001. Auch damals war der Himmel strahlend blau wie heute, bis sich das dichte Grau der Staubwolken erhob, als die Türme in den Abgrund stürzten. 

Ein Schreckensbild das innert Stunden die Welt beherrschte. Dann zog das Grau in die Seelen. Nach erster Solidarität und weltweiten Trauerfeiern für die drei Tausend Toten, verbreitete sich Angst, Misstrauen und Düsternis. Jeder könnte ein Terrorist sein und so war jedes Mittel recht um die Kontrolle über jeden zu ergreifen. Es wurde Freiheit geopfert, Grenzen geschlossen und Ängste geschürt. Schuldige gesucht und Kriege angezettelt – ein Preis, der in keinem Verhältnis zum Schaden stand. Es war einfach so, dass jemand den roten Knopf gedrückt hat. 

Einen Mondknotenzyklus später, für mich persönlich war es der Moment, als bei uns in Basel die Fasnacht abgesagt wurde, hatte ich wieder das Gefühl, dass jemand auf diesen Knopf gedrückt hat. Dieses Mal aber nicht aus Empörung oder Rache, sondern nur weil niemand mit verzweifelten Bildern vor Augen, sich am Ende etwas vorwerfen lassen wollte. Im Fall eines sich ausbreitenden gefährlichen Virus hat man eben diesen Knopf zu drücken. In diesem Moment wird ein vorbereitetes, archaisches Protokoll in Kraft gesetzt, dessen Logik es ist, der Angst vor dem Tod mit dem Opfer von Leben zu begegnen. Das unsichtbare, unvorstellbar exponentiell wachsende Ungeheuer könne nur durch Stillstand aller Bewegungen besänftigt werden. 

So hat man im Jahr 2020 fast die ganze Welt mit Angst sediert, in den eigenen vier Wänden festgesetzt und lahmgelegt. Die allermeisten haben sich innert Minuten gefügt. Viele von ihnen reduzierten ihr Engagement darauf, anklagend auf die weniger braven Mitbürger zu zeigen. Es sei alles zu unserem eigenen Schutz. Für unser aller Gesundheit. Und es funktioniere nur, wenn alle mitmachen. Die Experten wüssten was zu tun sei. In der Not sei keine Zeit für Diskussionen. Es sind nun schon einige Wochen vergangen. Die Welt liegt noch immer in Narkose und nur langsam regen sich wieder Gefühle in den Gliedern. In welcher Welt werden wir wieder aufwachen? Und was ist eigentlich geschehen? 

Die Anschläge vom September 2001 haben eine vergangene Zeit ausgeläutet. Noch einmal sind Feuerraketen gegen Häuser geflogen. Aber es waren keine Kanonen wie früher, sondern Verkehrsflugzeuge. Der Angreifer war keine feindliche Nation, sondern ein Trupp Unbekannter. Noch ein letztes Mal haben Feldherren, Militärstrategen und Geheimdienste versucht den Feind auszumachen und mit noch mehr Kanonen zurück zu schiessen. Aber der Krieg, wie er die letzten 200 Jahren Industriegeschichte prägte, hatte ausgedient. Es gab keinen Feind und kein Schlachtfeld mehr. Beides hatte sich unsichtbar mitten in die Zivilisation gemischt.

Es gibt heute zwar Präsidenten die wieder von Krieg sprechen und sich an die Front stellen, als hätten sie selbst mutige Entscheidungen getroffen. Tatsächlich wiederholen sie aber nur die Vorgaben der Pandemie-Krisenstäbe, und diese verlassen sich auf Computermodelle, Daten und Theorien. Die Erschütterung der Gegenwart durch einen unsichtbaren Virus ist der charakteristische Auftakt für eine neue Zeit, in der wir die Steuerung der Welt und die Verantwortung für Entscheidungen an Datenmodelle abgeben. Der «beste» Weg soll nicht mehr demokratisch abgestimmt, sondern auf wissenschaftlicher Grundlage berechnet werden. Und es sind nur wenige Menschen fähig und bereit, diese Modelle konstruktiv zu hinterfragen. Die meisten sind froh darüber, dass auf diesem Weg «Gott» ersetzt werden kann, als die Instanz, welche bis vor kurzem noch die letzte Verantwortung über Krankheit und Tod für uns übernommen hat. 

Nun. – Was auch immer ich in den oberen Absätzen geschrieben habe, man kann es mit zustimmender, ablehnender, interessierter oder verdüsterter Stimmung gelesen haben, – das stärkste und einschneidenste Erlebnis, das bisher noch kein Ereignis in meinem Leben so stark ausgelöst hat, ist ein so starkes, überwältigendes Gefühl des «Nichtwissens», des Ungewissen. War es wirklich ein Fehler den roten Knopf zu drücken? Ich weiss es nicht. Wie wahr ist mein eigenes «Ich finde dies und das …»? Ich weiss es nicht. Was ist los, wenn auch gute Freunden, auf Kritik an der Lage kritisch reagieren? Ich weiss es nicht. Soll ich einfach nur geduldig warten oder würde ich mir später Vorwürfe machen? Ich weiss es wirklich nicht. 

Ein grundlegendes Lebensgefühl der Welt meiner Jugend, ja der letzten Jahrhunderten ist erschüttert, nämlich die Zuversicht, mindestens prinzipiell, über alles Gewissheit erlangen zu können, wenn man nur will. Es gab das Gefühl, dass es die Wahrheit oder zumindest das Richtige gibt, und sei es nur als Umkehrschluss zum klaren Gefühl, was falsch ist. Erlangen von Gewissheit erhöhte und erweckte. Wir fühlten uns wach durch Wissen. Uns ging ein Licht nach dem anderen auf und je mehr Erkenntnisse wir sammeln konnten, desto wacher fühlten wir uns. Nun stehen wir mitten im Zusammenbruch dieser Erkenntnissicherheit etwas ganz Diffusem gegenüber. Es gibt viele Theorien, viele Beobachtungen, keine klare Sprache, keine verlässliche Messmethode, Vergleiche sind kaum möglich und der gesunde Menschenverstand wird als Instanz nicht mehr zugelassen, weil er nicht fähig sei, das Unsichtbare zu denken und vor allem das Monster des Exponentiellen richtig einzuschätzen. Vielleicht. 

Eine Wachheit, die sich an einer einmal gewonnenen Gewissheit entzündet, ist von kurzer Dauer, denn gerade die Gewissheit macht die Wachheit zumindest in der jeweiligen Frage überflüssig. Ein, nach Gewissheiten strebender Mensch der nicht wieder einschlafen will, ist daher abhängig von seiner fortlaufenden Fragerei. Viel schwieriger ist es hingegen, die Wachheit zu erlangen und zu erhalten, die sich an echten Ungewissheiten entzündet. Diesen Momenten fehlt das Licht der Erkenntnis. Wir müssen uns alleine im Dunkel zurechtfinden und dürfen dabei weder aufgeben noch wieder einschlafen. Die Übung, im Ungewissen weiter zu bestehen und auf neue Art zu erwachen, auf eine Art, die ihr Wachsein nicht mehr aus der Begegnung mit den Gewissheiten der Aussenwelt beziehen kann, sondern aus einem Bewusstsein, dass sich nur noch aus sich selbst heraus begründen kann, diese Übung ist das Geschenk dieser Zeit. Möglich, dass es genau die richtige Übung ist, um unsere Not zu wenden und unsere Aufmerksamkeit weg vom Äusseren hin zum Inneren, und von da aus dem Lebendigen zu widmen.

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  1. Lieber Herr Hasler, Sie haben auf wunderbare Weise genau das in Worte gebracht, wie sich die gegenwärtige Situation in mir abbildet und anfühlt. Vielen Dank dafür. Ungewissheit kann aufwecken, und sie auszuhalten ist keine leichte Übung. Und sie geht nicht schnell und fordert viel Geduld ab. Ich bin gespannt, welche Klarheiten und neuen Perspektiven sie bringen wird, wenn wir die Übung nicht genervt und resigniert irgendwann durch eine zufrühe Positionierung beenden werden. Ich wünsche uns allen viel Geduld in der Unklarheit. Lilo Weiler

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